Dann bricht der letzte Abend an, und wir fahren zum Twelve-Apostles-Hotel in Kapstadt. Stresstest und Prämie zugleich.

Südafrika hat seine finstere Vergangenheit mit Rassendiskriminierung und Apartheid offensichtlich abgelegt und repräsentiert mittlerweile ein Land, das Kinder liebt und für Reisende viel zu bieten hat. Eben auch für Familien mit Kindern – was anderswo oft als störend angesehen wird. Auch in Sachen Kulinarik hat Südafrika aufgeholt, der Weinbau zum Beispiel bringt großartigen Trinkgenuss hervor. Daneben thront der Tafelberg hoch über der Hafenstadt an der Südwestküste Südafrikas und verleiht Kapstadt ein besonderes Flair. Es ist nicht übertrieben zu sagen, Südafrika boomt, und mit seiner angenehmen Durchschnittstemperatur von etwa 22 Grad ist der Winter eher frühlingshaft mild.

Den Reisebericht einer bekannten Journalistin nutzen wir, um den Fokus auf das 13-Flugstunden entfernte Paradies am Indischen Ozean zu legen und die Lust an Fernreisen neu zu wecken. Wie gesagt: An Orte, wo man Kinder liebt. Dort trägt die Kellnerin unsere Tochter einfach weg. Durch die Scheiben des Aquariums sehen wir Tilda mit den Armen rudern. Kurz will ich rufen: Komm zurück! Doch dann hören wir das Kind lachen. Erleichtert widmen wir uns den gegrillten Calamari. „Wir können mit Kindern, wir sind Schwestern, Tanten, Nannys“, sagt die Kellnerin im Restaurant am Hafen von Knysna, als sie unser Baby zehn Minuten später zurückbringt. Ihre Worte werden unsere Reise begleiten. Elternzeit in Südafrika, mein Freund, unsere Tochter und ich. Kapstadt, Garden Route und retour, 1500 Kilometer, angenehme Temperaturen, und überall habe ich gelesen: kinderfreundlich. Erster Tag, erster Spielplatz, neun Uhr im Osten Kapstadts. Männer mit Hornbrillen trinken Cappuccino, Frauen in Wallekleidern löffeln pochierte Eier. An der Straßenecke bremst ein Minibus mit Landesflagge, Arbeiter steigen ein. Tilda schaukelt im Autoreifen, als sich ein blondes Mädchen nähert. „Wie alt?“, fragt das dazugehörige Kindermädchen und erzählt dann stolz von der Entwicklung seines Zöglings. Zum Abschied sagt es: Bis Mittwoch. Mittwoch? Na, Krabbelgruppe, in der Bücherei.

Kinderlieder auf Afrikaans

Und so sitze ich Tage später mit 20 Nannys, einem Vater und einer Mutter im Kreis, singe englische Kinderlieder und merke erst, dass ich gar nicht wirklich dazugehöre, als eine Frau einen Vers auf Afrikaans anstimmt und dazu eine ambitionierte Choreografie tanzt. Es ist nicht einfach, ein Land zu bereisen und dessen Bewohner kennenzulernen. Wir bringen Zeit und unsere Tochter nach Südafrika: zwei Komponenten, die es leichter machen. Während Kinder einem in Deutschland so manche Tür verschließen, öffnen sich hier dank Tilda ständig welche. Man spricht uns an. Im Restaurant, im Museum, auf der Straße. Schnell entwickeln sich Gespräche über Windeln, Kinderernährung oder Ausflugsziele. Manchmal wird es auch ernst: Dann diskutieren wir über ein Land, das 24 Jahre nach dem Ende der Apartheid immer noch zerrissen wirkt. Wo Kindermädchen nicht genug verdienen, um zwei große Lebensmitteleinkäufe im Monat zu machen. Wir picknicken mit Hunderten im Botanischen Garten und spielen beim Designmarkt an Woodstocks Old Biscuit Mill Verstecken unter den Kleiderständern. Auf den Weingütern von Stellenbosch und Constantia stapelt unsere Tochter Korkenwie Bauklötze und ruft in leere Weinfässer. Bei Sonnenuntergang auf dem Signal Hill lädt sie uns zum Picknick bei einer südafrikanischen Familie ein: Sie krabbelt voran, wir kriechen hinterher. Haben wir uns zu Beginn noch in kein  gehobenes Restaurant getraut und schlechte Bewertungen der Taxi-App gefürchtet,  wenn das Kind Banane an den Rücksitz schmierte, lernen wir bald: weniger denken, mehr machen.

