Wirecard-Skandal: Erst die Hand aufhalten, dann meckern

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Das kennt man von vielen anderen Situationen, wo die Beteiligten erst ordentlich abkassieren, um dann später, wenn es Probleme gibt, den verbalen Schmutzkübel ausschütten. Solange Geld fließt, will keiner etwas von Problemen wissen, doch wenn der Geldfluss abbricht, dann wird geschimpft und gewettert. Dabei sollte jedes Unternehmen, welches als Beratungs- oder Complianceunternehmen für andere Firmen oder Institutionen tätig ist, sich regelmäßig darüber schlau machen, wie es um die Seriosität, die Zahlungswilligkeit oder einen soliden Geschäftsverlauf bestellt ist. Dass man das bei hohen Summen, die im Berater-Geschäft oftmals gezahlt werden, offenbar nicht so genau nimmt, zeigt der Fall Wirecard AG. Dort haben neben dem renommierten Beratungsunternehmen PriceWaterhouseCoopers (PwC) auch eine Consulting-Firma unseres Ex-Außenministers von Guttenberg namens Spitzberg Partners aus New York das Aschheimer Unternehmen Wirecard gegen teure Honorare bei geschäftlichen Transaktionen unterstützt bzw. Geschäftsvorgänge kontrolliert. Wirecard hatte seinerzeit die Beratungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC) mit Compliance-Aufgaben beauftragt. PwC ist zugleich auch Wirtschaftsprüfer der Wirecard Bank gewesen, sodass Interessenkonflikte vorprogrammiert waren. Dennoch hatte PvC kein Problem damit, sechsstellige Beraterhonorare zu kassieren. Nun, nachdem das Unternehmen Insolvenz angemeldet hat, will PvC in jedem Fall seiner Aufklärungspflicht genüge getan haben und weist fehlerhafte Kooperationen weit von sich. Auch die US-Firma des Herrn von Guttenberg zeigt sich nach Bekanntwerden des Skandals schockiert über die Bilanzfälschungen und Insidergeschäfte des Vorstands – wie gesagt, solange ordentlich bezahlt wurde, waren interne Probleme kein Thema, die eine Vertragsauflösung nach sich gezogen hätten.

Von 2016 bis 2020 nutzte Karl-Theodor zu Guttenberg seine Reputation und seine berufliche Expertise, um mit seiner Firma Spitzberg Partners lukrative Deals ausfindig zu machen. „External consultants“ nannten sich die Berater, die an europäische Firmen Beratungsleistungen vermittelten und dafür hohe Honorare erhielten. Wie es in der Branche üblich ist, sind Stundensätze jenseits der 200 Euro Gang und Gäbe und verhelfen einem Consulter zu gigantischen Umsätzen. Fast 5 Jahre konnten zu Guttenbergs Firma die Wirecard AG beraten, bevor man brüskiert feststellte, dass der Bank-Vorstand kriminell ist. Was hat von Guttenbergs Firma eigentlich so Wichtiges für die Wirecard gemacht, um so viele Jahre saftige Honorarrechnungen zu verschicken? Auf Nachfrage sagte von Guttenberg: „Im Rahmen unseres begrenzten Mandates umfassten die Dienstleistungen ausschließlich die Unterstützung bei der Identifikation und Anbahnung neuer industrieller und technologischer Partnerschaften.“ Konkret führte diese Beratertätigkeit zum Kauf eines chinesischen Zahlungsabwicklers. Auch die Bundesregierung sei damals von Spitzberg Partners über die geplante Akquisition in China unterrichtet worden. Mittlerweile habe von Guttenberg das Beratungsmandat wieder abgegeben und sei schockiert und entsetzt über die jüngsten Enthüllungen. Niemals hätte man damit gerechnet, dass etwaigen Diskrepanzen in der Bilanzierung zu diesen Enthüllungen führen würden. Guttenberg weiter: „Wir haben, wie viele andere Firmen auch, ein DAX-Unternehmen beraten, das tadellos erschien, im Nachhinein aber alle getäuscht hat, inklusive den deutschen Aufsichtsbehörden.“ Dass man einen Vertragspartner selbst nicht regelmäßig prüft, zumal man wie Spitzberg Partners eine gewisse Mitverantwortung trägt im milliardenschweren Geldgeschäft, erschließt sich dem Außenstehenden nicht. Denn der Wirecard-Skandal zieht eine Menge strafrechtlicher Konsequenzen nach sich, was beispielsweise vom Berliner Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, Sascha Borowski, folgendermaßen im Interview-Magazins  „Businesstalk am Kudamm“ erläutert wird: „In Betracht kommt u.a. der Straftatbestand des Betruges, aber auch speziellere Straftatbestände, wie beispielsweise § 399 AktG (falsche Angaben) und § 400 AktG (unrichtige Darstellung) könnten hier verwirklicht worden sein.“ Außerdem stehen seiner Meinung nach die begleitenden Wirtschaftsprüfer in der Kritik: „Sollte der testierenden Wirtschaftsprüfer sich von dem Treuhänder nicht unmittelbar bestätigt haben lassen, dass auf einem Treuhandkonto rund 2 Milliarden „geparkt“ wurden, ist hieraus ein Schadensersatzanspruch abzuleiten.“ Im Juni hatte die Wirecard zugegeben, dass mehr als 1,9 Milliarden Euro, die auf einem asiatischen Treuhandkonto liegen sollten, gar nicht existierten, sondern lediglich die Bilanzsumme aufwerten sollten. Bereits in der Vergangenheit hatte von Guttenberg für einen handfesten Skandal gesorgt, als ihm nach Plagiatsvorwürfen die Doktorwürde bzw. Doktortitel aberkannt wurden und er sein Ministeramt daraufhin aufgab bzw. aufgeben musste.

