Gleich um die Ecke vom Übungsplatz der Yoga-Bloggerin hat Bruno Gomes sein Büro. „Willkommen in Hipsterland", sagt er und meint damit das Gelände, auf dem er arbeitet — die „LX Factory". Kopfsteinpflaster, rote Ziegelbauten, grau gerahmte Fabrikfenster, Craft Beer und Kunsthandwerk, alles liebevoll improvisiert .

Als der Euro kam, wurde das kleine Land an der Südspitze Europas beinahe kaputt gemacht, denn die neue Währung, die den Escudo, Portugals Währung, damals ablöste, hat die Menschen  beinahe ruiniert. Eine geplante Währungsunion, die nicht funktionierte, und der sowieso nicht alle Europäer beitraten. Doch die, die man dazu zwang, mußten lange mit den Problemen kämpfen. So wie Portugal, das sich mittlerweile erholt hat und neu aufgeblüht ist zum Geheimtipp unter Reisenden und Urlaubern. Preiswert und schön, facettenreich und mit liebenswerten Einwohnern. Die Menschen haben sich durch die Euro-Krise durchgekämpft und schauen zuversichtlich in die Zukunft.

Aussteiger, Touristen und Start-ups

Es ist noch früh am Morgen und darum ziemlich leer, eine Frau mit blonden Dreadlocks macht Yoga zwischen den Resten einer demolierten Lagerhalle. Sonnengruß vor Industrieruine, ihre Freundin fotografiert sie dabei und versucht gleichzeitig, die Stahlkonstruktion der „Ponte de 25Abril“ mit aufs Bild zu kriegen, die sich von hier aus majestätisch über den Tejo schwingt: „Awesome!“ Die beiden Frauen sind aus Virginia, USA, erzählen sie. Von einem Land namens Portugal hatten sie vor ihrer Reise noch nie gehört. Ein Freund hatte ihnen den Tipp gegeben: „It’s like California in the Eighties“, hatte er gesagt. Und obwohl   sie in den Achtzigern noch gar nicht geboren waren, klang das verheißungsvoll. Seit vier Monaten sind sie nun schon hier, schießen Fotos für ihren Yoga-Blog und verkaufen veganen Reissalat. Sonne und coole Leute — das Land hat ihre Erwartungen voll erfüllt, sagen sie. Dass in Portugal der Tourismus boomt, hat man vielleicht schon gehört. In den vergangenen Jahren zählten Lissabon und Porto zu den meistbesuchten Städten Europas. Dieses Jahr vermeldete die Branche erstmals seit Langem keine neuen Rekorde, was bei mehr als 66 Millionen Übernachtungsgästen im Jahr aber kein Grund zur Sorge ist. Denn nebenbei hat sich Portugal vor allem zu einem Traumziel für jene entwickelt, die investieren, etwas ausprobieren oder länger bleiben wollen. Das notorisch traurige kleine Land mit seinen zehn Millionen Bürgern, das während der Finanzkrise fast pleitegegangen wäre und es sich gefallen lassen musste, gemeinsam mit Italien, Irland, Griechenland und Spanien zu den „PIGS“ gezählt zu werden, zu den Wirtschaftsversagern der EU, findet sich plötzlich in einer ganz neuen Rolle wieder: als der Ort, an dem es abgeht in Europa.

Gleich um die Ecke vom Übungsplatz der Yoga-Bloggerin hat Bruno Gomes sein Büro. „Willkommen in Hipsterland“, sagt er und meint damit das Gelände, auf dem er arbeitet — die „LX Factory“. Kopfsteinpflaster, rote Ziegelbauten, grau gerahmte Fabrikfenster, Craft Beer und Kunsthandwerk, alles liebevoll improvisiert .Auf dem Areal stand früher mal eine der größten Textilproduktionsstätten des Landes. Nach Jahren des Leerstands zogen ab 2008 Künstler und Kreativunternehmer in das marode Industriedenkmal, renovierten die Gebäude, bauten Bars und malten Bilder. Inzwischen streifen im Sommer täglich Hunderte Touristen umher und finden, dass es hier aussehe wie früher in Brooklyn. Wie in East London. Oder wie Berlin in den Neunzigern. Bruno Gomes freut sich darüber, findet das aber auch: „suspekt“. Gomes ist 39 Jahre alt. Krisenerprobt, sagt er, wie alle seiner Generation. Er hat Design studiert, kann Webseiten, Logos, Grafiken entwerfen. Eine Zeit lang verdiente er damit in London Geld, aber immer wenn er zurück in Portugal war, blieb ihm nichts anderes übrig, als selbstbedruckte T-Shirts auf dem Markt zu verkaufen. Seinen Freunden ging es ähnlich: gute Ausbildung, keine Jobs. Eigentlich hatte keiner von ihnen Lust, im Tourismus zu arbeiten. Aber es ging nicht anders — die Branche ist nahezu die einzige, in der man sich ohne großes Startkapital Jobs erschaffen kann. „Uns Portugiesen wird oft nachgesagt, dass wir ein pessimistisches Völkchen seien“, sagt Gomes. „Aber Pessimismus kann auch konstruktiv sein.“

