Die Fabrik liegt hinter hohen Mauern am Stadtrand von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Ein Wachmann öffnet das drei Meter hohe Stahltor zum Gelände der Firma Seduno. Die Halle mit den Näherinnen ist groß wie ein Fußballfeld.

Diese miserablen Arbeitsbedingungen- und umstände kann man ohne Übertreibung „moderne Sklaverei“ nennen. Dort, wo hauptsächlich Frauen zusammengepfercht in schlecht beleuchteten Hallen an ihren Nähmaschinen sitzen und für einen Hungerlohn in 10 Stunden-Schichten Klamotten für die verwöhnten europäischen Kunden nähen. Kunden, die bei Billig-Ketten einkaufen und sich einen Teufel drum scheren woher die Sachen kommen und wie die Textilien produziert wurden. Hauptsache billig! Und damit auf Kosten der Gesundheit tausender Arbeiterinnen, die keine Alternative haben: Entweder 6 Tage die Woche 10 Stunden malochen, oder betteln gehen. Und in Indien, Pakistan oder China bedeutet betteln, auf der Straße zu verhungern. Aber Hauptsache die Führungsetage der große Textilketten aus Deutschland, Spanien und Schweden kann sich am Jahresende ob der gute Unternehmenszahlen mit Maximalgewinnen feiern lassen. Das ist Perversität in seiner Reinform.

Wo unsere T-Shirts, Hemden, Blusen, Jeans und Pullis genäht wurden, können wir leicht herausfinden. Ein Blick auf das Etikett genügt: Made in Bangladesh, India, Vietnam, Pakistan, China — oder Made in Cambodia. Und jeder ahnt die Leidensgeschichte, die darin steckt. Sehr wahrscheinlich wurden die Näherinnen nicht fair bezahlt. Vielleicht wurden sie so schlecht behandelt, dass man lieber nicht darüber nachdenken mag. Aber das schlechte Gewissen bleibt. Ein Mantel für 39,90 Euro! Wie ist das möglich? Ein Herbstkleid für 19,90 Euro! Unter welchen Bedingungen wurde es genäht? Das Foto der staubigen Leichen einer Frau und eines Mannes, die im Frühjahr 2013 aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch geborgen wurden, geht uns nicht mehr aus dem Kopf. In den Läden von C&A, H&M, Zara oder Primark stellen Kunden immer öfter kritische Fragen: Was unternimmt eure Firma, damit es fairer zugeht? Warum erhöht ihr nicht einfach die Preise für T-Shirts und Hosen um ein paar Cent und sorgt dafür, dass es den Näherinnen und ihren Familien besser geht? Ja, warum eigentlich nicht? Studien des Marktforschungsinstituts GfK zeigen: Bei der Hälfte der Kunden spielen Ethik und Moral beim Einkauf eine wichtige Rolle. Sie sind sogar bereit, für nachhaltig und gerecht produzierte Bekleidung mehr zu zahlen. Da wird aus einem Gefühl reale Ökonomie.

Die Fabrik liegt hinter hohen Mauern am Stadtrand von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Ein Wachmann öffnet das drei Meter hohe Stahltor zum Gelände der Firma Seduno. Die Halle mit den Näherinnen ist groß wie ein Fußballfeld. In 42 langen Reihen sitzen hier 2000 meist junge Frauen auf schmalen Holzbänken leicht nach vorn gebeugt hinter Nähmaschinen. Es rattert und surrt. Ein Tosen erfüllt die Halle, wie Meeresbrandung. 18 Millionen Teile fertigen sie hier pro Jahr. Der Fabrikchef lacht, sein ganzer Körper wiegt sich inmitten der Wellen aus Lärm und schwüler Luft. „So klingt es,wenn alle gut arbeiten“, sagt er stolz. Einige Frauen blicken auf und lächeln verlegen. Sie nähen Kapuzenpullis für C&A und Blusen für H & M, die in wenigen Wochen in Deutschland verkauft werden. Über jeder Näherin hängt ein farbiger Wimpel. Ist er grün, liegt sie im Soll. Orange bedeutet Nachsitzen. In der Mittagspause legen sich manche erschöpft in den Schatten unter einen Lastwagen mit einem Schiffscontainer darauf. Er wird gerade mit Ware für Europa beladen.

