Größtes Verbrecher-Netzwerk Europas gesprengt

Sie benutzten ein abhörsicheres Handynetz namens „EncroChat“, und konnten so untereinander ihre Verbrecher-Deals einfädeln und abwickeln. Trotzdem kamen ihnen die Ermittler, die europaweit agierten und vernetzt waren, auf die Schliche. Denn sie knackten den Telekommunikationscode von EncroChat, den sogenannten Enigma-Code, und konnten am 12.Juni 770 Mitglieder von Europas größter Gangster-Vereinigung auffliegen lassen und Hunderte festnehmen. Es wurden Unsummen an Bargeld sichergestellt – man spricht von mehr als 55 Millionen Euro – dazu Luxuskarossen, Luxusuhren und andere Wertgegenstände. Dazu Waffen, riesige Mengen an Drogen und Bausätze für Schnellfeuergewehre. Sie alle hatten mit sogenannten Krypto-Telefonen kommuniziert, die eigentlich abhörsicher sein sollten. Solange, bis die Polizei und Special Forces die Verbindungscodes hacken konnten und mithörten, wie Verbrechen ausgeklügelt wurden, wie Auftragskiller losgeschickt wurden und Verstecke preisgegeben wurden.

Diese Schlagzeile paralysierte nicht nur die Leser im Juni dieses Jahres, sondern auch die beteiligten Kriminellen: EncroChat, Tele-Kommunikationssystem der kriminellen Unterwelt, gehackt! Obwohl etwa 60.000 Kriminelle, die an EncroChat angeschlossen waren, am 12 Juni die Nachricht bekamen, ihre Geräte sofort zu zerstören, waren die Ermittler bereits hunderten Gangstern auf der Spur oder führten gerade Hausdurchsuchungen und Festnahmen durch. Hauptsächlich in Großbritannien und in Holland, aber auch in Schweden, Frankreich und Norwegen. Das war der größte Schlag gegen das organisierte Verbrechen in Europa, das seine Aktivitäten hinter der Fassade biederer Kleinbürger und Familienväter getarnt hatte. Letztendlich handelten dieses Ganoven-Netzwerk mit Tonnen an Rauschgift und belieferte ganz Europa damit, außerdem betrieben sie einen Waffenhandel im ganz großen Stil. Entführungen, Folter, Prostitution und Menschenhandel war nur ein Nebengeschäft. In manchen Wohnungen oder Häusern fanden die Polizisten in Bettkästen mehrere Millionen Bargeld in unterschiedlichen Devisen, teure Uhren oder Luxusartikel. Die EncroChat Handys waren der Zugang zur echten Unterwelt, so etwas wie das „WhatsApp“ des organisierten Verbrechens. Quasi die ideale Lösung, um Straftaten zu planen und zu verabreden, ohne dass andere mithörten. Doch französische Spezialisten konnten eines Tages, nach jahrelanger Recherche, die Server lokalisieren und sich dann Zugang zu den Geräten verschaffen. Von dem Moment an konnten sie Nachrichten mitlesen, sie erhielten die Namen hunderter Beteiligter, konnten Dialoge mitschneiden und Beweise sichern. Die Nationale Strafverfolgungsbehörde NCA aus England führte die Ermittlungen, die den Durchbruch brachten, als die Handys entschlüsselt wurden. Sie richteten sich dabei nach dem Verschlüsselungsgerät „Enigma“, welches von den Deutschen im 2. Weltkrieg genutzt wurde, um Nachrichten zu verschlüsseln. Die rotierenden Walzen der Maschine veränderten in Funksprüchen der Wehrmacht die Reihenfolge der Buchstaben, so dass der Feind nicht mitlesen konnte, solange er nicht die Verschlüsselungen entziffern konnte. Die Erkennung des Verschlüsselungscodes der Gangster-Handys wurde als Lösung des Enigma-Codes bezeichnet.

Da viele Gangster während des Lockdowns zu Hause waren, konnten die Spezialeinsatzkommandos viele Verdächtige dort antreffen und gezielt den Zugriff vorbereiten. „Es ist die größte und wichtigste Operation ihrer Art“, so NCA-Chefin Nikki Holland. „Etwas von dieser Größe hat es bisher nicht gegeben.“ Dabei wurden alleine in England 746 Verdächtige verhaftet. Und das war laut den Ermittlern erst der Anfang. Offenbar hat der große Schlag gegen das organisierte Verbrechen erst begonnen. 60.000 kriminelle Nutzer hatten weltweit Zugriff zum Netzwerk von EncroChat, wobei die Polizei nach erfolgreicher Entschlüsselung etwa 20 Mio. Nachrichten mitlesen und teilweise auswerten konnte, so die europäische Justizbehörde Eurojust in Den Haag (Niederlande). Damit konnte mit einem Schlag der kriminelle Sumpf europaweit trockengelegt werden. Natürlich sind viele Gangster mittlerweile auf der Flucht, aber wie es aktuell heißt, wurden 800 Personen bereits festgenommen und in U-Haft geschickt. Auch präventiv konnten durch die Zerschlagung des internationalen Kommunikationsnetzwerkes weitere Straftaten verhindert werden, dazu zählen neben Drogen- und Waffenhandel auch Mord und Entführungen. Damit zeigt sich wieder einmal, dass das ganz große Verbrechen und die Mega-Geschäfte in Millionenhöhe ganz weit im Verborgenen stattfinden, während die täglichen Meldungen in den Tageszeitungen oder anderen Medien lediglich die „kleinen Fische“ betreffen. An die Großen unter den Gangstern kommt niemand so schnell heran, es sei denn man hat Glück, wie in diesem Fall.

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