Auf Privatschulen wachsen Manager heran

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Wer mit sich selbst nicht einigermaßen im Reinen ist und mit seinen Mitmenschen nur schwer zurechtkommt, dessen Erfolgsaussichten sind eher bescheiden – sei es im Privaten wie im Beruflichen. Nicht selten haben missmutige Einzelgänger wenig zu verlieren oder müssen sich um ihre materielle Existenz kaum Sorgen machen. Im Extremfall sitzen sie entweder auf der Straße oder auf einem Haufen Geld. Über soziale Kompetenz verfügen sie nicht. Sie wollen oder brauchen sie auch gar nicht zu haben. Für den Durchschnittsbürger ist das Geschick im Umgang mit anderen eine Grundvoraussetzung für das eigene Wohlergehen. Schließlich ist der Mensch das sozial lebende Ende der Nahrungskette. Mit seinem Umfeld in den meisten Situationen einigermagen gut auszukommen, ist eine wesentliche Bedingung, Anerkennung zu genießen und nicht unter Ausgrenzung zu leiden. Sozialverhalten ist menschlich, Sozialkompetenz bedeutet das Beherrschen der Klaviatur menschlicher Kommunikationsformen und -techniken.

Und Sozialkompetenz ist mitverantwortlich für beruflichen Erfolg, dessen Weichen schon bei der Einstellung gestellt werden. Wenn seit Jahren ein steigender Prozentsatz der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhält, laut Bundesregierung derzeit 45 Prozent, dann kommt es für Stellenbewerber umso mehr darauf an, bei zentralen Auswahlkriterien zu punkten.

Ob Führungslehren oder Verkaufstechniken – fast das gesamte Spektrum der Managementseminare und der entsprechenden Literatur hat die erfolgreiche Selbstbehauptung in sozialen Kontexten zum Gegenstand. Es soll das perfektioniert und effizienter gestaltet werden, was Führungskräfte und Verkäufer im Laufe ihrer Dersönlichkeitsentwicklung längst verinnerlicht aben. Denn in ihren jüngeren Jahren ging es bei ihnen um das Erlernen von Normen, Werten und Rollenerwartungen, um die Sozialisierung also.

Grenzen erfahren

Vor 50 Jahren wies der Erziehungswissenschaftler Helmut Fend auf die zweifache Bedeutung des Begriffs „Sozialisierung“ hin: Einmal sei  ,Sozialmachung“ durch Eltern und Lehrer gemeint, zum anderen die „Sozialwerdung“, die Entwicklung der Persönlichkeit infolge soziokultureller Beeinflussung. Im weitesten Sinne geht es in der Sozialisierung um das Vermitteln und Akzeptieren einer normativen Orientierung, die essentiell ist für das Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Sozialwissenschaftlich unumstritten: Lehrer spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle, wenn auch nicht die Hauptrolle. Fatal ist für den pensionierten Studiendirektor Dr. Robert Honstetter ein Trend in der Lehrerschaft, sich als Kumpel des Schülers zu geben. Solche Lehrer sind zwar beliebt, werden indes von ihren Schülern nicht besonders ernst genommen. Einst völlig undenkbar, feilschen Schüler heute mit manchen Lehrern um Noten. „Der Mut, sich auch mal unbeliebt zu machen, gehört aber zum Job“, urteilt Honstetter, der am Bildungszentrum Markdorf, einer ehemaligen Modellschule des Landes Baden-Württemberg mit rund 2000 Schülern, unterrichtete.

Massiver Druck vonseiten der Eltern, die den  Versuch nicht scheuen, die Notenfindung gerichtlich austragen zu lassen, lässt den Lehrer mitunter schwach werden. So vermeidet er Ärger, der Schüler freut sich über die falsche Note für seine schwache Leistung. Am Ende stehen Noteninflation und Heerscharen von Stu ,dienabbrechern. Auch Eltern scheuen sich zu r nehmend, ihrem Nachwuchs klare Grenzen aufzuzeigen und deren Einhalten auch durchzusetzen. Zu groß ist ihre Furcht, als autoritäre Vorgestrige dazustehen.

Das von der Natur mitgegebene Talent, Kinder zu erziehen, scheint zivilisatorisch verschüttet zu sein, genauso wie die in den Genen steckende somatische Intelligenz, deren Nutzung eigentlich Ernährungsberater samt ihrer Literaturflut überflüssig machen müsste. Wenn beispielsweise die Arbeiterwohlfahrt (AWO) den Kurs „Prager Eltern-Kind-Programm (PEKIP)“ für Eltern und ihre acht Wochen bis vier Monate alten Säuglinge anbietet, um  ,Eltern dazu anzuregen, intensiv mit ihrem Baby in Kontakt zu kommen“, spiegelt das eine absurde wie verhängnisvolle Unsicherheit und Uberforderung wider – Mutter- und Vaterliebe in zehn Lektionen.

