Angst vor der Narkose. Warum?

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Es geistern viele Geschichten durch die Presse, dass Leute aufgewacht sind während einer OP und dann alles mitbekommen haben. Dazu vielleicht Schmerzen empfunden haben. Das schockiert die Menschen und es entwickelt sich eine Angst vor Operationen. Unnötig oder berechtigt? Die Wahrnehmung des Menschen erlischt bei Narkose, das Gehirn arbeitet aber natürlich weiter. Ist ein starker Wille entscheidend, ob und warum einzelne Patienten aufwachen? Daran arbeitet die Forschung.

Zehn, neun, acht, sieben Es dauerte nicht lange, bis Sandra eingeschlafen war. So hatte es das Operationsteam auch geplant, um den Kiefer der damals zwölfjährigen Patientin chirurgisch richten zu können. Das ist ja das Ziel einer Vollnarkose: Schmerz, Bewusstsein und Erinnerung komplett auszuschalten. Doch plötzlich regte sich Sandras Bewusstsein wieder. „Ich konnte hören, was um mich herum gesprochen wurde. Und mir wurde mit Entsetzen klar, dass ich mitten in einer Operation aufgewacht war, aber keinen Muskel bewegen konnte.“ Wieder und wieder versuchte sie, über irgendein Körperteil Kontrolle zu gewinnen. Schließlich gelang ihr das nach zähem Ringen bei einem Arm. „Ich schlug dem Chirurgen ins Gesicht.“ Doch den beeindruckte das nicht sonderlich. „Ach du liebe Güte, wir haben eine Kämpferin.“ So prägten sich seine Worte in Sandras Gedächtnis ein. Dann ging die Operation weiter. Das ist der Horror, vor dem sich Patienten fürchten: die „Awareness“, so der international übliche Fachbegriff, das Aufwachen und Wiedereinsetzen des Bewusstseins während einer Vollnarkose. Der Bericht der Britin Sandra ist besonders eindrucksvoll und stammt aus der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema. Wie oft Patienten so etwas erleben, lässt sich kaum  genau ermitteln. Denn dafür müssen die Betroffenen davon erzählen können und wollen. Das menschliche Gedächtnis ist aber keineswegs klar und fehlerfrei. Das wissen Psychologen wie Polizisten. Das Gehirn füllt Lücken, lässt Zeiträume verschwimmen und färbt Erinnerungen stimmungsvoll ein. So sind es nur Schätzungen, auf die sich Mediziner verlassen können, wenn sie dem Phänomen des Bewusstseins in der Vollnarkose auf die Spur kommen wollen.

Von ein bis zwei Fällen bei 1000 allgemeinen Anästhesien ist in der gängigen Literatur die Rede. Solche Zahlen halten einige Experten für zu hoch, weil Erlebnisse, die schon in die Zeit im Aufwachraum fallen, leicht mit solchen mitten in der Narkose verwechselt werden können. Andere Mediziner gehen dagegen sogar von höheren Zahlen aus, weil ungewolltes Erwachen während einer Operation auch ohne spätere Erinnerung auftreten kann und deshalb bei einer Befragung der Patienten unbemerkt bleibt. Einig sind sich alle beim Ziel ihrer Forschung: Awareness während einer Vollnarkose sollte so weit wie möglich vermieden werden, denn die Folgen dieses Schreckens belasten zumindest einige Betroffene noch lange Zeit.

Damit es gelingt, die Narkose nicht nur für Herz und Kreislauf, sondern auch mit Blick auf das Bewusstsein so sicher wie möglich zu gestalten, braucht es ein vertieftes Verständnis von dem, was während einer Anästhesie im Kopf vor sich geht. Denn im Detail ist das noch gar nicht bekannt. Finnischen Forschern der Universität Turku ist es jetzt zusammen mit Kollegen aus den USA in mehreren experimentellen Studien gelungen, etwas mehr Licht in das Dunkel des von Betäubungsmitteln umnebelten Gehirns zu bringen. Dabei zeigte sich, dass der Narkosezustand dem gewöhnlichen Schlaf womöglich ähnlicher ist, als das lange vermutet wurde. Die Bewusstlosigkeit, die von Anästhesisten eingeleitet wird, scheint jedenfalls keineswegs so undurchdringlich zu sein, wie sich das Ärzte und Patienten wünschen. Bei den Versuchen in Turku wurden die Freiwilligen mit computergesteuerten Injektionen so weit betäubt, dass sie gerade eben das Bewusstsein verloren. Dann wurden sie unter Beibehaltung dieser leichten Narkose mit auch bei einer OP üblichen Mitteln — lauten Stimmen oder einem leichten Schütteln — geweckt und nach ihren Erlebnissen befragt. Dabei zeigten die Erinnerungen nahezu aller Probanden, wie sich unterschiedliche Bewusstseinsebenen vermischt hatten. So erlebte einer, wie er neben einem ihm unbekannten Mann in einem Pick-up saß und über die Autobahn fuhr. Gleichzeitig aber spürte er, wie ein Arm heruntersackte und von einem Experimentator zurück auf die Liege gelegt wurde. So war es auch tatsächlich passiert. Ein anderer Freiwilliger grub in seiner Narkose-Fantasie im Stadtpark mit Zeichentrick-Maulwürfen ein Loch — zur selben Zeit aber war ihm klar, dass er auf einem Bett lag und es versäumt hatte, auf eine Frage zu antworten.

