Ist der ehemalige Chef erst einmal vom Hof, dann kommen die Ketzer und die „Nachtreter“ aus ihren Löchern und schmeißen mit Schmutz. Das sind auch Weggefährten, die einst dem „König von Bayern“ nach dem Mund geredet haben und sich ob der räumlichen Distanz zwischen München und Berlin nun einige Boshaftigkeiten trauen. Wie beispielsweise Minister Söder, der die ein oder andere Spitze gegen Seehofer abfeuert. Aber der deutsche Innenminister ist hart im Nehmen und lässt sich nichts anmerken, auch wenn er im Juli bereits einmal mit Rücktritt gedroht hatte. Dieser Tage ist er allerdings wieder wohlauf und „hoch zu Roß“, was ihn ermutigte, die Grenzkontroll-Erweiterung erneut zu seinem Thema zu machen.

Seine „Feinde“ nennen ihn spöttisch einen „Nebenkanzler“, der sich seine eigenen Schauplätze bastelt. Ein einziger Brief und ein einziger Satz legen seinen Charakter frei. Sein Innerstes. Es ist der Brief, den der Innenminister in Sachen Brexit an die EU-Kommission schrieb, vorbei am Kanzleramt, teils im Widerspruch zu deutschen Positionen. Und es ist der Satz, der die Asylkrise der Union auf den psychologischen Kern zurückführt: „Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist.“ Horst Seehofer kann sich nicht fügen. Nicht unterordnen unter SIE. Er kann aber auch nicht gehen. Weichen vor IHR. In dieser karstigen Seelenlandschaft wird die deutsche Politik aufgerieben.

Ein wahnhaftes Empfinden von Grandiosität und Unersetzbarkeit deformiert den Mann. Aus jeder Aktion grinst etwas davon. Natürlich hat der Meister nichtbloß ein Zehn-Punkte-Programm zum Asyl aufsetzen lassen, sondern einen „Masterplan“. Natürlich zeigt er den anfangs niemandem. Und als er ihn am 10. Juli endlich präsentiert, trägt er das Datum 4. Juli — ein Tag vor der Einigung mit der SPD. Er könne nicht jeden Kompromiss laufend in den Plan übertragen, bockt Seehofer. Als die EU-Innenminister in Innsbruck beraten hatten, setzten sich nicht nur der Österreicher und der EU-Kommissar vor die Presse. Auf dem Podium nahm auch Seehofer Platz. Oben ist nur, wo er ist. Und wo oben ist, ist er. Selbstverständlich. Es ist, als steckte ein „Trumpchen“ in ihm. Fingerhut-groß nur. Doch in Aufschneiderei und Hyperempfindlichkeit gleicht der Horst dem Donald. „Bayern stand in seiner tausendjährigen Geschichte noch  nie so gut da“, tönte er beim Abschied als Ministerpräsident. Und jammerte, er sei „von Parteifreunden demontiert worden“.

In Berlin richtete sich der Flüchtling gleich wieder seine eigene Regierung ein. Ein Kabinett aus acht Staatssekretären, im Innenministerium. Der Chef weist an, die anderen ackern. Horst Seehofer fühlt sich als Nebenkanzler. Niemandem untertan, ganz so wie einst in Bayern. Dort hatte er seine Puppen tanzen lassen. Die Minister erniedrigt oder erhöht, gedemütigt oder gelobt, wie es ihm gefiel. Markus Söder etwa sagte der Puppenspieler „Schmutzeleien“ nach. Um ihn in Schach zu halten, schmeichelte er Ilse Aigner von Berlin nach München und machte ihr Avancen auf die Thronfolge — um sie dann aber bei erster Gelegenheit politisch zu zersägen. Die böse Lust am Spiel mit Menschen war so fein entwickelt, dass Mitglieder seines Kabinetts händeringend darum baten, man möge eine Information unter keinen Umständen verwenden, weil der Chef eine bestimmte Version oft nur einem einzigen Gesprächspartner erzähle, um dann zu sehen, ob sie irgendwo aufpoppt und das Opfer seines Experiments als illoyal entlarvt. Autokratische Allüren sind daraus gewuchert, über die Jahre. Sie entstellten die CSU. Auf Parteitagen gab er den Ton an — die Diadochen hatten zu schweigen und wurden, 2016 etwa, nebeneinander platziert, wie einst die Sowjet-Nomenklatura auf dem Lenin-Mausoleum.

Er habe sein Leben in der Modelleisenbahn im heimischen Keller nachgebaut, hat Seehofer mal erzählt. Mit Merkel-Püppchen. Das ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Denn als ein Fernsehteam in den Keller gelassen wurde, zeigte sich, dass die Anlage ein nacktes Schienenkonstrukt war — ohne Menschen, Tiere, Pflanzen. Seehofers Leben? Vorm Merkel-Püppchen gruselte man sich im Kanzleramt. Welche Spiele mochte er wohl damit treiben? Vermutlich gar keine. Vermutlich hatte Seehofer bloß mit einem Journalisten gespielt. Denn als das TV-Team kam, berichtet ein Beteiligter, habe er darum gebeten, ein Püppchen mitzubringen. „Der Horst“, wie Söder nach dessen Beinahe-Rücktritt sagte, als tippte er sich an die Stirn, der Horst muss sich nun daran gewöhnen, politisch mit den Kleinen zu spielen. Nicht mehr mit Kanzlern und Präsidenten. Mit Handlangern, wie er keiner sein möchte. Herbert Kickl aus Wien etwa, verantwortlich für den Slogan: „Wiener Blut — zu viel Fremdes tut niemand gut.“ Wie lange hält Seehofer das aus? Geht die Bayern-Wahl schief, im Oktober, kann alles noch viel schlimmer kommen. Dann hat Seehofer immer noch Zeit, die Reißleine zu ziehen und seinen Hut zu nehmen. Vom Alter her wäre ihm dieses seit Langem gestattet…

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT