Ob wir nachts gut schlafen, hängt sehr stark davon ab, was tagsüber geschieht. Ungelöste Probleme, Streit, Ängste und Stress im Job stören die Nachtruhe.

Dass fehlender Schlaf sehr ungesund ist und mitunter zu großen gesundheitlichen Problemen führt, wissen viele von uns. Aber oft herrscht Ratlosigkeit, wie man Schlafmangel bekämpfen kann. Schlaflosigkeit und Durchschlaf- bzw. Einschlafstörungen betreffen mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland. Krass, aber wahr.

Die Zeitumstellung ist mit schuld an Schlafproblemen

Am letzten Oktobersonntag wird es nachts an den deutschen Bahnhöfen gespenstisch still. Für 60 Minuten fährt kein Zug mehr. Kein Reisender kommt an, niemand bricht auf. Eine Stunde lang legen Lokführer und Zugbegleiter ihre Arbeit nieder. Einige Passagiere   der Nachtlinien mögen sich dösend über  die Ruhe wundem. Erst wenn die dritte   Stunde des Tages schlägt, nehmen die Bahnen wieder Fahrt auf. Und kommen doch pünktlich ans Ziel. So, als hätten sie niemals stillgestanden.

Nach einstündigem Halt laufen Fahrplan und mitteleuropäische Zeit wieder synchron. Die Sommerzeit ist beendet. Und das vielleicht zum letzten Mal. Mehr als drei Millionen Bundesbürger haben sich kürzlich gegen die alljährliche Zeitumstellung ausgesprochen. Wissenschaftler unterstützen das Vorhaben der Europäischen Kommission. Laut Deutscher Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) haben rund ein Viertel der   Deutschen Probleme mit dem Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit.

Lebenswichtige Bewusstlosigkeit

Die zweimal jährliche Zeitverschiebung ist nur einer von vielen Faktoren, die uns den Schlaf rauben. Die uns herausreißen aus einem mysteriösen, traumhaften   Zustand des Geistes, aus einer lebenswichtigen Bewusst- und Tatenlosigkeit.  Unser Schlaf entspannt und stärkt uns, aber er reagiert äußerst fragil und sensibel auf innere und äußere Belastungen.   eine Epidemie grassiert sein Mangel. „Wär leben in einer völlig übermüdeten Gesellschaft“ , mahnt Ingo Fietze, der Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums in Berlin.

Eine Studie der Techniker Krankenkasse ergab, dass ein Viertel der Erwachsenen nicht die ärztlich empfohlene Mindestdauer von sechs Stunden Bettruhe pro Nacht erreicht. Jeder dritte Deutsche gibt an, unter Schlafstörungen zu leiden. Die Betroffenen haben oft Schwierigkeiten, ein- oder durchzuschlafen, wälzen sich stundenlang hin und her, geplagt von Grübeleien.

Laut aktuellem DAK-Gesundheitsreport könnte die Zahl der Ruhelosen sogar noch höher liegen: Demnach klagen 80 Prozent der Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren über gestörten Schlaf. Das würde bedeuten, dass etwa 34 Millionen Arbeitende morgens nicht erquickt, sondern erschöpft aus dem Bett steigen.

Knapp 57 Milliarden Euro jährlich kosten unausgeschlafene Arbeitnehmer die deutsche Wirtschaft. Wer ständig zu wenig schläft, leistet sich mehr Fehltage und ist unproduktiver als ausgeruhte Kollegen. Auch im Straßenverkehr ist bei vielen dramatischen Unfällen Übermüdung die Ursache.

Seit der ersten DAK-Schlafstudie im Jahr 2010 sei zwar das Bewusstsein über die Bedeutung von Schlafstörungen gestiegen, sagt Thomas Bodmer, Vorstand der Krankenkasse, die Zahl der Betroffenen sei jedoch unverändert hoch: „Viele Menschen unterschätzen, dass hinter der Schlafstörung eine ernsthafte Erkrankung stecken kann. Es tut ja nicht weh.“ Ein paar durchwachte Nächte sind kein Gnmd zur Sorge, eine echte Schlafstörung hingegen schon. Weil Betroffene sie selten erkennen, quälen sie sich oft jahrelang. Der schlechte Schlaf wird zur schlechten Gewohnheit, zu einer chronischen, gesundheitsgefährdenden Belastung.