Wirecard: Da wurde ein Auge zu viel zugedrückt

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1,9 Milliarden Euro, die nicht auffindbar oder gar nicht existent sind. Ein Betrag, der eigentlich längst hätte auffallen müssen. Dennoch hatte der Finanzdienstleister Wirecard es jahrelang geschafft, dubiose Geldströme und finanzielle Ungereimtheiten vor den Augen der deutschen Aufsichtsbehörden zu verstecken. Die deutsche Finanzpolitik erreicht damit einen Tiefpunkt, der nach politischen und personellen Konsequenzen schreit.

Am 25.06.2020 hatte der Vorstand des Dax-Konzerns entschieden, beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Der Grund: Laut Aussagen des Unternehmens drohen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Ausgangspunkt war der verweigerte Jahresabschluss durch den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) Mitte Juni. Wenig überraschend, da in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlten. Das ist kein Liquiditätsengpass mehr, sondern ein Finanzloch der Superlative. Mit der Insolvenz und dem Aktienabsturz steht Wirecard nun vor der Pleite. Aber das Mysterium um den Skandal geht weiter, denn seit Bekanntgabe der Insolvenz ist der ehemalige Treuhänder, der für die Konten mit den 1,9 Milliarden Euro verantwortlich war, unauffindbar und der ehemalige CEO wurde verhaftet und vor kurzem gegen eine Kaution in Höhe von 5 Millionen Euro wieder entlassen.

Die Ermittlungen laufen und die Frage nach dem Geld bleibt. Ein Betrag in solcher Höhe verschwindet nicht einfach. Der Vorstand gab an, dass ein Guthaben in dieser Höhe vermutlich gar nicht existierte und bringt damit einen der größten Finanzskandale in der Geschichte der Bundesrepublik ans Licht. Doch die viel dringendere Frage lautet: Warum wurde zuerst im Ausland darüber berichtet? Wussten die ausländischen Medien mehr, als die deutschen? Oder waren sie die ersten, die ihr Wissen mit der Öffentlichkeit teilen wollten?

Die britische Berichterstattung ermittelt seit mehreren Jahren gegen das Finanzunternehmen und nimmt bei ihrer kritischen Berichterstattung kein Blatt vor den Mund. Doch anstatt den Hinweisen auf kriminelle Geldströme nachzugehen und Wirecard einer umfassenden Kontrolle zu unterziehen, erstattet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Anzeige gegen britische Reporter und Whistleblower. Ein Fehler, der nur auf ein Versagen in den kontrollierenden Instanzen (BaFin) zurückzuführen ist und die deutsche Finanzpolitik mit dem Rücken zur Wand drückt.

