Elektrizitätswerke Schönau sind auf vielen kleinen Beinen erfolgreich

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2,4 Prozent Rendite – immerhin 12-facher Sparbuchzins, nur für Kunden, nur zum Abzug von der Rechnung und auch noch in der Anlagehöhe gedeckelt. Immerhin kamen seit 2011 jährlich mindestens 3,5 Prozent hinzu, je nach Entscheidung der Generalversammlung. In der Summe mit 5,9 Prozent nicht schlecht, doch bei Deckelung auf maximal 1000 Euro eine Kleinstanlage. Dennoch haben sich zum Betrieb der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) über 6000 Mitglieder zu einer Genossenschaft zusammen gefunden. Denn außer Strom verkauft die EWS vor allem eine Vision. Das Unternehmen ging dereinst der Anti-Atomkraftwerke-Bewegung hervor, betreibt das örtliche Stromnetz einer 2400-Einwohner-Stadt im Schwarzwald und vertreibt in ganz Deutschland Ökostrom.

Theoretisch Gutmensch sein zu wollen ist das eine. Die Lebenspraxis kann zwingen, davon abzuweichen. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 wollte eine Bürgerinitiative selbst aktiv eine ökologische Energieversorgung realisieren. Die Bundesrepublik war fest gefügt. Mehr als kleine Schritte waren nicht drin. Die später als „Stromrebellen“ bekannt gewordenen Aktivisten organisierten Energiesparwettbewerbe und Informationsveranstaltungen vor Ort und bauten eine Tschernobyl-Kinderhilfe auf. Kleine Achtungserfolge waren Reaktivieren kleiner Wasserkraftanlagen und Unterstützung von Kraft-Wärme-Kopplungs-Projekten – damals noch verrückt klingende Ideen. Klima war unbekannt, es ging allein um Abschaffung der Atomkraft.

Von ökologischen Ideen oder gar Stromsparen wollte der damals für die Kleinstadt zuständige Strommonopolist Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR) nichts wissen. Das Geschäftsmodell fußte schließlich auf Verkauf von Strom und nicht auf dessen Einsparung. Extrawürste für 2400 Einwohner sprengten da die Fantasie. Als jedoch gerade der KWR-Konzessionsvertrag für Schönau auslief, legten die Bürger selbst dem Gemeinderat ein Angebot zur Übernahme des Stromnetzes vor. Dessen Ablehnung folgte ein 1991 ein Bürgerentscheid, den die Bürgerinitiative für sich gewinnen konnte.

750 Privatpersonen kauften schließlich ihr städtisches Stromnetz, unterstützt mit großem Presseecho von der bundesweiten Spendenkampagne „Ich bin ein Störfall“.

Der Schönauer Strom stammte zunächst aus Wasserkraftanlagen und der Kraft-Wärme-Kopplung. Zunehmend kamen Windkraft- und Photovoltaikanlagen hinzu. Atomstrom und Energie aus Kohle, Erdgas und anderen fossilen Brennstoffen sind tabu und im Portfolio mit null Prozent gelistet. Das schafft Vertrauen bei Kunden und Genossen. Denn bei den meisten Konkurrenten ist Grünstrom nur ein etwas teurer zu zahlender Posten im Gesamtportfolio – ein nicht gerade überzeugendes Gesamtkonzept. Außerdem dürfen die Anlagen keinerlei Kapitalbeteiligung von Atomkraftwerksbetreibern oder deren Tochterunternehmen haben, jährlich von TÜV Nord geprüft und zertifiziert.

Mit der Liberalisierung des Strommarkts eröffnete sich die Möglichkeit des bundesweiten Stromvertriebs. Zählte die EWS 2001 noch 15.000 Kunden, waren es 2010 schon 100.000. Ende Mai 2018 verzeichnete die Kartei 194.000.

Freiwillig dürfen die Kunden auch mehr zahlen: einen halben, einen ganzen oder zwei Sonnencent pro Kilowattstunde für ökologische Stromerzeugungsanlagen. Dadurch entstanden bislang 2700 Solarenergie-, Kraft-Wärme-Kopplungs-, Wasserkraft- und Biogasanlagen – zumeist in privaten Händen und gefördert durch die Kundencents. Anfang 2017 kamen für 29 Millionen Euro fünf Windenergieanlagen mit 3 Megawatt Nennleistung hinzu.

Von Beginn an standen die Schönauer für „ethisches Investment“ und verpflichteten sich selbst zu klimafreundlicher und atomstromlose Energieversorgung. Das Unternehmen garantiert außerdem zur Förderung von Initiativen zur Entstehung ökologischer Neuanlagen. Regenerative Energiegewinnung steht ebenso im Pflichtenheft wie lokale Wertschöpfung und ressourcenschonende Energiebereitstellung.

Die Währung, die dieses Unternehmen mit 6000 Genossen und 194.000 Kunden und nicht gerade billigen Preisen durch den Markt trägt, heißt Vertrauen und Transparenz.

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