Punkt sechs am Abend stehen alle Nähmaschinen still. Die Frauenstempeln sich mit ihrem Fingerabdruck an einem Zeiterfassungsautomaten aus. Minuten später erlischt das grelle Neonlicht in der Halle. Drei Näherinnen bleiben zum Gespräch mit Journalisten. Vom Fabrikmanagement ist niemand dabei, als freundliche Geste aber ließ man sechs Flaschen Wasser in einen Besprechungsraum stellen. Die Frauen sagen, sie dürften offen reden. Es sei eine gute Fabrik. Es gebe viele, die schlimmer seien. Sie arbeiten acht bis zehn Stunden an sechs Tagen in der Woche. Manchmal auch an sieben. Sie verdienen bei guter Leistung  etwa einen Dollar pro Stunde. Ein Hungerlohn, auch hier in Kambodscha. Ihre Familien können davon nicht leben.Nun übersetzt die Dolmetscherin die Frage: Wie viel mehr sie gern verdienen würden? Die drei schauen sich ungläubig an. Das habe sie noch nie jemand gefragt. In Kambodscha bestimmt die Regierung, wie viel in den Fabriken bezahlt wird — nämlich der Mindestlohn von 170 Dollar im Monat.

Also, wer sagt etwas dazu? Schließlich sagt Phorn, mit37 die Älteste in der Runde: „Vielleicht fünf Dollar.“ Sie meint fünf Dollar mehr in der Woche. Heng, die Jüngste ruft: „Oder zehn?“

Ihre Gesichter strahlen. Sie reden jetzt darüber, was sie mit dem Geld machen würden. Sie könnten dann besseres Essen kaufen, nicht mehr nur die sauren Billigsuppen, die es für zehn Cent in Plastikbeutel verpackt bei den Händlern vor dem Werkstor gibt. Die Frauen essen zu wenig, sie sparen sich jeden Cent vom Mund ab. Es kommt vor, dass sie während der Arbeit zusammenklappen. Oder sie könnten ein gebrauchtes Moped kaufen. Dann müssten sie nicht länger mit dem Lastwagen in  die Fabrik fahren, bei dem sie hinten auf der Pritsche stehen. Die Fahrzeuge sind lebensgefährlich. Jede Woche sterben in Kambodscha Näherinnen auf dem Weg zur  Arbeit. Oder noch besser: Sie würden das Geld sparen für die Schule ihrer Kinder.

Nur ein paar Dollar mehr am Tag würden für die Frauen und ihre Familien einen riesigen Unterschied machen. Und die Hemden, Pullis und Hosen, die sie nähen, würden tatsächlich nur ein paar Cent mehr kosten. Kein Konsument würde das spüren.

Die Lohnkosten für ein T-Shirt liegen in Kambodscha bei 15 bis 20 Cent. Fünf Cent mehr — warum geht das nicht? Oder sogar 50? Die Konzerne antworteten bislang so: „Die Fabriken, in denen die Ware gefertigt wird, gehören uns ja gar nicht.“ — „Wir legen die Löhne nicht fest.“ – „Es werden doch Mindestlöhne bezahlt!“ Und wenn sie ehrlich antworteten, sagten sie: „Wir wollen nicht auf den Profit verzichten.“ So war es bisher. Doch nun findet ein Umdenken statt. Im Stillen haben sich 20 internationale Modekonzerne zusammengeschlossen. C&A, H&M, Tchibo und Zara (Inditex) sind  dabei, auch der US-Konzern PVH mit den Marken Tommy Hilfiger und Calvin Klein. Sogar der Billigmodeladen Primark macht  mit. Sie wollen, dass in den Textilfabriken höhere Löhne gezahlt werden. Und, das ist das bahnbrechend Neue: Die Unternehmen sind bereit, die höheren Kosten zu tragen. Selbst wenn es am Ende zulasten der eigenen Gewinne geht.