Da sich die Lage von Wirecard durch die kritische Berichterstattung der britischen Medien verschärfte, beschlossen sie selbst, eine Firma mit der Überprüfung der Vorwürfe zu beauftragen. Die Wirtschaftsprüfer der KPMG prüften Anfang dieses Jahres, ob in den Bilanzen finanzielle Ungereimtheiten vorkamen und Rückschlüsse auf unrechtmäßige Geldgeschäfte geschlossen werden konnten. Das Resultat: In einem Sonderbericht der KPMG hieß es, dass die Vorwürfe weder bestätigt noch widerlegt werden konnten. Kein zufriedenstellendes Ergebnis.

Fraglich war auch, ob ein Interessenkonflikt die Kontrolle beeinflusste, da die KMPG von Wirecard selbst beauftragt worden war und nicht von einer unabhängigen dritten Instanz. Die EU-Kommission hat aufgrund dessen die europäische Aufsichtsbehörde eingeschaltet, um weitere zusätzliche Fehler zu vermeiden. Aber reicht das aus? Nein! Die Frage, wie eine offizielle Regierungsbehörde die Machenschaften von Wirecard übersehen konnte, verlangt nach einer Antwort und Konsequenzen für die Beteiligten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass auch andere große Skandale, wie der VW-Abgasbetrug zuerst im Ausland bekannt wurden, wird der Handlungsbedarf in der deutschen Finanzpolitik deutlich. Das illegale Geldgeschäft von Wirecard aufzudecken und zu sanktionieren reicht nicht aus. Es gilt vor allem einen Systemfehler, wie den der BaFin, zu verhindern. Der logische Schluss ist demnach: ein Neustart in den Aufsichtsbehörden. Es muss gewährleistet sein, dass Unregelmäßigkeiten sofort an eine Exekutiv-Instanz gemeldet werden müssen, so dass unabhängige Dritt-Prüfer sich der Sache annehmen können. Gegebenenfalls auch unter Einbeziehung des deutschen Finanzministeriums. Anders scheint man derartigen Problemen nicht angemessen auf den Grund gehen und diese zukünftig vermeiden können.

Was ist beim Wirecard Bilanzskandal passiert?

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Nach dem milliardenschweren Bilanzskandal hatte der Finanzdienstleister Wirecard am Dienstag, den 23.06.2020, Insolvenz anmelden müssen. Die Aktie des Tech-Unternehmens stürzte daraufhin ins Bodenlose.

Der Vorstand hatte am Dienstagmorgen entschieden, beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Der Grund: Laut Aussagen des Unternehmens drohen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Dabei müsse außerdem geprüft werden, ob auch die 50 Tochtergesellschaften davon betroffen seien und Insolvenzanträge stellen müssen. Mit dem Aufstieg des Finanzdienstleisters in den Dax 2018 stand dem Erfolg zunächst nichts mehr im Weg. Doch mit der Insolvenz und dem Aktienabsturz steht Wirecard nun vor der Pleite.

Nachdem der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) dem Konzern vor gut einer Woche den Jahresabschluss verweigerte, kamen deutliche Hinweise auf finanzielle Ungereimtheiten ans Licht. In der Jahresbilanz von Wirecard fehlen 1,9 Milliarden Euro auf zwei philippinischen Bankkonten. Der Vorstand gab an, dass ein Guthaben in dieser Höhe vermutlich gar nicht existierte. Der Staatsanwalt München wirft dem Ex-Chef des Konzerns, Markus Braun, vor, mit anderen Beteiligten die Bilanzen und den Umsatz gefälscht zu haben.