Vor acht Jahren haben er und seine Freunde darum „We Hate Tourism Tours“ gegründet: ein Reiseunternehmen für Leute, die nicht in den Doppeldeckerbussen internationaler Konzerne die Sehenswürdigkeiten abfahren wollen. Die Idee dahinter: Wenn schon so viele Touristen kommen, sollen auch die Einheimischen daran mitverdienen. Bruno Gomes und seine Freunde zeigen ihren Gäste den All  tag. Sie bringen sie zu inhabergeführten Restaurants oder kleinen Geschäften, wo sie mit Bewohnern plaudern können: über steigende Mieten und Läden, die verschwinden, weil wieder ein Trend-Restaurant für „Foodies“ eröffnet. „Aber nicht falsch verstehen“, sagt Gomes. „Wir meckern nicht. Wir stellen nur fest. Hier verändert sich gerade ziemlich viel ziemlich schnell.“ In seinem Büro hängt ein Plakat, auf dem steht: „Wir Portugiesen sind arm, Unwissender. Aber wir haben gutes Wetter und die schlausten Politiker der Welt.“ Viele blicken erstaunt auf Portugal, weil das Land so gut aus der Krise gekommen ist. Die Wirtschaft wächst seit 2014 kontinuierlich, die Arbeitslosenzahlen sind gesunken, das Staatsdefizit wird für 2018 auf rund ein Prozent geschätzt; 2010 lag es noch bei über elf Prozent. Das Sorgenkind ist zum Musterschüler geworden, dafür gab es viel Lob, auch aus Brüssel. Und das alles mit einem Bündnis aus Sozialdemokraten und anderen linken Parteien, das bei den Wahlen 2015 vor allem eines versprochen hatte: sich dem Spardiktat der EU zu widersetzen.

Raus aus der Depression

Die Grundlagen für den wirtschaftlichen Aufschwung hatte bereits die Vorgängerregierung gelegt. Nach seinem Wahlsieg konnte Premierminister Antonio Costa darum mit kleinen Veränderungen eine große Wirkung erzielen: Er erhöhte den Mindestlohn und nahm Steuererhöhungen aus den Krisenjahren zurück — die Leute hatten wieder mehr Geld zur Verfügung, nicht viel, aber das Leben fühlte sich gerechter an. Zwar holte der Staat seine Ausgaben durch Einsparungen in anderen Bereichen wieder rein, zwar arbeiten immer noch viele in prekären Verhältnissen und unter Tarif. Aber wenn man sich so umsieht, scheint Costas Regierung vor allem eines besserverstanden zu haben als andere: Man muss nicht nur die Wirtschaft aus der Depression holen — sondern die Menschen.

Das heißt nicht, dass die Portugiesen ihren Politikern ergeben zu Füßen lägen, im Gegenteil: Sie wehren sich zunehmend gegen Privatisierung und Immobilienverkäufe in den Innenstädten. Barcelona ist das mahnende Beispiel — die Stadt, die so viele Touristen angezogen hat, dass das normale Leben dahinter fast verschwunden ist. Das Land für ausländische Investoren attraktiv zu machen war eine der wichtigsten Wirtschaftsmaßnahmen gegen die Krise. Dazu lockt die Regierung reiche Ausländer auch mit dem umstrittenen „Golden Visa“-Programm, das vor allem im Immobiliensektor gut funktioniert: Wer ein Haus im Wert von mindestens 500 000 Euro kauft, erhält eine Aufenthaltsgenehmigung für den Schengenraum. „Die Leute haben Verständnis dafür, dass das Geld irgendwo herkommen muss, um die Wirtschaft anzukurbeln“, sagt Vitor Belanciano, der Soziologe ist und Journalist bei der Tageszeitung „Publico“. Dass sie nun über Bürgerinitiativen und Proteste stärker Mitsprache einfordern, sieht er positiv. Die Nachbarschaft in seinem Viertel wurde in den vergangenen Jahren seinem Haus ist er der letzte der alten Bewohner. „Das ist normal, Städteverändern sich. Aber die Menschen wollen die Entwicklung mitgestalten. Das ist ein gutes   Signal, auch an die Politik. Die Leute sind engagiert, nicht verdrossen.“

