Ist die Frauenquote nur Ergebnis eines „wankelmütigen Zeitgeistes“?

Endlich führt die Regierung eine Frauenquote ein für Vorstände in börsennotierten Unternehmen. Die männlich geprägte Firmenkultur wird sich damit ändern. Doch die Unternehmerlobby schreit gegen das Gesetzesvorhaben auf.

Seit Jahren gibt es eine sogenannte Selbstverpflichtung der Wirtschaft, den Frauenanteil zu erhöhen. Doch das hat bisher nur zu sehr geringen Änderungen geführt. Zudem ist es den Unternehmen auch möglich, als Zielgröße für den geplanten Frauenanteil „Null“ anzugeben. Sanktionen gibt es bisher dafür nicht. Doch was bedeutet die „Null“ in der Selbstverpflichtung? „Wir haben keine Frauen und in Zukunft möchten wir auch keine Frauen in unsere Reihen lassen“. Ein Skandal.

In den nächsten Tagen soll eine Entscheidung über den Gesetzentwurf getroffen werden, den Bundesfrauenministerin Franziska Giffey und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) vorgelegt haben. Das sogenannte Führungspositionengesetz steht auch im Koalitionsvertrag, doch der fertige Entwurf wurde seit Monaten blockiert.

Endlich geht es einen Schritt voran in der Frage der Gleichstellung von Mann und Frau. Jetzt endlich kam es zur Einigung bei der Einführung einer Frauenquote von SPD und CDU. Doch der Wirtschaftsflügel der CDU kritisiert das Vorhaben scharf.  „Wir brauchen ein Stoppschild, um die freiheitlich soziale Marktwirtschaft nicht durch noch mehr Überregulierung in Frage zu stellen“, sagte der Vizechef des Parlamentskreises Mittelstand, Hans Michelbach (CSU), der „Saarbrücker Zeitung“. „Deshalb werden wir alles dafür tun, um diese Vorstandsquote zu verhindern.“

Es sei hier zu befürchten, dass „durch die Quote der Vorschlag dann auf immer mehr Betriebe ausgeweitet wird“, sagte Michelbach weiter. So könnten später auch die mittelständischen Unternehmen betroffen sein und nicht mehr nur die großen Aktiengesellschaften. „Die Union hat schon zu viele Grundsatzpositionen einem wankelmütigen Zeitgeist geopfert“, sagte Michelbach.

Doch sind Frauen im Unternehmensvorstand wirklich ein Problem?

Fakt ist: Frauen sind kein Ballast für ein Unternehmen sondern diversen Studien zufolge für den Erfolg eines Unternehmens förderlich. Auch Katja Mast, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende sieht das so: „Unternehmen mit diversen Teams sind erfolgreicher als andere – das belegen zahlreiche Studien“, sagte Mast. „Es sind also mitnichten Belastungen, die wir beschlossen haben, sondern echte Wirtschaftsförderung.“ Mast kritisierte: „Für uns als SPD hätte es schneller gehen können, die Bremser kamen immer aus den Reihen von CDU und CSU.“

Auch Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär, nannte Michelbachs Aussagen „peinlich“. „Frauen sind kein Ballast für ein Unternehmen, sie sind eine Bereicherung“, so Klingbeil. „Und eine Quote ist auch kein Dilemma, sondern eine Notwendigkeit, wenn Deutschland ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort bleiben soll.“

Wie sieht der Vorstoß im Detail aus?

Bei Unternehmensvorständen, die paritätisch und börsennotiert sind, mit mehr als drei Mitgliedern, soll es auch mindestens eine Frau geben. Doch ein bestehender Vorstand erhält Bestandsschutz und muss seinen Frauenanteil nicht aufstocken.

Reiner Hoffmann, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), ist von dem Entwurf begeistert. „Es ist einfach nur noch peinlich, nach jahrelanger, offensichtlich wirkungsloser Selbstverpflichtung der Wirtschaft das Gegenteil zu behaupten“, teilte er mit. „Der Wirtschaftsflügel der Union sollte endlich die Herzen für eine zeitgemäße Politik öffnen.“

Zehnmal mehr Männer als Frauen sitzen in deutschen Vorständen. Zudem gibt es starke Unterschiede in den Dax-Unternehmen  beim Frauenanteil. So beträgt er bei Deutsche Telekom, Vonovia, Daimler, Covestro, Wirecard 25 Prozent. Zwei Unternehmen wie Allianz und Merck weisen einen Anteil von 20 Prozent auf, doch sieben Unternehmen haben keine einzige Frau für ihren Vorstand gefunden wie Bayer, Eon, Heidelberg-Cement, Infineon, MTU Aero Engines, RWE und Siemens.

Im Rückblick stagniert die Besetzung der Vorstandspositionen mit Frauen seit Jahren, auch wenn die Beteuerungen seitens der Wirtschaft anders klingen. In den USA, Schweden oder Großbritannien gibt es mehr Frauen in Vorständen, Deutschland liegt sehr weit hinten.

Die Allbright-Stiftung rechnet vor, dass der Frauenanteil in den Vorständen der 30 Dax-Unternehmen bei lediglich 12,8 Prozent liegt. Wenn der Blick noch weiter schweift und 160 börsennotierte Unternehmen analysiert werden, liegt die Frauenquote nur bei mageren zehn Prozent. Doch nicht nur bei großen Firmen gibt es dieses Ungleichgewicht. Vor allem in mittelständischen Betrieben, in der öffentlichen Verwaltung und Unternehmen im staatlichen Besitz, sogar bei Start-ups sind es zum Mammutanteil die Männer, die die Geschäfte bestimmen.

Besonders ist, dass ein Großteil der Frauen, die in Vorständen sitzen, aus dem Ausland kommen (44 Prozent). Bei den Männern sind es 30 Prozent. Doch in der Tendenz wird es internationaler auf dem Vorstandsparkett: Genauso viele Ausländer wie Deutsche wurden seit 2018 zu Vorständen ernannt. 83 Prozent waren vorher in diesem Unternehmen tätig und haben dort die Karriereleiter erklommen. Doch CFOs (Finanzvorstände) wurden außerhalb des Unternehmens gesucht.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kritisiert das Gesetzesvorhaben dennoch. „Es handelt sich um einen starken Eingriff in die unternehmerische Freiheit“, sagte BDI-Geschäftsführungsmitglied Iris Plöger. Zwar unterstütze der BDI das Ziel, die Besetzung von Führungspositionen mit Frauen zu fördern. Sie mahnte jedoch zugleich: „Die Tendenz, gesellschaftspolitische Schieflagen stets durch die Wirtschaft und ihre Unternehmen richten zu wollen, darf keinesfalls zur Regel werden.“

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) geht mit seiner Kritik sogar noch weiter und beschreibt, dass der Beschluss „in verfassungsrechtlich fragwürdiger Weise“ in das Unternehmensgefüge eingreife. „Wenn entsprechende Kandidaten oder Kandidatinnen nicht vorhanden sind oder nicht bereit sind, eine entsprechende Position zu übernehmen, so kann eine gesellschaftlich und vor allem von den Unternehmen gewünschte Entwicklung nicht per Gesetz erzwungen werden“, teilte die BDA dem „Handelsblatt“ mit.

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