Zwei Kurven und acht Gourmet-Restaurants weiter westlich führt eine unauffällige Schotterstraße zum ältesten Weingut der Gegend. 1975 experimentierten die Gründer Nat und Rose White auf dem Hang einer alten Zitronenplantage mit Rebstöcken.

Reisen bildet und Reisen kann aufregend und inspirierend sein. Vor allem wenn man so tolle Plätze ansteuert wie die australische Halbinsel Mornington, die Paradies und Refugium zu gleichen Teilen ist. Sie gehört zu den schönsten Seiten des 5. Kontinents und präsentiert seinen Besuchern neben Wassersport, Faulenzen und Strandleben auch etwa 60 kleine Weingüter und sagt von sich, den besten „Pinot Noir“ hervorzubringen, einen leckeren Roten, den Weinkenner auf der ganzen Welt schätzen. Kleine Insel mit großen Eindrücken, so könnte man das Eiland treffend umschreiben.

Wie eine Mondsichel liegt die Mornington-Halbinsel in der Port Phillip Bay. Mediterran glattes Wasser in der Bucht, tosende Wellen an der südlichen Seite, die zum Ozean geht. Und auf dem Land dazwischen liegen heiße Badequellen, Eukalyptuswald und Weinberge. Vor allem die Einwohner aus dem australischen Bundesstaat Victoria treffen sich hier regelmäßig an langen Gourmet-Wochenenden, um zu baden, zu tauchen, zu surfen, zu wandern, zu entspannen. Wer kein Wochenendhaus besitzt oder mieten will, stellt das Zelt unter den Bäumen in der langen Bucht auf.

„Hier gedeiht der vermutlich beste Pinot Noir der Welt“, sagt Ric Marie und nippt an einem leichten Roten. Australier lieben Superlative, aber der 48-jährige Melbourner trägt seine Begeisterung überzeugend vor. Ric Marie sitzt mit Freunden auf dem Rasen des Weinguts Red Hill Estate beim Lunch. Zu Scampi in Hanfkruste trinken sie Pinot Noir und Chardonnay, gereift auf den Hängen zu ihren Füßen. Das Laub auf den Hügeln leuchtet rot und gelb in der Herbstsonne. Dahinter funkelt dunkelblau das Meer. Für Momente wie diesen, findet Ric Marie, lohnt die eineinhalbstündige Anfahrt aus Melbourne.

Zwei Kurven und acht Gourmet-Restaurants weiter westlich führt eine unauffällige Schotterstraße zum ältesten Weingut der Gegend. 1975 experimentierten die Gründer Nat und Rose White auf dem Hang einer alten Zitronenplantage mit Rebstöcken. Seither wird das Main Ridge Estate mit begehrten Wein-Preisen ausgezeichnet. Vor drei Jahren haben Libby Sexton und ihre Familie das Gutübernommen. In der Probierstube steht sie vor einer Tafel, die nur Weine von 2016 auflistet. „Alle anderen Jahrgänge sind ausverkauft.“ Rund 20 Kilometer misst die Mornington-Halbinsel an ihrer breitesten Stelle. Auf etwa720 Quadratkilometern bietet sie Platz für mehr als 60 Winzer, Bierbrauer, Oliven- und Obstbauern. Außerdem finden sich hier etwa100 Kilometer Wanderwege. Das Ufer der Bucht säumen rund 1300 Strandhütten: gestreift, getupft und bunt lackiert. Vor rund 100 Jahren nagelten Besucher sie aus Holz zusammen, damit die Frauen sich unbeobachtet umziehen konnten. Später wurden die Hütten als Boots- und Angelschuppen genutzt. Heute sind viele der restaurierte Stolz ihrer Besitzer — und bis zu über 100.000 Euro wert.

Gegensätze bestimmen das Bild

Kultiviert geht es zu in Mornington, doch die Gegend hat durchaus wilde Seiten, dazu einige mysteriöse und überraschende. Am Point-Nepean-Nationalpark kracht die Brandung zwischen schwarzen Felsen auf den Sand, ein Fußpfad schlängelt sich die Steilküste entlang. An diesem südlichen Zipfelverloren die Australier vor mehr als 50 Jahren einen Premierminister. Harold Holt ging im Dezember 1967 am Cheviot Beach baden — und tauchte nie wieder auf. Verschwörungstheoretiker unken bis heute, Holt sei in einem chinesischen U-Boot abgetaucht. Tatsächlich ist Cheviot Beach nicht der sanfteste von Australiens mehr als 11000 Stränden. Romantisch, aber rau liegt er unter den Klippen. Strömungen, hohe Brandung und Felsen unter der Oberfläche machen die Bucht gefährlich. 1887 kenterte hier das Dampfschiff „Cheviot“, 35 Passagiere kamen ums Leben. Für Besucher tabu blieb die Bucht lange aus einemanderen Grund: Die Landzunge war früher Quarantäne-Zone für Siedler, die mit dem Schiffeintrafen; später wurde sie militärisches Übungsgebiet.

Die Festung Fort Nepean wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst, seither wird hier nicht mal mehr auf Kaninchen geschossen. Auf den einstigen Premierminister Harold Holt und das Militär verweisen nur noch Gedenktafeln sowie ein paar alte Befestigungen. Familien radeln im Park vorbei an den Bauten der Quarantänestation, Paare picknicken auf Ruinen, darüber kreisen Seeadler auf der Suche nach Beute.

„Wer das Meer liebt, findet keinen besseren Fleck. Für mich war es fantastisch, hier aufzuwachsen“, sagt Alan Blake, für den die Mornington-Halbinsel immer noch ein großer Abenteuerspielplatz ist: Früher verbrachte er die Nachmittage zwischen den Strandhütten vor Mount Eliza, surfte am Point Leo. Waren die Wellen nicht gut, schnorchelte er auf der Suche nach Seedrachen, Rochen und Tintenfischen zwischen den Seebrücken, die bis zu 500 Meter weit in die Bucht ragen. Unter dem Pier von Rye gibt der „Octopus’s Garden“ Orientierung, ein Tauchpfad.

Zwischen Bucht und Meer

Seine Arbeit als Programmierer erledigte Blake meist abends, „um tagsüber Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens zu haben“. Erst als das yon ihm gemietete Haus am Strand verkauft wurde, zog er weg. Heimweh holt den 53-Jährigen immer wieder zurück: zu den Sonnenaufgängen in der Bucht, in den Endeavour Fern Gully, wo ein Rest Regenwald geblieben ist, zu seinen Surfspots vor dem Dorf Flinders. „In Australien lassen sich nur selten so viele unterschiedliche Stimmungen an einem Fleck erleben“, sagt Blake. Mit seinem Gleitschirm ist er am Morgen über die wilde Seite der Küste geflogen, fast bis zum Point Nepean und zurück.

An ihrem westlichen Ende wird die Halbinsel in Sorrento schmal, nur knapp zwei Kilometer trennen den Pier in der Port Phillip Bay von der Brandung des Ozeans. Dazwischen säumen Bauten aus hellem Kalkstein eine hübsche Dorfstraße. Mit dem italienischen Namensvetter hat der Ort allerdings bestenfalls gute Cafés und den Meerblick gemeinsam. Am Back Beach sind die Angler vor Sonnenuntergangmit Seeschwalben, Austernfischern und der Brandung allein. Darüber thront Coppins Lookout, einer von Morningtons Logenplätzen mit Prachtblick: auf das tosende Meer, den gut 300 Meter hohen Berg Arthurs Seat und die geschützte Port Phillip Bay auf der anderen Seite. Halb wild und halb zahm — bis in den letzten Zipfel.

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