Ein Deutscher als Motor der „künstlichen Intelligenz“

Deutschland

Dass sogenannte selbsterlernende Systeme den Menschen in fast allen Bereichen des Lebens in Kürze überflügeln werden, davon sind viele Wissenschaftler mittlerweile überzeugt. Einer von ihnen kommt aus Deutschland und gilt als Wegweiser der KI-Forschung.

Sein Algorithmus steckt weltweit in mehr als drei Milliarden Smartphones. Wer schon einmal einen Text mit Facebook übersetzt oder Google nach dem Weg gefragt hat, nutzt jene künstliche Intelligenz (KI), die Jürgen Schmidhuber, 55, erschaffen hat. Schon als 15-Jähriger erkannte er, dass er niemals in der Lage sein wird, alles zu wissen. Er erkannte aber auch, dass Maschinen das irgendwann können werden. Seitdem versucht er, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die schlauer ist als er selbst. Schmidhuber ist seinem Ziel heute näher als je zuvor.

Der Wissenschaftler, der in München geboren wurde und dort an der TU auch schon das Labor für Robotik geleitet hat, ist seit 1995 Chef des IDSIA, eines weltweit führenden Schweizer Forschungs- instituts. Für den Informatiker ist KI das Versprechen  einer besseren Welt. Anderen jagt diese Welt Angst ein. Weil kaum einer das Mysterium versteht. Weil kaum einer absehen kann, wie es unser Leben verändern wird. Selbst für einen der klügsten Köpfe der Welt ist KI ein Widerspruch: „ Sie könnte das Beste oder Schlechteste sein, was der Menschheit je zugestoßen ist “ , sagte der inzwischen verstorbene Physiker Stephen Hawking.

Hoffnung und Horror

Die schöne neue Technikwelt ist Heilsbringer und Horrorvision zugleich. Der Traum vom Roboter, der dem Menschen lästige Arbeiten abnimmt. Der Albtraum von   einem Apparat, der irgendwann die Kontrolle übernimmt. Oder uns die Arbeitsplätze raubt. Mehr als 60 Prozent der Menschen fürchten, dass Maschinen sie in! den kommenden zehn Jahren am  Arbeitsplatz ersetzen. Die Ängste haben zunächst ihre Berechtigung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein neuer Roboter, ein neues selbstlernendes Programm auf den Markt kommt — und alles schneller, effizienter, billiger und fehlerärmer macht. Schon heute erstellen Computersysteme bessere medizinische Diagnosen als Ärzte, managen u Aktienfonds ertragreicher und steuern Waffensysteme zielgenauer. Sie können malen, dolmetschen, schreiben und komponieren.  Auf der Entwicklerkonferenz 1/0 stellte Google sein neues System „Duplex“ vor. Einen digitalen Assistenten, der eigenständig mit einem Menschen am Telefon spricht und einen Tisch im Restaurant reserviert. Der Kellner merkt dabei nicht einmal, dass er mit einer Stimme aus der Konserve spricht. Wozu braucht es da noch Mitarbeiter im Callcenter?

Eine McKinsey-Studie aus den USA geht davon aus, dass bis 2030 bis zu 800 Millionen Menschen ihren Job an intelligente Maschinen verlieren könnten. Forscher der Universität Oxford kamen zu dem Schluss, dass über alle Sektoren hinweg schon jetzt 47 Prozent aller Berufe in den USA von Computern ersetzt werden könnten. Dabei ist künstliche Intelligenz die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts, die alle Lebensbereiche durchdringt. Das heißt: Die KI-RevoIution hat längst begonnen. Und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Um einen Masterplan für das Roboter-Zeitalter in Deutschland zu erarbeiten, bestellte Angela Merkel für den 29. Mai mehrere Minister und KI-Experten ins Kanzleramt. Dort wird die promovierte Physikerin von ihren Gesprächspartnern wohl wissen wollen, was KI leisten kann und wie sie die Gesellschaft verändert. Das Treffen dient zur Vorbereitung eines Aktionsplans KI, den Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart haben. Bis zum Herbst soll das Konzept stehen.