Restaurants mit Streichelzoo

Selbst die Gastgeber unserer Cottages übertreffen sich in Sachen Aufmerksamkeit. Sie bringen Moskitobalsam, kaufen Baby-Biltong gegen das Zahnen und bauen aus Rosenrankgittern einen Treppenschutz. Als wir im Städtchen Kareedouw ankommen, wartet Cassie schon mit dem Mittagessen auf uns, Kotelett und Kürbis-Püree. Die Mittsechzigerin hat Tilda eine Decke auf den Rasen gebreitet, von der aus sie Ziegen und Strauße beobachten kann. Cassie erzählt von ihren Enkeln in Australien, die sie alle zwei Wochen via Skype sieht und alle zwei Jahre in echt. Drei Tage später schenkt sie Tilda zum Abschied ein Spielzeug ihrer Enkel. „Passt gut auf meine Süße auf“, ruft sie uns hinterher, ihre Augen schimmern glasig. Je weiter wir ins Land fahren, desto mehr saugen wir auf von dieser bedingungslosen Kinderfreundlichkeit. Wir halten an Tankstellen mit Abenteuerspielplätzen, an Restaurants mit eigenem Streichelzoo. Kinderstühle und Spielzeug werden mit der Karte an den Tisch gebracht. Unsere Tochter mag die neue Aufmerksamkeit, sie strahlt und winkt, statt zu fremdeln, teilt Reiscracker, lässt sich bespaßen und herumtragen. Im Auto grinst dieses Stadtkind, das es zuvor keine fünf Minuten im Kindersitz aushalten wollte, plötzlich zufrieden, spielt, verschläft ganze Fahrten. Trotz spektakulärer Panoramen. Hinter Mossel Bay leuchtet der Sandboden orange, Sukkulentengruppen wachsen am Straßenrand, als habe ein Landschaftsarchitekt sie dorthin verpflanzt. Bei Swellendam rennen Strauße mit den Autos um die Wette. Wir passieren lange Strände mit Puderzuckersand, an denen die Wellen ungestüm brechen. Und am Horizont ist immer eine Bergkette zu sehen, mal die Hottentots-Holland Mountains, mal das schroffe Felsmassiv der Tsitsikamma-Berge. Irgendwann schläft auch mein Freund auf der Rückbank. Und aus den Lautsprechern singt Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers leise: „Road-trippin‘ with my two favorite allies“. Wie recht er hat. In Knysna, die Lagune flimmert unter der Abendsonne, können wir auf einem der schönsten Spielplätze überhaupt endlich auch mal etwas zurückgeben. Ein Mädchen und sein Bruder spielen allein, die Mutter grillt 100 Meter weiter an einem Picknicktisch. Also schaukeln wir die beiden, türmen Sand zu Burgen.

Haferbrei im Hotel

Dann bricht der letzte Abend an, und wir fahren zum Twelve-Apostles-Hotel in Kapstadt. Stresstest und Prämie zugleich. Mit Baby in ein Luxushotel? Geht das? Wollen wir das wirklich? Ein Page parkt unser Auto, sein Kollege geleitet uns zur Terrasse über den Klippen von Camps Bay. Wir rühren Tilda unter dem Tisch einen Haferbrei an, sie schmiert ihn darauf. Hektisch putzen wir die Peinlichkeit weg, deutsche Scham im Gesicht. Die Kellnerin sieht das, kommt dazu — und klatscht unserer Tochter lachend Beifall, alles nicht so schlimm. Als wir uns gen Horizont drehen, merken wir: Die Sonne ist schon verschwunden. Es ist uns egal.

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