So schräg: Sex mit lebensechten Puppen, den SEX-DOLLS

Deutschland

Es klingt verrückt, aber Sexpuppen, die aussehen wie echte Menschen, werden immer beliebter. In den ersten I I Monaten des Jahres, die ja die meisten von uns in strenger Corona-Quarantäne verbracht haben, sind die Bestellungen verschiedenen Shops zufolge regelrecht durch die Decke gegangen. Auch die aktuellen Verkaufszahlen des Real-Doll-Anbieters Sex Doll Genie lassen uns staunen: Bei alleinstehenden Männern habe sich die Nachfrage mehr als verdoppelt – aber auch Frauen schlagen um satte 15,8 Prozent häufiger zu, bei Paaren gab’s gar ein Plus yon 33,2 Prozent. Es scheint also tatsächlich immer selbstverständlicher zu werden, mit einer Puppe ins Bett zu gehen. Da stellt sich nur die Frage: WARUM? Wo genau liegt da der Reiz?

Mehr als ein Klischee

Grund Nummer eins, mit einer Puppe intim zu werden, liegt auf der Hand: sexuelles Verlangen. Für viele ,,Nutzer“ ist eine Real Doll nicht mehr als ein XXL-Masturbator, den man auch küssen und streicheln kann. Ein ausgefallenes Sextoy, das man ganznach seinen Wünschen zusammenstellen darf. So wie bei einem Neuwagen. Die Sonderausstattung kostet natürlich extra. Aber: Für eine herausnehmbare Vagina, extra Schamhaare, Piercings oder ein,,Touch-VoiceSystem“, mit dessen Hilfe die Puppe bei Berührung bestimmter sensorischer Punkte anfängt zu stöhnen, zahlen viele Nutzer gerne drauf.

Laut einer Umfrage der Casual Dating-Plattform ,,Joyclub“ nutzen 54 Prozent die Dolls als ein solches Sextoy, oder geben – in 46 Prozent der Fäile – ,,Experimentierfreude“ als Grund an. Ein Blick ins internationale ,,Doll Forum“, in dem sich Puppen-Liebhaber virtuell austauschen können, bestätigt die Umfrage-Ergebnisse. Den meisten Nutzern geht es tatsächlich nur um den reinen Sex, ergänzt um die Optik, denn in Sachen Perfektion haben die Puppen natürlich einiges zu bieten: ,,Warum soll ich mit einer Durchschnittsfrau ins Bett gehen, wenn ich doch auch eine Supermodel-Doll haben kann?“, argumentiert ein User. Wer jetzt erschrickt: Auch Frauen wissen die Vorzüge der Puppen durchaus zu schätzen, schließlich gibt es nicht nur weibliche, sondern auch männliche Exemplare, die mit stattlichem Silikon-Sixpack und einem 20 -Zentimeter-Penis ausgestattet sind. ,,Egal welcher Leidenschaft du frönst, mit Maximilian werden deine Wünsche wahr“; heißt es etwa im Online-Shop von Dollpark, wo 15 verschiedene Male Partner zur Auswahl stehen: Linus, Johnny, Marcel oder Pierre – rund 1,500 Euro kosten die leblosen Liebhaber.

Mehr als Sex?

