Die zweite Erfolgsvoraussetzung: Rittwegers Annahme, dass es genügend potenzielle Kunden gibt, muss stimmen. Seine Ziele sind nicht überambitioniert, bei 12 000 Vollversicherten wären schon schwarze Zahlen drin.

Die Nüsse haben Symbolcharakter. Paranüsse, Erdnüsse, Walnüsse — überall im Ottonova-Büro stehen  kleine Etageren mit Kraftnahrung, die Mitarbeiter sollen zulangen. Nüsse sind gesund, sie enthalten Vitamine und ungesättigte Fettsäuren, die Herzerkrankungen vorbeugen. Das niederschwellige Nahrungsangebot passt zur Philosophie von Roman Rittweger, der fest daran glaubt, dass man Menschen mit sanfter Einflussnahme zum richtigen Verhalten erziehen kann. „Nudging“ heißt das in der Verhaltensökonomie.

Rittweger hat sich sein gesamtes Berufsleben lang mit der Frage beschäftigt, wie man Krankenversicherte effizienter betreuen kann — als Unternehmensberater und als Gründer des Onlineportals Arztpartner Ende der 90er-Jahre. Jetzt geht er einen Schritt weiter: Der gelernte Mediziner hat einen privaten Krankenversicherer gegründet, den ersten in Deutschland seit 17 Jahren, in einer Branche, die bis ins Detail reguliert ist, deren Geschäft schrumpft und deren Existenzberechtigung zudem politisch umstritten ist. Rittweger hat dennoch eine ausreichend große Zielgruppe ausgemacht: junge,  gut verdienende Digital Natives. Bei Ottonova, benannt nach Otto von Bismarck, dem Erfinder der Krankenversicherung, läuft alles digital und per App — Abrechnung, Patientenakte, Kundenkontakt. Das spart Personal. Und verschafft der Versicherung beinahe lückenloses Wissen über den Gesundheitszustand ihrer Mitglieder. Wissen, das sich einsetzen lässt, um den Versicherten ab und zu einen Schubs in die richtige Richtung zu geben — Stichwort Nudging. „Wir versuchen, Anreize zu geben, dass der Kunde sich immer wieder bei uns meldet“, sagt Rittweger, „damit wir ihn unterstützen und die Kosten im Zaum halten können.“

Die BAFIN spricht ein Wörtchen mit

Gelingt ihm das, könnte aus Ottonova trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ein Erfolg werden. Der Weg dahin ist jedoch steinig. Obwohl Rittweger schon einige große Brocken aus dem Weg geräumt hat.

Seine Idee trägt er seit Jahren mit sich herum. Lange hielt er sich selbst für zu unerfahren, die Kapitalbeschaffung für zu schwierig, den Start für zu teuer. Als Rittweger im Sommer 2015 beginnt, sich wieder ernsthaft mit der Idee zu beschäftigen, ist das anders. Ein digitales Geschäft zu starten ist so billig und unkompliziert wie nie, Risikokapital gibt es an jeder Ecke. Zusammen mit der Münchner Investmentfirma Holtzbrinck Ventures entwickelt Rittweger das Konzept. Im November stellt er es zum ersten Mal der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) in Bonn vor. Die Reaktion ist positiv — und er macht weiter. „Ich hätte das Projekt abgebrochen, wenn die gesagt hätten, wir wollen das auf alle Fälle verhindern.“ Zwei Mitgründer werden ins Boot geholt, Köpfe aus der Start-upSzene, die digitales Know-how mitbringen: der Designspezialist Sebastian Scheerer, zuvor Mitgründer der 2015 an Microsoft verkauften App Wunderlist, und der Techie Frank Birzle, der im Rocket-Internet-Universum an etlichen Start-ups mitgeschraubt hat. Auf der anderen Seite muss Rittweger Versicherungsexperten rekrutieren, und zwar keine Novizen, sondern Kenner mit jahrelanger Erfahrung — denn die Bafin redet bis in die zweite Führungsebene bei jeder Personalie mit. Im Juli 2016 reicht Ottonova die ersten Kapitel des Antrags ein, im Februar gehen die letzten Schriftsätze nach Bonn. Und Ende Juni ist die Zusage da.

Im Antragsverfahren geht es nicht nur um das Personal, auch die Tarifgestaltung, die Technologie und der Kapitalbedarf müssen vorgelegt werden. Und der Geschäftsplan, den Aktuar Bernhard Brühl mitentwickelt hat. „Für Insurtechs gibt es keinen Bonus“, beschreibt Brühl den Prozess. „Wenn die Bafin sagt, es geht linksherum, dann ist das so. Keine Ausnahmen, keine Diskussion.“

Konkurrenz im Boot

Hintergrund der aufwendigen Prüfung: Ottonova nimmt Risiken auf eigene Rechnung. Es ist die nächste Stufe der Digitalisierung im Versicherungsmarkt. Bislang hatte es die Branche vor allem mit Gründern zu tun, die als Vermittler auftraten. Diese Start-upsjagen wie das Portal Check24 den Vertrieben einen Teil vom Geschäft ab oder bieten wie die Onlinemakler Knip und Clark eine Policenverwaltung per App.