Zusammenarbeit und Veränderung

Die Organisation, die sie gemeinsam gegründet haben, heißt ACT — Action, Collaboration, Transformation. Genau darum geht es: Aktion, Zusammenarbeit, Veränderung. Der Deutsche Frank Hoffer, der  viele Jahre für die Internationale Arbeitsorganisation ILO in wichtigen Positionen gearbeitet hat, koordiniert die Initiative. Er sagt: „Unser Konzept ist radikal neu und ambitioniert. Es ist der vielversprechendste Weg, die Arbeitsbedingungen von vielen Millionen Textilarbeiterinnen zu verbessern.“

Bislang ließen die Modeunternehmen in den Ländern und Fabriken nähen, in denen es am billigsten ist. Das soll nun aufhören. Kapitalisten brechen mit den Regeln des Kapitalismus. Mehr noch: Modekonzerne, die in ihren eigenen Filialen die Arbeit von Betriebsräten lange Zeit behindert haben, werben nun in Asien für das Modell der Tarifpartnerschaft. Dabei handeln Gewerkschaften und Arbeitgeber die Löhne aus. Die Regierung hält sich heraus. Die Beschäftigten werden in die Abläufe der Betriebe eingebunden. Sie werden gefragt und gehört. Sie können auch mitbestimmen, wenn es um Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz oder Zuschläge für bestimmte Arbeiten geht.

Kambodscha ist der Testfall. Klappt es dort, sollen Bangladesch, Myanmar und noch viele andere Länder folgen. Kambodscha mit seinen 16 Millionen Menschen gehört zu den Armenhäusern der Welt. Seit 33 Jahren regiert der autokratische Ministerpräsident Hun Sen mit seiner Machtclique. Der wichtigste Exportartikel sind Textilien. Sie machen über 75 Prozent des Handels aus. Jedes zehnte T-Shirt auf der Welt trägt das Label Made in Cambodia. Der wichtigste Rohstoff des Landes sind junge Arbeitskräfte, vor allem Frauen, die bereit sind, für wenig Geld zu schuften. Über 730 000 sind in den Textilfabriken beschäftigt. Das ganze Land hängt am Geschäft mit dem Stoff.

Hinter dem Hotel „Cambodiana“ in Phnom Penh fließt braun und schwer der Mekong. Es ist Regenzeit, gigantische Wassermassen wälzen sich nach Süden in den Golf von Thailand. Während des Vietnamkriegs logierten im „Cambodiana“ die Kriegsberichterstatter aus aller Welt. Unter dem Massenmörder Pol Pot war das Hotel ein Speicher für Dünger. Nach dem Ende des Terrors der Roten Khmer wurde das Gebäude saniert. Nun will die Modeindustrie hier Geschichte schreiben. Es ist Mitte September, und die Tagungsräume sind für eine ganze Woche geblockt. Gewerkschafter, Fabrikanten, Regierungsvertreter werden erwartet. Die Einkaufschefs der Modekonzerne und die Experten für Nachhaltigkeit — die Sustainability Manager — sind schon da. Manche von ihnen dürfen nur sprechen, wenn ihre Namen nicht genannt werden. Denn es kommen unangenehme Wahrheiten über ihre Industrie ans Licht. Die Branche steckt mit ihren Produktionsmethoden in einer Sackgasse.