Interessanter als die sexuelle Motivation ist die emotionale Perspektive, die die Nutzer des ,,Doll Forums“ offenlegen: Ein Mann erzählt, dass er einfach nicht mit Frauen und dem ganzen Dating-Wirrwarr zurecht komme, der Nächste beklagt, dass er immer wieder in der Freundschaftszone landet, sich aber sehr nach Liebe und Gesellschaft sehnt: „Klar, ich könnte den Rest meines Lebens nach etwas suchen, was ich dann sowieso nicht finde, oder eine Alternative wählen, die diese Lücke zumindest teilweise schließt. Es zeigt, dass der mensch ein soziales Wesen ist und sich nach Wärme und Zuneigung sehnt. Kein Wunder also, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer der,, Joyclub,,-Umfrage,, Einsamkeit“ als Kaufanreiz nennen – genau 58,3 Prozent. Janet Stevensen, Gründerin von Sex Doll Genie, nennt weitere Gründe, die in diese Richtung gehen: ,,Viele Menschen haben einfach keine Lust mehr zu daten. Zum Beispiel, weil sie mit dem anderen Geschlecht nicht zurechtkommen oder sich beim Dating unwohl fühlen. Auch Trennungen, Scheidungen oder der Verlust des Partners können Gründe für die Anschaffung sein Ist es also die Not, die Menschen in Gummi-Arme treibt, oder verlernen wir schlicht die Interaktion mit anderen? Immer mehr Menschen bekennen sich zu ihrer Angst vor Zurückweisung oder Nähe. Und Soziologen attestieren uns zunehmenden Narzissmus. Mehr und mehr kreisen wir um uns selbst, vermeiden Risiken und scheuen Konflikte.. Bis die Furcht, sich aufjemanden einzulassen,die Hoffnung auf ein glückliches Miteinander überwiegt. Sind leblose Sexpartner und -partnerinnen das Modell der Zukunft?

Von der Puppe zum Roboter

Werfen wir einen Blick auf die Technik-Trends: Es gibt sie schon, die Sexroboter mit integrierter künstlicher Intelligenz. Sie können Augen und Mund bewegen und besitzen eine Spracherkennungs-App, ähnlich wie im Smartphone. Ein Feature, das die Kreuzung aus Puppe und Roboter noch menschenähnlicher unä den Menschen noch ersetzbarer macht, was eine Demonstration von ,,Realbotix Harmony,, auf YouTube bereits eindrucksvoll zeigt. Laut Zukunftsforscher Ian Petersen, der an der Australian National University forscht, könnte der Sex mit intelligenten Robotern in Zukunft so gut sein, dass wir menschliche Intimität irgendwann ganz und gar verschmähen. David Levy, Experte für künstliche Intelligenz, der ebenfalls zum Thema forscht, geht sogar noch einen Schritt weiter: Er vertritt die These, dass Sex und Liebe zwischen Mensch und Roboter im Jahr 2050 völlig normal sein werden – eine verrückte Vorstellung. Aber ob es tatsächlich darauf hinauslaufen wird? Wir hoffen lieber weiter auf ,,echte Happy Ends“. Denn diese gewöhnungsbedürftigen Vorlieben einiger Zeitgenossen, auch wenn sie einsam sind, sind schon sehr skurril und passen nicht zum emotionalen, zwischenmenschlichen Miteinander, wie wir es kennen.

Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig, aber vielen noch fremd

Deutschland

Den meisten von uns fällt gar nicht auf, dass die künstliche Intelligenz (KI) bereits in vielen Bereichen des täglichen Lebens anzutreffen ist und dadurch Abläufe und Prozesse erleichtert oder optimiert, denn noch ist KI für viele Menschen ein „Buch mit sieben Siegeln“. Obwohl alle Welt seit Jahren von ihrer Bedeutung für Handel, Wirtschaft und unser Leben im Allgemeinen spricht. Zum besseren Verständnis zeigen wir an verschiedenen Beispielen, wo KI bereits Einzug gehalten hat und welche Wirkung sie ausübt.

HANDEL

Künstliche Intelligenz spielt im Handel schon heute eine große Rolle, egal ob bei Amazon oder Zalando. Dabei geht es vor allem um die Analyse und die anschließende Vorhersage des Kundenverhaltens. Aus einem Datensatz zu 10 000 verkauften Jeans lassen sich bei genauem Hinsehen Muster lesen: Welche Schnitte sind besonders beliebt? Welche Farbnuancen werden häufig geordert? Wann werden diese bestellt? Dieses Wissen hilft, die Lagerkosten zu reduzieren. Der Online-Händler Amazon zum Beispiel untersucht auch das Kundenverhalten in den Regionen und stimmt seine Transportlogistik darauf ab. Der Modehändler Zalando setzt künstliche Intelligenz unter anderem beim Erkennen von Kleidung auf hochgeladenen Fotos ein: Die Motive werden mit dem Angebot abgeglichen, um Kunden die entsprechende oder zumindest ähnliche Ware anbieten zu können.

