Die Zeit rast. Sie war erst 13, sagt Millie Bobby Brown entschuldigend, als sie „Godzilla" drehte. Wenn der Film nächstes Frühjahr in die Kinos kommt, wird sie schon 15  Jahre alt sein. Also praktisch ein komplett anderer Mensch.

Einen Wikipedia-Eintrag mit einer Beschreibung ihrer Person hat sie bereits, obwohl sie erst 2004 geboren wurde. Sie ist mit 14 Jahren schon eine Person des öffentlichen Lebens, vielleicht sogar eine Kunstfigur, aber jemand, der viele Millionen Teenager in aller Welt nacheifern. Außerdem ist sie Sonderbotschafterin von Unicef und hat bereits heute mehr erreicht, als manch anderer in seinem ganzen Leben. Ob das nun erstrebenswert ist, als sogenannter Filmstar oder als Werbefigur in Reklamespots Berühmtheit zu erlangen und dann als Internetstar Schminktipps zu geben, mag dahingestellt bleiben, aber die Art von Karriere, die sie macht, ist schon etwas Besonderes.

Die Zeit rast. Sie war erst 13, sagt Millie Bobby Brown entschuldigend, als sie „Godzilla“ drehte. Wenn der Film nächstes Frühjahr in die Kinos kommt, wird sie schon 15  Jahre alt sein. Also praktisch ein komplett anderer Mensch. Dann wird sie mit den erfahrenen Augen der älteren Millie dieses Kind auf der Leinwand betrachten und sich bei jeder Szene fragen: Oh, Gott, wieso habe ich da geblinzelt? Wieso habe ich das denn bloß so gespielt?! Millie seufzt. „Ich bin Perfektionistin“, sagt sie mit jener Ernsthaftigkeit, die nur Teenager aufbringen können, wenn sie über die Bürde ihres Alters sprechen. „Es fällt mir schwer, meine eigenen Arbeiten zu sehen.“

Gerade noch wurde die junge Britin als Wunderkind gefeiert, schon gilt sie als It-Girl und Mode-Ikone. Und jubelten Kritiker gestern noch über ihre verblüffende Reife, so beschreiben Filmemacher und Kollegen ihren Appeal heute als „zeitlos“ — ganz so, als hätten Millies erstaunliche Wandlungen jeden Maßstab und alle Chronologie ausgehebelt. Fest steht: Vor zweieinhalb Jahren eroberte sie als Alien-Mädchen mit  kahlem Kopf und Superkräften in der Netflix-Serie „StrangerThings“ den Film-Sommer und die globale Popkultur. Danach folgten lukrative Werbeverträge mit Modehäusern wie Calvin Klein und Converse, Auftritte in Talkshows und bei Hollywoodpremieren, eine Emmy-Nominierung, eine zweite Staffel des Streaming-Hits, mehr Fernsehauftritte, mehr Premieren, viele bunte Instagram-Momente, Interviews, Fototermine, noch eine Emmy-Nominierung — und vergangene Woche sogar die Ernennung der14-jährigen Miss Brown zur freiwilligen Sonderbotschafterin des Kinderhilfswerks Unicef, eine jüngere gab’s nie in der Geschichte der UN-Organisation.

Irgendwann in diesen atemlosen Monaten entwickelte sich das bezaubernde kleine Mädchen, das in der Serie mit Monstern einer finsteren Parallelwelt zu kämpfen hat, in jenes Geschöpf, das vor der UN-Pressekonferenz mit dem charmanten Lächeln einer 30-jährigen Diplomatin ein Statement verlas. Millie trug einen eleganten Blazer und sogar Hornbrille, als hätte sie über Nacht Altersweitsichtigkeit ereilt. Sie wolle den Kindern auf der ganzen Welt eine Stimme verleihen, sagte sie und bedankte sich für „die große Ehre“. Da sie eine talentierte Schauspielerin ist, klang sie ruhig, nur an manchen Stellen ein wenig nervös — doch gespielt schien die Nervosität, nicht die Gelassenheit. „Ich habe noch nie ein Kind mit so großem Selbstvertrauen gesehen“, sagt der Regisseur der ersten Fernsehserie, in der Millie 2013 eine kleine Rolle ergatterte, passenderweise als Alice im Wunderland. „Sie kann einfach alles“, bestätigt Matt Duffer, der sich zusammen mit seinem Bruder Ross „Stranger Things“ ausgedacht und produziert hat. „Wie eine Sängerin, die jede Note trifft. Ihre Bandbreite ist unglaublich.“

Das erste Amerika-Abenteuer

Und der Schauspieler David Harbour, der in der Serie Millies Ersatzvater spielt, sagt: „Ich möchte ihr nicht auch noch Honig um den Bart schmieren. Aber wenn ich dereinst im Seniorenheim sitze, will ich die Filme sehen, die sie bis dahin gedreht hat … Sie ist die nächste Meryl Streep.“ Zu Millies größten Fans aber zählen ihre Eltern. Das ist nicht nur so dahingesagt: Kelly und Robert Brown zogen um den halben Erdball und riskierten den finanziellen Ruin, um ihrer Tochter ihren Wunsch  zu erfüllen. Millie hatte nämlich mit acht Jahren beschlossen, Schauspielerin zu werden. Damals durfte sie in einem Werbespot für die US-Supermarktkette Publix auftreten. Sie hielt ein paar Cupcakes hoch und quengelte: Mom, kann ich die haben? „Ihre Tochter“, sagten die Filmleute hinterher zu Robert Brown, „ist etwas sehr Besonderes.“ Geboren ist sie im spanischen Marbella, wo Roberts Eltern ein Restaurant betreiben. Als Millie vier ist, geht es zurück nach Großbritannien, Robert arbeitet als Immobilienmakler, Kelly kümmert sich um die Kinder: neben Millie Paige, Charlie  und Ava, heute 24, 21 und 6. Die beiden   Großen betreuen mittlerweile die berühmte Schwester, begleiten sie auf Reisen und pflegen ihre Webseiten.