„Wer nur vorübergehend schlecht schläft oder leicht schnarcht, ohne am nächsten Tag kaputt zu sein, hat keine Schlafstörung im medizinischen Sinne“ , erklärt der Kölner Schlafmediziner Michael Feld. Ansonsten gelte die Dreier-Regel: Dauern die Beschwerden länger als drei Wochen, treten sie öfter als dreimal pro Woche auf und liegen Betroffene länger als drei Stunden pro Nacht wach, sollten sie ihren Hausarzt oder einen Schlafmediziner aufsuchen.

Häufig passen Selbstwahrnehmung und objektive Messung gar nicht zusammen. „Manche Patienten, die klagen, sie würden nachts kein   Auge zutun, schlafen im Labor gar nicht schlecht“, erzählt der Somnologe. Viele Menschen mit einer sogenannten Schlafapnoe würden hingegen überhaupt nicht merken, dass ihr Atem nachts oft für Minuten aussetzt und sie nach Luft ringen.

Grundsätzlich ist das Schlafverhalten der Menschen soziokulturell geprägt; es hat sich im Lauf der Geschichte stark verändert. Bis zum 18. Jahrhundert ruhten viele Europäer noch in Etappen. Sie wachten nachts zwischen dem sogenannten ersten und zweiten Schlaf auf, beteten dann, sahen nach dem Vieh oder trafen ihre Nachbarn.

Edisons erfüllter Traum

Die Verbreitung des elektrischen Lichts verkürzte die Schlafdauer. Im 19. Jahrhundert schlummerten die Deutschen durchschnittlich noch bis zu neun, in den 1970er-Jahren nur noch siebeneinhalb Stunden pro Nacht. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, hat sich  das offenbar genau so vorgestellt. Er soll sich damit gebrüstet haben, er wolle die Menschheit vor zu viel kostspieliger Zeitverschwendung durch Schlaf bewahren. Mittlerweile stören auch Femseher, Tablet und Smartphone die Bettruhe. Ihre  Bildschirrne senden einen hohen Anteil  blauen Lichts aus, das die Bildung des  Schlafhormons Melatonin beeinträchtigt.

Seit 1980 beschert uns die Zeitumstellung zweimal im Jahr, was Schlafmediziner und DGSM-Mitglied Hans-Günter  Weeß einen „Mini-Jetlag nennt. Während die äußere Uhr umgestellt würde, hinke die innere meist noch hinterher. Vor allem Kinder, Senioren und Menschen mit Schlafstörungen hätten mit Müdigkeit, Antriebsschwäche, Kopfschmerzen oder depressiven Verstimmungen zu kämpfen.

Das Drehen an der Uhr kann lebensbedrohliche Folgen haben Forscher des schwedischen Karolinska-lnstituts berichten, dass die Zeitumstellung das  Herzinfarktrisiko vorübergehend erhöht. Schuld daran sei die Unterbrechung des sogenannten zirkadianen Rhythmus, eine  Manipulation unserer biologischen Uhr.

Zahlreiche Abläufe in unserem Körper folgen einer festen tageszeiflichen Regelmäßigkeit: Schlafen und Wachen, Blutdruck, Stoffwechsel, Gehirnleistung und auch die Hormonproduktion. Gesteuert werden sie von einem kleinen Nervenzellbündel des Gehirns: dem Nucleus suprachiasmaticus (SCN). Diese innere Uhr reagiert auf Lichtimpulse, die durch den Sehnerv an sie weitergeleitet werden. Wird es draußen dunkel, regt sie die Produktion des Schlafhormons Melatonin an. Blutdruck und Atemfrequenz sinken, und wir werden müde. Bei Tagesanbruch mobilisiert sie die Ausschüttung des Wachmacher-Hormons Cortisol, und der Körper springt an.

