„Klar haben wir gelitten wie alle anderen", sagt er. „Aber wir sind nicht in Deutschland, um Öl und Gas zu fördern. Wir sind in erster Linie ein Technologiezentrum, keine Operationsbasis. Es heißt immer: Hochlohnland Deutschland. Aber wenn man die Effizienz dazurechnet, sind wir besser als die USA. Und unsere Technologie ist weltweit anerkannt."

René Ritter öffnet die Metalltür mit dem Schild „Area 51: Restricted Area“. Der Ingenieur — sportliche Figur, kantiges Gesicht – durchquert die Kontrollräume und steigt eine Treppe herab. In einer Halle voller blank gewienerter Riesenmaschinen stapeln sich meterlange Walzen und kompliziert verkabelte Metallzylinder. Die Beschichtung des Fußbodens verhindert elektrostatische Entladungen, damit kein Funke die empfindlichen Schaltkreise zerschießt. Keine Metallspäne, kein Stäubchen. Fotografieren verboten.

Natürlich ist das hier nicht die echte Area 51, das geheimnisumrankte Sperrgebiet der US Air Force in Nevada, zum Mythos gemacht durch Hollywood. Sondern ein Werk des US-Unternehmens Baker Hughes im niedersächsischen Celle.

Das humorige Schild passt trotzdem, denn die Maschinen, die sie hier entwickeln, kommen ziemlich alienmäßig daher. Baker Hughes baut Hochtechnologie, um in eine unbekannte Welt vorzustoßen — nämlich kilometertief in die Erdkruste. Ein Beispiel aus der Science-Fiction-Werkzeugkiste des Unternehmens: eine Art invertierter Kernspintomograf, der das Gestein um das Bohrgestänge scannt und analysiert, während sich der Bohrmeißel weiter in die Tiefe frisst.

Baker Hughes gehört neben Halliburton und Schlumberger zu den großen drei der Ölfeld-Dienstleister, die dafür sorgen, dass Erdöl aus der Lagerstätte an die Oberfläche gelangt. Der Konzern verkauft seine Maschinen nicht, sondern verleiht sie. „Wir stellen Werkzeuge her und wenden sie an“, sagt Ritter, einer der drei Geschäftsführer in Deutschland. „Wir sind die Fluglinie, aber gleichzeitig bauen und warten wir unsere eigenen Flugzeuge.“

Es ist ein anspruchsvolles Geschäft, das sich schnell wandelt. Angesichts des niedrigen Ölpreises muss die Branche effizienter werden, um profitabel zu bleiben. „Schnel1er bohren, genauer platzieren, bessere Förderraten erzielen, genauere Messmethoden entwickeln“, sagt Ritter. „Was diesen Standort großgemacht hat und künftig sichert, sind Innovationen. Wir haben unsere Dollars auf dieses Pferd gesetzt: Celle.“

Celle – das sind 70 000 Einwohner, 480 restaurierte Fachwerkhäuser und ein Renaissanceschloss am Südrand der Lüneburger Heide. Weil die Stadt gut angebunden und vom Krieg weitgehend verschont geblieben war, zog der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee sie 1948 als Regierungssitz der zu gründenden Bundesrepublik in Betracht. Dafür hat es am Ende bekanntlich nicht gereicht – aber immerhin Hauptstadt der Bohr- und Erdöltechnik in Deutschland ist Celle geworden.

DAS „HOUSTON EUROPAS“ Obwohl es der Branche derzeit nicht gut geht, beschäftigen hier Dutzende Firmen noch immer Tausende Mitarbeiter. Besonders Forschung und Maschinenbau sind in Celle stark, in der Stadt spricht man stolz vom „Houston Europas“. Nicht nur Baker Hughes unterhält hier ein wichtiges Technologiezentrum, auch Halliburton ist vor Ort, Schlumberger immerhin noch mit der Tochterfirma One Subsea. Dazu kommen zahlreiche Mittelständler, die etwa Diamantwerkzeuge herstellen oder sich auf Geothermie spezialisiert haben. „Es hat sich hier ein weltweit einmaliger Cluster gebildet“, sagt der ehemalige niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode, der in Celle geboren ist. Und Ritter, der Baker-Hughes-Mann, findet: „Das ist ein toller Cluster, das hat Historie.“

Den Aufstieg zum Zentrum der Bohrindustrie verdankt Celle zunächst einmal seinen Bodenschätzen. Schon im 17. Jahrhundert beuteten Bauern im nahen Örtchen Wietze Teerkuhlen aus. Das „SatansPech“ verkauften Zwischenhändler nach Hannover und Hamburg, wo man damit Schiffe kalfaterte, Wagenräder schmierte oder 1838 mit dem Hamburger Jungfernstieg erstmals eine deutsche Straße asphaltierte (die beim Großen Brand von 1842 leider in Flammen aufging).

Die Menschen in Norddeutschland wussten also seit Jahrhunderten, dass da etwas zu holen war. Was genau, fand 1858 der königlich-hannoversche Geologe Georg Christian Konrad Hunäus heraus. Bei seiner ersten Tiefbohrung hoffte er eigentlich auf Braunkohle. Er fand: Erdöl.

