Gefühle gehen buchstäblich unter die Haut. Alles, was wir über sie wahrnehmen, hinterlässt Spuren, und jedes Mal, wenn man sein Kind in den Arm nimmt oder ihm auch nur aufmunternd auf die Schulter klopft, passiert viel mehr als nur Berührung: Emil ist weniger hibbelig, wenn er beim Memory- Spielen auf Papas Schoß sitzt. Die Zwillinge Lee und Ira schlafen schneller ein, nachdem ausgiebig gekuschelt haben.

Umarmungen machen Kinder stärker, sie zeigen ihnen, dass sie geliebt und verstanden werden. Auf der anderen Seite verkümmern die Kleinen, wenn die Eltern keine Gefühle zeigen können oder wollen. Denn wie Studien zeigen, fällt bei Umarmungen der Stress ab, der Blutdruck sinkt und Kinder und auch Erwachsene fühlen sich besser, weil auch das Immunsystem gestärkt wird. Eigentlich sollte man Kinder tagtäglich in den Arm nehmen, sie drücken und kuscheln, um ihre physisch-psychische Entwicklung positiv zu beeinflussen. Das Hormon Qxytocin zum Beispiel wirkt dabei gegen Stress und lässt Ängste verblassen.

Verwuschelte, duftende Haare, weiche, rosige Wangen, süße Babyspeck-Hände – bei den Kleinen lädt alles zum Streicheln und Küssen ein. Und Kuscheleinheiten brauchen sie eine Menge. Liebevoller Körperkontakt ist lebensnotwendig und die Grundlage für eine sichere Bindung. Wenn ein Kind nicht gestreichelt und geküsst wird, verarmt sein Nervensystem, es kann körperlich und geistig nicht wachsen. Zärtlichkeit, Fürsorge und Liebe gehören nämlich zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Sie verbinden uns über unseren Körper mit anderen, mit der Welt, und vermitteln das Gefühl, zu diesem Leben dazuzugehören und willkommen zu sein. Die unmittelbarsten Zärtlichkeiten erfahren wir über die Haut, unserem größten Sinnesorgan. Auch das Bewusstsein von „ich“ und „den anderen“, von „innen“ und „außen“ ist eng mit ihr verknüpft. Die Haut lässt sich nicht wie Augen, Ohren, Naseverschließen, sie liegt offen, nimmt alles auf. Deshalb ist sie nicht nur ein Sinnes-, sondern eben auch ein Seelenorgan. Gefühle gehen buchstäblich unter die Haut. Alles, was wir über sie wahrnehmen, hinterlässt Spuren, und jedes Mal, wenn man sein Kind in den Arm nimmt oder ihm auch nur aufmunternd auf die Schulter klopft, passiert viel mehr als nur Berührung: Emil ist weniger hibbelig, wenn er beim Memory- Spielen auf Papas Schoß sitzt. Die Zwillinge Lee und Ira schlafen schneller ein, nachdem ausgiebig gekuschelt haben.

Liebevolle Berührungen können Wunder bewirken. Ein Küsschen, und das aufgeschlagene Knie tut nicht mehr weh, eine Umarmung und Ängste verblassen. Dass Emil bei Körperkontakt aufmerksamer ist und die Zwillinge besser einschlafen, ist kein Zufall. Verantwortlich sind die Rezeptoren unter der Haut, die die Außenreize ans Gehirn weiterleiten. Sie schärfen einerseits die Wahrnehmung, andererseits wirken sie beruhigend und ausgleichend.

