Bruchsaler Tüftler erproben E-Mobilität per Handy-App über den Dächern

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São Paulo zählt zu den hubschrauberreichsten Orten der Welt. Die Straßen immer verstopft, und außerdem führen alle Wege am Boden durch die brasilianische Wirklichkeit: Banküberfälle können Gauner schnell das Leben kosten. Entführungen traten als Ersatzgeschäft in die Nische. Wer es sich leisten kann, nimmt das Hubschraubertaxi. Die Luft hat keine Ampeln, an der Insassen überfallen oder aus dem Auto gezerrt werden können. Es fliegt sich gut von Turmdach zu Turmdach in der mit unendlich vielen Wolkenkratzern zugestellten Mega-Metropole. Die Elite leistet sich den Luxus, Zeit zu sparen und das Leben zu behalten.

Was in deutschem Luftraum undenkbar scheint, könnte bald auch hierzulande Wirklichkeit werden – und das sogar ohne Pilot und für die schmale Brieftasche. E-Mobilität scharrt nicht nur am Boden mit dem E-Roller-Tretfuß. E-Mobilität stellt sich auch an, über längere städtische Distanzen bisherige Verkehrskonzepte zu überfliegen.

Bestellen per Handy-App, fliegen ohne Pilot im Vertrauen auf Computer

So haben ein paar Tüftler aus dem badischen Bruchsal einen senkrecht startenden Mini-Hubschrauber mit Elektroantrieb entwickelt. Den können die bis zu zwei „Fahrgäste per Handy-App bestellen. Mangels Pilot führt Drohnen-Technologie und eine automatische Steuerung auf Basis von GPS-Daten das Fluggerät und seine Kunden zum Ziel. Ein kreisrunder Ring trägt auf seiner Unterseite die Kapsel, auf der Oberseite 18 Rotoren. Das Gerät mit einer Reichweite von 27 Kilometern unterscheidet sich optisch damit stark vom klassischen Hubschrauber. Allein Erhöhung oder Verringerung der Motordrehzahl an bestimmten Rotorblättern ändern Auftriebs oder Vortrieb, also Abheben und Vorwärtskommen. Mehrere unabhängige und sich gegenseitig überwachende Computer regeln automatische die Lage des Fluggeräts und jeden Motor separat in seiner Drehzahl. Passagiere genießen eine Fahrersitz-Perspektive und benötigen keinerlei flugtechnische Kenntnisse. Am Ziel angekommen, macht der Volocopter Landeplatz oder Straße wieder frei und wartet auf die nächste Handy-Bestellung.

Fünf Jahre Testbetrieb in Dubai

Nach Angaben des Herstellers sind bemannte Flüge in Deutschland seit 2016 zugelassen. Im Herbst 2017 begann ein fünfjähriges Versuchsprogramm in Dubai. Dabei soll ein angestrebter Betrieb autonomer Lufttaxis als öffentliches Verkehrsmittel erprobt werden. Als nächsten Schritt hat Volocopter angekündigt, eine Infrastruktur für das neue Fluggerät zu entwickeln. Die ADAC-Luftrettung verkündete 2018, Volocopter in Modellregionen in Bayern und Rheinland-Pfalz im Rettungsdienst testen zu wollen.

Zulassung zum autonomen Fliegen in Deutschland noch unklar

Mit seiner Abflugmasse von nur 450 Kilogramm zählt der Volocopter formal zu den Ultraleichtflugzeugen. Eine Zulassung scheitert momentan noch an Rechtsfragen. Regelungen existieren in Bezug auf Anforderungen an die Piloten und Fluggerät zu Ultraleichtflugzeugen. Autonom fliegende Hubschrauber waren da bisher weder angedacht noch vorgesehen. So wie der Gesetzgeber Mai noch haderte, wo und wie elektrische Tretroller einklassifiziert werden sollen, ist auch zum Volocopter noch mit spannenden Diskussionen zu rechnen.

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