Bis zur Förderung im großen Stil sollten ein paar Jahrzehnte vergehen – Petroleumlampe und Verbrennungsmotor waren im deutschen Raum noch nicht weitverbreitet. Doch als die industrielle Revolution an Fahrt gewann, stieg die Nachfrage. Am 21. Juli 1881 gelang in der Südheide der Durchbruch: Aus einem neuen Bohrloch schossen täglich 75 000 Liter, damals eine enorme Menge. Vom Ölfieber infiziert, strömten Glücksritter herbei. Wilder Westen im Königreich Hannover. Die „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ beschrieb die Szenerie so: „Maschinenschlote senden ihre schwarzen Rauchwolken zum Himmel, und zwischen niedrigen Holzhäusern, welche theils als Comptoire und Wohnräume, theils als Schenken dienen, wogt ein geschäftiges Arbeitervolk in schwarzen, öldurchtränkten Kleidern. Das Ganze macht einen seltsamen Eindruck hier mitten in der öden Heide und erinnert lebhaft an die amerikanischen Petroleumbezirke in Pennsylvanien.“

Nicht alle waren so angetan. „Über tausend fremde Arbeiter vermengten ihre Mundarten mit dem schweren Platt der Heideleute“, klagte der Reporter und Heimatdichter Hermann Löns. „Hotels mit gepfefferten Preisen machten sich breit, und fremdes Volk, Börsenleute, Ingenieure, Spieler verliehen den Sitten der Gegend ein anderes, glänzenderes, aber nicht besseres Gepräge.“ Löns, ein selbst erklärter „Teutone hoch vier“, hielt nicht viel von den ausländischen Kapitalisten, die das Ölfieber als frühe Vertreter der Globalisierung ins Land brachte. Allein in Wietze, wo der Ölboom ein paar Jahre später richtig losging, prospektierten der Kanadier William Henry McGarvey, der Brite John Simeon Bergheim, der Amerikaner Louis Harper, die Pariser Brüder Dalsace.

Zu den größten Profiteuren aber gehörten auch Deutsche, etwa die örtlichen Landbesitzer. „Die Wietzer Bauern haben das Geld in Kartoffelsäcken“, notierte Löns.

Um die Jahrhundertwende waren in dem Dorf bereits rund 30 verschiedene Fördergesellschaften tätig. Sie bauten einen Ölhafen am Flüsschen Aller, eine Eisenbahnstrecke, den mit 11000 Kubikmetern Fassungsvermögen größten Öltank Europas, später sogar ein Bergwerk, in dem Ölsand gefördert wurde. Zur Hochzeit der Produktion, zwischen 1909 und 1912, deckte Wietzer Erdöl nicht weniger als 80 Prozent des Bedarfs im Deutschen Reich.

DAS ENDE DES BOOMS

„Hier auf der Wiese ging es los“, sagt Stephan Lütgert. Die Mittagssonne fällt auf die Teufelsinsel, einen Uferabschnitt der Aller, wo einst Wietzes erste Ölfontäne sprudelte. Heute sitzt hier das Deutsche Erdölmuse  um, das Lütgert leitet. Auf dem Gelände stehen Förderböcke, Pferdekopfpumpen, ein 58 Meter hoher Bohrturm. Man sieht, dass all das mal im Einsatz war. Dass der Einsatz lange zurückliegt, sieht man auch.

Schon 1963 stellte die Deutschen Erdöl-Aktiengesellschaft die Förderung in Wietze ein. Schon seit Jahrzehnten war die Produktion rückläufig gewesen, weil die leichter auszubeutenden Lagerstätten erschöpft waren. Zudem waren Schutzzölle für deutsche Mineralölprodukte weggefallen. Deutsche Förderunternehmen verlagerten ihre Aktivitäten zunehmend ins Ausland. Es hätte das Ende sein können. Doch die Celler waren eben nicht nur gut darin, Öl und Gas aufzuspüren, zu fördern und zu vermarkten. In den fetten Jahren waren sie vor allem eins geworden: fähige Maschinenbauer. Und da die niedersächsischen Lagerstätten eine schwierige Tektonik haben — vielfach zerbrochene, übereinander gefaltete Gesteinsschichten —, hatten sie gelernt, besser zu bohren als viele Konkurrenten.

„Beispielsweise wurden hier Bohrmeißel hergestellt, die für den lokalen Markt gedacht waren“, erzählt Ritter von Baker Hughes. „Aber wie so oft bei deutschen Ingenieuren waren die dann so gut, dass sie internationales Interesse weckten.“ Das Rotary Steerable System etwa, eine Technologie, mit der man den Bohrverlauf in jede gewünschte Richtung lenken kann, komme aus Celle – und habe „das Bohren revolutioniert“.