Einer sagt: „Unsere Industrie hat sich seit 100 Jahren kaum verändert. Menschen sitzen noch immer hinter Nähmaschinen. Wir sind schneller geworden und mit unseren Nähmaschinen einmal um den Globus gezogen. Es war ein Wettlauf nach unten: billig, billiger, am billigsten, von Europa nach China, Vietnam, nach Kambodscha, und bald geht es nach Afrika. Aber haben wir die Industrie modernisiert? Nein! Es ist ein Schande.“ Stattdessen wurde ein Kontrollsystem entwickelt, sogenannte Audits — um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern und die kritischen Konsumenten in Europa und Nordamerika zu beruhigen. Unabhängige Kontrolleure und NGOs, Nichtregierungsorganisationen, wurden damit betraut. Zehntausende gut bezahlte Jobs entstanden. Um die Industrie herum entwickelte sich ein Speckgürtel der Aufpasser, finanziert von Spenden der Konsumenten und von den Konzernen selbst. Doch die Audits entpuppten sich als Augenwischerei. Das Aufpasser-System verschlingt Millionen und bringt zu wenig. Es gelang nicht, die Missstände in den Fabriken dauerhaft zu beheben. Kaum war der Kontrolleur aus der Tür, blockierte wieder ein Stoffballen den Notausgang. In den Kaffeepausen erzählen die Nachhaltigkeitsexperten von der Schlacht, die sie nicht gewinnen können. Die Fahrer der Kontrollteams werden von den Fabrikmanagern bestochen. Sie verraten bevorstehende Audits. Bei Transparency International steht Kambodscha in der Rangliste der korruptesten Länder der Welt auf Platz 161 von 180. Im „Cambodiana“ gibt die junge Garde der Textilmanager den Ton an. Sie nennen   sich selbst „die dritte Generation“. Anders als ihre Vorgänger wollen sie das alte   System nicht nur reparieren, Missstände vertuschen oderverharmlosen, siewollen grundlegende Veränderungen erreichen. Statt auf Kontrollen von außen zu setzen, sollen Arbeiter und Gewerkschaften in den Fabriken gestärkt werden. Sie merken als Erste, wenn Feuerlöscher fehlen, Näherinnen zu Sonntagsarbeit gezwungen werden, Überstundenzuschläge nicht bezahlt werden oder Frauen sexuell belästigt werden.

Jenny Fagerlin arbeitet seit zehn Jahren als Expertin für soziale Nachhaltigkeit für den schwedischen Moderiesen H&M in Indien und Asien. Sie darf ohne Maulkorb sprechen. Sie sagt, sie habe eine klare Anweisung aus der Konzernzentrale in Stockholm, das neue ACT-System zu forcieren. Sie soll Gewerkschafter unterstützen. Wenn sich einer der Fabrikherren stur stellt, darf sie zur Not mit dem Entzug von Aufträgen drohen. Dabei geht es schnell um Beträge in Millionenhöhe. Über ihre persönliche Motivation sagt sie: „Ich stelle mir vor, es wäre meine eigene Tochter, die hinter einer Nähmaschine sitzt. Dann frage ich mich: Was würdest du fühlen?“   Aber es ist nicht Menschenliebe allein. Die Moderiesen reagieren auf den Druck ihrer Kunden, die mit gutem Gewissen einkaufen wollen. H & M oder C &A zum Beispiel stellen die Liste der Fabriken ins Netz, die für sie nähen. Bei Arket, einer Untermarke von H & M, erfährt der Käufer  sogar, in welcher Fabrik sein T-Shirt oder seine Hose gefertigt wurde. Modefirmen und Nähfabriken rücken enger zusammen. Da funktioniert die alte Ausrede nicht mehr: Wir konnten doch nicht ahnen, was sich hinter den Werkstoren abspielt. Und noch etwas ist anders als früher: Bei den Eigentümern der Modekonzerne vollzieht sich ein Generationswechsel. Branchenriesen wie C &A, H & M, Tchibo oder —Zara befinden sich ganz oder zum großen Teil in Familienbesitz. Die Kinder oder Enkel der Firmengründerwollen nicht als Menschenquäler und Ausbeuter in der Öffentlichkeitvorgeführt werden. Ein Manager im „Cambodiana“ sagt: „Die Eigentümerfamilien haben verstanden, dass sie der Verantwortung nicht davonlaufen können.“ Die Idee für ACT stammt aber nicht aus den Chefetagen der Konzerne. Jenny Holdcroft, eine Gewerkschaftsfrau mit australischen Wurzeln, gab den Anstoß. Holdcroft ist Vizechefin der 2012 gegründeten globalen Gewerkschaftsföderation Industriall. Die Organisation vertritt weltweit 50 Millionen Beschäftigte. Präsident ist Jörg Hofmann, Chef der deutschen IG Metall. Jenny Holdcroft plumpst in einen der grünen Plüschsessel in der Hotellobby. Es ist Freitagnachmittag, eine Woche voller Verhandlungen liegt hinter ihr. Sie sagt:  „Es ist Neuland für alle. So nah waren wir dem Ziel noch nie.“

