So wie letztens im beschaulichen Ostwestfalen: Kein Platz bleibt frei. Natürlich nicht. Wenn er kommt. Seniorennachmittag der CDU in der Schützenhalle von Versmold. Eibrötchen, Butterkuchen und Kaffee auf langen Tischen.

Fast schon wieder vergessen ist die couragierte aber gezielte Attacke auf Angela Merkel, vorgetragen vom unscheinbaren CDU-Mann Ralph Brinkhaus, der vor kurzem gegen den Willen der Kanzlerin Volker Kauder aus dem Feld schlug – beim Kampf um die Spitze der Bundestagsfraktion. Um selbst in Berlin eines Tages an den Schrauben zu drehen und mit kleinen Schritten große Veränderungen vorzunehmen, wie er selbst sagt. Natürlich war es an der Zeit, dass jemand der großen Angela Merkel in den Weg tritt und erste Schritte zur „Wachablösung“ in die Wege leitet. Dafür zieht Brinkhaus auch über die Dörfer, um sich und seine Mission bekannt zu machen. Aber man traut ihm eine Menge zu – und zwar bis in höchste Kreise. Und Deutschland braucht eine politische Reform – dringend!

Stimmenfang von der Pieke auf

So wie letztens im beschaulichen Ostwestfalen: Kein Platz bleibt frei. Natürlich nicht. Wenn er kommt. Seniorennachmittag der CDU in der Schützenhalle von Versmold. Eibrötchen, Butterkuchen und Kaffee auf langen Tischen.  Aus den Lautsprechern klingt: „Bella, bella, bella Marie, vergiss mich nie.“ Manche summen mit. 170 CDU-Anhänger wollen „den Ralph“ sehen. Den Mann, der in Berlin die Verhältnisse zum Tanzen gebracht hat, der sich gegen den Willen der Kanzlerin an die Spitze der Bundestagsfraktion katapultiert hat. Ein wandelndes Lebenszeichen in Zeiten von Merkel.

Ralph wer? Brinkhaus. Ralph Brinkhaus aus Gütersloh. Nicht ganz unwahrscheinlich, dass dieser vor ein paar Tagen nur Eingeweihten bekannte kahlköpfige Ralph Brinkhaus in die Geschichte eingehen wird: als der Mann, der Angela Merkel zur Strecke brachte. Nicht auf einen Streich, sondern als eine Art Machtverfallsbeschleuniger, der aus einem schleichenden Prozess einen rasenden macht.

Wobei es allein dieser eine Streich schon in sich hatte. Brinkhaus hat den engsten und loyalsten Mitstreiter Merkels jenseits des Kanzleramts aus dem Fraktionsvorsitz gekegelt. Mit 125 zu 112 Stimmen in geheimer Wahl, in der sich die Unions-Abgeordneten den Frust von der Seele wählten — über die Kanzlerin, ihren Kurs und ihren Kauder. Ein Aufstand der Randständigen. Es war, wenn man so will, der Trump- oder Brexit-Moment der CDU/CSU. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

In normalen Zeiten könnte man diesen Akt der Rebellion kleinreden als ein Zeichen der Selbstbehauptung. Aber die Zeiten sind nichtnormal. Nicht für die CDU, schon gar nicht für die Kanzlerin. Beiden sitzt die AfD im Nacken. In den Krisen  ihrer dritten Großen Koalition hat Merkel keine gute Figur gemacht. Sie führte nicht, sie wurde vorgeführt. Ihre Sympathiewerte sind abgestürzt — und mit ihr die Umfragewerte der Union. Auf. 28 Prozent bundesweit. 28 Prozent!

Zwar hat Merkel versichert, sie werde wieder als CDU-Vorsitzende kandidieren. Und sie erinnerte daran, dass sie zugesagt habe, die komplette Legislaturperiode Kanzlerin zu bleiben. Aber: Hat sie das wirklich noch in der Hand? Auf die Fraktion kann sie sich jedenfalls nicht mehr verlassen. Und die Partei? Niemand kann sicher sagen, wie die Stimmung nach den Wahlen in Bayern und Hessen sein wird, bei denen der Union schwere Niederlagen drohen. Ihre Partei kann erbarmungslos sein. EU-Kommissar Günther Oettinger nennt Merkel bereits eine „lahme Ente“.