LANDWIRTSCHAFT

Durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge gehen weltweit noch immer rund 30 Prozent der jährlichen Ernten verloren. Die kostenlose App »Plantix« z.B. hilft, Pflanzenschädlinge und Nährstoffmangel zu erkennen — mit einem einzigen Handyfoto. Die neuronalen Netze der Entwickler erkennen typische Muster, ordnen sie einer bestimmten Erkrankung zu und schlagen passende Gegenmaßnahmen vor. Je mehr Nutzer mitmachen, desto schlauer wird »Plantix«.

SUPERMARKT

Ein spezialisiertes Karlsruher Unternehmen wertet die Kassenzettel von Kaufhäusern aus, kombiniert die Daten mit weiteren Angaben, etwa zum Wetter, und sucht dann nach Mustern. Im Ergebnis steht eine ziemlich gute Prognose dazu, was morgen, übermorgen oder am Wochenende gekauft werden könnte — also lange bevor die Kunden selbst wissen, dass sie an einem besonders warmen Samstag Fleisch für spontane Grillpartys kaufen werden. Der Händler kann mithilfe dieser Anwendung automatisiert Nachschub bestellen, kann effizienter planen und muss weniger wegwerfen. Ein großer Kunde des Angebots war der Drogeriemarkt dm. Aber die Entwicklung ging noch weiter: Inzwischen plant man, fast den gesamten Sushi-Verkauf in deutschen Supermärkten — die Fischhäppchen sind exakt zwei Tage haltbar.

RECHT

Ob bei Vertragsprüfungen oder bei Beschwerden über Flugverspätungen — immer häufiger helfen Algorithmen als intelligente Werkzeuge, Teile der Arbeit von Juristen schneller zu bewältigen. Eine Berliner Firma hat deshalb einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der in Minuten Hunderte seitenlange Immobilienverträge scannen kann — schneller als jeder Mensch. Auch bei der Durchsetzung von Fluggastrechten kommen Rechner zum Einsatz. Viele Fälle werden nie ausgefochten, selbst wenn die Verbraucher offensichtlich im Recht sind. Wer gibt für 50 Euro Erstattung schon mehrere Hundert Euro für einen Anwalt aus? Diesen Umstand machen sich nun verschiedene Start-ups zunutze. Auf den Internetseiten der Unternehmen können Verbraucher nach verspäteten oder ausgefallenen Flügen ihre Beschwerde einreichen. Ein Algorithmus schätzt binnen Sekunden die Erfolgsaussichten. Sind die Chancen hoch genug, werden die Start-ups für ihre Nutzer tätig.

SPRACHASSISTENTEN

Ein Saarbrücker Unternehmen hat sich auf sprachgesteuerte virtuelle Assistenzsysteme spezialisiert. Der einfache Befehl: »Erwärme das Haus auf 23 Grad Celsius, bevor ich nach Hause komme« ersetzt die komplexe Programmierung einer Heizungssteuerung. Sagt ein Geschäftsreisender dem Assistenten, er würde am Abend gern in Berlin französisch essen gehen, schlägt dieser ihm ein Restaurant vor, reserviert den Tisch und lädt Freunde ein. Unternehmen können die schlaue Software bitten, alle Kunden mit einem Umsatz von mehr als 20 000 Euro herauszusuchen. Servicetechniker können vor einem Einsatz fragen, wie ein bestimmtes Gerät zu reparieren ist und welche Ersatzteile man dafür im Gepäck ha ben sollte. Diese Technologie steckt inzwischen auch in Autos — so wollen die Automobilbauer ihre Fahrzeuge fit für die Digitalisierung machen.