Seit fünf Jahren ziehen sich die Gespräche. Nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem mehr als 1100 Menschen starben und über 2000 verletzt wurden, war die Branche geschockt. Alle Kontrollen hatten versagt. Es war das 9/11 der Modeindustrie. Nun  waren die Konzerne zu grundlegenden Veränderungen bereit. Holdcroft nutzte die Chance und warb für einen ganz neuen Kurs: Tarifverträge für die Textilindustrie in Asien. Zu ihrer Überraschung ließen sich die Großen der Branche darauf ein. Nun musste noch geklärt werden, wo das Experiment starten kann.

Holdcroft erinnert sich: „Wir haben einen ganzen Tag lang beraten. Es musste ein  Land sein, in dem es Gewerkschaften gibt und in dem die ACT-Konzerne mit ihrer Einkaufsmacht möglichst hohen Druck auf Fabrikbesitzer und Regierung ausüben können.“ Nach dem Motto: Entweder ihr macht mit, oder wir lassen unsere Ware künftig in anderen Ländern produzieren. Mit C & A, H & M und Zara an Bord war klar, es kann nur Kambodscha sein. Die Konzerne lasten mit ihren Aufträgen rund ein Drittel der Fabriken im Land aus. Die Fahrt führt in einen Außenbezirk von Phnom Penh. Für 20 Kilometer braucht das Taxi fast zwei Stunden. Lastwagen, Autos, Tuk Tuks  und Mopeds kriechen auf einer vierspurigen Straße in acht Spuren durch den Dauerstau. Die Stadt wächst. Überall lassen Investoren aus China Büro-Apartmenthochhäuser aus dem schlammigen Boden stampfen. Kinder an offenen Abwasserkanälen. Stichstraßen führen zu gewaltigen grauen Häusern. Es sind die Textilfabriken. Sie sind zu erkennen: keine Fenster, aber Öffnungen mit Ventilatoren, die Luft ins Innere blasen, damit die nicht stockig werden. Durch einen Torbogen, hoch wie ein vierstöckiges Haus, geht es in die Sonderwirtschaftszone. Die Ein- und Ausfahrt wird von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Gleich dahinter steht ein modernes Bürohaus: die Zentrale des Verbandes  der Textilindustrie in Kambodscha, kurz GMAC. Im Fahrstuhl zum Chefbüro spielt leise Klaviermusik von Chopin. Draußen sind es fast 38 Grad, drinnen keine 20.  Die Klimaanlage soll schon bald mit Solarstrom vom Dach versorgt werden, sagt der Chef stolz zur Begrüßung. Ken Loo, 44, ist der mächtigste Mann in der Textilwirtschaft Kambodschas. Er vertritt die Interessen von über 560 Unternehmen. Die meisten gehören Investoren aus China und Hongkong. Loo liebt es, über Zahlen zu sprechen: 46 Prozent der Produktion werde nach Europa exportiert, 21 in die USA, der Rest geht nach Japan, Australien und China. Das Geschäft wächst seit Jahren. Aber die Margen schrumpfen.  Nur noch drei bis fünf Prozent Gewinn seien drin, behauptet Loo. Seine Sicht der Welt ist streng kapitalistisch. Für die Besucher aus Europa fasst er  kurz zusammen: „Die jungen Frauen in Kambodscha haben die Wahl, in bitterer Armut in den Reisfeldern zu schuften oder  sich als Näherinnen zu verdingen.“ Beides sei nicht toll, aber hey, so läuft es eben. Loo sieht die Textilindustrie als Vorreiter der Globalisierung. Er sagt: „Wir kommen als Erste, und wenn die Löhne steigen, ziehen wir weiter.“ Für eine Textilfabrik brauche man lediglich eine große Halle, Nähmaschinen und ein paar Tausend billige Arbeitskräfte, und schon könne man überall auf der Welt loslegen. Er deutet hinter sich auf eine Weltkarte und sagt: „Gestern in Singapur, Korea oder China, heute in Vietnam, Myanmar und Kambodscha, morgen in Afrika.“

