Leipzig verwaltet das Erbe des großen J.S. Bach

Er gilt als einer der größten Komponisten, die Deutschland je hervorgebracht hat und die durch ihr Wirken und Leben die klassische Musik weltweit berühmt gemacht haben. 1685 in Eisenach geboren und 1750 in Leipzig gestorben, ist Bach ein Teil von Leipzig, der bis heute lebendig geblieben ist. Seine Gebeine sollen in der Leipziger Thomaskirche ruhen. In Leipzig hat er viele Jahre gelebt und gearbeitet und hat den Chor der Thomaskirche berühmt gemacht. Dort war er „Thomaskantor“, Organist und lebender Vertreter des Barock. Leipzig lebt und atmet Bach bis heute und verdankt seinem Ruf viel Ehre und Anerkennung.

Natürlich kann man Bach auch am Meer hören, in Japan oder bei Spotify. Man kann es sich zu Hause gemütlich machen und einer der unzähligen Aufnahmen seiner mehr als tausend durchnummerierten Werke lauschen. Es geht aber – 269 Jahre nach seinem Tod – auch immer noch beinahe original: in seiner Kirche. Gesungen von ,,seinem“ Chor, dirigiert von seinem direkten Nachfolger. Fast jede Woche, zwei- oder dreimal. Samstags gibt es meist noch eine Kantate mit Gewandhausmusikern obendrauf. Wenn in anderen Zusammenhängen gern von einem lebendigen Erbe gesprochen wird – nirgendwo trifft das wohl mehr zu als am Grab von Johann Sebastian Bach. Dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob tatsächlich seine Gebeine unter einer Platte im Chorraum der Leipziger Thomaskirche liegen. Allein die Vorstellung, dass der Chor hier Jahr für Jahr „Jesu meine Freude“ singt, reicht für fromme Schauer. Bach und Leipzig. Das könnte wie Mozart und Salzburg sein, wie Beatles und Liverpool – nur dass in Sachsen proportional zum musikalischen Genie eher bescheiden damit umgegangen wird. Rund um die Thomaskirche gibt es kaum Tingeltangel. Ein kleines Museum und ein Souvenirshop, zwei Denkmäler und eine der saubersten Bedürfnisanstalten der Stadt – fertig ist der vielleicht heiligste Ort der Welt-Musikgeschichte. Es mag an der protestantischen Bescheidenheit der Gegend liegen. Vielleicht auch daran, dass bis auf die beiden großen Stadtkirchen St. Thomas und St. Nikolai kaum Originalschauplätze übrig sind. In Leipzig verlässt man sich allein auf Bachs Musik. Das macht es so angenehm und ist dem fleißigen Leben des Musikers angemessen. Bis zu seinem Tod 1750 hat Johann Sebastian Bach hier die meisten seiner Werke komponiert. Acht Jahre lang leitete er zudem das von Georg Philipp Telertann gegründete Collegium musicum, ein Ensemble für musikalisch begabte Studenten und erfahrene Instrumentalisten. Und mit etwa 55 Thomanern hatte Bach vier Stadtkirchen zu bespielen. Bis heute kann man Geist und Seele des berühmten Kantors aus dem Chorgesang heraushören. Vor etwa drei Jahren trat Gotthold Schwarz seine Nachfolge an. Da war er mit seinen 64 Jahren fast selbst schon so alt wie Bach überhaupt nur wurde. Obwohl beide nicht die erste Wahl waren, konnte Leipzig damals wie heute nichts Besseres passieren. Schon als Bachs Vorgänger 1722 starb, standen die Bewerber Schlange. Telemann galt seinerzeit als Favorit, aber der Superstar aus Hamburg pokerte nur um mehr Geld für seine dortige Stelle. Erst als weitere Kandidaten abgesagt oder kläglich vordirigiert hatten, wurde Bach ernannt. Gotthold Schwarz ging es 2o16 ähnlich. Obwohl er dem Chor schon seit Jahrzehnten als Stimmbildner verbunden war und seinen erkrankten Vorgänger lange vertreten hatte, fragte man ihn erst nachdem 45 Bewerber gescheitert waren. Als Solist und mehrfacher Opa hatte er auch ohne das Amt noch genug zu tun. Aber er sagte „von Herzen“ zu. Schwarz kennt die Chorjungen und ihre Nöte – er war selbst ein paar Monate Thomaner gewesen, bis ihn seine Eltern wegen Heimweh wieder nach Hause geholt hatten. Bach wohnte mit seiner Familie kostenlos in der Thomasschule und verdiente sich mit weltlicher Musik einiges dazu. Das war auch nötig, denn der Kantor bekam damals mit 100 Talern nur ein Viertel von dem, was er zuvor als Hofkapellmeister in Köthen verdient hatte. Angeblich erinnert die nach außen gestülpte Rocktasche am Denkmal auf dem Thomaskirchhof an die karge Besoldung. Wahr ist aber auch, dass Bach nicht als armer Mann starb. Im Vergleich zu anderen Musikmanagern der Stadt ist das Gehalt des Thomaskantors auch heute kaum der Rede wert. Dabei ist die Siebentagewoche mit halbwüchsigen Sängern ein Knochenjob. An manchen Tagen pendelt Gotthold Schwarz dreimal zwischen Kirche und Schule hin und her, die seit mehr als hundert Jahren samt Schulheim etwa einen Kilometer entfernt im sogenannten Bach-Viertel steht. „War schon guti, lobt der Kantor bei der Mittagsprobe. Aber das geht noch besser.“ Später üben die Musiker in der Thomaskirche die Kantate für den Samstag, bevor Chor und Kantor an fünfter Freitagsmotette feilen, die noch am gleichen Nachmittag gesungen wird. Die meisten der 85 Sänger stammen aus Leipzig und Umgebung. Im eigenen Kindergarten und in Vorbereitungsklassen der Grundschule werden begabte Stimmen beizeiten veredelt. Ihr Pensum ist enorm: Bachfest, Motetten und Gottesdienste, die Herbsttournee in Amerika, dann steht schon das Weihnachtsoratorium an, die h-Moll-Messe, die Passionen zur Osterzeit. Vieles ist Monate vorher ausverkauft Und alle drängeln: ,,Ihr müsstet wieder mal was aufnehmen!“ Die Jungs aber, so wünscht es sich Gotthold Schwarz in der Probe, sollen beim Singen ,,freundlich zu sich selber atmen“. Sie sind Teil des Bach-Schatzes der Stadt. Außer Thomaskirche und St. Nikolai, wo Johannes-Passion und die meisten Teile des Weihnachtsoratoriums erstmals erklangen finden sich im südlichen Umland von Leipzig noch ein paar echte Bach-Spuren. Schloss Wiederau etwa, wo der Komponist mit seiner Kantate ,,Angenehmes Wiederaa“ 1737 dem damals neuen Schlossherrn huldigte. Und in Störmthal kann man eine Orgel besichtigen und ab und zu auch hören, die von Zacharias Hildebrandt gebaut und von Johann Sebastian Bach 1743 geprüft wurde. Laut Kirchrechnungsbuch von ihm persönlich für ,,tüchtig und beständig erkannt und gerühmet“, zählt sie heute zu den wertvollsten Orgeln Sachsens. Freitagnachmittag in der Thomaskirche. Thomaner, die gerade im Stimmbruch sind und deshalb nicht mitsingen dürfen, verkaufen am Eingang das obligatorische Zwei-Euro-Programm. Traditionell sind die kleinen gesungenen Gottesdienste sogar ganz frei – und jeder freie Platz eine Sünde.

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