SOZIALE MEDIEN

Soziale Netzwerke wie Facebook und Videoplattformen wie YouTube setzen bereits in erheblichem Umfang auf künstliche Intelligenz. Bei Facebook bestimmen Algorithmen darüber, welche Texte, Fotos, Videos oder Anzeigen in welcher Reihenfolge zu sehen sind. YouTube nutzt Kl-Anwendungen beim passgenauen Ausspielen von Online-Werbung oder beim Auffinden und Eliminieren von sogenannter Hate Speech, zu Deutsch Hassrede. Die meisten großen Social-Media-Plattformen wollen die maschinelle Überprüfung von Inhalten künftig noch intensivieren.

JOURNALISMUS

Ein 2008 in Berlin gegründetes Unternehmen spezialisiert sich auf die automatische Verwertung von Inhalten und Daten. Die Technologie der Gründer ist in der Lage, aus vorhandenen Daten Wetterberichte für jede Stadt der Welt zu produzieren — vollautomatisch. Das Unternehmen bietet außerdem personalisierte Finanz- und Börsenberichte sowie Marktanalysen an.

VERKEHR

Die südindische Millionenmetropole Bangalore hat den massiven Verkehrsstaus an den innerstädtischen Kreuzungen den Kampf angesagt: Zusammen mit Siemens Corporate Technology arbeitet die Stadt an einer Verkehrsmanagementlösung, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet. Das Ziel der Forscher: ein System, das nicht nur Fahrzeuge in Echtzeit erkennt, sondern auch die Verkehrsdichte abschätzt und die Steuerung von Signalen automatisiert. Die ersten Feldtests hat die Entwicklung bereits bestanden.

LERNEN

Mit der Plattform »Open Roberta« des Fraunhofer-lnstituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme lernen Schüler ab der dritten Klasse die Grundlagen des Programmierens und den Aufbau intelligenter Algorithmen. Mithilfe der Programmierbausteine steuern sie schon nach kurzer Zeit Miniroboter oder einen Staubsauger.

ÜBERSETZUNG

Das Smartphone und der PC machen Wörterbücher überflüssig, Übersetzungsdienste gibt es inzwischen von Google und Microsoft, aber auch von einem Start-up: Die Kölner Gründer haben ihr Übersetzungsprogramm von Beginn an unter Zuhilfenahme von KI-Techniken entwickelt.

VERSAND

Ein junges Münchner Start-up hat einen intelligenten Handschuh entwickelt, mit dem Versandmitarbeiter die verpackten Waren scannen und per Funk mit der Liste im Computer abgleichen können — schließlich muss alles, was in einem Werk oder in einem Lager ankommt oder es verlässt, registriert werden. Eine mühsame Arbeit, für die bislang eine Scanner-Pistole in die Hand genommen und aus der Hand gelegt werden musste. Immer und immer wieder, Maschinenbauer wie Kuka, aber auch Autobauer wie Audi und Händler wie Rewe oder Ikea arbeiten mit der neuartigen Lösung.

So gibt es auch in der Musik, der Medizin oder in unzähligen anderen Bereichen des Lebens unterstützende Integrationen von künstlicher Intelligenz, die mehr und mehr in unser ganzes Leben eingreift und Erleichterung verschafft. Die Einsatzorte für KI sind dabei unerschöpflich und werden schon bald jedem Menschen etwas bedeuten.

Ein Deutscher als Motor der „künstlichen Intelligenz“

Deutschland

Dass sogenannte selbsterlernende Systeme den Menschen in fast allen Bereichen des Lebens in Kürze überflügeln werden, davon sind viele Wissenschaftler mittlerweile überzeugt. Einer von ihnen kommt aus Deutschland und gilt als Wegweiser der KI-Forschung.