Kinder, mit denen viel geschmust und gekuschelt wird, sind glücklicher, gesünder, sozialer und sogar intelligenter, sagen Wissenschaftler. Vor allem aber fühlen sie sich aufgehoben und geborgen, wenn ihre kleine Welt wieder mal kopfsteht. Sie wissen: „So, wie ich bin, bin ich richtig.“ Und bekommen nicht nur ein stabiles Selbstvertrauen, sondern auch ein gutes Körpergefühl. Das kann man übrigens auch spielerisch fördern. Ein geliebter Klassiker: Papa oder Mama malt oder schreibt etwas mit der Fingerspitze auf Hand, Arm oder Rücken – das Kind liest mit geschlossenen Augen, was das wohl sein könnte. Oder man füllt kleine Säckchen mit Murmeln, Reis, Spielfiguren und lässt das Kind durch Tasten raten, was drinsteckt. Funktioniert auch wunderbar als Schnupperspiel. In die Säckchen statt Gegenständen einfach Gewürze, Zwiebel oder Zitronenschale geben.

Sind Mädchen verschmuster als Jungen? Oder stimmt das gar nicht?

Am Geschlecht liegt es jedenfalls nicht, wenn ein Junge weniger kuschelig veranlagt ist als ein Mädchen. Eher schon daran, dass Mädchen häufiger umarmt und gestreichelt werden, und das sogar schon in der Schwangerschaft. Eltern sprechen sanfter und auch mehr mit ihrem Ungeborenen, wenn sie ein Mädchen erwarten. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass in diesem Stadium akustische Reize als Berührungsreiz empfunden werden. In jedem Fall brauchen Jungen genauso viel Zärtlichkeit und Fürsorge wie Mädchen, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Bis zur Pubertät  reagieren sie auf körperlichen und seelischen Schmerz oft noch sehr viel empfindlicher, auch wenn sie sich das oft nicht anmerken lassen und tröstende Umarmungen abwehren. Deshalb bitte nicht einfach darüber hinweggehen. Jungen wollen sehr wohl, dass andere sehen, was mit ihnen los ist. Manchmal hilft es schon, sich neben sie zu setzen und in einem liebevollen, ruhigen Ton zu sagen: „Das hat bestimmt sehr wehgetan. Kann ich etwas tun?“ Auch Worte können streicheln.

Hochsensible Kinder nehmen Sinnes reize sehr viel stärker wahr und verarbeiten diese Eindrücke auch tiefer. Warum das so ist, versuchen Neurowissenschaft1er seit einiger Zeit herauszufinden. Bisher geht man davon aus, dass erbliche und auch entwicklungspsychologische Faktoren dafür verantwortlich sind. Hochsensibilität ist allerdings nur eine Veranlagung, keine Krankheit. Die meisten Kinder lernen mit ihrer sensiblen Veranlagung umzugehen, wenn sie spüren, dass man sie nicht kritisiert und Rücksicht darauf nimmt. Spielkameraden tun das bekanntlich weniger, aber bestimmt lassen sich verwandte Seelen finden, die lieber in Ruhe basteln und bauen, statt rumzutoben. Auch Tanz, Akrobatik, Theaterspielen oder Reiten bekommt hypersensiblen Kindern gut. Und natürlich immer wieder Zuwendung, wie ein liebevoller Blick, eine Umarmung, eine Aufmerksamkeit.

Oft stellt sich die Situation wie folgt dar: Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder hat unser achtjähriger Sohn überhaupt kein Körpergefühl. Er ist ungeschickt und mit mir oft ziemlich grob, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht. Wenn man was sagt, wird er wütend und lässt er sich nur noch beruhigen, wenn ich ihn lange in meinen Armen halte. Und das ist genau das Richtige! Innere Unsicherheit spiegelt sich oft in Ungeschicklichkeit und chaotischem Verhalten wider. Umso wichtiger ist die liebevolle Wahrnehmung durch die Eltern: „Du bist richtig so, wie du bist.“ Ohne diese Vergewisserung wird es ganz schön schwer, Selbstvertrauen zu entwickeln und ein gutes Körpergefühl. Beides geht Hand in Hand.