Kl erkennt Krebszellen

Was die Technologie heute schon fertigbringt, formuliert Jürgen Schmidhuber so: „Im Moment können sich selbstlernende künstliche neuronale Netzwerke nur spezielle Aufgaben aneignen, wie zum Beispiel Spracherkennung oder Krebsdiagnostik. Dabei sind  sie schon sehr weit fortgeschritten. Ein neuronales Netzwerk   von Schmidhuber lernte bereits 2012, auf Mikroskopbildern von Brustgewebe Vorstufen von Krebszellen fast so gut zu erkennen  wie erfahrene Histologen. Der Wissenschaftler ist überzeugt:  „Schon bald werden alle künstlichen medizinischen Diagnostiker  übermenschlich gut sein. Dass diese Forschungserfolge Angst vor Massenarbeitslosigkeit schüren, hält Schmidhuber für Panikmache: „Es ist nicht verkehrt, wenn wir uns Tätigkeiten abnehmen lassen, die ein künstliches neuronales Netzwerk besser erledigen kann. “ Viele Berufe würden dadurch nicht wegfallen, sondern sich lediglich verändern.

Auch Wolfgang Wahlster, der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken (DFKI) — eine der größten Einrichtungen dieser Alt weltweit —, sieht eher die Chancen. „ Wir werden nicht weniger Beschäftigte in Deutschland haben, weil nach Fernost verlagerte Produktionsstätten durch KI und Industrie 4.0 wieder zurück nach Deutschland kommen“ , sagt der  Experte. „Unser Ansatz ist es, KI als Unterstützung der Mitarbeiter und nicht als deren Ersatz in die Fabriken der nächsten Generation zu bringen.“ So würden auch heute schon etwa bei VW und Airbus Roboter und Mechaniker Hand in Hand — arbeiten.

Manuela Lenzen, Autorin des Buches „Künstliche Intelligenz — Was sie kann & was uns erwartet“ , blickt hingegen der massiven Umwälzung des Arbeitsmarktes und damit auch unserer gesamten Gesellschaft besorgter entgegen. „Die Angst vor Daten- und Maschinenmonopolen, die einer Heerschar von Menschen mit unsicheren Jobs gegenüberstehen ist angesichts der Entwicklungen nicht unbegründet“ sagt sie. „Die wichtigste und schwerste Aufgabe ist es, eine von KI durchdrungene Gesellschaft so zu gestalten, dass sie nicht in wenige Gewinner und viele Verlierer zerfällt. “ Wie das gelingen kann, darauf hat die Politik noch keine Antwort gefunden. Der Internet-Ethiker Luciano Floridi gibt aber eine Richtung vor: „Künstliche Intelligenz muss so gestaltet werden, dass wir als Mensch im Mittelpunkt stehen. “ Der Mensch dürfe niemals als Mittel oder Ressource behandelt werden, sondern müsse immer Zweck bleiben.

Dass die Bedürfnisse des einzelnen Arbeiters aber angesichts der KI-Revolution in den Hintergrund rücken könnten, zeigt sich schon daran, dass Arbeitnehmererrungenschaften wie unbefristete Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Urlaubsgeld und stabile Löhne bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen müssten wir uns auf „individuell zugeschnittene Werks- und Zeitarbeitsverträge, Solo-Selbstständigkeit und multiple Jobs“ einrichten, glaubt der Wirt schaftsvhssenschaft1er Werner Eichhorst. Kurz: Die Festanstellung weicht immer mehr der selbstständigen Projektarbeit mit ständig wechselnden Auftraggebern.

Die Frage der Ethik   Massenarbeitslosigkeit ist allerdings nicht das einzige Schreckensszenario für eine Gesellschaft, in der lernende Maschinen mit Milliarden Daten jonglieren. Wahlster kennt Fälle von kriminellen Banden, die diese Systeme benutzen. „Ihre Software analysiert Urlaubsfotos und Statusmeldungen in sozialen Netzwerken und leitet aus den Daten ab, wann und wie lange Menschen im Fernurlaub sind“, erklärt er. „Die Erkenntnisse werden dann an Einbrecher verkauft. “ Der Informatikprofessor empfiehlt deshalb die technische Aufrüstung des Staatsapparates. „Die Regierungsinstitutionen, die Polizei und alle Verwaltungen müssen viel stärker aufgerüstet werden, um Kriminalität im digitalen Zeitalter mit der Hilfe von KI bekämpfen zu können. “