Den Aufschwung nachhaltig zu gestalten wird die größte Herausforderung sein — das sagt auch Graga Fonseca, die als stellvertretende Staatssekretärin für Verwaltungsmodernisierung in Costas Regierung sitzt. Um neue Jobs zu schaffen, hatte sie zunächst in Lissabon ein Zentrum für Start-ups und digitale Dienstleistungen aufgebaut; ein Modell, das sukzessive auf weitere Städte übertragen wurde. Zurzeit ist sie mit etwas anderem beschäftigt: Als erstes Land der Welt will Portugal einen gesamtstaatlichen Beteiligungshaushalt aufbauen — die Bevölkerung soll selbst mitbestimmen, für welche Projekte ein Anteil der Steuergelder verwendet wird. „Es ist eine Maßnahme, die das Vertrauen in die Demokratie stärkt“, sagt Fonseca, „und das Engagement der Bewohner.“ Gestaltungswille statt Frust ,und das mitten in Europa. Vielleicht ist das der wichtigste psychologische Effekt hinter dem — zumindest nach außen so verkauften — Anti Autoritätskurs der Regierung: Während die Sparpolitik in Griechenland oder Italien als aufgedrückte Bestrafung wahrgenommen wird, entwickelte sich in Portugal eine neue Zuversicht. Es passiert vielleicht nicht alles sofort, aber es passiert etwas.

In den zurückliegenden Jahren hat sich das Land außerdem neu positioniert: als Standort für Tech-Konzerne und Gründer. Und als Treffpunkt für die, die in diesem Bereich arbeiten: vernetzt, global — wo das Büro steht, ist eigentlich egal. Man trifft Leute wie Vincent aus Bukarest, der Computerspiele entwirft und sagt: „Ich hätte nach London gehen können, nach Stuttgart oder nach Warschau. Aber ich wollte in die Sonne. Ans Meer.“ Oder Luisa, die in München aufgewachsen ist und erst jetzt das Geburtsland ihrer Eltern entdeckt: als Studentin in einem Forschungsprojekt für alternative Energien. Liam ist Surfer und   hatte „keine Lust mehr auf Trump-Amerika“. Er programmiert für ein New Yorker Büro Software für3-D-Modelle. „Ich brauche bloß Strom, einen großen Schreibtisch für drei Monitore dazu WLAN und Strand. Außerdem ist mein Gehalt hier doppelt so viel wert.“ Es ist die internationale Gemeinschaft digitaler Wanderarbeiter, Aussteiger und Weltreisender, die Ideen entwickelt, verwirft oder umsetzt — und eine Generation, die sich eher für Lebensqualität entscheidet als für das dickste Gehalt.

Ein Anker für viele Briten

Im südwestlichsten Zipfel des Landes, in Sagres, haben sich zwei Hamburger ihr Leben neu aufgebaut: Holzveranda, selbst renovierte Möbel vom Trödelhändler, warmes Licht und ein langer Tresen — „Three Little Birds“ heißt das Restaurant, das Johanna Gerber und Max Stephan, beide Anfang 30, hier im Februar 2016 eröffnet haben. „Wir habenjahrelang in der Gastronomie gearbeitet und genug Erfahrung“, sagt Gerber. „Aber in Deutschland hätten wir uns einen eigenen Laden nie leisten können.“ Das gemütliche windumwehte Sagres kannten sie bereits seit Jahren vom Urlaubmachen. Und als das Angebot kam, die Pacht des Restaurants zu übernehmen, haben sie nicht lange überlegt. „Wir wussten, dass es passt. Wir haben den Vertrag unterschrieben, sind hergezogen, und sieben Wochen später war Eröffnung.“

