Am 2. Februar dieses Jahres veröffentlichte das Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung in Wiesbaden eine unauffällige Notiz. Die hessische Polizei verfüge über eine neue „Analyseplattform zur effektiven Bekämpfung des islamistischen Terrorismus und der schweren und Organisierten Kriminalität“.

Eine Ausschreibung sei nicht erforderlich gewesen, weil »einzig diese am Markt verfügbare und sofort einsatzbereite Software in der Lage« sei, die »fachlichen Anforderungen vollständig zu erfüllen«. Und das scheinbar umsonst. Der Wert betrage »ohne MwSt.: 0,01 EUR«.

Was als Schnäppchen daherkommt, könnte allerdings eine Sicherheitslücke sein: Experten befürchten, dass demnächst sensible Daten aus Deutschland in die USA   fließen. Denn die Software stammt von Palantir Technologies. Als die Firma 2004 gegründet wurde, half der US-Geheimdienst CIA. Hinter ihr steht Peter Thiel, in Deutschland geboren, der mit PayPal und Facebook zum Milliardär wurde und Donald Trump im Wahlkampf unterstützte und noch heute berät.

Palantir hat wohl auch in

Deutschland gute Kontakte. »Die steigen immer direkt an der Spitze der Ministerien ein«, sagt ein Branchenkenner. Die Konkurrenz unter den Anbietern solcher Software ist groß. »Die drängeln sich in den Ministerien«, sagt ein anderer. Beamte würden in Bussen zu Präsentationen gekarrt, um die angeblichen Wunderwerke zu bestaunen.

Die Idee für Palantir brachte Thiel von PayPal mit. Die Finanzfirma nutzte Algorithmen, um Datenbanken nach betrügerischen Transaktionen zu durchforsten. Zu den frühen Investoren zählte In-Q-Tel, der Venture-Capital-Arm der CIA. Der Geheimdienst wurde einer der ersten Kunden.

Heute sind weltweit rund 2000 Mitarbeiter an 15 Standorten tätig, die Firma wurde zeitweise mit rund 20 Milliarden Dollar bewertet. Angeblich hat Palantir mit Cambridge Analytica zusammengearbeitet, jener Firma, die im Mittelpunkt des Facebook-Skandals steht; Palantir bestreitet das.

Die Software filtert eine Vielzahl von Datenquellen, um Zusammenhänge zu erkennen. Für das US-Innenministerium überprüft Palantir Muslime, die in die USA einreisen; gerade hat die Firma einen 876-Millionen-Dollar-Auftrag vom US-Militär ergattert.

Außerhalb der Vereinigten Staaten wachse das Geschäft in Europa am schnellsten, sagt Firmenchef Alex Karp. Zu den Kunden zählen Konzerne wie BP, Deutsche Bank, Airbus, Merck.

Investoren wollen das Unternehmen an der Börse sehen, neue Aufträge sind dafür hilfreich. Und dazu setzt das Unternehmen offenbar viele Mittel ein. »Es ist so, als stellten die Palantir-Leute ein tolles Auto mit vielen Hebeln auf den Hof und sagten: kannst du haben«, sagt ein IT-Experte der Polizei.

Palantir, vermuten mehrere IT-Experten der Sicherheits-behörden unabhängig voneinander, will die Daten. Das ist heute die Währung, die reich und mächtig macht.

In New Orleans umging Palantir von 2012 bis Februar dieses Jahres angeblich die öffentliche Ausschreibung, indem es dem Bürgermeister eine kostenlose Zusammenarbeit anbot, um die Vorhersage von Straftaten zu testen. So soll Palantir sich an demokratischen Kontrollinstanzen vorbei Zugang zum polizeilichen Informationssystem verschafft haben. Die Firma, berichtet die Nachrichtenseite Theverge.com, sei an Millionen Daten gelangt, darunter »öffentliche Unterlagen, Gerichtsakten, Urkunden, Adressen, Telefonnummern und Daten aus sozialen Medien«.

Palantir-Mitarbeiter haben nun auch hessische Beamte geschult. Ermittler geben sich begeistert von »Palantir Gotham«, wie die Software heißt. Einem Kraken gleich setzt sie sich über alle Datenpools der Polizei, wertet sie in Sekundenbruchteilen aus und fügt blitzschnell alle Erkenntnisse über einen Verdächtigen zusammen. Was früher mühsam zusammengesucht werden musste, steht auf Doppelklick bereit.

Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill spricht von einem »Quantensprung« in der Polizeiarbeit. Sobald sich die Vorzüge der Software herumgesprochen hätten, sagt er, »gehe ich davon aus, dass die Länder und das Bundeskriminalamt nachziehen werden«.

Doch diesen Enthusiasmus teilen längst nicht alle. »Ich habe da ein ungutes Gefühl«, sagt ein Polizeibeamter, der mit dem Thema befasst ist. »Hessen hätte das ausschreiben müssen.« Ein anderer Beamter wundert sich, »dass es da so hemdsärmelig zuging«.

Das weist  das hessische Innen-ministerium von sich. Das Polizeipräsidium und das Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung hätten die Verhandlungen geführt, nachdem der »Bedarf willkür und -diskriminierungsfrei bestimmt« worden sei.

Geschummelt wurde dennoch: 0,01 Euro sei »nicht der tatsächliche Preis«. Der werde aus »Gründen des öffentlichen Sicherheits-interesses des Landes Hessen« nicht publiziert.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT