Gefühls-Chaos bei Eltern: Wenn die Kinder flügge werden

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Gefühlt ist es noch gar nicht so lange her, dass die Tochter ihren Geburtstag auf dem Ponyhof gefeiert hat, oder der Sohn zum ersten Mal auf Klassenfahrt gegangen ist. Doch nun sind beide volljährig. Wenn Kinder erwachsen werden, kann dies das Zeitgefühl der Eltern verzerren. Erinnerungen an ganz besondere Tage werden präsent und reihen sich aneinander: der erste Zahn, das erste Fahrrad, der erste Schultag, die erste Freundin, der erste Liebeskummer, der 18. Geburtstag, der Schulabschluss, der Führerschein. Und nun wird es plötzlich ernst: Der Nachwuchs startet in eine Ausbildung oder ein Studium und zieht aus. Vielleicht mit Freundin oder Freund zusammen in eine WG (Wohngemeinschaft). Möglicherweise in der Nähe, oder in einer anderen  Stadt oder sogar in einem anderen Land. Oder erst einmal ein Jahr lang jobben und danach auf Reisen gehen, um sich zu orientieren. Obwohl dies im Grunde absehbar ist, kommen diese Zukunftspläne der Kinder für Eltern dann doch oft überraschend und viel zu schnell. Für die Familie beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. Wenn Umzugskartons Fakten schaffen, ist plötzlich klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Vergessen sind dann die Phasen, in denen es die Eltern kaum erwarten konnten, endlich wieder mehr Zeit für sich selbst oder für einander zu haben. Und manchmal sogar davon träumten, nicht immer die Launen der Pubertierenden ertragen zu müssen. Stattdessen sind diese nun erwachsen, möchten selbstständig sein und auf eigenen Beinen stehen.

Nicht selten löst der Auszug bei Müttern und Vätern zunächst eine tiefe Traurigkeit aus. Wissenschaftler nennen diese Verlustgefühle der Eltern „Empty-Nest-Syndrom“ — der Schmerz über das verlassene Nest.  Der Begriff in den 6oer-Jahren in den USA geprägt, ist auch heute noch ein Thema. Die Berliner Autorin und Wissenschaftsjournalistin Dr Adelheid Müller-Lissner, die für ihr im Februar erschienenes Buch „Empty Nest: Wenn die Kinder ausziehen“ zahlreiche Betroffene und Experten befragt hat, nennt für den zeitweiligen Trennungsschmerz vor allem zwei Gründe: ,,Viele Erwachsene gehen heute nicht mehr davon aus, dass ihre Partnerschaft oder Ehe ein Leben lang halten wird. Die Bindung zum Kind erscheint ihnen als einziger verlässlicher Stabilitätsfaktor von Dauer.“ Und: „Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind heute meist relativ harmonisch. Es gibt also scheinbar keinen zwingenden Grund, nicht auch im Erwachsenenalter weiterhin zusammenzuleben“‚ Oft ist es also ein Gefühlschaos, das die Mütter und Väter an diesem Wendepunkt überwältigt und Ihnen wird bewusst, dass ein gemeinsamer Lebensabschnitt zu Ende ist und ein Kapitel abgeschlossen ist. Oft haben Eltern ihre eigenen Bedürfnisse während der Erziehung ihrer Kinder zurückgestelIt. Nun haben sie auf einmal wieder mehr Zeit und Raum für sich. Sie merken, dass Sie eine Generation aufsteigen und können sich darauf vorbereiten, möglicherweise in Zukunft die Rolle der“ Großmutter bzw. des Großvaters zu übernehmen. Doch erst einmal gilt es die Zeit für sich und die Ruhe im Haus neu zu füllen. Das mag Eltern, die Mutter- oder Vaterrolle gerne übernommen haben, sehr schwer zu fallen. Sogar Eltern, denen es gar nicht schnell genug gehen konnte, dass ihre Nesthäkchen werden, müssen plötzlich total umdenken – im Bewusstsein, dass sie möglicherweise viel öfter allein sein werden, dass sie keine richtige Aufgabe mehr haben.

Strategien für Eltern

Doch es gibt Strategien, wie Eltern ihre Gedanken und Gefühle sortieren und ihren Alltag neu strukturieren können. Die Autorin Müller-Lissner hat aus ihren Recherchen folgende Tipps abgeleitet: „Eltern sollten das Thema rational durchdenken, dann wird ihnen klar, dass der Schritt der Kinder richtig und auch wichtig war. Denn was wäre die Alternative zum Auszug der Kinder? Dass sie auch noch als 70jährigen mit ihren 40jährigen zusammenleben?“ Vielmehr haben Mütter und Väter nun die Chance, an die Anfangszeit ihrer Beziehung anzuknüpfen. Die Autorin rät: „Paare sollten miteinander reden und sich die Vorteile bewusst machen, die mit der neu gewonnenen Zeit und Freiheit möglich sind. Sich ab sofort an keine vorgegebenen Zeitvorgaben halten zu müssen, einfach mal spontan etwas unternehmen zu können, außerhalb der Schulferien zu verreisen oder Kino- und Theaterbesuche nicht immer lange planen zu müssen.“

Im Leben einer Familie ändert sich demnach eine ganze Menge, wenn die Kinder „aus dem Haus“ sind, wie es im Volksmund heißt. Dazu zählt auch die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Es gibt auch keine Idealzahl, wie häufig der Kontakt zwischen Eltern und Kindern stattfinden sollte. Das hängt immer sehr von den individuellen Gegebenheiten ab. Und dem Verbundenheitsgefühl. „Sehr wichtig scheint es allerdings zu sein, dass bei den Kindern nicht das Gefühl entsteht, sie müssten sich mal wiederbei den Eltern melden“, sagt beispielsweise die Stuttgarter Diplompsychologin Dr. Gunda Michelfelder, selbst Mutter dreier Kinder. Und sie ergänzt: „Wenn Eltern wirklich loslassen, können Kinder von sich aus den Kontakt zu ihnen suchen. Für Eltern besteht die Herausforderung darin, die Balance zu halten zwischen dem Begleiten der Kinder und der Anteilnahme an ihrer Entwicklung, gleichzeitig jedoch keinen Druck aufzubauen oder zu klammern.“ Wenn Kinder ausziehen, bedeutet das also nicht einen Abschied für immer, sondern Chancen auf einen Aufbruch in eine neue Lebensphase – auch und gerade für die Eltern.

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