Es gibt keine Garantie für den Erfolg

Er greift in den Kühlschrank neben seinem Schreibtisch, stellt eiskalte Wasserflaschen auf den Tisch und sagt theatralisch: „Der Preis für Plastikwasser steigt, der Preis für Kleidung fällt. Da stimmt doch etwas nicht.“  Man ist gespannt, wie er über die Idee denkt, als Tarifpartner künftig Tarifverträge mit Gewerkschaften aushandeln zu müssen. Loo lächelt. Er sagt leise: „Was jetzt passiert, ist revolutionär. Die Philosophie dahinter ist revolutionär. Wenn es in die Praxis umgesetzt wird, wird es die Textilindustrieverändern.“ Bisher hätten die Modeunternehmen die Preise ständig gedrückt und gleichzeitig verlangt, dass die Arbeiterinnen besser bezahlt werden. Das sei nun das erste Mal anders. Revolutionär. Loo macht eine lange Pause. Man wartet auf ein „Aber“. Es kommt: „Aber wir wollen Garantien haben.“ Loo verlangt, dass H & M und Co. nicht in wenigen Jahren weiterziehen, weil die Löhne gestiegen sind und Fabriken in anderen Ländern billiger anbieten. Ken Loo sagt: „Die Fabriken in Kambodscha machen mit, aber die Fabriken in Vietnam, Bangladesch und Pakistan müssen in absehbarer Zeit auch dabei sein.“ Und dann folgt die Drohung: „Wenn das nicht passiert, bin ich nicht optimistisch.“ Loo steht auf und tritt ans Fenster, er muss rauchen. Letzte Frage: Wer hat Sie davon überzeugt, bei ACT mitzumachen? Er bläst eine Ladung Zigarettenqualm zum Fenster hinaus. Seine Antwort: „Ich selbst. Mein Aufsichtsrat ist skeptisch. Die Mitglieder in meiner Organisation sind es noch mehr. Ich persönlich glaube daran. Wenn es gelingt, ist es toll. Ein Fortschritt. Ich bin deshalb dafür, dass die Fabriken frei entscheiden können, ob sie bei ACT mitmachen oder nicht. Ich sage: Packt den Fisch auf den Tisch; wenn er lecker ist, wird er gegessen, wenn er stinkt, bleibt er liegen.“ Er muss jetzt los. Im „Cambodiana“ warten sie auf ihn. Dort erfährt Loo, dass die Modeunternehmen bereit sind, die Garantien zu geben. Ein Durchbruch. Die Gewerkschaften sind ohnehin an Bord. Die kambodschanische Regierung ist es seit wenigen Tagen auch. Es ist nun möglich, dass noch in diesem Jahr der erste Flächentarifvertrag in der Textilindustrie Asiens unterschrieben wird. Es wäre eine Zäsur. Wenn die Löhne steigen, muss die Produktion effizienter werden. Einige Fabriken stellen sich darauf ein, so wie Dakota Industrial, mit Nähfabriken in China, Myanmar und Kambodscha. Herman Leung aus Hongkong leitet das Geschäft. Er führt durch die Fabrik bei Phnom Penh. Im Erdgeschoss wird noch traditionell gearbeitet: Nähmaschine hinter Nähmaschine. Im ersten Stock steuert ein Computer die Produktion. Halbfertige Kleidungsstücke ziehen an Bügeln von einer Nähstation zur anderen. Wie am Fließband in einer Autofabrik. Bei Dakota können sie sogar feststellen, welche Näherin ein bestimmtes Kleidungsstück gefertigt hat. Sie könnten den Namen ins Etikett drucken.