Größtes Medizinexperiment

Sollte die deutsche Regierung nun die Winterzeit abschaffen und dauerhaft die Sommerzeit einführen, müssten die Menschen an deutlich mehr Tagen  als bisher im Dunkeln aufstehen. Damit würde sich häufiger die Cortisol-Produktion verzögern. Der Kreislauf käme öfter nur schwer in Schwung. Aufmerksamkeit und Konzentration würden vermehrt leiden. „Die Abschaffung der  Winterzeit wäre das größte medizinische Experiment, dem die Deutschen je ausgesetzt wurden“, warnt Dieter Kunz, Chefarzt der Berliner Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am St. Hedwig-Krankenhaus. Eine Rückumstellung auf die  Normalzeit — die ganzjährige Winterzeit — täte dem Schlaf und der Gesundheit der Deutschen besser, meint auch die DGSM. Bis April 2019 können die EU-Länder festlegen, ob sie auf Dauer bei der Sommer- oder Winterzeit bleiben wollen. Die Schlafforscher hoffen, dass die Politik die Bedenken ihrer Zunft ernst nimmt.

Wie schädlich zu wenig  Schlaf sein kann, zeigen gleich mehrere aktuelle Studien. 50-jährige Männer, die höchstens fünf Stunden pro  Nacht Ruhe finden, haben ein doppelt so großes Risiko, einen Herzinfarkt oder eine Herzattacke zu erleiden, wie Altersgenossen, die sieben bis acht Stunden schlummem. Das haben Forscher um die Schwedin Moa Bengtsson von der Universität Göte-

borg herausgefunden. Einen möglichen Grund dafür ermittelten Wissenschaftler  vom Nationalen Spanischen Zentrum für Kardiovaskuläre Forschung: Menschen, die schlecht oder zu wenig schlafen, leiden häufiger an verkalkten Arterien als Normalschläfer. Dadurch erhöhe sich nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch für das metabolische Syndrom, eine Vorstufe von Diabetes. Zu kurzer oder schlechter Schlaf kann darüber hinaus Übergewicht  begünstigen und den Alterungsprozess  beschleunigen.

Allerdings kann auch eine zu ausgiebige Nachtruhe schaden, wie griechische Wissenschaftler entdeckten: Menschen, die länger als acht Stunden dösen, haben  ein um 33 Prozent höheres Risiko für eine  koronare Herzerkrankung als Personen, die zwischen sechs und acht Stunden schlafen. Die weltweit größte Schlafstudie, organisiert von der kanadischen Westem Universität, belegt: Geistig am fittesten bleibt, wer durchschnittlich sieben bis acht Stunden im Bett verbringt. Nicht mehr und nicht weniger.

Schlaf hat eine elementare biologische Funktion: Wer gar nicht schlummert, stirbt. Warum das so ist, blieb Medizinern lange Zeit ein Rätsel. Erst vor wenigen Jahren fanden Forscher um die Amerikanerin Lulu Xie heraus, dass das Gehim im Schlaf toxische Stoffe entsorgt. Während der übrige Körper hauptsächlich über das Lymphsystem entgiftet wird, betreibt unser Denkapparat ein eigenes Reinigungsverfahren, das glymphatische System. Wenn wir schlummern, weitet sich der Raum zwischen den Nervenzellen. So kann das Himwasser leichter  durch die Zwischenräume strömen und  Proteinreste und andere Abfallprodukte  abtransportieren und in den Blutkreislauf   schleusen.

