In Canon 1395 ist geregelt, wie Kleriker bestraftwerden sollen, die sich an Minderjährigen unter 16 Jahren vergangen haben: „mit gerechten Strafen: auch die Entlassung sei nicht ausgenommen.

Die Veröffentlichung des aktuellen „Missbrauchsberichts“ bei der katholischen Kirche wirft neue Fragen auf und zeigt den Klerus in einem ganz neuen Licht: Als lüsterne, geile Böcke, die ihre fleischliche Lust durch Missbrauch befriedigt haben. Tausendfach, jahrzehntelang. Und nicht nur in Deutschland. So haben es unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit Priester und auch Bischöfe gar arg getrieben, und ihre Position als Vorbild und Vertreter Gottes schamlos ausgenutzt. Es geht dabei um die schlimmste Form der Demütigung und Verwerflichkeit: Sexueller Missbrauch von Jugendlichen, Schutzbefohlenen und Glaubensbrüdern. Über Jahre und Jahrzehnte, gedeckt durch das Schweigen und die Scham der Opfer, geduldet durch höchste kirchliche Instanzen. Das perverse Treiben hat viele Wunden hinterlassen, die bis heute nicht geheilt sind. Psychische und physische, die das Leben eines Menschen ruinieren können.

Unglaubliche Opferzahlen

Zur Feier des Heiligen Gallus, des Schutzpatrons der Kirche von Oberharmersbach, wird am 21. Oktober Seine Exzellenz, der Erzbischof, aus Freiburg erwartet. Das Patrozinium dürfte kein heiteres Fest für ihn werden, trotz des farbenfrohen Aufzugs von Traditionsvereinen. Wie alle deutschen Bischöfe ist er drängenden Fragen ausgesetzt, seit in der vergangenen Woche publik wurde, dass hierzulande mindestens 3600 Kinder und Jugendliche von Priestern missbraucht wurden — und dass die Dunkelziffer erheblich höher liegen dürfte. Die Opferzahl hatten Forscher nach der Auswertung von fast 40000 Personalakten aus knapp70 Jahren präsentiert. Die Beschuldigten: mehr als 1600 Geistliche, die manchmal über Jahrzehnte ihr Unwesen treiben konnten.

So wie Pfarrer Franz B. aus Oberharmersbach, der im Laufe von 24 Dienstjahren immer wieder Ministranten missbraucht haben soll. Das Schwarzwalddorf sei „verseucht“, sagt Raphael Hildebrandt, es gebe mindestens 70 bis 80 Opfer. Hildebrandt, inzwischen 47, war eines von ihnen. Jede Familie habe irgendwie mit dem Thema zu tun. Doch viele „schweigen bis heute“.

Wenn Erzbischof Stephan Burger die Gemeinde besucht, wird er — so steht zu vermuten — das Schweigen brechen. Denn schon in der vergangenen Woche nannte er die Taten „Verbrechen“, die „die Botschaft Jesu verdunkelt haben“, und bat die Opfer um Verzeihung. Burger rechnete zudem mit seinen Vorgängern ab. Akten seien „gesäubert“ worden, Hinweise auf Taten und Täterverschwunden. Es bedürfe einer „ehrlichen Aufarbeitung“, die Kirche müsse auch ihre Strukturen prüfen.

Das sind neue Töne, ausgelöst durch den Untersuchungsbericht, den die Bischofskonferenz selbst in Auftrag gegeben hatte. Darin findet sich nicht nur eine Bilanz der Verbrechen an Kindern und Jugendlichen, sondern auch Kritik am Apparat Kirche. Die Bereitschaft von Vorgesetzten, die Staatsanwaltschaft einzuschalten, sei „nicht sehr ausgeprägt“ gewesen, schreiben die Autoren. Nur jede fünfte Strafanzeige stammte von der Kirche selbst. Verurteilt wurden lediglich 77 Geistliche, 40 zu Haftstrafen. Meist blieb der Staat einfach außen vor — der Fall wurde intern abgehandelt, die Akten wanderten in die Archive der Diözesen, die Beschuldigten wanderten an einen neuen Einsatzort oder in die Frühpensionierung, wie auch Franz B. Als die Diözese 1991 von Übergriffen des Pfarrers aus Oberharmersbach hörte, lud man ihn nach Freiburg. Burgers Amtsvorgänger Robert Zollitsch war seinerzeit der zuständige Personalreferent. „Wir haben ihn mit den Gerüchten konfrontiert. Er war nicht geständig, konnte aber den Verdacht auch nicht zerstreuen“, schrieb er damals an die Kirchengemeinde. Daraufhin musste der Pfarrer bereits mit Anfang 60 in ein Altenheim umziehen: Man habe ihm „strenge Exerzitien“ auferlegt und vorgeschrieben, dass er sich von Kindern fernhalten und eine Therapie beginnen müsse. Auf eine Anzeige habe man verzichtet, aus Rücksicht auf den gebrochenen Mann. Die erstatteten Raphael Hildebrandt und ein weiterer Ex-Ministrant vier Jahre später. Mehr als 400 Mal habe ihn der Pfarrer missbraucht, berichtete er, meist im Pfarrhaus. Der Priester habe wegen einer Gehbehinderung stets jemanden gebraucht, der ihm  „half“, so habe er ihn ins Pfarrhaus gelockt. Für den „Arbeitseinsatz“ gab es Geld. Keines der Opfer, so Hildebrandt, habe zu Hause etwas erzählt. „Denn der Pfarrer drohte, dass er sich umbringt, wenn man etwas verrät.“ Selbst im Altenheim soll er noch Kinder missbraucht haben. Eltern aus seiner Pfarrgemeinde hatten sie zu Besuch  geschickt. Als der Pfarrer von den Ermittlungen gegen ihn erfuhr, erhängte er sich. So bitter es für Raphael Hildebrandt sein mag: Dass der Fall damals hinter verschlossenen Kirchentüren verhandelt wurde, war völlig legal. Die Kirche ist nicht verpflichtet, einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Kindern anzuzeigen. Auch ein Schulleiter, der von Übergriffen durch eine Lehrkraft erfährt, muss zwar eine weitere Gefährdung seiner Schützlinge abwenden, aber nicht in jedem Fall Anzeige erstatten. Es gibt allerdings einen großen Unterschied: Eine Schule könnte nicht über einen Beschuldigten zu Gericht sitzen.  Die katholische Kirche kann das. Sie verfügt über ein eigenes Strafrecht und eigene Instanzen, toleriert vom säkularen Staat. Sie hat damit die Möglichkeit, sexuellen Missbrauch von Priestern als interne Angelegenheit zu regeln.