Dennoch stellt der Einsatz künstlicher Intelligenz den Gesetzgeber vor neue Herausforderungen: Wer haftet etwa für Schäden? Zum Beispiel dann, wenn, wie kürzlich in den USA, ein selbstfahrendes Auto eine Fußgängerin tödlich verletzt. „Eines muss klar sein: Künstliche Intelligenz kann keine Verantwortung übernehmen“ , sagt Jimmy Schulz (FDP), Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda im Bundestag. Im Zweifel müsse laut Schulz auch bei selbstfahrenden Autos der Mensch die letzte Entscheidungsinstanz bleiben. Für den Liberalen steht fest, dass das Thema bislang zu negativ betrachtet wird. „Ich finde es bedenklich, dass in Deutschland zuallererst über die Risiken und kaum über die Chancen neuer Technologien gesprochen wird. “ Dabei zeichnet  sich längst ab, dass die Digital-Technik die Märkte von morgen befeuern wird. Laut Studien könnte der Einsatz von Robotern und lernenden Maschinen allein Deutschland bis 2030 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von vier  Prozent bringen. „Wir wissen, dass der Umgang mit KI entscheidend  für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit ist“ , betont Tankred Schipanski, Sprecher der Arbeitsgruppe Digitale Agenda der Unionsfraktion im Bundestag. Der CDU-Mann mahnt jedoch: „Wenn wir international bei der Forschung führend sein wollen, wie es unser Anspruch ist, dann müssen wir noch einen Gang höher schalten. “ Eigentlich ist Deutschland für den internationalen Wettlauf gut aufgestellt. Das DFKI ist weltweit anerkannt. Die starke Industrie bietet das perfekte Einsatzfeld für lernende Maschinen. Mit einem Testfeld für autonomes Fahren auf der A9 zwischen München und Nürnberg hat die Vorgänger-GroKo bereits Rahmenbedingungen für die KI-Entwicklung im Automobilsektor geschaffen. In Karlsruhe startete kürzlich ein Pilotprojekt im Stadtverkehr.

USA und China machen Druck

Doch wie so oft im Digital-Business heißen die Konkurrenten für deutsche Mitbewerber Amazon, Apple oder Google. Die US-amerikanischen Tech-Riesen investierten 2016 27 Milliarden Dollar für die Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Der Datenschatz der US-Konzerne dürfte sich als Wettbewerbsvorteil erweisen. Auch China erhöht die Schlagzahl. Bis 2025 will die Volksrepublik zum weltweiten KI-Spitzenreiter aufsteigen und scheut dafür keine Kosten: Für 1,8 Milliarden Euro ist in Peking ein Gewerbepark  zur Ansiedlung von datengetriebenen Unternehmen geplant. Die Politik in  Brüssel und Berlin reagiert. Die EU-Kommission strebt an, dass bis 2020 mindestens 20 Milliarden Euro in die Digital-Entwicklung investiert werden.  Im Aktionsplan der Bundesregierung sind 30 Millionen Euro bereitgestellt.

Der Opposition ist das nicht genug. „Die Bundesregierung versucht, ihre jahrelange Untätigkeit durch Aktionismus zu  kaschieren“ , kritisiert Konstantin  von Notz, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. Seine Fraktionskollegin Anna Christmann   fügt hinzu, dass sich die Entscheidung der Bundesregierung  gegen die zentrale Bündelung der  Digital-Politik nun räche. „Dabei ist gerade bei der Entwicklung dieser Schlüsseltechnologie gute Koordination gefragt. “ Während die politischen Debatten gerade erst beginnen, schreitet der Fortschritt der Technologie unaufhörlich voran. Dass Forscher Jürgen Schmidhuber bald ein Programm entwickelt, das schlauer ist als er selbst, ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Keine Maschine könne bisher die Intelligenz des Menschen imitieren, versichert er: „Der Mensch kann Hunderttausende verschiedene Probleme lösen, eine einzelne KI noch nicht. “ Noch nicht.

Deutscher Terrorist aus Worm festgenommen

Deutschland

Die Elitesoldaten können es kaum glauben: Der rothaarige Gefangene spricht tatsächlich Deutsch. „Holy Shit, du sprichst Deutsch?“, fragt einer von ihnen. Als der Gefangene mit osteuropäischem Akzent antwortet: „Ich kann Deutsch sprechen“, sind sie völlig verblüfft.

Den Afghanen ist bei ihrer Razzia in der Provinz Helmand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar dieses Jahres „ein dicker Fisch ins Netz gegangen“ wie ein deutscher Ermittler sagt.

Bei dem Mann mit Turban und Bart handelt es sich um den 36 Jahre alten Deutschen Thomas K. Ursprünglich in Polen geboren, hatte er seinen letzten offiziellen Wohnsitz im rheinland-pfälzischen Worms. Die Soldaten finden bei ihm in jener Nacht Sturmgewehre vom Typ AK-47, Granatwerfer, Utensilien zum Bau von Sprengsätzen, USB-Sticks und auch einen gültigen deutschen Reisepass. K. soll für zahlreiche Anschläge auf afghanische Sicherheitskräfte verantwortlich sein und gilt als bedeutende Figur der afghanischen Taliban.

In deutschen Sicherheitskreisen wird auch eine Verwicklung K.s in den verheerenden Terroranschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul am 31. Mai 2017 für möglich gehalten. Bei der Attacke versuchte der Fahrer eines mit Sprengstoff präparierten Tanklastzugs auf das Botschaftsgelände zu gelangen. In letzter Sekunde wurde er zwar von einem Wachmann gestoppt. Dennoch verloren bei der anschließenden Explosion 160 Menschen ihr Leben, mehr als 400 wurden verletzt.

Hinter dem Angriff wird das Haqqani Netzwerk vermutet, das auch für andere schwere Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird. K. soll über enge Kontakte zum Netzwerk verfügen. So sei er dort in der Planung von Anschlägen und im Bau von Sprengsätzen aus gebildet worden.

2009 fiel K. den Behörden erstmals als radikaler Islamist auf. Seine aktive Terrorkariere begann am 5.August 2012. K. bestieg in Frankfurt am Main einen Flieger nach Istanbul und reiste anschließend weiter nach Wasiristan. Die Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan gilt als Rückzugsraum des Haqqani Netzwerks. In einer Medresse, einer traditionellen Koranschule, in der Provinz Belutschistan, ließ sich K. in den folgenden Monaten ausbilden.

2014 warnte das Bundeskriminalamt vor K. Es bestehe die Möglichkeit, zitierte die „Welt“ aus einem Rundschreiben an diplomatische Vertretungen und Militärbasen in Kabul, dass der Islamist „ein Selbstmordattentat auf eine internationale Einrichtung“ verüben könnte. Seit November 2014 wurde K. „wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“ mit internationalem Haftbefehl gesucht, hieß es von der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Koblenz.

Um nicht aufzufallen, lebte K. in Afghanistan unter dem Decknamen „Abdul Wadood“ in einem abgeschiedenen Dorf. Er arbeitete als Mullah, einer Position als Religionsgelehrten. In dieser Zeit setzte K. seine Arbeit für die Taliban fort: Seit Sommer 2015 soll er Taliban-Krieger im östlichen Afghanistan ausgebildet und den Kontakt zu anderen europäischen Taliban gehalten haben. Zuletzt arbeitete er laut jüngsten Ermittlungen direkt für den im Dezember 2017 getöteten Kommandeur der 300 Mann starken Taliban-Elitetruppe „Rote Einheit“, Mullah Nasir. Laut Generalstaatsanwaltschaft Koblenz wird derzeit geprüft, ob ein Auslieferungsersuchen gestellt wird und der Generalbundesanwalt diesen Fall übernimmt.

Das ist die GPS-Technik der Zukunft

Deutschland

Die GSP Sprachtechnologie GmbH in Berlin stellt Fahrgastinformationssysteme für Bahnen und Busse her — ein Geschäftsfeld zwischen IT und Elektrotechnik. Büroarbeitsplätze und technische Produktionsräume sind dicht beieinander in einem Gebäude untergebracht. Hier gibt es täglich viele interne Besprechungen, Kontakte mit Kunden, Tests von Prototypen, Anlieferungen von Waren, Auslieferungen von Bestellungen. Auf vier Etagen herrscht ein reges Treiben der insgesamt rund 240 Beschäftigten. Der Zeitdruck ist mitunter hoch. Arbeitsalltag in einem modernen Unternehmen. All das bringt auch psychische Belastungen mit sich.

Vielen Arbeitgebern ist allerdings noch nicht bewusst, dass sie gesetzlich verpflichtet sind, neben den körperlichen auch die psychischen Gefährdungen an ihren Arbeitsplätzen zu ermitteln. So war es auch bei der GSP. Auslöser für das dort laufende und noch nicht abgeschlossene Projekt der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung war der Routinebesuch eines VBG-Mitarbeiters vor zwei Jahren. „Haben Sie denn auch schon die psychischen Belastungen untersucht?“, erkundigte sich der Fachmann für Arbeitssicherheit bei seinem Rundgang durch das Unternehmen. Martin Schlesinger, Mitglied der Geschäftsleitung von GSP, musste damals die Frage verneinen. „Mir leuchtete aber schnell ein, dass es notwendig ist, psychische Gefährdungen in unseren Arbeitsabläufen zu ermitteln und entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen“, blickt Schlesinger zurück.

