Zudem verhandelt eine Privatfirma Kretinskys über den Kauf weiterer knapp neun Prozent der Metro-Anteile, die die Elektronikkette Ceconomy hält. Ob Kretinsky zugreift oder den Konzern gar komplett übernehmen will, ist nach Angaben aus seinem Umfeld bisher noch nicht entschieden.

Ob diese finanzielle Spritze aus der Schatulle von Tschechen-Milliardär Kretinsky dem Metro Konzern hilft, wieder auf die Beine zu kommen? In der Phase, wo der Aktienkurs ganz unten notierte und das Unternehmen mit seinem Vorstand Olaf Koch haderte und ihn eigentlich loswerden wollte, kam der tschechische Investor daher und kaufte vor etwa einem Monat 7,3% der Metro-Aktien plus einer Option auf weitere Papiere, die im Besitz der Familie Haniel sind (15,2%) und Anteile von Ceconomy (9,99%). Damit würde der neue Miteigner eine Menge Stimmrecht und Einfluss über den Konzern in den Händen halten. Befeuert das endlich den Aktienkurs, worauf tausende Aktionäre warten?

Das Zentrum von Daniel Kretinskys Milliardenreich liegt direkt unter der Dachschräge, in einem Raum, feudal wie eine Besenkammer, im sechsten  Stock eines Prager Gründerzeitbaus. Eine Handvoll golden und schwarz bezogene Sessel und ein Schreibtisch füllen das Zimmer fast komplett aus. Als ein Wirtschaftsmagazin im November 2017 zu Besuch ist, ist die blitzblank polierte Tischplatte leer. Nur ein gerahmtes Foto seines Sohnes deutet daraufhin, dass hier Kretinsky arbeitet — und ein echtes Gemälde des Expressionisten Oskar Kokoschka neben der Tür, das der Kunstsammler vor einiger Zeit erworben hat.

Der Raum ist für Besucher normalerweise tabu. Von hier dirigiert Milliardär Kretinsky eines der größten und am aggressivsten wachsenden privaten Firmenimperien in Mittel- und Osteuropa. Mit seiner Gruppe kontrolliert der 43-jährige Unternehmer Gaspipelines und -speicher in der Slowakei, Kohle- und Gaskraftwerke in mehr als einem halben Dutzend Länder, ein Medienhaus um Tschechiens auflagenstärkste Boulevardzeitung und  französische Magazine — sowie den  Fußballclub Sparta Prag. Auch in Deutschland hat der verschwiegene Investor, der sich für ungestörte Urlaubsreisen einen Anteil an einer Malediveninsel zugelegt hat, bereits zugeschlagen — ohne dass sein Name bislang vielen ein Begriff war. Selbst als seine Energieholding EPH 2016 das ostdeutsche Braunkohlegeschäft des Versorgers Vattenfall schluckte und so zum drittgrößten Stromproduzenten in Deutschland aufstieg, blieb Kretinsky unter dem Radar einer breiteren Öffentlichkeit.

Doch nun beginnt der Mann aus dem Prager Dachgeschossbüro, dessen Vermögen das US-Magazin „Forbes“ auf 2,6 Mrd. Dollar schätzt, den deutschen Handelsriesen Metro zu schlucken. 7,3 Prozent der Metro Stammaktien haben Kretinsky und sein langjähriger slowakischer Geschäftspartner Patrik Tkåc vom bisherigen Metro-Großaktionär Haniel gekauft, auf das restliche 15,2-Prozent-Anteilspaket des Familienunternehmens haben sie sich zudem eine Kaufoption gesichert. Buchwert des gesamten Haniel-Pakets: rund 970 Mio. Euro. Weitere Anteilskäufe könnten folgen. Spekulationen über eine Komplettübernahme des im MDax notierten Konzerns durch das Investorenduo ließen den Kurs der lange geprügelten Metro-Aktie bereits steil nach oben schießen. Mittlerweile hat sich der Kurs wieder eingependelt, und fällt sogar schon wieder ein bisschen. (Stand 11.10.18: 13,38 Euro)

 „UNDERMANAGED COMPANY“

Es wäre eine der spektakulärsten Übernahmen der vergangenen Jahre: Auf der einen Seite zwei weitgehend unbekannte Selfmade-Milliardäre aus Osteuropa, deren Engagement im Handel sich bisher auf E-Commerce-Plattformen in Tschechien und einigen Nachbarländern beschränkte. Auf der anderen Seite ein traditionsreicher Handelsriese mit weltweit 760 Metro-Großmärkten sowie der Tochter Real, bei dem über Jahrzehnte legendäre deutsche Wirtschaftsdynastien wie die Haniels und die Beisheims das Sagen hatten — ein Konzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt immerhin noch 37 Mrd. Euro, etwa fünfmal so viel wie Kretinskys Unternehmensgruppe.

Es ist Anfang Mai, als der Milliardär sein Metro-Abenteuer startet. Er lässt bei der für Übernahmen und Investments zuständigen Abteilung des Haniel-Konzerns anklopfen. Zusammen mit seinem Partner Tkåc ist Kretinsky etwa auch am zweitgrößten tschechischen Onlinekaufhaus Mall.cz beteiligt. Er ist der Ansicht, dass der Metro-Konzern unter Vorstandschef Olaf Koch unter seinen Möglichkeiten geführt wird. Metro sei eine „undermanaged company“, sagt der Investor in internen Gesprächen — ein Urteil, das erahnen lässt, dass Koch auf der Kippe steht. Sich selbst traut er dagegen zu, als Aktionär für eine Steigerung der Performance zu sorgen — wie bei vielen seiner Beteiligungen, bei denen er im Stil eines Spekulanten eingestiegen war, während andere Investoren nur noch rauswollten.

Für die gesamte deutsche Handelsbranche kommt das Interesse des Kohlebarons aus heiterem Himmel. Auch beim größten Metro-Einzelaktionär Haniel müssen sie erst googeln, wer dieser Kretinsky ist und ob es sich um einen seriösen Investor handelt. „Den hatte bei uns niemand auf dem Schirm“, sagt Haniel-Chef Stephan Gemkow. Seine Leute sammeln Informationen, studieren den Kohledeal von Kretinskys Energieholding EPH mit Vattenfall. Einige Wochen nach der Kontaktaufnahme treffen sich Gemkow und Kietinskj dann persönlich. Dabei gewinnt Gemkow den Eindruck, dass der neue Großaktionär bei Metro eine aktive Rolle spielen will. „Ich glaube, dass sein Engagement bei Metro langfristig ist“, sagt er heute. Er könne sich theoretisch auch vorstellen, dass Kretinsky den Konzern von der Börse nehmen wolle. Wenn man bei Haniel über Kretinsky spricht, fallen reihenweise  Komplimente: hochprofessionell, mit scharfem Verstand, smart. Sogar von  einem „neuen Benko“ ist die Rede — in Anlehnung an Karstadt-Eigner René Benko, der als Quereinsteiger den Handel aufmischt.

Wie Benko hat es der Sohn eines Informatikprofessors und einer Verfassungsrichterin mit Anfang 40 zu einem der reichsten Männer seines Landes gebracht. Wie der Immobilienkönig fiel Kretinsky anfangs durch intransparente Konzernstrukturen und umstrittene Deals auf. Heute arbeiten für ihn knapp 25000 Angestellte — vor allem für EPH, sein mit 6 Mrd. Euro Umsatz wertvollstes Unternehmen. Doch wer Kretinsky trifft, hat nicht den Eindruck, es mit einem „Oligarchen“ zu tun zu haben, wie ihn seine Kritiker nennen. „Er wirkt wie ein großer Junge, der seine Doktorarbeit in Mathematik oder Informatik schreibt“, sagt einer, der mit ihm verhandelt hat. Bei seiner Expansion in den Handel spielt Kretinsky in die Hände, dass der Haniel-Clan schon seit einigen Jahren nach der Chance suchte, bei Metro auszusteigen — nach einer Ära von mehr als 50 Jahren. Die Entwicklung der Ergebnisse und des Aktienkurses sei „seit geraumer Zeit“ in die „falsche Richtung“ gegangen, sagt Haniel-Chef Gemkow. Der Kursverfall brockte der Familie in den vergangenen Jahren Wertberichtigungen in Milliardenhöhe ein.

 KONZEPT VON GESTERN

Der Metro-Konzern war in den 60erJahren groß geworden, als Gründer Otto Beisheim den Großhandel in Deutschland neu erfand. Damals stellte er riesige blau-gelbe Hallen an Autobahnen und in Gewerbegebiete, sogenannte Cash-&-Carry-Märkte, in denen Gastronomen und Wiederverkäufer alles bekamen — von Lebensmitteln bis Kleidung, wie im Einzelhandel, nur billiger. Heute macht der Konzern zwar immer noch einen Jahresgewinn, 2017 waren es 345 Mio. Euro. Doch weiterhin basiert das Geschäftsmodell darauf, dass die Leute zu den Waren kommen — statt sie im Internet zu bestellen und sich liefern zu lassen. Das Cash-&-Carry-Konzept sei ein Modell von gestern, sagen Analysten. Die Metro-Märkte seien völlig überdimensioniert, der Konzern mache mit rund 20 Prozent seines Sortiments rund 80 Prozent seines Umsatzes. Der Rest seien Ladenhüter, sagt ein Bankanalyst, der Metro seit vielen Jahren beobachtet. Entsprechend hoch fallen die Kosten für Personal und Mieten aus — und niedrig die Profitabilität. In Deutschland liegt die Marge im operativen Geschäft vor Zinsen und Steuern bei rund 0,5 Prozent. Im Inland verdient Metro also praktisch nichts. Auch im Ausland kämpft Metro-Chef Koch mit Problemen — vor allem in Russland, wo der Konzern in den vergangenen 15 Jahren 2 Mrd. Euro in die Expansion pumpte. Seit einiger Zeit schwächelt der Handelsriese in seinem wichtigsten Auslandsmarkt — wegen der Krimkrise und des Verfalls des Rubels, aber auch weil er Marktanteile an russische Konkurrenten verlor. „Wir haben Fehler gemacht, auch in Russland“, sagt Koch im Interview. Inzwischen habe man die Lage „deutlich stabilisiert“. Ein Krisenfall bleibt auch die zuletzt defizitäre deutsche Konzerntochter Real. Spekuliert wird daher, dass Kretinsky darauf dringen könnte, die Supermarktkette abzustoßen. Nicht wenige Handelsexperten halten Real für „unsanierbar“.

Kretinsky selbst lässt sich bislang nicht in die Karten schauen. Dass er bei seinen Firmen hart durchgreift und scharf darauf achtet, dass sie ihre Finanzvorgaben einhalten, haben er und seine Top-Manager aber bei anderen Beteiligungen gezeigt. „Wie im Sport verlangen die, dass wir auch harte Trainingseinheiten mitgehen können“, sagt Ex-Vattenfall-Manager Helmar Rendez, der heute für Kretinsky das Braunkohlegeschäft in der Lausitz führt. Wenn Rendez über seine Chefs in Prag spricht, lobt er auch eine „frappierende Entscheidungsfreude“.

Schon Metro-Chef Koch, ein früherer Private-Equity-Manager, hat den Handelskonzern zuletzt kräftig umgebaut und geschrumpft, um aus der Defensive zu kommen. Im Sommer 2017 spaltete er die zum Konzern gehörigen Elektronikmärkte Media Markt und Saturn in eine neue Holding ab und brachte sie unter dem Namen Ceconomy an die Börse. Schon zwei Jahre zuvor hatte Koch die Warenhauskette Kaufhof verkauft. Bei Metro verblieben nur der Großhandel und Real. Die Aufspaltung sollte die Einheiten agiler und rentabler machen — eine Hoffnung, die sich bis heute nicht erfüllt hat. Auch der Kurs der Metro-Aktie fiel seit der Trennung deutlich.

 GELD HERAUSGEQUETSCHT

Hinter vorgehaltener Hand war bei Großaktionär Haniel deshalb schon länger Kritik am Konzernchef zu hören. Koch liefere markige Worte. Aber die digitalen Aktivitäten kämen bei Metro im Vergleich zu denen bei Ceconomy nur langsam voran und seien nicht geeignet, die Probleme bei den Cash-&-Carry-Märkten und bei Real zu heilen. Metro-Insider machen dagegen auch Haniel für die schleppende digitale Initiative verantwortlich: Die Familie habe ihre Metro-Beteiligung zuletzt in erster Linie als Cashcow für ihre anderen Investments gebraucht und Geld aus dem Konzern gequetscht, sagt ein langjähriger Metro-Top-Manager. Auch deshalb hätten Koch die Mittel gefehlt, die Läden aufzumöbeln und in eine moderne IT zu investieren. Dass der Konzern digital „mit Meilenstiefeln“ vorankomme, wie es Koch formuliert, bezweifeln jedoch auch andere. Tatsächlich besteht die Digitalstrategie vor allem darin, dass Metro Gastronomen kostenlos eine Webseite baut und ihnen mit einem Reservierungstool hilft. Die Idee dahinter: Die Wirte erzielen höhere Umsätze und kaufen mehr bei Metro ein. 90 000 Gastwirte hat der Konzern in aller Welt akquiriert, nur auf die Erlöse hat sich das bisher nicht ausgewirkt. Viele Restaurants haben längst eine eigene Seite im Netz.

Bei anderen digitalen Projekten sei Koch nicht bereit gewesen, Konflikte mit der „Bewahrerfraktion“ im Konzern einzugehen, sagt ein Metro-Kenner. Viele in der Zentrale und den Landesgesellschaften lebten noch gut vom heutigen Geschäftsmodell, mit üppigen Gehältern und Boni. „Denen brennt die 1–lose nicht genug, um zu sagen: Wir nehmen es ernst mit den Veränderungen.“ Das könnte sich nun unter Großaktionär Kretinsky ändern. Bis März können er und Mitinvestor Tkåc ihre Option auf das 15-ProzentPaket von Haniel ziehen. Zudem verhandelt eine Privatfirma Kretinskys über den Kauf weiterer knapp neun Prozent der Metro-Anteile, die die Elektronikkette Ceconomy hält. Ob Kretinsky zugreift oder den Konzern gar komplett übernehmen will, ist nach Angaben aus seinem Umfeld bisher noch nicht entschieden. Doch dass der Mann aus dem Dachgeschossbüro in Prag Firmen mit einem vermeintlich überholten Geschäftsmodell als Chance auf ein gutes Investment sieht, hat er bei der Übernahme des Braunkohlegeschäfts von Vattenfall bewiesen. Schon bei diesem Deal erwischte Kretinsky den optimalen Moment: Zum Zeitpunkt des Kaufes lag der Strompreis auf dem Tiefstand, seitdem hat er sich kräftig erholt. Auch bei Metro hatte der Finanzstratege das richtige Timing. Das Aktienpaket sicherte er sich just, als der Kurs auf einem Allzeittief lag. Viel verlieren kann Kretinsky nicht: Allein die Immobilien von Metro und Real sind derzeit mehr wert als der gesamte Konzern an der Börse.

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