Als Risikoträger braucht Ottonova eine besonders große Kapitaldecke. 30 Mio. Euro kann Rittweger von Holtzbrinck und anderen Finanzinvestoren einwerben – nicht wenig für ein Start-up, das noch nicht einmal ein Produkt hat, geschweige denn erste Kunden.

Kurz vor dem Start steigt schließlich auch noch die Koblenzer Debeka mit weiteren 10 Mio. ein. Die Beteiligung eines etablierten Konkurrenten ist für die anderen Investoren „nicht selbstverständlich“, gibt Rittweger zu, „das habe ich ein bissChen vorbereiten müssen“. Schließlich überzeugt das Argument, den Einstieg als Seriositätsgewinn zu sehen, von dem Ottonova profitiert — und der auch der Bafin gefällt. Was die Debeka davon hat? „Ottonova wäre so oder so an den Start gegangen“, sagt Vorstand Roland Weber, der den Einstieg einfädelte. „Die Frage war doch eigentlich nur: Sitzen wir in der ersten Reihe — oder nicht?“

Ende Juni hat Ottonova mehr als 50 Mitarbeiter, die ersten Tarife für Selbstständige und Angestellte stehen, die App funktioniert. Es kann losgehen. Noch hat der Kundendienst nicht viel zu tun, die Mitarbeiter füllen gerade mal ein Büro, die restlichen Räume im jüngst zusätzlich angemieteten fünften Stock des edlen Palais Lenbach in der Münchner Innenstadt sind noch leer. Raum für Wachstum.

Ein Stockwerk tiefer ist mehr Betrieb, auch wenn man vom geschäftigen Durcheinander eines Start-ups nicht viel spürt. An den Wänden hat Rittweger großformatige Naturfotografien aufhängen lassen, im Chefbüro lädt ein Gymnastikball zur Rückenentlastung ein.

Warum tun Sie sich das alles an, Herr Rittweger? „Ich bin ein unternehmerischer Typ, mir macht Innovation Spaß.“

Es klingt unbeschwert und mühelos. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, vor welch gewaltigen Herausforderungen Rittweger steht. Es fängt damit an, dass das Ottonova-Produkt halten muss, was es verspricht. Ein Versicherer, der engen Kontakt zu seinen Kunden pflegen will, muss das auch noch bewältigen können, wenn er plötzlich Tausende Nutzer zu versorgen hat, die zudem anspruchsvoller sind als Kunden eines Onlineshops. Die Digitalbank N26 musste das Ende 2016 auf die harte Tour lernen, als der Umzug auf eine eigene Infrastruktur holprig verlief und der Kundenservice unter der Flut der Beschwerden über Wochen zum Erliegen kam.

Die zweite Erfolgsvoraussetzung: Rittwegers Annahme, dass es genügend potenzielle Kunden gibt, muss stimmen. Seine Ziele sind nicht überambitioniert, bei 12 000 Vollversicherten wären schon schwarze Zahlen drin. Aber werden sich genug junge Gutverdiener und Selbstständige an einen Versicherer binden, bei dem unklar ist, wie sein Geschäft in einem Jahrzehnt aussieht und ob es ihn überhaupt noch gibt? Nach sechs oder acht Jahren erwarten Finanzinvestoren normalerweise ihren Return – dann wird ein Start-up verkauft. Oder an die Börse gebracht, was in Deutschland aber selten ist.

Rittwegers dritte Wette ist der Verzicht auf einen teuren Vertriebsapparat. Versicherungen werden in Deutschland immer noch von Vertretern auf Wohnzimmersofas verkauft. Ottonova wirbt nur im Internet, vor allem in sozialen Netzwerken. So lassen sich mit nahezu chirurgischer Genauigkeit die richtigen Zielgruppen ansteuern. Das Know-how dafür bringen die Ex-Rocket-Internet-Leute mit, die etwa bei Zalando gezeigt haben, dass man Schuhe gut übers Internet  verkaufen kann. Wird ihnen das auch bei Krankenversicherungen gelingen?

Die vierte, vielleicht schwierigste Herausforderung erklärt Rittweger im Juni bei einem Bewerbungsgespräch. Zum Lunch trifft er in einer Münchner Brasserie einen potenziellen Mitarbeiter, der ihm gefällt: Guter Verkäufer, wird er nach dem Essen sagen, auch wenn der Mann ihm etwas zu laut spricht.

Rittwegers Kernsatz aber fällt schon beim Hauptgang: „Der Punkt ist, am Ende des Tages muss man ja zusammenarbeiten.“ Damit ist gut umrissen, vor welchen personellen Herausforderungen er steht: Rittweger muss aus lauten Verkäufern und introvertierten Versicherungsmathematikern, aus Software-Nerds und Rocket-Veteranen ein Team formen, das auch Rückschläge übersteht — denn die werden kommen. Eine Mammutaufgabe. „Es ist ein kleiner Turmbau zu Babel, wo viele Nationen zusammenkommen“, sagt Rittweger. Was bestimmt hilft: hin und wieder die richtigen Anreize setzen.

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