„Unsere Untersuchungen legen nahe, dass das Bewusstsein durch die Anästhesie-Mittel nicht einfach ausgeschaltet wird“, erläutert der Pharmakologe und Narkose-Spezialist Harry Scheinin, der die finnischen Untersuchungen zusammen mit dem Psychologen Antti Revonsuo geleitet hat. Auch Scheinins Tochter Annalotta gehört zum Team und schreibt derzeit an ihrer Doktorarbeit. „Die Wissenschaft von der Anästhesie ist so komplex und auch so herausfordernd, weil sie schnelle Entscheidungen und womöglich lebensbedrohlichen Situationen erfordert“, sagt sie. „Das fand ich sehr aufregend, und ich habe meine Entscheidung für dieses Forschungsfeld noch nicht bereut. Dass mein Vater dasselbe macht, war gar nicht entscheidend.“ Selbst unter Narkose hat das Bewusstsein offenbar viele Dimensionen. Und einige Schichten lassen sich auch dann noch erreichen, wenn es im Kopf eigentlich finster sein sollte. Das bewies die aufgezeichnete Hirnaktivität während der Narkose. So wurden finnische Sätze, die neben den Versuchspersonen gesprochen wurden, nicht nur gehört. Das Gehirn versuchte auch, sie zu verstehen. Wurden die Probanden aber nach dem Experiment befragt, was sie gehört hatten, war nichts in Erinnerung geblieben. Dabei war es egal, ob sinnvolle Sätze gesprochen worden waren oder unsinnige wie: „Der Himmel ist voller schimmernder Tomaten.“ „Es ist eine wichtige Einschränkung, dass in unserer Studie eine normale Vollnarkose eingeleitet wurde, wie das bei einer Operation üblich wäre“, erklärt Harry Scheinin. „Da könnte man keinen Patienten so wecken, wie wir es getan haben. Aber interessant ist dennoch, wie sich schlafähnliche Traumphasen in das spezielle Narkose-Erleben mischen.“

Offenbar nicht nur im Experiment. „Wir beobachten Überschneidungen mit normalem Schlaf vor allem beim Bewusstseinsverlust zu Beginn der Allgemeinanästhesie und auch beim Aufwachen“, bestätigt Gerhard Schneider. „Beim Eintreten der Bewusstlosigkeit ist das nicht so häufig der Fall, weil dieser Übergang schnell induziert wird. Beim langsameren Aufwachen aber ist es manchmal schwer zu unterscheiden, ob ein Patient noch Narkosewirkung verspürt oder ob sich darunter schon normaler Schlafmischt.“ Gerhard Schneider ist Professor für Anästhesiologie an der Technischen Universität München und Chefarzt am Klinikum rechts der Isar, wo jährlich etwa 46 000 Vollnarkosen durchgeführt werden. Schneider kennt die Angst vieler Patienten, und er kennt auch Fälle von Awareness samt den Belastungen, die sich daraus ergeben können. Schmerz wird am häufigsten gefürchtet. Im klinischen Narkose-Alltag aber ist der nicht das drängendste Problem. „Sollte ein Patient während eines Eingriffs Schmerzen empfinden, ist das gewöhnlich mit bestimmten vegetativen Reaktionen verbunden“, erläutert der Narkosearzt. „Blutdruck und Herzfrequenz gehen zum Beispiel rauf. Das können wir sehr gut erkennen und schnell reagieren.“ Zudem wird bei einer allgemeinen Narkose nicht ein einziges Mittel verabreicht. Erst wird gewöhnlich der Schmerz ausgeschaltet, danach das Bewusstsein. Da die Mittel eine die Erinnerungen löschende Wirkung haben, sollte auch das Gedächtnis auf Pause sein — außer eben, es kommt zu den seltenen Fällen einer Awareness. Patienten mit Erinnerungen aus der OP berichten dann vor allem über ein beklemmendes Gefühl der Hilflosigkeit. Denn sie konnten die Situation, in der sie sich plötzlich wiederfanden, nicht einordnen. Und sie erlebten sich gelähmt. Sogenanntes Monitoring, also die kontinuierliche Überwachung von Körper und Hirnfunktionen, soll helfen, die Anästhesie so tief zu halten, wie es für die Operation erforderlich ist, aber auch wie es dem Allgemeinzustand des Patienten entspricht. Denn natürlich muss auf die individuelle Situation der Kranken Rücksicht genommen werden. Das gilt zum Beispiel für viele Herzoperationen, bei denen die Narkose nicht zu stark auf den Kreislaufeinwirken darf, sollen die Patienten überleben. Das gilt aber auch für Kaiserschnitt-Entbindungen, bei denen insbesondere das Kind geschont werden muss. Das Risiko einer womöglich zu schwachen Betäubung mit nachfolgenden Awareness-Erfahrungen ist schließlich auch dann erhöht, wenn Patienten chronisch Medikamente Alkohol oder andere Drogen missbraucht haben. Denn die Gewöhnung an den „Rausch“ setzt die Wirkung der Narkosemittel herunter. Auch solche Situationen versuchen Ärzte in den Griff zu bekommen, indem sie zum Beispiel durch die fortwährende Messung von Hirnströmen verfolgen, was im Kopfihrer Patienten geschieht.