Nächtliche Müllabfuhr

Pro Tag entstehen im Gehirn bis zu sieben Gramm biologischer Müll. Darunter auch das Protein Beta-Amyloid, das sich bei einer Alzheimer-Erkrankung zu Klumpen, sogenannten Plaques, zusammenlagert. Bleibt der zelluläre Unrat in den Zwischenräumen, behindert er die Kommunikation zwischen den Nervenzellen und bringt schließlich die Hirnfunktion zum Erliegen. Auf Hochtouren scheint diese Gehimwäsche allerdings nur im Tiefschlaf zu laufen. Ist dieser gestört, funktioniert der Beta-Amyloid-Abbau nicht. Wer ausreichend und gut schläft, mindert also auch das Risiko, an Demenz zu erkranken. Das glymphatische System soll übrigens am besten arbeiten, wenn der Schläfer seitlich mht.

Schlaf entrümpelt auch unser Gedächtnis. Er reduziert die Aktivität der Synapsen. Die meisten Nervenzellverbindungen werden geschwächt, manche gekappt. Das verhindert, dass die tagsüber angesammelten Eindrücke das Gehim überfluten und zu viel Energie in Anspruch nehmen. Die Schrumpfkur schafft Platz für neue Informationen. Das Gehim benötigt die Ruhepausen auch, um Gelerntes zu verinnerlichen. Guter Schlaf ist daher ein wichtiger Bestandteil einer Prüfungsvorbereitung. Auch die körpereigene Abwehr braucht ausreichende Bettruhe, um funktionsfähig zu bleiben. Das zeigen Schlafentzugsstudien aus den USA. Wer über eine Dauer von zwölf Tagen nur vier Stunden pro Nacht schläft, schwächt bereits sein Immunsystem und begünstigt unterschwellige Entzündungen. Schlafmangel zu Beginn einer Erkältung kann dazu führen, dass die Infektion besonders heftig ausbricht.

Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, haben es meist schwer, professionelle medizinische Hilfe zu finden. Die Angebote an speziellen Sprechstunden reichen für die wachsende Nachfrage

nicht aus, berichtet Medizinphysiker Martin Glos von der Schlafakademie Berlin: „Patienten müssen bei uns ein halbes Jahr warten, bevor sie einen Termin bekommen, und dann gegebenenfalls ein  weiteres halbes Jahr, bis sie ins Schlaflabor können.“

App statt Schlaflabor

Viele Gequälte versuchen, sich selbst zu helfen — per Smartphone-App oder Fitness-tracker. Moderne Handys verfügen über eine Vielzahl an Sensoren, die schlafrelevante Daten liefem: Der Bewegungsmesser detektiert Herzschlag und Atmen. Beschleunigungssensoren merken, wie sich der Körper im Bett dreht und wendet. Das Mikrofon registriert Schnarchen, Zähneknirschen oder Atemaussetzer.

Die mithilfe von Apps oder Trackern erzeugten Kurven, Diagramme und Effizienzwerte bleiben den Nutzern jedoch oft rätselhaft, berichtet Martin Glos: „Häufig kommen Patienten zu uns in die Ambulanz und wollen wissen, ob ihre Schlafaufzeichnungen nun eine Störung zeigen oder nicht.“ Die Messungen seien allerdings häufig ungenau und könnten bestenfalls einen Hinweis auf eine Störung geben. Manchmal liegen mobile Geräte auch komplett daneben. Guckt der Nutzer drei Stunden lang eine Serie auf dem Tablet, registrieren die Sensoren keine Bewegung, also Tiefschlaf. „Netflix-Effekt“ nennen Experten das Phänomen.

Die Selbstvermessung des Schlafes sieht Glos daher als ambivalenten Trend. „Dem einen helfen die Gadgets, seinen Schlafproblemen überhaupt nachzugehen“, sagt er. „Den anderen macht die ständige Überprüfung der Schlafeffizienz  erst recht schlaflos.“ Es gebe mittlerweile sogar ein neues Krankheitsbild: die Orthosomnie, die Sucht nach Schlafkontrolle.