Bereits seit 2018 berichten Zeitungen wie die britische „Financial Times“ (FT) über offene Fragen zu einer möglichen Marktmanipulation und finanzielle Unstimmigkeiten. Aufgrund der kritischen Berichterstattung der FT bricht die Wirecard-Aktie Anfang 2019 zuerst einmal um mehr als 20 Prozent ein. Auch hierbei gab es erneut Vorwürfe der Fälschung von Verträgen und unrechtmäßigen Geldströmen, die das Unternehmen dementierte und als falsche Behauptungen deklarierte. Auf die Klage von Wirecard wegen falscher und irreführender Berichterstattung reagierte die FT mit weiteren Berichten zum Dax-Konzern und auffälligen Umsätzen über externe Bezahldienste. Bei der Überprüfung von Partnerfirmen gäbe es Ungereimtheiten mit sogenannten Drittpartnergeschäften, stellte sich seinerzeit heraus.

In Ländern, wo der Konzern über keine eigene Lizenz verfügte, zog er Drittpartner zur Zahlungsabwicklung hinzu. Laut den Unterlagen waren drei der Partnerfirmen für den Großteil der Unternehmensgewinne verantwortlich: Eine Firma namens „Al Alam“ aus Dubai, „Pay Easy Solutions“ aus Manila und „Senjo“ aus Singapur. Vergangenes Jahr wurde dem Partner in Singapur Verstöße und finanzielle Unstimmigkeiten vorgeworfen, die aber im Ergebnis nicht hinreichend bewiesen wurden. Vor diesem Hintergrund verstrickte sich Wirecard Ende letzten Jahres in weitere Widersprüche.

Hinzu kam der sich zuspitzende Streit zwischen der kritischen Berichterstattung der FT und Wirecard. Das Unternehmen wirft der Zeitung „ungenaue, irreführende und diffamierende“ Berichterstattung vor, um den Aktienkurs zu beeinflussen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schaltet sich im April 2019 ein und erstatte Anzeige gegen FT-Reporter und Börsenhändler mit dem Vorwurf der Marktmanipulation. Wirecard verlangte von der FT, keine kritischen Artikel mehr zu veröffentlichen. Die FT wehrte sich erfolgreich gegen die Vorwürfe und stellt die Ermittlungen nicht ein. In einem neuen Artikel nehmen sie einen weiteren der drei dubiosen Partner ins Visier – Al Alam. Interne Unterlagen könnten angeblich belegen, dass die Transaktionen über diesen Partner gefälscht seien. Das würde laut FT auf aufgebauschte Umsätze und Gewinne hinweisen.

Die KPMG veröffentlichte Ende April 2020 einen Sonderprüfungsbericht, nachdem sie von Wirecard beauftragt wurde, eine unabhängige Überprüfung der Vorwürfe der FT vorzunehmen und kommt zu dem Schluss, dass die Umsätze aus den Drittpartnergeschäften weder bestätigt noch widerlegt werden können. Weiterhin weist die KPMG darauf hin, dass während der Untersuchung Dokumente verspätet oder gar nicht eingereicht wurden und dadurch die Prüfung behindert wurde.

Den Gipfel des Eisbergs erreicht das Unternehmen Mitte Juni, als EY den Jahresabschluss 2019 nicht testieren wollte, da wichtige Nachweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten auf den Philippinen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro fehlten.

Abgesehen von der Tatsache, dass ein Dax-Unternehmen einen Teil der Bilanzsumme auf den Philippinen lagerte, erregte das Verschwinden des Treuhänders, Mark Tolentino große Aufmerksamkeit. Der philippinische Anwalt war zunächst noch für Fragen auf Social Media Plattformen präsent gewesen. Seit der Bekanntgabe des Wirecard-Skandals ist Tolentino jedoch abgetaucht und nicht mehr zu erreichen.

Kurz darauf trat der CEO, Markus Braun, nach fast 20 Jahren an der Spitze des Unternehmens zurück. Am Montagabend wurde Braun in Untersuchungshaft genommen und gegen eine Kaution in Höhe von 5 Millionen Euro wieder entlassen, während die Ermittlungen weiterlaufen. Die BaFin äußerte sich kritisch zum Wirecard-Skandal und gab an, nicht effektiv genug nachgeforscht zu haben. Die Politik fordert nun Konsequenzen für die BaFin, die ihrerseits lediglich einen Prüfer abgestellt hatte, um die Unregelmäßigkeiten bei der Gesellschaft zu untersuchen. Dieser jedoch soll mit dem Umfang der Recherchen und Prüfungen völlig überfordert gewesen sein.