„Früher dachte man, die Wirkung der Narkosemittel verläuft linear“, sagt Gerhard Schneider. „Demnach wäre die Bewusstlosigkeit immer tiefer, je mehr man vom jeweiligen Medikament verabreicht.“ Heute dagegen stellen sich Anästhesisten den Kopf ihrer Patienten eher wie eine Schalttafel vor. „Mit zunehmender Konzentration wird im Gehirn bildlich gesprochen ein Schalter nach dem anderen umgelegt. Dieses Bild ist entstanden, weil viele Funktionen nicht etwa langsam verloren gehen, sondern schlagartig ab einer bestimmten Konzentration des Narkosemittels. Solche ,Schalter‘ wären dann beispielsweise das bewusste Erinnerungsvermögen, unbewusste Erinnerungen, emotionale Erinnerungen und so weiter.“ Die Hoffnung ist, die einzelnen Komponenten des Bewusstseins genauer zu verstehen und damit auch genauer unter Kontrolle halten zu können.

DIE ANGST VOR MISSGLÜCKTEN NARKOSEN IST GROSS

Verständlicherweise ist die Angst vor einer missglückten Narkose besonders groß, wenn Eltern für ihre Kinder entscheiden sollen. Die US-Aufsichtsbehörde FDA („Food and Drug Administration“) hatte 2016 sogar eine generelle Warnung vor Narkosen bei Patienten unter drei Jahren ausgesprochen. Falls die Kleinen solchen Prozeduren zu lang oder wiederholt ausgesetzt würden, könnten Entwicklungsstörungen die Folge sein. Dieser Verdacht kam kürzlich auch in Australien bei der Analyse dortiger Daten auf. Doch Gerhard Schneider warnt vor voreiligen Schlüssen. Es sind immer viele Aspekte, die bei der Entscheidung über eine Narkose bedacht werden sollten.

Was das heißt, kennt Schneider aus persönlicher Erfahrung. ‚„Mein kleiner Sohn litt unter vielen Mittelohrentzündungen und benötigte sogenannte Paukenröhrchen, die unter Vollnarkose eingesetzt werden sollten.“ Durch diese winzigen Ableitungen, die ins Trommelfellkommen, kann schmerzende und das Gehör beeinträchtigende Flüssigkeit aus dem Mittelohr abgeführt werden. „Als Vater hatte ich nicht die Angst, dass die Narkose zu einer Entwicklungsverzögerung führen könnte. Meine Angst war viel mehr, dass mein Sohn eine schwere Hörbeeinträchtigung in   diesem jungen Alter erleiden könnte. Und   die wäre wahrscheinlich schlimmer ausgefallen als alle denkbaren Folgen einer 20-minütigen Narkose. „Die, betont Schneider, ist ja nie ein Selbstzweck. Sie soll helfen, schlimmeres Übel zu überwinden. „Darum gilt es, in jedem Fall sorgfältig abzuwägen.“

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