Und eine im Elternhaus wie in der Schule selten auf die Probe gestellte, deshalb schwach ausgeprägte Frustrationstoleranz junger Leute, gepaart mit unterentwickelter Sozialwerdung, also mangelnder Akzeptanz sozialer Normen, sind schlechte Voraussetzungen für das spätere Leben: Selbst kleine Niederlagen werden als persönliche Katastrophen empfunden, die unbeholfene Reaktion fällt völlig überzogen, oft aggressiv aus.

Anspruch hoch, Umsetzung schwach Sogar die fachliche Qualifizierung an den Schulen leidet unter einem Niveauverlust, wie die rasch wachsende Zahl an Einser-Abiturienten untrüglich zeigt. Wie mag es dann erst um die Qualität der Sozialmachung bestellt sein? Hier konnte das staatliche Schulwesen seinem gesetzlich postulierten Anspruch immer nur durch individuelle Sonderleistungen einzelner Lehrer gerecht werden. Intensive Betreuung ist von öffentlichen Schulen kaum zu erwarten, zumal laut Schätzung des Philologenverbands-Vorsitzenden Heinz-Peter Meidinger, sechs bis sieben Prozent des Unterrichts ausfallen, also ein Mehrfaches der offiziellen Statistiken.

Mit Udo Beckmann, dem Bundesvorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), glaubt „Meidinger, der Staat verschleiere die wahren Zahlen. Bildungsforscher Wilfried Bos von der Universität Dortmund relativiert die Bedeutung des Unterrichtsausfalls: Der Schwellenwert, ab dem sich die Zahl nicht gehaltener Unterrichtsstunden auf den Leistungsstand der Schüler auswirkt, sei gar nicht bekannt. Neurobiologen allerdings behaupten, jeder einzelne Schulmonat erbringe einen Intelligenzzuwachs von etwa einem Drittel IQ-Punkt, zumindest im mittleren Bereich der normalverteilten Intelligenzleistung von 85 bis  1 1 5 Punkten. Zu viele Unterrichtsausfälle dürften sich demnach sogar auf die Problemlösungskompetenz der Schüler auswirken. Mag auch die Wissensvermittlung nicht gleich unter jeder ausgefallenen Lehreinheit leiden, so bliebe selbst bei voller Stundenzahl kaum Zeit, die Schüler aktiv „zur Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, zu Leistungswillen und Eigenverantwortung sowie zu sozialer Bewährung zu erziehen“, wie es im Schulgesetz von Baden-Württemberg so schön formuliert ist.

Allein die Vermittlung fachlichen Wissens gelingt immer weniger. Unterrichtsausfälle und Lehrermangel sind keine hinreichenden Erklärungen. Professor Gerhard Roth,

früherer Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen und Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes, macht die Ignoranz der föderalen Bildungspolitik für die Misere verantwortlich: „Es wird sehr viel ausprobiert, allerdings wird alles Mögliche ausprobiert, und wenn man fragt, „wo habt ihr das her‘, werden keine fundierten Quellen genannt.“

Nach Gutdunken verfolgen profilbemühte Politiker abwegige Ideen, wie „jedes Kind ist hochbegabt“ oder „das Lernen muss selbstreguliert und selbstorganisiert sein“. Roth: „Da ist sehr viel Ideologie dabei.“ Laut Roth „weiß man seit Langem, wie schulisches Lernen funktioniert“, doch Parteien und Kultusministerien haben das nicht mitbekommen. „Die Erkenntnisse der Psychologie und Neurowissenschaften haber bisher keinen Eingang in unser Bildungssys tem gefunden.“ Mit fehlgeleiteten Ansätzen, ohne permanente Lehrerfortbildung, bleiben die hochfliegenden Ziele der Schulgesetze unerreichbar.

Zwar weist etwa das Bildungszentrum Markdorf die Vermittlung von Sozialkompetenz als wesentliches Schulziel aus, aber der Anteil einer staatliChen Schule am Erwerb dieser entscheidenden Fähigkeit dürfte bei den Schülern eher gering sein. Denn strukturell sind öffentliche Schulen kaum in der Lage, eine bewusst steuernde Funktion in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen auszuüben. Das findet nachhaltiger in Peergroups, den Gemeinschaften Gleichaltriger, statt. Und deren Verhaltenskodizes sind mitunter dem Dschungel näher als dem gesitteten Miteinander, wie es Gesetzgeber und Schulordnungen vorschwebt. Ein konfliktvermeidender Laissez-faire-Stil im Unterricht vergrößert das Defizit in der Vermittlung übergeordneter gesellschaftlicher Normen.