Umso mehr ist Merkel jetzt auf Brinkhaus angewiesen. Er gehört künftig mit Merkel, Seehofer, Nahles und Scholz zu den wirklich Mächtigen, die im kleinen Kreis entscheiden, wie es weitergeht in der Koalition. Und er wägt ab, für welche Projekte er eine Mehrheit organisieren kann — und will.

Ein Vorbild braucht er nicht Der neue Fraktionschef trägt in Versmold blauen Anzug, weißes Hemd, wie immer, breitgetretene Schuhe. Seine Arbeitsuniform. Wobei: Krawatte muss nicht immer. 50, katholisch, verheiratet, keine Kinder. Studierter Ökonom, Steuerberater, seit neun Jahren im Bundestag. Er ist 1,87 groß, läuft Halbmarathon, trinkt nie Alkohol, A-Klasse-Fahrer, Allesesser,  Hundefreund und Mallorca-Urlauber. Auf die Frage nach seinem politischen Vorbild sagt Brinkhaus: „Ich habe keins.“ Soll heißen: Brauch ich nicht, kann ich selbst.

Das „ph“ im Vornamen scheint die größte Extravaganz zu sein, die dieser Mann sich leistet. In der Schützenhalle verspricht Brinkhaus einem 97-Jährigen: „Kurt, ich komme zu deinem Hundertsten.“ Einer besorgten CDU-Seniorin versichert er: „Keine Angst, ich hebe nicht ab.“ Er hat ja selbst erlebt und erlitten, wie andere sich immer weiter von der Basis entfernt haben. Merkel,  Kauder, Seehofer. Wie der Führung   das Gespür für richtig und falsch entglitt. Wie die Kluft immer größer wurde zwischen den Volksvertretern und den Menschen, die sie vertreten sollen.

„Viele von uns erleben das im Wahlkreis: Man wird auf so vieles angesprochen. Oder man wird gar  nicht mehr angesprochen“, hat Brinkhaus in seiner Bewerbungsrede vor der Fraktion festgestellt —  und damit einen Nerv getroffen. Marianne Kampwerth, die CDU-Chefin in Versmold, sagt, was viele denken: „Wir setzen die Hoffnung in dich!“ Er sei selbstbewusst, schnell im Kopf´und — das versichern viele — geradeheraus. Einer sagt: „Der hat mehr  im Laden, als er ins Schaufenster stellt.“ Brinkhaus gehört zu keiner schwarzen Seilschaft, zu keinem Pakt. Seine Karriere beruht auf dem Prinzip der offenen Konfrontation. Das macht ihn gefährlich. Auch für Angela Merkel? Eine gute Frage für den Beginn eines Gesprächs. Also, Herr Brinkhaus, in Ihrer Heimat heißt es, Sie hätten das Zeug zum Kanzler … „Um Gottes willen. Was soll denn diese Frage?“ Brinkhaus wiegelt ab. Er sei doch wirklich „total ausgelastet“, müsse sich einarbeiten, die Fraktion, vor allem aber CDU und CSU zusammenhalten. Damit sei er erstmalgut beschäftigt. Ende der Durchsage.