Da die Geschäftsführung von GSP auf keinerlei Erfahrungen bei der Ermittlung psychischer Belastungen in ihrem Unternehmen zurückgreifen konnte, ließ sie sich von Dr. Kai Breitling von der VBG in Berlin beraten. Der Experte unterstützte sie damit bei der Wahl der Methode und bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung. „Diesen Service bieten wir unseren Mitgliedsunternehmen kostenfrei an“, sagt Dr. Breitling. Er gehört zum Team von Arbeitspsychologen, die es in jeder VBG-Bezirksverwaltung gibt. Sie beraten die VBG-Mitgliedsunternehmen.

METHODE WÄHLEN

Im Juli 2016 bildete sich bei GSP ein sechsköpfiges Projektteam, das die Regie für den organisatorischen Ablauf der Gefährdungsbeurteilung übernahm und einen terminlichen Fahrplan für die Durchführung erstellte. Zu ihm gehören ein Mitglied der Geschäftsleitung, ein Mitglied des Betriebsrates, eine Mitarbeiterin aus dem Personalmanagement, ein Beschäftigter aus der Organisation sowie die Fachkraft für Arbeitssicherheit und die Betriebsärztin. Als Methode  hat das Team ein Kombinationsverfahren gewählt: Zunächst bewerteten die Mitarbeiter per Fragebogen mögliche psychische Belastungsfaktoren an ihren Arbeitsplätzen. Die Teilnahme war anonym und freiwillig. Anschließend wurden die Ergebnisse der Fragebögen in Gruppenworkshops genauer analysiert. Dafür teilte das Projektteam die insgesamt rund 240 Arbeitsplätze bei GSP in acht Gruppen mit gleichartigen Arbeitsplatztypen ein. „Das dient der besseren Vergleichbarkeit und Bewertbarkeit der Antworten“, erläutert Geschäftsführer Martin Schlesinger. „Unsere IT-Fachleute, die die Software programmieren, sind ganz andersartigen Belastungen ausgesetzt als Mitarbeiter in der Fertigung oder Beschäftigte im technischen Kundendienst“, nennt er Beispiele.

AKZEPTANZ SCHAFFEN

Bevor die eigentliche Durchführung der Gefährdungsbeurteilung begann, informierte die Geschäftsleitung die gesamte Belegschaft über das Vorhaben und die Vorgehensweise. „Uns war es wichtig, unseren Mitarbeitern deutlich zu machen, dass wir nicht ihr subjektives psychisches Empfinden ergründen. Untersucht werden nur objektive Belastungsfaktoren, mit dem Ziel, diese zu reduzieren. Dank unserer Erläuterungen stieß das Projekt auf große Akzeptanz“, sagt Schlesinger.

Im Sommer 2017 konnte die Auswertung der Fragebögen in den Workshops abgeschlossen werden. „Als wichtigste psychische Belastungen haben sich in allen Gruppen Zeitdruck und Störungen der Konzentration durch Unterbrechungen bei der Arbeit herausgestellt“, berichtet der Geschäftsführer von GSP weiter. Die Störungen ergeben sich ihm zufolge insbesondere durch zahlreiche Telefonate, durch ein hohes Aufkommen von Gesprächen mit Kunden und Kollegen sowie durch den Geräuschpegel in bestimmten Arbeitsbereichen. „Diese Befunde sind ein realistisches Abbild unseres Arbeitsalltages“, resümiert Martin Schlesinger.

MASSNAHMEN PRIORISIEREN

Mit Jahresbeginn 2018 hat die nächste Phase der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung bei GSP begonnen: Es werden konkrete Maßnahmen getroffen, um Belastungen zu reduzieren. Das Projektteam hat vier Handlungsfelder mit insgesamt 25 Maßnahmen zusammengetragen. Dazu gehört zum Beispiel die Einrichtung von Ruhezeiten und Ruheräumen. Jetzt stimmen die Mitarbeiter darüber ab, wel-  che der Maßnahmen Priorität hat. Geschäftsführer Martin Schlesinger ist mit dem bisherigen Verlauf der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung sehr zufrieden. „Endgültig beendet ist die Gefährdungsbeurteilung jedoch nie“, blickt er bereits in die Zukunft. „Die Maßnahmen müssen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls an neue Gefährdungen angepasst werden.“