Sein Algorithmus steckt weltweit in mehr als drei Milliarden Smartphones. Wer schon einmal einen Text mit Facebook übersetzt oder Google nach dem Weg gefragt hat, nutzt jene künstliche Intelligenz (KI), die Jürgen Schmidhuber, 55, erschaffen hat. Schon als 15-Jähriger erkannte er, dass er niemals in der Lage sein wird, alles zu wissen. Er erkannte aber auch, dass Maschinen das irgendwann können werden. Seitdem versucht er, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die schlauer ist als er selbst. Schmidhuber ist seinem Ziel heute näher als je zuvor.

Der Wissenschaftler, der in München geboren wurde und dort an der TU auch schon das Labor für Robotik geleitet hat, ist seit 1995 Chef des IDSIA, eines weltweit führenden Schweizer Forschungs- instituts. Für den Informatiker ist KI das Versprechen  einer besseren Welt. Anderen jagt diese Welt Angst ein. Weil kaum einer das Mysterium versteht. Weil kaum einer absehen kann, wie es unser Leben verändern wird. Selbst für einen der klügsten Köpfe der Welt ist KI ein Widerspruch: „ Sie könnte das Beste oder Schlechteste sein, was der Menschheit je zugestoßen ist “ , sagte der inzwischen verstorbene Physiker Stephen Hawking.

Hoffnung und Horror

Die schöne neue Technikwelt ist Heilsbringer und Horrorvision zugleich. Der Traum vom Roboter, der dem Menschen lästige Arbeiten abnimmt. Der Albtraum von   einem Apparat, der irgendwann die Kontrolle übernimmt. Oder uns die Arbeitsplätze raubt. Mehr als 60 Prozent der Menschen fürchten, dass Maschinen sie in! den kommenden zehn Jahren am  Arbeitsplatz ersetzen. Die Ängste haben zunächst ihre Berechtigung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein neuer Roboter, ein neues selbstlernendes Programm auf den Markt kommt — und alles schneller, effizienter, billiger und fehlerärmer macht. Schon heute erstellen Computersysteme bessere medizinische Diagnosen als Ärzte, managen u Aktienfonds ertragreicher und steuern Waffensysteme zielgenauer. Sie können malen, dolmetschen, schreiben und komponieren.  Auf der Entwicklerkonferenz 1/0 stellte Google sein neues System „Duplex“ vor. Einen digitalen Assistenten, der eigenständig mit einem Menschen am Telefon spricht und einen Tisch im Restaurant reserviert. Der Kellner merkt dabei nicht einmal, dass er mit einer Stimme aus der Konserve spricht. Wozu braucht es da noch Mitarbeiter im Callcenter?

Eine McKinsey-Studie aus den USA geht davon aus, dass bis 2030 bis zu 800 Millionen Menschen ihren Job an intelligente Maschinen verlieren könnten. Forscher der Universität Oxford kamen zu dem Schluss, dass über alle Sektoren hinweg schon jetzt 47 Prozent aller Berufe in den USA von Computern ersetzt werden könnten. Dabei ist künstliche Intelligenz die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts, die alle Lebensbereiche durchdringt. Das heißt: Die KI-RevoIution hat längst begonnen. Und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Um einen Masterplan für das Roboter-Zeitalter in Deutschland zu erarbeiten, bestellte Angela Merkel für den 29. Mai mehrere Minister und KI-Experten ins Kanzleramt. Dort wird die promovierte Physikerin von ihren Gesprächspartnern wohl wissen wollen, was KI leisten kann und wie sie die Gesellschaft verändert. Das Treffen dient zur Vorbereitung eines Aktionsplans KI, den Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart haben. Bis zum Herbst soll das Konzept stehen.