2011 zieht die Familie erneut um, diesmal ins amerikanische Rentnerparadies Florida, wo die Browns ein Geschäft für Zahnbleaching aufmachen. Ihre quirlige Tochter schicken sie, damit sie beschäftigt ist, am Wochenende in Theaterspielgruppen. Als eine „Top-Hollywood-Talentsucherin“ aufkreuzt und den Eltern einbläut, ihre Millie gehöre nach Hollywood, packt die Familie das Auto voll und fährt nach Kalifornien. Millie wird bei Kinderschauspielagenturen vorgestellt, tritt bei „Modern Family“ und „Grey’s Anatomy“ auf. Doch das Leben in Los Angeles ist teuer. „Meine ältere Schwester zog zurück nach England, sie konnte und wollte nicht mehr“, sagt Millie. „Wir haben so viel geheult. Es war echt hart.“ Im Sommer 2015 schleichen die Browns zurück nach Großbritannien. Millie ist enttäuscht von ihrem Amerika-Abenteuer: „Ich dachte, das war’s jetzt.“ Dort muss sie sich von einer Casting-Agentin anhören, dass sie, die Elfjährige, „zu erwachsen“ wirke und einfach „zu reif“ sei für ihr Alter. Millie bricht in Tränen aus. Am selben Tag bewirbt sie sich per Video für eine amerikanische Streaming-Serie. Über die Rolle weiß sie nicht viel, aber in der Szenenanweisung steht, dass sie weinen soll. „Ich war noch so aufgewühlt von dem Gespräch mit der Agentin, ich hatte die Szene sofort im Kasten.“

Ständig bekomme sie gute Ratschläge, sagt Millie. Bleib auf dem Boden, sei bescheiden, das höre sie am meisten. Als viel hilfreicher aber empfindet sie die Empfehlung eines Kollegen: Der sagte, man müsse lieben, was man tut, dann wird alles gut. Ihre Familie sagt eher: Arbeite nicht so viel, Millie. „Dabei ist mir langweilig, wenn ich nicht filme oder sonst was mache. Es ist so schön, jeden Tag zur Arbeit zu gehen.“

18 Millionen Instagram-FoIIower.

Zu Fototerminen kommt oft der Vater mit. Denn wenn man Millie so sieht — mit Make-up, in Designerklamotten, immer munter, immer laut —,vergisst man leicht, dass sie weder Auto fahren kann noch allein reisen sollte. Neulich tauchte ihr Name in einer Liste von „sexy TV-Stars“ auf. Großer Aufschrei! Millie mag klingen wie eine 30-Jährigeund sich anziehen wie ein Supermodel — aber sie ist ein minderjähriges Schulmädchen. Gut, eines, das Privatunterricht bekommt und bei den New Yorker Fashion Shows in der ersten Reihe sitzt wie ihre Landsfrau Anna Wintour (US„Vogue“) oder die Schauspielkollegin Paris Jackson. Ein Kind, das gerade seine eigene Produktionsfirma gegründet hat und für eine einzige Folge in der dritten Staffel von „Stranger Things“ mindestens 300.000 Dollar einschiebt. Und letztlich: ein Kind, das laut „Time“-Magazin zu den „100 einflussreichsten Persönlichkeiten“ der Welt gehört; natürlich als Jüngste, der diese Ehre je widerfahren ist. „Millie“, seufzt ihr Vater, „tut so groß und mächtig vor der Welt, zu Hause ist sie oft ganz klein und scheu. Diese Seite sehen nur wir.“

Was ihre mehr als 18 Millionen Instagram-Follower hingegen sehen: Millie, wie sie sich live und eine geschlagene Stunde lang die Augen schminkt. Millie, wie sie mit Anrufern über mögliche Boyfriends parliert: „Gehst du jetzt mit Noah Schnapp?“ Noah ist ein paar Monate jünger als Millie und spielt mit ihr in der Netflix-Serie. „Nein!“, ruft Millie. „Aber wir sind Seelenverwandte.“ Auf ihrer Instagram-Seite veröffentlichte sie auch jenen Brief an die Gemeinde, in dem sie das Ende ihrer „Beziehung“ zum 15-jährigen Internet-Prinzen Jacob Sartorius bekannt gab: „Die Entscheidung fiel in beiderseitigem Einverständnis. Wir sind beide glücklich und bleiben Freunde.“ Das hätte Gwyneth Paltrow nicht schöner formulieren können. Bald wird sie wieder auf Werbetour gehen für „Stranger Things 3“, wird mit den Jungs aus der Serie auf dem Talkshow-Sofa rumalbern. Noah und Co. Leben noch in dieser Welt, die Kindheit heißt. Millie Bobby Brown ist längst in einer anderen Dimension.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT