Wirecard: Da wurde ein Auge zu viel zugedrückt

1,9 Milliarden Euro, die nicht auffindbar oder gar nicht existent sind. Ein Betrag, der eigentlich längst hätte auffallen müssen. Dennoch hatte der Finanzdienstleister Wirecard es jahrelang geschafft, dubiose Geldströme und finanzielle Ungereimtheiten vor den Augen der deutschen Aufsichtsbehörden zu verstecken. Die deutsche Finanzpolitik erreicht damit einen Tiefpunkt, der nach politischen und personellen Konsequenzen schreit.

Am 25.06.2020 hatte der Vorstand des Dax-Konzerns entschieden, beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Der Grund: Laut Aussagen des Unternehmens drohen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Ausgangspunkt war der verweigerte Jahresabschluss durch den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) Mitte Juni. Wenig überraschend, da in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlten. Das ist kein Liquiditätsengpass mehr, sondern ein Finanzloch der Superlative. Mit der Insolvenz und dem Aktienabsturz steht Wirecard nun vor der Pleite. Aber das Mysterium um den Skandal geht weiter, denn seit Bekanntgabe der Insolvenz ist der ehemalige Treuhänder, der für die Konten mit den 1,9 Milliarden Euro verantwortlich war, unauffindbar und der ehemalige CEO wurde verhaftet und vor kurzem gegen eine Kaution in Höhe von 5 Millionen Euro wieder entlassen.

Die Ermittlungen laufen und die Frage nach dem Geld bleibt. Ein Betrag in solcher Höhe verschwindet nicht einfach. Der Vorstand gab an, dass ein Guthaben in dieser Höhe vermutlich gar nicht existierte und bringt damit einen der größten Finanzskandale in der Geschichte der Bundesrepublik ans Licht. Doch die viel dringendere Frage lautet: Warum wurde zuerst im Ausland darüber berichtet? Wussten die ausländischen Medien mehr, als die deutschen? Oder waren sie die ersten, die ihr Wissen mit der Öffentlichkeit teilen wollten?

Die britische Berichterstattung ermittelt seit mehreren Jahren gegen das Finanzunternehmen und nimmt bei ihrer kritischen Berichterstattung kein Blatt vor den Mund. Doch anstatt den Hinweisen auf kriminelle Geldströme nachzugehen und Wirecard einer umfassenden Kontrolle zu unterziehen, erstattet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Anzeige gegen britische Reporter und Whistleblower. Ein Fehler, der nur auf ein Versagen in den kontrollierenden Instanzen (BaFin) zurückzuführen ist und die deutsche Finanzpolitik mit dem Rücken zur Wand drückt.

Da sich die Lage von Wirecard durch die kritische Berichterstattung der britischen Medien verschärfte, beschlossen sie selbst, eine Firma mit der Überprüfung der Vorwürfe zu beauftragen. Die Wirtschaftsprüfer der KPMG prüften Anfang dieses Jahres, ob in den Bilanzen finanzielle Ungereimtheiten vorkamen und Rückschlüsse auf unrechtmäßige Geldgeschäfte geschlossen werden konnten. Das Resultat: In einem Sonderbericht der KPMG hieß es, dass die Vorwürfe weder bestätigt noch widerlegt werden konnten. Kein zufriedenstellendes Ergebnis.

Fraglich war auch, ob ein Interessenkonflikt die Kontrolle beeinflusste, da die KMPG von Wirecard selbst beauftragt worden war und nicht von einer unabhängigen dritten Instanz. Die EU-Kommission hat aufgrund dessen die europäische Aufsichtsbehörde eingeschaltet, um weitere zusätzliche Fehler zu vermeiden. Aber reicht das aus? Nein! Die Frage, wie eine offizielle Regierungsbehörde die Machenschaften von Wirecard übersehen konnte, verlangt nach einer Antwort und Konsequenzen für die Beteiligten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass auch andere große Skandale, wie der VW-Abgasbetrug zuerst im Ausland bekannt wurden, wird der Handlungsbedarf in der deutschen Finanzpolitik deutlich. Das illegale Geldgeschäft von Wirecard aufzudecken und zu sanktionieren reicht nicht aus. Es gilt vor allem einen Systemfehler, wie den der BaFin, zu verhindern. Der logische Schluss ist demnach: ein Neustart in den Aufsichtsbehörden. Es muss gewährleistet sein, dass Unregelmäßigkeiten sofort an eine Exekutiv-Instanz gemeldet werden müssen, so dass unabhängige Dritt-Prüfer sich der Sache annehmen können. Gegebenenfalls auch unter Einbeziehung des deutschen Finanzministeriums. Anders scheint man derartigen Problemen nicht angemessen auf den Grund gehen und diese zukünftig vermeiden können.

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  1. Das haben wir für unsere Privatholding bekommen: Following up on our last message regarding WireCard Solutions UK, we are happy to report that all Goldmoney Prepaid cards have now been restored to full functionality, with no impact to previous card balances.

    In line with communications received from WireCard and Intercash, we are advised that the appropriate documentation and response was provided by WireCard Solutions UK to the FCA to have the temporary restrictions lifted.

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