Auch kam dem Standort Celle zugute, dass die Firmen hier eng mit dem Bergbauinstitut der nahen Universität Clausthal zusammenarbeiteten – ein reger Austausch von Praxis und Wissenschaft, wie er viele erfolgreiche Cluster auszeichnet. Zudem gibt es seit 1937 eine Bohrmeisterschule, die noch immer Dril1er ausbildet. Solche Fachkompetenz blieb in Celle erhalten – auch wenn viele der alteingesessenen Erdöl- und Bohrunternehmen in Preiskrisen   und Weltkriegen zugrunde gegangen, fusioniert, von Konkurrenten geschluckt und wieder abgestoßen worden waren.

REIZWORT FRACKING

Auch Baker Hughes landete dank einer Übernahme in Celle: 1990 kaufte der Konzern die US-Bohrfirma Eastman Christensen, die hier seit 1957 eine Niederlassung unterhielt. Heute ist er mit 1200 Mitarbeitern nach eigenen Angaben der größte industrielle Arbeitgeber in Celle.

Beim Werksrundgang ist Ritter in der Halle angekommen, in der mit 3D-Druck experimentiert wird. Er zeigt ein komplexes Bauteil mit Hohlkammern und Ösen. „Wir probieren das gerade erst aus, sind aber schon besser als Airbus“, behauptet er.

Innovationsfreude kann der Standort gerade gut gebrauchen. In den letzten Jahren musste der Cel1er Cluster gleich drei Rückschläge nacheinander wegstecken. Erst ließ der Schiefergasboom in den USA die Preise abstürzen. Mit den Russlandsanktionen brach ein wichtiger Markt weg. Und dann war da noch die deutsche Fracking-Debatte.

Von Jörg Bodes Abgeordnetenbüro geht der Blick auf die mittelalterliche Marktkirche, das Herz der Altstadt von Hannover. Aus dem Wangenheimpalais, dem Sitz des niedersächsischen Wirtschaftsministers, musste er 2013 ausziehen, seit der letzten Wahl ist seine FDP in der Opposition. Nach wie vor pflegt der gelernte Banker einen Auftritt, der auch einem Landesminister gut anstünde: Zum edlen Anzug trägt er Manschettenknöpfe, auf denen sich das Niedersachsenross aufbäumt.

„Bei der Fracking-Diskussion hätte ich es mir einfacher machen können“, sagt Bode. „Vielleicht wäre ich dann noch Minister. Hätte ich gesagt, fracken wollen wir nicht mehr, dann hätte ich in Celle zwar die Arschkarte gehabt. Aber landesweit hätten wir mehr Stimmen bekommen.“

Als 2010 der Dokumentarfilm „Gasland“ in den US-Kinos lief, brach auch hierzulande eine hitzige Debatte über die Fördertechnik los. Kritiker fürchten, die dabei eingesetzten Chemikalien könnten das Grundwasser vergiften. „Das ist in Niedersachsen physikalisch schlicht unmöglich“, sagt Bode. „Die Lagerstätten liegen vier Kilometer unter dem Grundwasser.“

Tatsächlich ist die Technik in Niedersachsen, wo 95 Prozent der deutschen Gasvorkommen liegen, seit 1961 mindestens 327-mal angewendet worden. Keine einzige Verunreinigung ist dokumentiert.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit ließ sich die Industrie 2011 dennoch auf ein Moratorium ein. Fünf Jahre später verbot ein neues Gesetz sogenanntes unkonventionelles Fracking in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein. Genau die Gesteine, die den Boom in den USA ermöglicht haben.

Für Celle ist das bitter: „Wenn Sie keine Bohrtätigkeiten haben, gehen die Investitionen am Ende des Tages eben woanders hin“, sagt Bode. Von vielleicht 8 000 Arbeitsplätzen sind in den letzten Jahren geschätzt um die 3 000 verloren gegangen. „Alles hoch bezahlte, hoch qualifizierte Jobs“, sagt Bode. „Aber der Aufruhr   fehlt völlig. Die Leute brennen keine Feuer vorm Werkstor ab. Die kriegen eine hohe Abfindung und suchen sich was Neues im Ausland.“ In das Baker-Hughes-Werk in Celle fällt Abendlicht. Die Ingenieure, Programmierer und Entwickler sind schon nach Hause gegangen. René Ritter streift allein durch die Hallen, allerbester Laune.

„Klar haben wir gelitten wie alle anderen“, sagt er. „Aber wir sind nicht in Deutschland, um Öl und Gas zu fördern. Wir sind in erster Linie ein Technologiezentrum, keine Operationsbasis. Es heißt immer: Hochlohnland Deutschland. Aber wenn man die Effizienz dazurechnet, sind wir besser als die USA. Und unsere Technologie ist weltweit anerkannt.“ Der Meinung sind auch andere. Im Juli verkündeten Baker Hughes und die Öl- und Gas-Sparte von General Electric (GE) ihren Zusammenschluss. „Das ist eine wunderbare Sache — sowohl für den Konzern als auch für den Standort“, sagt Ritter. Er hofft auf Sprünge bei der Digitalisierung, wo GE viel draufhat.

Baker Hughes stellt neu ein. Und auch sonst lässt Ritter Ambitionen erkennen: „Wir haben in Celle noch viel Land“, sagt er. „Wenn es mal um eine Erweiterung geht, sind wir dabei.“

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