Kl erkennt Krebszellen

Was die Technologie heute schon fertigbringt, formuliert Jürgen Schmidhuber so: „Im Moment können sich selbstlernende künstliche neuronale Netzwerke nur spezielle Aufgaben aneignen, wie zum Beispiel Spracherkennung oder Krebsdiagnostik. Dabei sind  sie schon sehr weit fortgeschritten. Ein neuronales Netzwerk   von Schmidhuber lernte bereits 2012, auf Mikroskopbildern von Brustgewebe Vorstufen von Krebszellen fast so gut zu erkennen  wie erfahrene Histologen. Der Wissenschaftler ist überzeugt:  „Schon bald werden alle künstlichen medizinischen Diagnostiker  übermenschlich gut sein. Dass diese Forschungserfolge Angst vor Massenarbeitslosigkeit schüren, hält Schmidhuber für Panikmache: „Es ist nicht verkehrt, wenn wir uns Tätigkeiten abnehmen lassen, die ein künstliches neuronales Netzwerk besser erledigen kann. “ Viele Berufe würden dadurch nicht wegfallen, sondern sich lediglich verändern.

Auch Wolfgang Wahlster, der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken (DFKI) — eine der größten Einrichtungen dieser Alt weltweit —, sieht eher die Chancen. „ Wir werden nicht weniger Beschäftigte in Deutschland haben, weil nach Fernost verlagerte Produktionsstätten durch KI und Industrie 4.0 wieder zurück nach Deutschland kommen“ , sagt der  Experte. „Unser Ansatz ist es, KI als Unterstützung der Mitarbeiter und nicht als deren Ersatz in die Fabriken der nächsten Generation zu bringen.“ So würden auch heute schon etwa bei VW und Airbus Roboter und Mechaniker Hand in Hand — arbeiten.

Manuela Lenzen, Autorin des Buches „Künstliche Intelligenz — Was sie kann & was uns erwartet“ , blickt hingegen der massiven Umwälzung des Arbeitsmarktes und damit auch unserer gesamten Gesellschaft besorgter entgegen. „Die Angst vor Daten- und Maschinenmonopolen, die einer Heerschar von Menschen mit unsicheren Jobs gegenüberstehen ist angesichts der Entwicklungen nicht unbegründet“ sagt sie. „Die wichtigste und schwerste Aufgabe ist es, eine von KI durchdrungene Gesellschaft so zu gestalten, dass sie nicht in wenige Gewinner und viele Verlierer zerfällt. “ Wie das gelingen kann, darauf hat die Politik noch keine Antwort gefunden. Der Internet-Ethiker Luciano Floridi gibt aber eine Richtung vor: „Künstliche Intelligenz muss so gestaltet werden, dass wir als Mensch im Mittelpunkt stehen. “ Der Mensch dürfe niemals als Mittel oder Ressource behandelt werden, sondern müsse immer Zweck bleiben.

Dass die Bedürfnisse des einzelnen Arbeiters aber angesichts der KI-Revolution in den Hintergrund rücken könnten, zeigt sich schon daran, dass Arbeitnehmererrungenschaften wie unbefristete Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Urlaubsgeld und stabile Löhne bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen müssten wir uns auf „individuell zugeschnittene Werks- und Zeitarbeitsverträge, Solo-Selbstständigkeit und multiple Jobs“ einrichten, glaubt der Wirt schaftsvhssenschaft1er Werner Eichhorst. Kurz: Die Festanstellung weicht immer mehr der selbstständigen Projektarbeit mit ständig wechselnden Auftraggebern.

Die Frage der Ethik   Massenarbeitslosigkeit ist allerdings nicht das einzige Schreckensszenario für eine Gesellschaft, in der lernende Maschinen mit Milliarden Daten jonglieren. Wahlster kennt Fälle von kriminellen Banden, die diese Systeme benutzen. „Ihre Software analysiert Urlaubsfotos und Statusmeldungen in sozialen Netzwerken und leitet aus den Daten ab, wann und wie lange Menschen im Fernurlaub sind“, erklärt er. „Die Erkenntnisse werden dann an Einbrecher verkauft. “ Der Informatikprofessor empfiehlt deshalb die technische Aufrüstung des Staatsapparates. „Die Regierungsinstitutionen, die Polizei und alle Verwaltungen müssen viel stärker aufgerüstet werden, um Kriminalität im digitalen Zeitalter mit der Hilfe von KI bekämpfen zu können. “

Dennoch stellt der Einsatz künstlicher Intelligenz den Gesetzgeber vor neue Herausforderungen: Wer haftet etwa für Schäden? Zum Beispiel dann, wenn, wie kürzlich in den USA, ein selbstfahrendes Auto eine Fußgängerin tödlich verletzt. „Eines muss klar sein: Künstliche Intelligenz kann keine Verantwortung übernehmen“ , sagt Jimmy Schulz (FDP), Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda im Bundestag. Im Zweifel müsse laut Schulz auch bei selbstfahrenden Autos der Mensch die letzte Entscheidungsinstanz bleiben. Für den Liberalen steht fest, dass das Thema bislang zu negativ betrachtet wird. „Ich finde es bedenklich, dass in Deutschland zuallererst über die Risiken und kaum über die Chancen neuer Technologien gesprochen wird. “ Dabei zeichnet  sich längst ab, dass die Digital-Technik die Märkte von morgen befeuern wird. Laut Studien könnte der Einsatz von Robotern und lernenden Maschinen allein Deutschland bis 2030 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von vier  Prozent bringen. „Wir wissen, dass der Umgang mit KI entscheidend  für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit ist“ , betont Tankred Schipanski, Sprecher der Arbeitsgruppe Digitale Agenda der Unionsfraktion im Bundestag. Der CDU-Mann mahnt jedoch: „Wenn wir international bei der Forschung führend sein wollen, wie es unser Anspruch ist, dann müssen wir noch einen Gang höher schalten. “ Eigentlich ist Deutschland für den internationalen Wettlauf gut aufgestellt. Das DFKI ist weltweit anerkannt. Die starke Industrie bietet das perfekte Einsatzfeld für lernende Maschinen. Mit einem Testfeld für autonomes Fahren auf der A9 zwischen München und Nürnberg hat die Vorgänger-GroKo bereits Rahmenbedingungen für die KI-Entwicklung im Automobilsektor geschaffen. In Karlsruhe startete kürzlich ein Pilotprojekt im Stadtverkehr.

USA und China machen Druck

Doch wie so oft im Digital-Business heißen die Konkurrenten für deutsche Mitbewerber Amazon, Apple oder Google. Die US-amerikanischen Tech-Riesen investierten 2016 27 Milliarden Dollar für die Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Der Datenschatz der US-Konzerne dürfte sich als Wettbewerbsvorteil erweisen. Auch China erhöht die Schlagzahl. Bis 2025 will die Volksrepublik zum weltweiten KI-Spitzenreiter aufsteigen und scheut dafür keine Kosten: Für 1,8 Milliarden Euro ist in Peking ein Gewerbepark  zur Ansiedlung von datengetriebenen Unternehmen geplant. Die Politik in  Brüssel und Berlin reagiert. Die EU-Kommission strebt an, dass bis 2020 mindestens 20 Milliarden Euro in die Digital-Entwicklung investiert werden.  Im Aktionsplan der Bundesregierung sind 30 Millionen Euro bereitgestellt.

Der Opposition ist das nicht genug. „Die Bundesregierung versucht, ihre jahrelange Untätigkeit durch Aktionismus zu  kaschieren“ , kritisiert Konstantin  von Notz, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. Seine Fraktionskollegin Anna Christmann   fügt hinzu, dass sich die Entscheidung der Bundesregierung  gegen die zentrale Bündelung der  Digital-Politik nun räche. „Dabei ist gerade bei der Entwicklung dieser Schlüsseltechnologie gute Koordination gefragt. “ Während die politischen Debatten gerade erst beginnen, schreitet der Fortschritt der Technologie unaufhörlich voran. Dass Forscher Jürgen Schmidhuber bald ein Programm entwickelt, das schlauer ist als er selbst, ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Keine Maschine könne bisher die Intelligenz des Menschen imitieren, versichert er: „Der Mensch kann Hunderttausende verschiedene Probleme lösen, eine einzelne KI noch nicht. “ Noch nicht.