Fünfter Stock im Jakob-Kaiser Haus in Berlin. Zimmer 5358. Blick in den Innenhof. Hier sitzt der Abgeordnete Brinkhaus — noch. Demnächst zieht er um auf die andere Seite des Hauses, rein ins lichte Eckbüro mit Blick auf die Spree. Das Chefzimmer, das Volker Kauder 13 lange Jahre besetzte. Es ändert sich gerade sehr viel für den Mann, der bislang vor allem Finanzexperten ein Begriff war. Das BKA fragt an, wie es mit Personenschutz am nächsten Abend in Versmold aussieht. Er betreibt eine Art Speeddating mit Mitarbeitern und Journalisten. Viele kennt er nicht, noch mehr kennen ihn nicht. Vor allem aber muss Brinkhaus überbordende Erwartungen dämpfen und Putschpläne dementieren. Deshalb versichert er in jedem Gespräch: Ich stehe zur Kanzlerin und zur Großen Koalition. Ich finde es gut, dass Merkel noch mal als Vorsitzende antreten will. Ich will die CDU nicht auf einen anderen, rechteren Kurs bringen, nur Korrekturen vornehmen. „Es gibt nicht den großen grünen Knopf“, sagt er. „Aber viele kleine Schrauben, an denen man drehen kann.“ Er steht vor einem gewaltigen Sprung. „Da muss man auf vielen Feldern sprechfähig sein“, sagt der grüne Finanzexperte Gerhard Schick. „Ich habe ihn noch nie zu anderen Themen als Finanzen reden hören.“ Andererseits: Wer mit Brinkhaus zu tun hatte und hat, preist ihn — wie sein SPD-Kollege Carsten Schneider — als „seriös, zuverlässig, belastbar-Alles andere als revolutionär. Ist halt’n Ostwestfale“. Oder der Grüne Schick: „Brinkhaus ist bodenständig. Er hat es auch nicht nötig, von allen gemocht zu werden.“  Eine gute Voraussetzung, um einfach mal anzutreten — gegen alle Wahrscheinlichkeit und gegen den Widerstand der kompletten Führung. Ralph Brinkhaus muss aber auch das Momentum gespürt haben in diesem verunsicherten Berliner Politbetrieb. Er muss gespürt haben, dass die Zeit reif ist. Brinkhaus war frei genug, zu scheitern, aber selbstbewusst genug, es zu wagen- Irgendwann im Frühsommer war der Plan gereift, „in diesen sehr dunklen Tagen“, als die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU kurz vor der Spaltung stand, weil sich Merkel und Seehofer bei einer Detailfrage des   Seehoferschen Migrationsplans ineinander verbissen hatten,  muss es ihm vorgekommen sein , als ob jemand mit der Abrissbirne an seine eigene Haustür geklopft hätte. Brinkhaus sagt ja: „Die Bundestagsfraktion ist mein politisches Zuhause.“ Jetzt muss er dieses Zuhause neu einrichten. Nicht gegen Merkel, eher neben ihr. Die beiden siezen sich. Es wird Zeit brauchen, bis sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, das nie so eng werden wird wie das des eingespielten Duos Merkel/ Kauder. Brinkhaus kann das auch gar nicht wollen- Er braucht Freiraum, um seine Partei wieder wegzubugsieren vom alles beherrschenden Thema Migration, den Fokus auf andere Themen zu lenken, „die die unmittelbare Lebenswirklichkeit der Menschen betreffen“. Wohnraum, Pflege, Digitalisierung. Er zeigt jetzt auf das große Foto an der Stirnseite seines Büros-Es ist eine Luftbildaufnahme eines Wahlkreises. „Dort ist meine politische Basis.“ Die beackert er. Im vorletzten Sommer tingelte er mit Handtuch und Badehose durch die Schwimmbäder. Ein andermal macht er als Tankwart den Autofahrern die Frontscheiben sauber. Hauptsache, nah dran. Zuhören, Stimmungen aufnehmen, das ist der Gegenentwurf zu Merkels Machtkapsel in Berlin. Was er hört und erfährt, baut er in seine Reden ein. Etwa so: „Die Leute kommen doch gar nicht an und sagen, es sei ganz wichtig,300 Euro im Jahr bei den Steuern zu sparen. Die haben doch ganz andere Themen: die Zuzahlungen bei der Krankenversicherung. Wie geht’s mit der Pflege weiter? Gibt es für die Großmutter ausreichend Pflegekräfte?“