Auch wenn die kleinen Chaoten selbst nicht zimperlich mit anderen umspringen, sollte man kritische Zuschreibungen vermeiden. „Du bist grob, ungeschickt, schusselig“ nistet sich in Kinderköpfen schneller ein, als einem lieb sein kann. Besser sind positive Formulierungen: „Kannst du mir sagen, was du möchtest? Das verstehe ich viel besser, als wenn du mich schubst.“ Oder: „Halb so wild, dass der Teller runtergefallen ist, ich helfe dir, vorsichtig die Scherben aufzuheben.“ Mit der Pubertät werden die Dinge kompliziert. Kinder gehen auf Distanz und die Eltern auch ein bisschen. Wer weiß schon, wie viel Nähe ein Teenager überhaupt noch akzeptiert? Antwort: immer noch viel. Für das Wann, Wo und Wie braucht es allerdings Fingerspitzengefühl. Manche Kinder haben kein Problem mit Umarmungen in der Öffentlichkeit, andere aber doch. Dann gibt’s den Abschiedskuss für die kleinen Disteln eben zu Hause oder im Auto.

Kleine, liebevolle Gesten – das Lieblingsfrühstück, ein aufmunternder Blick, ein Lächeln, einvernehmliches Schweigen sind in der Pubertät besonders wichtig, weil sie ganz ohne Worte manchen Sturm glätten können. Wenn Heranwachsende die unverbrüchliche Zuneigung und Für-  sorge ihrer Eltern spüren, gibt ihnen das Halt und Orientierung. Sie sind besser davor geschützt, sich Zuwendung und Verständnis nur noch bei Gleichaltrigen zu suchen und laufen auch weniger Gefahr, sexuelle Beziehungen zu früh und unüberlegt einzugehen

Wer darf wen wann und wie umarmen? Ist der Begrüßungskuss korrekt, und wenn ja, wie viele sollen es sein? Eins, zwei, drei, gar vier? Auf die Wange, daran vorbei, auf Hand, Stirn oder Mund? Beim Thema Berühren gibt es unzählige Formen, Normen und Vereinbarungen und große kulturelle Unterschiede. In manchen Gebieten Afrikas trommelt man sich zur Begrüßung gegenseitig auf die Rippen, bei den Lappen und Mongolen beschnuppert man einander, die Inuit reiben Nase an Nase. Südeuropäer und Lateinamerikaner fassen sich ständig an, Deutsche, Engländer, Skandinavier, Nordamerikaner und Chinesen halten eher Abstand. Die einen gelten als warmherzig und kontaktfreudig, die anderen als distanziert und „kalt“. Es ist verwirrend, auch für Kinder.

Wenn eine freundschaftliche Umarmung zurückgewiesen oder missverstanden wird, können sich Kinder aus einer südlichen Berührungskulturverletzt fühlen. Umgekehrt fühlt sich ein Kind, das in einer anderen Kultur aufwächst oder ganz einfach zurückhaltender ist, von großer Herzlichkeit mit Körperkontakt vielleicht überfahren. Darüber kann man sprechen und erklären, dass das keine Absicht ist, sondern ein Missverständnis. Und auch, dass es nicht das Geringste mit schwul oder nicht schwul zu tun hat.

Teenager stehen unter Dauerstress. Schon kleinste Gefühlsregungen können sie gewaltig ins Schwitzen bringen, erst recht „lustige“ Bemerkungen. Im Kopf herrscht Kino! Oft können sie die Vielzahl der Reize und Eindrücke kaum noch verarbeiten, und so kreisen ihre Gedanken stundenlang um Nichtigkeiten – bis es buchstäblich zum Himmel stinkt. Man muss Heranwachsende nicht dauernd mit Glacéhandschuhen anfassen, aber doch im Kopf haben, dass sie auf Stress jeder Art sehr sensibel reagieren. Stress braucht ein Ventil, er löst sich nicht einfach auf, schon gar nicht an der Playstation. Um zur Ruhe zu kommen sind beispielsweise Laufen, Tanzen, Meditieren, Yoga oder Autogenes Training besser geeignet. Dadurch verbessert sich auch das Körpergefühl. Man ist ausgeglichener und schwitzt auch weniger.

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