Heute werkeln überall seine Leute, in den Fabriken an den Kaschmirpullovern, auf den Feldern am eigenen Wein. Er hat ein Marmordenkmal zu Ehren der Menschenwürde errichten lassen, das „Tributo alla dignitä dell'uomo".

Also der Typ ist wirklich speziell. Er ist steinreich, Modeunternehmer und Modephilosoph. Außerdem liebt er die Menschen und liebt sein Land, Italien. Dafür baut er seit 33 Jahren sein Heimatdorf in Umbrien wieder auf: Die Wiedergeburt des Örtchens Solomeo. Und hat vor vielen Jahren eine Modefirma gleichen Namens aufgebaut, die sich mit Strickwaren aus Kaschmirwolle einen Namen gemacht hat. Die Gewinne aus dem Unternehmen, einer Aktiengesellschaft, nutzt er unter anderem, um Gutes zu tun. Als Philanthrop, als Menschfreund, bezeichnet er sich gerne selbst. Dafür läßt er beispielsweise seine Produkte in Heimarbeit bei ortsansässigen kleinen Familienunternehmen fertigen, verhilft diesen dadurch zu gewissem Wohlstand und philosophiert gerne über Mode und eine bessere Welt.

Das kann man erleben, wenn man Gast von einem seiner privaten Vorträge ist. Dazu muss man nach Solomeo reisen. Dann kann man folgendes Szenarion erleben: Die grauen Wolken über Solomeo haben sich verzogen; die Strahlen der Abendsonne färben die Hügel golden, hüpfen glitzernd durch die Pfützen, die sich auf der großen Dorfterrasse gebildet haben. Es wirkt, als hätte sich der Himmel für ihn aufgetan, den Kaschmirkönig aus Umbrien, Brunello Cucinelli, der gleich eine Ansprache über Schönheit und  Menschlichkeit halten wird. Der 65-Jährige tritt auf die Bühne und begrüßt 500 Gäste, angereist aus den USA und China, aus Brasilien, Frankreich und Deutschland. Sie sind gekommen, um sein Werk zu bestaunen, das er nun vollendet hat:  die Wiedergeburt des Dorfes Solomeo. Hier ist seine Frau aufgewachsen. Wie viele antike Dörfer in Italien drohte es zu veröden, die Häuser verfielen, die jungen Leute zogen weg, weil es keine Perspektive gab. Bis Cucinelli in den Achtzigern beschloss, hier Kaschmirmode herzustellen. „Wir sollten alle wieder in Dörfern leben“, sagt er zu seinen Gästen. „Das Leben in der Stadt ist  nicht gut für den Menschen.“ 33 Jahre lang ließ Cucinelli das Dorf restaurieren, die Arbeiten begannen, kurz bevor die erste der beiden Töchter zur Welt kam. Heute sind beide erwachsen, arbeiten für die Firma des Vaters und leben mit ihren Familien in Solomeo. Cucinelli ließ die alten Häuser aus dem 14. Jahrhundert erneuern, ebenso die Kirche Sankt Bartholomäus; er ließ ein Theater errichten, kaufte die  umliegenden Ländereien mit den alten Fabriken, riss diese ab oder baute sie in moderne Produktionsstätten für seine Firma um. Auch die Weinberge, Olivenhaine und Obstplantagen erweckte er wieder zum Leben. Heute werkeln überall seine Leute, in den Fabriken an den Kaschmirpullovern, auf den Feldern am eigenen Wein. Er hat ein Marmordenkmal zu Ehren der Menschenwürde errichten lassen, das „Tributo alla dignitä dell’uomo“. Und in der Burg von Solomeo lernt der Nachwuchs das Schneiderhandwerk. All das hat Cucinelli aus seinem Privatvermögen finanziert, über die Summe schweigt er. „Klar kostet es etwas, 320.000 Quadratmeter neu zu gestalten“, sagt er. „Aber das interessiert mich nicht, ich wollte, dass die Menschen hier schön leben und arbeiten können.“ Die Sonne in seinem Rücken hat sich weiter gesenkt und umgibt Brunello Cucinelli mit einem Kranz aus Licht .Hier spricht kein Manager und Mäzen, hier spricht ein Prediger. Er erzählt von den ärmlichen Verhältnissen, denen er entstammt, seinem Großvater, dem Bauern, der trotz Armut immer ein Zehntel seines Ertrages der Gemeinde gegeben hat — damit die Gesellschaft gedeihen konnte. „Da müssen wir wieder hin“, sagt er. Cucinelli glaubt fest an das Gemeinwohl, an einen „humanen Kapitalismus“. Der Erfolg gibt ihm recht, in seiner börsennotierten Firma arbeiten heute 1700 Menschen, der Jahresumsatz liegt bei rund 500 Millionen Euro.

Auch von seinem Vater, dem Fabrikarbeiter, spricht er, stets gedemütigt sei der vom Tagwerk nach Hause gekommen. In Cucinellis Firma fällt in alle Räume Tageslicht. Es gibt eineinhalb Stunden Mittagspause, damit man zu Hause mit der Familie essen kann. Um 17.30 Uhr ist Feierabend, danach und am Wochenende gilt: keine E-Mails und Anrufe. „Klar, wenn es wichtig ist, kann man auch außerhalb der Arbeitszeit anrufen“, sagt er. „Aber mal ehrlich, wie oft ist es wirklich wichtig?“

Brunello Cucinelli hat nie an einer Universität studiert. Doch er gibt sich als Universalgelehrter, wenn er sich von Zitat zu Zitat schwingt, mal Kant, mal Marc Aurel, Seneca oder Rousseau anführt. Cucinelli ist sicher, dass sich alles zum Guten wendet, wenn wir uns wieder mehr um die wahren Dinge kümmern: Um Schönheit, Toleranz, Moral, Würde. „Aber wir müssen das in die Hand nehmen“, sagt er. „Ihr jungen Leute seid die Junior-Manager der Menschlichkeit. Ich bin der Senior-Manager.“ Woher er diesen Idealismus nimmt, wo sich die politische Debatte in den USA und in Europa gerade eher von Würde und Toleranz wegbewegt? „Aber nein, überlegen Sie mal, nach Nero kam Vespasian“, sagt er — der eine brannte Rom nieder, der andere förderte die Kunst und stabilisierte die Finanzen des  Reiches. „Und überhaupt, die Wahl von Trump, das war ein Geschenk! Über was haben wir denn vorher geredet? Über nichts von Bedeutung. Jetzt erheben wir die Stimme, streiten für die Menschlichkeit.“ Er lächelt aufmunternd. Und ob es an der unwirklichen Schönheit der Landschaft liegt, dem weichen Kaschmir, der hier im Dorfladen ausliegt, oder seinen Worten — man will ihm einfach glauben.

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