Brinkhaus ließ es sich auch nicht nehmen, 50 Meter vor der Tür des AD-Kandidaten Straßenwahlkampf zu machen. „AD-Wähler kommen auch aus der CDU-Wählerschaft. Wir müssen einen neuen Anlauf nehmen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Sein Vorgänger Kauder weigerte sich — wie viele —, mit AfD-Leuten in einer Talkshow zu sitzen. Das Büro der Stiftung Schlaganfall-Hilfe in Gütersloh. Deren Leiter Michael Brinkmeier und Ralph Brinkhaus sind seit 40 Jahren ziemlich beste Freunde. Sie gingen zusammen zur Schule, sie traten 1984 gemeinsam in die Junge Union ein, da waren sie 16. Mit ihrem Geschichtslehrer, einem alten Sozi, lieferten sie sich heftige Wortgefechte. Sie wollten die DDR in Anführungszeichen schreiben dürfen. Sie hätten ihre Oberstufen-Fahrt nach Italien machen können. Aber Brinkhaus  und Brinkmeier sorgten dafür, dass es nach Polen ging, nach Posen, Danzig, zur Westerplatte und ins KZ Stutthof. „Wir waren Polit-Nerds“, sagt Brinkmeier. Das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt war für sie aufregender als der erste Kuss. In der Abizeitung wird Brinkhaus interviewt. Eine Frage lautet: „Wie denken Sie über Mädchen?“ Antwort: „Rechte oder linke?“

Marsch durch die Partei

Hubert Deittert, der ehemalige Bürgermeister von Rietberg, nahm die beiden unter seine Fittiche. Er bläute den jungen Männern zwei Überlebensregeln ein. Erstens: Schaut euch die Welt an, bevor ihr in die Politik geht, lernt einen Beruf, steht auf eigenen Füßen. Zweitens: Streiten tut gut. Brinkmeier ging nach Amerika, wurde Physiker, später Landtagsabgeordneter in NRW. Brinkhaus studierte Wirtschaft in Stuttgart-Hohenheim und arbeitete danach bei verschiedenen Industrieunternehmen. 2004, mit Mitte 30, tauchte er wieder in Ostwestfalen auf. Er eröffnete eine Steuerberatung in Gütersloh — und startete politisch durch: Fraktionschefin Gütersloh, Kreisvor-  sitzender, stellvertretender CDU Landesvorsitzender, Bundestagsabgeordneter. Dafür brauchte er gerade einmal fünf Jahre. Seine Methode ist denkbar simpel. Er tritt einfach an, mit offenem Visier. Nach dem Motto: „Es ist doch gut, wenn man eine Auswahl hat in einer Demokratie.“

So holte er sich auch das Ticket in den Bundestag. Als der Wahlkreis 2009 frei wird, wäre nach den ungeschriebenen Gesetzen der Politik eigentlich Michael Brinkmeier als Landtagsabgeordneter dran, das Mandat zu übernehmen. Aber Brinkhaus erteilt Brinkmeier eine Lektion: In der Politik gibt es keine Freunde. Er tritt gegen ihn an. Drei  weitere Kandidaten melden Ansprüche an. Die fünf Bewerber tingeln gemeinsam durch die Dörfer und Städte im Wahlkreis. Mal kommen 70, mal 200 Zuhörer. Zur geheimen Abstimmung auf dem Kreisparteitag erscheinen 700. Brinkhaus gewinnt. Die CDU-Basis reagiert begeistert: „Das Beste, was ihr je gemacht habt.“ Brinkhaus holt den Wahlkreis mit klarer Mehrheit, verteidigt ihn 2013. Bei der Bundestagswahl im September 2017 holt er 46,6 Prozent. Ein knappes Jahr danach steht er bei Angela Merkel im Kanzleramt und kündigt an, dass er gegen Kauder antreten will: „Frau Bundeskanzlerin, ich will das auch machen.“ Und, was hat sie gesagt?

Brinkhaus grinst: „Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern.“ Er beherrscht auch das charmante Schwindeln. Merkel wies sein Ansinnen schroff zurück. Vor neun Jahren, als Brinkhaus für den Bundestag zum ersten Mal kandidierte, antwortete er auf die Frage nach seinem größten Traum: „In Berlin wirklich etwas bewegen zu können.“ Jetzt ist es so weit.

1 KOMMENTAR

  1. Ich habe es immer gesagt: Eines Tages macht sich die Kanzlerin vom Acker und will ichts mehr wissen von dem Mist, den sie uns jahrelang eingebrockt hat. Vor allem das Flüchtlingsproblem, was unsere Kinder nun ausbaden müssen. Ein „Pfui“ auf die Kanzlerin und auf ihren Mentor, Helmut Kohl, der Mann hat mit der Abschaffung der D-Mark die Deutschen kaputt gemacht. Lächerliche Währungsunion. Nix ist – alles heiße Luft!!!

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