Jahrzehntelang wollten die Leute aus Portugal vor allem weg — inzwischen ziehen viele her. Rentner, weil sie Steuerfreiheit im Sonnenschein genießen können. Franzosen, denen das Leben zu teuer geworden ist, und vor allem Briten, die sich vor dem Brexit schnell noch einen Anker auf dem Kontinent suchen wollen. Seit 2016 hat sich die Summe britischer Investitionen vervierfacht. In Beato, einem Industrieviertel östlich der Lissaboner Innenstadt, steht Simon Schäfer auf dem Gelände, das bald eine Innovationsabteilung von Mercedes beherbergen wird. Im nächsten Sommer, sagt er, soll es so weit sein. Schäfer kommt aus Berlin, wo er in den 90er Jahren Start-ups aufgebaut hat. Seit zwei Jahren arbeitet der 40-Fährige nun für das Regierungsprogramm „Start UP Portugal“, das die unternehmerischen Initiativen des Landes bündelt. „Wir funktionieren wie ein Thinktank innerhalb der politischen Struktur“, sagt Schäfer. Nach außen hin ging es zunächst darum, Unternehmen von den Vorzügen des Standorts zu überzeugen — was ihm nicht schwerfiel.

„Wenn man sich die Weltlage so ansieht, muss man sagen, dass sie Portugal in die Hände spielt: Amerika hat Probleme mit seinem Präsidenten, England hat den Brexit; Estland ist ganz schön nah an Putin …  Portugal ist wunderschön, die Leute sind sehr gut ausgebildet, es ist günstig, und es gibt alte Industriegebäude mitwahnsinnig viel Charme.“ So wie das Gelände in Beato. Früher war es eine Lebensmittelfabrik für die Armee — in einer Halle steht noch eine alte Keksmaschine mit Fließband. Sie soll beim Umbau erhalten bleiben, genau wie der Charakter des Gebäudes. Ganz oben, mit Blick auf den Containerhafen und den Tejo, wird bald Europas größte Dachterrasse entstehen — 2000 Quadratmeter, öffentlich zugänglich. „Das ist strategisch so gewollt“, sagt Schäfer. „Die Politik muss den Spagat hinkriegen zwischen Hipness, Innovation und sozialer Stabilität.“

Lissabon genieße derzeit viel Aufmerksamkeit, aber das Programm laufe auch in Porto und anderen Städten. „Es geht nicht darum, das neue Google zu erfinden oder das neue Facebook. Sondern darum, kleinere Firmen, die etwas entwickeln, mit den großen Plattformen zu vernetzen. Rund die Hälfte der Arbeitsplätze, die neu geschaffen wurden, stammt aus Firmen, die nicht älter sind als drei Jahre“

Für Rita Guerreiro war die Selbstständigkeit die Rettung — aber auch eine Flucht ins Ungewisse. „Ich habe während der Krise meinen Job zwar nicht verloren“, sagt sie. „Aber wir bekamen neue Verträge: mehr Arbeit für weniger Geld.“ Viele Arbeitgeber hätten die Situation ausgenutzt und erwartet, dass man immer verfügbar sei, auch am Wochenende. „Das hat vor allem die Frauen hart getroffen“, sagt Guerreiro. „Kinderbetreuung kann man nicht bezahlen, und mein Mann muss genauso viel arbeiten wie ich. Als Frau wirst du vor die Wahl gestellt: Willst du ein Kind oder einen Job? Was ist das für ein Leben!“ Vor drei Jahren hat sie ihre Stelle als Umweltingenieurin in Lissabon aufgegeben und gehört nun auch zu Portugals Gründerszene: In Poceiräo, südlich der Hauptstadt, hat sie ihren Betrieb „Aroma das Faias“ eröffnet — ein Biohof für Kräuter, die für pharmazeutische und kosmetische Produkte verarbeitet werden. Zwei Freundinnen sind an diesem Tag zu Besuch, es gibt Eistee mit frischer Minze direkt vom Feld. Sie haben das Gleiche erlebt wie Rita, erzählen sie. Aus dem Frust sei erst Wut geworden, dann eine Facebook-Gruppe — und schließlich ein Netzwerk: „Mulheres a Obra“, eine Plattform für Frauen, die sich selbstständig machen wollen. Rita Guerreiro ist 36 und hat drei Kinder; das jüngste bekam sie, während sie ihre Firma aufbaute. Zwei Jahre wird es noch dauern, bis die Investitionen für den Betrieb getilgt sind. Dann verdient sie Geld. Den Großteil ihrer Kräuter exportiert sie nach Deutschland. „Kräuter sind ein kleines, feines Geschäft, und wir haben beste Bedingungen“, sagt sie. Ihr Betrieb beschäftigt fünf Landwirte aus der Gegend, keine Roboter. „Ich will mit meiner Firma auch gar nicht so weit wie möglich wachsen. Ich will bloß, dass es reicht.“ Schließlich sei es die Gier gewesen, die Europa erst in diese Krise gestürzt habe.

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