Dauerbaustelle Persönlichkeit Schulen in freier Trägerschaft weisen in aller Regel die Personlichkeitsbildung der Schüler als zentralen Inhalt ihrer Angebote aus, da gibt es kaum Unterschiede zu den öffentlichen Schulen. Nur macht der Konkurrenzdruck vonseiten des staatlichen Schulsystems wie unter den Privatschulen selbst das ernsthafte Bemühen um dieses Ziel glaubhafter, die im Privatschulsektor eingesetzten Methoden sein Erreichen wahrscheinlicher.

Anspruchsvolle Bildungsideale haben für Schulen in privater Tragerschaft eine 3 ungleich höhere Bedeutung als für staatliche Schulen. Sie sollen das Image der Schule prägen, ihr Profil schärfen und Kunden anlocken: „Verantwortungsbewusste Bürger im Sinne einer ganzheitlichen Bildung“ sollen aus den Eleven des Internats Solling einmal werden. Die Urspringschule will ihren Schützlingen „zur Selbstbildung von Durchblick, Selbstbewusstsein und Lebenskompetenz“ verhelfen. Das Jade-Gymnasium verspricht die Erziehung „zu lebensbejahenden, verantwortungsbewussten, motivierten und reflektierenden Menschen“ sowie die Begleitung „auf ihrem Weg zu sozialer Reife“.

Hanseatisch nüchtern und pragmatisch will die christliche August-Hermann-Franck-Schule in Hamburg die Vorbereitung „auf das ,erwachsene‘ Leben und die Ansprüche der modernen Arbeits- und Lebenswelt“ leisten. Und 710 die Schüler der katholischen Erfurter Edith-Stein-Schule sollen einmal „soziale Verantwortung in die Weit tragen, den Nächsten achten und Toleranz üben“.

Schön und gut im wahrsten Sinne des Wortes. was Privatschulen mit Kindern anstellen wollen. Ob das wirklich zu Selbstbewusstsein, Sozialkompetenz und Orientierung führt, wird individuell sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist, dass jedem die Chance geboten und ihre Nutzung erleichtert wird. Und dass die laut Hirnforscher Roth in der Wissenschaft interdisziplinar anerkannte Grundbedingung des Lehrens und Lernens erfüllt wird: Vertrauen.

„Lernen ist erfolgreich, wenn ich das, was ich lerne, langfristig behalte und nutzen kann. Dagegen ist der Wirkungsgrad deutscher Schulen sehr gering“, kritisiert Gerhard Roth das Schulsystem und fordert: „Es gilt, die Schülerinnen und Schüler darin zu befähigen, letztlich selbständig lernen zu können. Ein Leben lang. Das ist dann Lernerfolg.“ Vorausgesetzt, die Motivation zum Lernen versiegt nicht.

Und die muss schon sehr hoch sein, wenn sich jemand nach abgeschlossenem Studium aus der Berufstätigkeit heraus zum Besuch einer Business School entschließt. War er früher in einer Privatschule, wird ihm in der MBA-Ausbildung manches bekannt vorkommen: Soft Skills, die schon in Privatschulen hochgehalten werden, spielen sogar dort eine Rolle, wo sich ehrgeizige jüngere Manager den letzten Schliff für ihre weitere Karriere verpassen lassen wollen: in den Business Schools.

So verspricht die Mannheim Business School, „weit über die reine Wissensvermittlung hinaus‘  zu gehen, damit ihre Studenten „von der Führungskraft zur Führungspersönlichkeit reifen“ können. Im MBA-Programm der EBS Business School ist „Responsible Leadership“ Pflichtfach und die WHU Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung ist stolz darauf, dass „das Miteinander geprägt ist durch den ,WHU Spirit‘, der sich vor allem durch soziale Verantwortung und Respekt kennzeichnet“.

Neben der Internationalität, die vor allem hochpreisige Privatschulen pflegen, hält es auch eine Business School wie die WHU mit dem Privatschul-Creclo, „einen starken Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung“ zu legen, um Führungskompetenz auszubauen. Zweifellos ist eine grundlegende Einflussnahme auf die Persönlichkeit 30- bis 45-Jähriger schwer möglich. Hohe Lernbereitschaft vorausgesetzt, lassen sich aber manche Defizite durchaus mit antrainierten Inhalten überdecken und die Auftretenshäufigkeit unerwünschten Verhaltens reduzieren. Auch kann das bewusste Verarbeiten von Lebenserfahrungen die Persönlichkeit reifen lassen. Anleitungen dazu sind in jedem Alter nützlich.

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