Eigenes kirchliches Strafrecht

Das kirchliche Strafrecht ist Teil des „Codex Iuris Canonici„, eines Wälzers mit 1752 Vorschriften, den sogenannten Canones. Sie regeln, was katholische Priester und Gläubige weltweit dürfen, was sie müssen und was wie zu geschehen hat — von der Aufbewahrung des Tabernakelschlüssels bis hin zur Auflösung katholischer Ehen. In Canon 1395 ist geregelt, wie Kleriker bestraftwerden sollen, die sich an Minderjährigen unter 16 Jahren vergangen haben: „mit gerechten Strafen: auch die Entlassung sei nicht ausgenommen.

Als „erschreckend rückständig“ kritisierte schon vor Jahren der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ das Kirchenrecht beider Amtskirchen. „Was den einen ihre Scharia, ist den anderen ihr Codex Iuris Canonici.“ Auch Juristen sind sich einig, dass das kanonische Recht nicht die Anforderungen moderner Rechtsstaatlichkeit erfüllt. Es gibt es keine Unschuldsvermutung, keine Öffentlichkeit, keine Gewaltenteilung. Der Papst ist Gesetzgeber und zugleich oberster Richter. Als das bayerische Justizministerium  vor vier Jahren eine länderübergreifende Arbeitsgruppe gegen „Paralleljustiz“ gründete, standen jedoch nur islamische Friedensrichter im Fokus. Nicht die Paralleljustiz der katholischen Kirche.

Dass der Umgang mit den Verfehlungen von Priestern häufig nicht dem Gerechtigkeitsgefühl breiter Bevölkerungsschichten entspricht, mag auch damit zu tun haben, dass das Kirchenrecht andere Ziele verfolgt als das Strafgesetzbuch. Es dient dem „Seelenheil“ der Gläubigen, nicht der Aufklärung von Straftaten. Zudem müssen Priester ihr Beichtgeheimnis wahren, und manchmal schützt sie auch das Beichtgeheimnis der Kollegen. Wie schwierig das für geweihte Mitwisser werden kann, weiß Alfred H., der heute als pensionierter Pfarrer in Oberharmersbach lebt. Alfred H. erlebte das Drama um Franz B. aus nächster Nähe mit. Einer seiner  Neffen war Ministrant — und wurde ebenfalls missbraucht. „Es drehte sich mir der Magen um sagt Alfred H. Aber er zeigte den Kollegen nicht an. Franz B. habe damals seinen Beistand gesucht. „Hilf mir, bitte hilf mir, flehte er. Er war ein Häufchen Elend. Mein Rat war, die Platte zu putzen. Auch ich wollte den Skandal verhindern und den Clan schützen.“

Inzwischen ist Alfred H. einer der wenigen, die offen über die Fehler der Kirche  sprechen und eine radikale Umkehr verlangen. Auch zum Schutz der Priester, die sich nichts zuschulden kommen ließen. „Man wird in Sippenhaft genommen.“ Immerhin: Seit 2013 schreibt die Bischofskonferenz vor, dass bei Verdacht auf  sexuellen Missbrauch grundsätzlich Anzeige erstattet werden muss, es sei denn, das Opfer ist dagegen. Diese Weisung werde in der Diözese Freiburg grundsätzlich umgesetzt, sagt deren Sprecher. Erzbischof Burger will jetzt eine Arbeitsgruppe gründen, die sich damit beschäftigt, wie „Klerikalismus, Macht und Missbrauch jeglicher Art“ begegnet werden kann. Von einer Reform des Kirchenrechts ist allerdings nicht die Rede. Raphael Hildebrandt sagt, er warte seit 23 Jahren darauf, dass ihn der Bischof in einem persönlichen Gespräch über seine Erfahrungen als Opfer anhört. Vielleicht bekommt er noch eine entsprechende Einladung bis zum 21. Oktober. Dabei sein wird er aber wohl beim Besuch des Erzbischofs .Als Vorsitzender des Gesangvereins „Frohsinn“.

2 KOMMENTARE

  1. Oh Mann, was ist das schrecklich. Die Kirchendiener haben so viel Unrecht getan, aber wie viele von denen sitzen im Gefängnis. Keiner. Der Missbrauch geht doch aktuell weiter. Es müssen erst wieder Jahre vergehen, bis neue Zahlen vorhanden sind. Mein Kirchenaustritt steht fest !!

  2. Heute und seit Tagen hat die BILD das Thema Missbrauch in der Kirche aufgegriffen und groß „vermarktet“. Da lobe ich mir die sachliche Dokumentation vom „mitteldeutschen Journal“, die schon im Oktober 2018 das Thema knallhart beleuchtet hat. Da kann man nicht oft genug drüber sprechen. Aber die Leser vom M.Journal haben einen langen Informationsvorsprung. Es ist nicht alles BILD, was gut ist…

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