Mitteldeutsches Journal

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Im Norden lohnt sich noch der Immobilienkauf

Angela Merkel blieb nur kurz, zur Stippvisite mit Ostfriesentee und Kluntjes. Im Wahlkampf schaut die Bundeskanzlerin gerne in der Provinz vorbei. In Neuharlingersiel war sie ein willkommener Gast – und eine Attraktion für die nur knapp 1000 Einwohner des Küstenörtchens.

Im Hochsommer tummeln sich hier fast zehnmal so viele Menschen. Das wissen auch Politiker und schauen zum Bürger-Talk vorbei. Wo sonst erreicht man so viele Rheinländer und Westfalen fern der Heimat? Über den „Friesenspieß“, die Autobahn 31, ist man von Duisburg oder Essen aus in drei Stunden am Meer. Das macht die niedersächsische Küste so unwiderstehlich für Kurzurlaube — und fürs Altenteil.

Die Nordsee ist ein ewiger Quotenbringer. 2016 zählte man hier gut 13,3 Millionen Übernachtungen, die ostfriesischen Inseln mitgerechnet. Tendenz: steigend. Allein Neuharlingersiel kam auf ein Plus von 83 000 Übernachtungen gegenüber dem Vorjahr, die Stadt Norden zählte fast genauso viel Zuwachs, Norderney konnte mit gut 95 400 zusätzlichen Übernachtungen punkten.

Andreas Harre wundert das nicht. „Es ist die Luft“, ist der Immobilienmakler sicher. „Und die Weite. Und auch das Sicherheitsgefühl. Und die Lebensqualität …“ Und überhaupt sei es hier oben einfach klasse. Harre ist mit Leib und Seele Immobilienverkäufer. Er macht seinen Job so gut, dass er das dritte Jahr in Folge von Engel & Völkers als einer der erfolgreichsten Makler gefeiert wurde.

Dabei kann Harre auf dem Festland keine Millionenobjekte verkaufen. Bezahlt man auf Norderney in der Spitze bis zu 15 000 Euro pro Quadratmeter, kommt man in Norden und Norddeich noch mit 4 000 bis 4500 Euro aus. Neubauwohnungen mit 45 bis 50 Quadratmetern Wohnfläche kosten zwischen 155 000 und 180 000 Euro – ohne Küche und mit Abstrichen in der Ausstattung. Selbst das einsam gelegene Traumhaus auf dem Deich gibt es noch unter 400 000 Euro – vorausgesetzt, man findet es. Denn unverbauter Seeblick wird auch hier rar.

„Für Allein- oder Deichlage muss man mindestens 150 000 Euro mehr rechnen“, sagt Harre. Dafür sei eine kontinuierliche Wertsteigerung sicher. In Norden ein bisschen mehr als etwa in Hage oder Großheide. In Hage kosten Grundstücke noch 45 Euro pro Quadratmeter, moderne Doppelhaushälften in Großheide gibt es für 165 000 Euro. Alles nur knapp zehn Autominuten entfernt.

ANDERE DIMENSIONEN

Weiter nördlich an der schleswigholsteinischen Küste hat das Preisniveau längst andere Dimensionen. Von Sankt Peter-Ording bis List auf Sylt und den Inseln Amrum und Föhr haben sich Ferienimmobilien in den vergangenen drei Jahren um 30 Prozent verteuert – pro Jahr, sagt eine Analyse von LBS Research, die auf mittleren Angebotspreisen basiert. Das Ergebnis: In Nordfriesland sind die teuersten 25 Prozent aller angebotenen Ferienobjekte inseriert, von den Top-10-Standorten an den deutschen Küsten liegen hier allein sechs.

Spitzenreiter ist Wenningstedt-Braderup auf Sylt: Im Mittel muss man hier 8 300 Euro pro Quadratmeter bezahlen. Eine Doppelhaushälfte, die auf Sylt „Hausscheibe“ heißt, kostet 1,5 Mio. Euro.  Unverbauten Meeresblick, den es eigentlich nur noch in Hörnum gibt, kann man ab 5 Millionen Euro kaufen. Selbst in List sollen die kleinen Häuschen, die gerade in der 1. und 2. Reihe zur Wattseite gebaut werden, 4 bis 6 Millionen kosten.

Laut Gutachterausschuss wurden in ganz Nordfriesland im vergangenen Jahr Immobilien und Grundstücke im Wert von mehr als 1,4 Mrd. Euro gehandelt – 61 Prozent davon auf Sylt. Auf die Insel Föhr entfiel ein Anteil von sieben Prozent am Umsatz immerhin 93 Mio. Euro.

Trotzdem haben Marktbeobachter wie Thomas Müller, Makler bei Engel & Völkers, das Gefühl, dass es inzwischen nicht mehr gar so rundläuft. „Häufig haben die Verkäufer völlig unrealistische Vorstellungen, was den Wert ihrer Immobilie anbelangt“, beklagt er. „Dazu kommt das restriktive Verhalten der Bauordnungsbehörden. Nicht alle Immobilien am Markt dürfen als Ferienobjekte genutzt werden. Das alles behindert einen intakten Markt.“ Mittlerweile stünden nur noch knapp 100 Objekte zum Verkauf. Vor dem jüngsten Hypeseien es 300 gewesen.

Hamburger, Frankfurter, Sylter und ein paar Schweizer sorgen zurzeit für den größten Umsatz — und für weitere Preisanstiege. „Wenn inzwischen Hausscheiben in den Inseldörfern für 750 000 Euro gehandelt werden, kann die klassische Föhr-Klientel nicht mehr mitgehen“, sagt Müller.

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