Dabei muss in diesem Bereich lediglich zusammenfinden, was anderswo längst Praxis ist: Daten und ihre Analyse durch   künstliche Intelligenz. Schlafforscher  sind sich mittlerweile einig darüber, dass   Algorithmen die erhobenen Messwerte präziser interpretieren und dementspre  chende technische Geräte dem Nutzer  ein direkteres Feedback geben können.

Nur wenige Hersteller melden ihre Messgeräte auch als Medizinprodukt an. Es müsste dem Vergleich mit der Ausrüstung eines Schlaflabors standhalten. Weil Smartphones und andere Gadgets schnell veralten, scheuen die meisten Firmen die Investition. Auch Smartphone-Pionier Apple hat erkannt, welches Marktpotenzial die Masse der Schlaflosen bietet. Vergangenes Jahr kaufte das US-Unternehmen das finnische Start-up Beddit: Ein Sensor, der in einen schmalen Stoffstreifen eingearbeitet ist, soll unter dem Bettlaken Daten erheben. Zugleich entwickeln die Kalifomier ihre Apple Watch zum Medizinprodukt.

Die neueste Generation der Digitaluhr kann künftig ein Elektrokardiogramm (EKG) erstellen und ist von der amerikanischen Gesundheitsbehörde zugelassen. Ein normales EKG und die Funktionen eines Fitness-Trackers verbindet das nur 18 Gramm schwere Gerät des Medizingeräteherstellers Bittium, vertrieben unter anderem über Nambaya. Eine normale EKG-Elektrode wird herznah platziert, eine zweite auf der Brust befestigt. Zusammen zeichnen sie die Herzströme des Nutzers auf. Laut Nambaya-Geschäftsführer Nikolaus Schumacher stimmen die Daten seines Geräts zu mehr als 90 Prozent mit denen eines Schlaflabors überein. Noch fehlt allerdings die Zulassung der Software als Medizinprodukt.

Der Rendsburger Apotheker Peter Froese hat einen Prototyp des Geräts an sich selbst getestet. Er möchte es künftig Kunden anbieten, die über Schlafstörungen klagen: „Mit den Messergebnissen könnten wir ihnen dann Tipps geben, wie sie besser zur Ruhe kommen. Oder, wenn sich beispielsweise Herzrhythmusstörungen zeigen, sie zum Arzt schicken. “ Weil er als Apotheker an die Schweigepflicht gebunden ist, seien die Messdaten bei ihm „sicher wie in einem Tresor“.

Tiefschlaf mit Tönen und Drinks

DAK-Vorstand Thomas Bodmer unterstützt die Pläne: „Wir brauchen solche Geräte als niedrigschwelligen Einstieg in die Behandlung von Schlafstörungen, allerdings müssen sie zertifiziert sein.  In ihrem Gesundheitsreport 2017 beklagt seine Krankenkasse, dass zu wenige Betroffene moderne Technologie wie Apps oder Fitness-Tracker mit Schlafanalyse nutzen würden, um ihre Schlafprobleme in den Griff zu bekommen.

Medizintechnikhersteller Philips will den Schlaf künftig nicht nur analysieren, sondern auch aktiv beeinflussen. Auf einem Schlafkongress in Nürnberg warb das Unternehmen kürzlich für sein Gerät SmartSleep, das 2019 auf den Markt kommen soll. Ein Stirnband platziert Elektroden am Vorderkopf und hinter dem rechten Ohr. Sie messen die Himströme und erstellen ein sogenanntes 1-Kanal-EEG. Befindet sich der fräger im Tiefschlaf, erzeugen zwei in das Stirnband integrierte Lautsprecher Töne in bestimmter Frequenz, Lautstärke und Dauer. Diese sollen den Schlaf intensivieren. Gedacht sei das Gerät für Menschen, die regelmäßig weniger als sieben Stunden schlafen. Die Idee: Eine bessere Schlafqualität soll die fehlende Schlafmenge ausgleichen.