Digitalisierung statt Lohndrückerei

Drei Näherinnen zeigen den Journalisten ihre Lohnabrechnungen. Sie verdienen zwischen 300 und 400 Dollar — deutlich mehr als der Mindestlohn von 170 Dollar. Die Firma zahlt Zulagen für gute Leistung, gibt Zuschüsse für die Krankenversicherung und übernimmt einen Teil der Fahrtkosten .Sogar für die Betreuung von Kleinkindern gibt es ein paar Dollar. Der Lohn wird in den Fabriken üblicherweise am Ende der Woche bar ausbezahlt. Bei Dakota können Arbeiterinnen ihren Lohn am Geldautomaten auf eine Kreditkarte laden. Sie haben ihr Geld unter Kontrolle, nicht ihr Ehemann. Macht Dakota Gewinn? Manager Leung sagt: „Ja.“ Wird seine Firma in Kambodscha bleiben oder nach Afrika weiterziehen? „Wir bleiben.“ Ein Team arbeitet an einem neuen Produktionssystem. Die Modefirmen sollen bei Dakota künftig nicht mehr Stückzahlen ordern, sondern per App Produktionsstunden kaufen. Das macht die Abläufe schneller — und, schöner Nebeneffekt: Es wird noch einfacher, die Lohnsteigerungen den Modefirmen direkt in Rechnung zu stellen. Punkt sechs am Abend stehen aber auch  bei Dakota Nähmaschinen und Computer still. Leung würde die teuren Anlagen gern im Schichtbetrieb laufen lassen. Aber das  klappt nicht. Die Wege zur Arbeit sind  nachts für die Näherinnen zu gefährlich, und die Fehlerquoten bei der Produktion waren zu hoch. Am Ende bestimmen die Einkäufer der  Modekonzerne, welche Fabriken den Zu schlag bekommen. Sie haben es in der Hand, ob die Lohn-Revolution gelingt. Die Einkäufer von H&M sitzen im Zentrum von Hongkong in einem anonymen Büroturm. Einkaufschef David Sävman dirigiert weltweit 3300 Mitarbeiter, die für den Nachschub für die 4800 Filialen und 200 Onlineshops des Moderiesen sorgen. Sävmann zählt sich zu den Revolutionären. Wir kaufen nicht mehr bei den Billigsten. Das ist vorbei.“ Mit den höheren Löhnen für die Näherinnen habe er kein Problem. Denn die Löhne und damit die Kosten jeden einzelnen T-Shirts steigen ja auch für die Konkurrenten bei Zara und C & A. Damit hat keiner einen Wettbewerbsvorteil. Aber der dauernde Druck  auf die Schwächsten in der Gruppe nehmen ab. Das sei gut, findet er. Für alle anderen gilt der Wettbewerb. Sävmann und seine Leute arbeiten verbissen daran, die Kosten niedrig zu halten, das Tempo in der Lieferkette weiter zu erhöhen und die Profitabilität zu steigern. Bei H & M haben sie dafür eine Methode entwickelt, sie nennen es Scientific Pricing — wissenschaftliche Preisfindung. Jeder Knopf, jede Verpackung wird optimiert. Sie helfen Fabriken dabei, die Abläufe effektiver zu machen. Das Rennen geht also weiter, aber vielleicht mit ein paar neuen Spielregeln: im Interesse der Frauen in den Fabriken. Erst dann hoffentlich bald überall. Phorn sagte zum Abschied: Wenn Sie wieder zu Hause sind und auf dem Etikett im Laden Made in Cambodia sehen, denken Sie vielleicht daran, dass das Kleidungsstück von Hand gemacht wurde. Vielleicht von mir und den Frauen. Es wäre schön,  wenn Sie die Sachen beim nächsten Mal anziehen.“ Versprochen.

1 KOMMENTAR

  1. Im Moment läuft ein Verfahren gegen KiK, den Billiganbieter von schlechten Textilien. Es wird Zeit, dass die Branche mal zurecht gestutzt wird. Was man das liest und hört, wie die sich auf Kosten der Arbeiter/innen bereichern, das ist wirklich ekelhaft.

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