Im Zeitalter der Selbstoptimierung ist erholsamer Schlaf ähnlich wie Fitness ein Luxusgut. Je mobiler eine Gesellschaft, je anstrengender der Arbeitsalltag, desto wichtiger wird Regeneration, um die gestiegenen Anforderungen überhaupt bewältigen zu können. Deshalb boomt auch das Business für Produkte mit einem Heilsversprechen und einer guten, wissenschaftlich klingenden Marketingstory.

Der Hersteller des Getränks Snooze (in Anlehnung an die Schlummertaste auf dem Wecker), ein Start-up aus Österreich, beruft sich auf die schlaffördemden Eigenschaften der Zutaten Zitronenmelisse, Baldian und Mohn. Das in kleine Kartons verpackte Getränk schmeckt vie extrastarker Kräutertee und wird in den Kategorien „regular“ und „strong“ angeboten. 135 Milliliter kosten rund drei Euro. Es ist die coole Variante von Omas Schlaftee. Definitiv kein guter Einschlaftrunk ist hingegen Alkohol, weiß Ingo Fietze: „Er kann zwar beim Einschlafen helfen, aber die Schlafqualität leidet. Vor allem besteht die Gefahr der Abhängigkeit.“ Auf keinen Fall dürften Alkohol und Schlaftabletten kombiniert werden: „Sie können gegenseitig ihre Wirkung aufheben oder diese gefährlich verstärken.“ Bei Präpa-  raten wie den Benzodiazepinen könne in Verbindung mit Alkohol das Atemzentrum geschädigt werden.

Generell würden Ärzte immer noch zu häufig Schlafmedikamente verschreiben, klagten Deutschlands Somnologen auf ihrem Kongress im vergangenen Monat. Dabei empfehle die aktuelle Leitlinie der DGSM aus dem vergangenen Jahr bei generellen Schlafstörungen zunächst eine kognitive Verhaltenstherapie statt der chemischen Keule. Bei ihr erlernen die Patienten unter anderem Methoden zur körperlichen Entspannung und bekommen Informationen zu Schlaf, Schlafstörungen und selbsterfüllenden Prophezeiungen. „Solche Therapien werden jedoch nahezu nie angewendet“, klagt Kai Spiegelhalder, Arzt und Psychologe von der Universitätsklinik Freiburg. Die psychotherapeutische Behandlung sei vielen Ärzten und auch Patienten im Vergleich zur Behandlung mit Medikamenten zu zeitaufwendig, außerdem gebe es zu wenige entsprechend ausgebildete Therapeuten.

Der 5O-Minuten-Rhythmus

Das sei auch ökonomisch ein Fehler, sagt Spiegelhalder. „Eine fachgerechte Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen würde die jährlichen Gesundheitskosten in Deutschland um mindestens sieben Milliarden Euro reduzieren.

Ganz ohne Technik und Drinks kommt das vom britischen Schlafcoach Nick Littlehales propagierte R90-Programm aus. Es orientiert sich  an den rund 90-minütigen Phasen aus Leicht-, Tief- und Traumschlaf, die wir nachts mehrmals durchlaufen. „Ideal sind fünf R90-Phasen, das entsplicht in etwa siebeneinhalb Stunden Schlaf“ , rät Littlehales, der unter anderem schon die Fußballspieler von Manchester United und ein britisches Tour-de-France-Team in Sachen nächtlicher Erholung beraten hat.

Wann die optimale Schlafenszeit sei, müsse jeder für sich selbst herausfinden, indem er von der gewünschten Aufstehzeit in 90 -Minuten-Schritten zurückrechne. Für jemanden, der um 6 Uhr aus den  Federn muss, wäre das beispielsweise 22.30 Uhr oder 0 Uhr. Wer nachts nur auf vier von fünf 90-Minuten-Zyklen käme, könne tagsüber einen zusätzlichen einlegen, rät der Coach. Fußballer Cristiano Ronaldo verteilt seine fünf 90-MinutenSchlafphasen angeblich sogar über den ganzen Tag.

Damit es mit der Nachtruhe klappt, sei es zunächst wichtig, den eigenen Biorhythmus zu ergründen, sagt Littlehales. Wer um 22 Uhr noch nicht müde sei, dem nütze es nichts, stundenlang wach im Bett zu liegen. Nachteulen, also Menschen, die normalerweise erst spät am Tag richtig fit sind, aber in der Woche früh raus müssten, sollten auch am Wochenende nicht zu lange schlafen, sonst erlebten sie jeden Montag einen sozialen Jetlag.

Somnologen wie Ingo Fietze setzen vor allem auf die sogenannte Schlafhygiene: „Eignen Sie sich ein Schlafritual an, trinken Sie etwa eine Tasse warmen Tee. Auch aktive Entspannung wie Yoga oder autogenes Training öffne die Pforten zur Nachtruhe. Dafür sollte es im Zimmer nicht wärmer als 20 Grad sein. Wen kalte Füße vom Schlafen abhalten, könne sich Socken anziehen. Vor allem aber rät der Schlafforscher: „Gehen Sie mindestens eine halbe Stunde vor dem Schlafen offline. “ Viele Smartphones und Tablets besitzen mittlerweile eine Abendeinstellung (beim iPhone heißt sie „Night Shift“). Sie reduziert den Blauanteil des Lichts und lässt die Bildschirme weniger grell und etwas rötlicher strahlen. Ganz ausschalten ist nach wie vor die bessere Altemative. Auch Fernseher üben den HalloWach-Effekt aus und sind daher keine gute Einschlafhilfe. Besser ist da schon ein (nicht zu aufregendes) Buch.

Während nächtliches Licht den Biorhythmus aus dem Takt bringt, hilft Sonnenlicht tagsüber, die körpereigene Uhr richtig zu stellen. Schon eine halbe Stunde Mittagspause im Freien reicht dafür aus. Selbst bei bedecktem Himmel strahlt die Sonne heller als jede Bürolampe.

Auch gegen ein regelmäßiges kleines Schläfchen im Büro sei nichts einzuwenden — im Gegenteil. Wer tagsüber kurz die Augen schließt, ist keineswegs faul, sondem tut sich und anderen einen Gefallen. Hans-Günter Weeß plädiert daher: „Schlaf am Arbeitsplatz und im Büro sollte Karriere machen. Ein Nickerchen von 10 bis maximal 20 Minuten macht leistungsfähiger, kreativer und emotional gelassener. “

Bremse für das Kopfkarussell

Betreiber von Schlafberatungsstellen wissen, dass es vielen Betroffenen bereits hilft, wenn sie ihren Schlaf über ein paar Wochen dokumentieren: Wann gehe ich ins Bett? Wann wache ich auf? Wie lange liege ich wach? Was ist am Tag vorher   passiert? Was steht am nächsten Tag an?

Ob wir nachts gut schlafen, hängt sehr stark davon ab, was tagsüber geschieht. Ungelöste Probleme, Streit, Ängste und Stress im Job stören die Nachtruhe. Hat sich das Kopfkarussell erst einmal in Gang gesetzt, ist es nur schwer wieder zu stoppen. Hans-Günter Weeß rät daher: „Lassen Sie die Sorgen vor der Schlafzimmertür. “

Wenn das nur immer so einfach wäre.

1 KOMMENTAR

  1. Sicher ist das die Sachen die wir alle brauchen und die uns denn ausmacht wie nichts anderes, das macht uns aus und lässt uns den Tage gutgelaunt und energievoll überstehen Aber ich hatte auch schon starke Probleme, so dass ich mich manches Mal fragen musste, was tun gegen Schlafprobleme, wie kann ich mit dem umgehen und bin dann bei Niosan gelandet, das ist natürlich und mir hats geholfen, weil es langsam sich im körper ausbreitet. Dazu wirklich Rituale vor dem Einschlafen schaffen und es geht definitiv besser als man denn glaubt – man muss nämlich wirklich diesen Teufelskreis des Nichtschlafens durchbrechen.

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