Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Ende letzten Jahres zum allerersten Mal eine schwarze Künstlerin mit einem der begehrtesten Kunstpreise der Welt ausgezeichnet wurde und damit auch in diesem Genre die Gleichberechtigung von Schwarzen gegenüber Weißen Einzug gehalten hat.

Andere Schlagzeilen als die über Kunst und Kultur bestimmen die Nachrichten und viele andere Dinge geraten schnell in Vergessenheit. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Ende letzten Jahres zum allerersten Mal eine schwarze Künstlerin mit einem der begehrtesten Kunstpreise der Welt ausgezeichnet wurde und damit auch in diesem Genre die Gleichberechtigung von Schwarzen gegenüber Weißen Einzug gehalten hat. Das ist uns wahrhaft einen kleinen Rückblick wert …

Der Markt um gute Künstler und Künstlerinnen ist hart umkämpft – ein Haifischbecken sozusagen, wo jeder besser sein will als sein Gegenüber. Unter den Künstlern ebenso wie bei Galeristen und Promotern, die in der Kunst das große Geschäft sehen. Nun hat es die erste farbige Künstlerin, Simone Leigh aus den USA geschafft, sich den begehrten Preis für zeitgenössische Kunst, eine der wichtigsten Auszeichnungen der Kunstszene, zu sichern. Für ihre Arbeiten aus Ton, mit dem Markenzeichen: Frauenfiguren ohne Augen. Eine Auszeichnung von höchster Qualität, gestiftet vom weltbekannten Guggenheim-Museum in New York und dem Modekonzern Hugo BOSS und mit 100.000 Dollar dotiert. Was sonst nur meist männlichen weißen Künstlern vorbehalten war, hat sie als erste schwarze Frau nun mit ihrem Werk, einer Skulptur namens „Brick House“, geschafft. Das ist in aller Regel der Beginn einer großen Karriere, obwohl Simone Leigh, die 51-jährige Künstlerin aus Chicago mit jamaikanischen Wurzeln, daran ein Leben lang nicht geglaubt hatte.

Entsprechend überwiegen Ungläubigkeit, Überraschung und Sprachlosigkeit bei ihr, nachdem man ihr die Entscheidung der Jury mitgeteilt hatte. Und am Morgen nach der Verleihung wirkt Simone Leigh immer noch ein wenig mitgenommen. Übermüdet erscheint die Gewinnerin des Hugo Boss Prize 2018 im Restaurant des Solomon Guggenheim Museum in New York und ist ernsthaft erstaunt, dass sich Leute aus ihren Betten bewegt haben, um die zwölfte Trägerin eines der wichtigsten Preise für zeitgenössische Kunst zu so früher Stunde zu treffen. Mitte der Neunziger hatten Hugo Boss und das Guggenheim sich die Auszeichnung ausgedacht, seit 1996 wird sie alle zwei Jahre verliehen. Zu den Gewinnern zählten unter anderem Matthew Barney, Douglas Gordon, Hans-Peter Feldmann und Tacita Dean. Simone Leigh ist nun die erste schwarze Frau. 100 000 Dollar Preisgeld sind mit dem Gewinn verbunden, doch was Leigh gerade weitaus mehr beschäftigt, ist der zweite Teil, der mit dem Preis einhergeht: eine Einzelausstellung im Guggenheim im April.

„Wenn man die Gelegenheit für eine Solo-Show im Guggenheim bekommt, hätte man eigentlich gern fünf Jahre Zeit, um zu überlegen, was man zeigt“, sagt sie, „ich habe jetzt kaum mehr als fünf Monate. “ Es ist ja nicht so, dass Simone Leigh bis April sonst nichts zu tun hätte. Gerade arbeitet sie an einer mehr als fünf Meter hohen Skulptur für die New Yorker High Line, eine ehemalige Güterzugtrasse, die durch den Westen Manhattans führt und vor vier Jahren in einen Park umgewan- delt wurde. Einweihung ist ebenfalls im April. Sie sagt: „Ich habe momentan wohl einen ziemlich guten Lauf. “ Dabei wollte Simone Leigh nie Künstlerin werden. Sie kam 1967 in Chicago zur Welt, die Eltern sind Einwanderer aus Jamaika und streng religiös. „Mein Vater ist Pastor“, sagt sie, „und alle in meiner Familie Missionare. “ Weil es Leigh an Gläubigkeit mangelte, ging die Familie auf Distanz. Sie war damals 19 Jahre alt und Studentin. „Ich denke, dass das Gefühl, ein Außenseiter und auch Immigrant zu sein, sich für mich als Künstlerin als nützlich erwiesen hat.

Japanisch töpfern in Indiana

Sie studierte Philosophie und Cultural Studies an einem Quäker College in Indiana, wo ein Schüler des berühmten amerikanischen Töpfers Warren Mackenzie eine Werkstatt nach japanischem Vorbild betrieb. „Die Vorstellung, dass Quäker mitten in Indiana japanische Töpferkunst lehren, kam mir so unglaublich bizarr vor, dass mein Interesse geweckt war. Sie probierte es aus, zeigte Talent, hatte Spaß. „Als mir dann später auffiel, dass ich trotz eines Babys mitten in der Nacht aufstand, um Zeit zum Töpfern zu finden, war mir klar, dass mich die Sache nicht mehr loslässt. “

Nun stehen Keramiken, bei denen es inhaltlich um den Schwerpunkt schwarzer weiblicher Subjektivität geht, auf dem Kunstmarkt traditionell nicht hoch im Kurs, weswegen man Leigh jahrelang nach bestem Wissen und Gewissen versicherte, dass es mit ihrer Kariere als Künstlerin leider nichts werden würde. Ihre Arbeiten zeigen vornehmlich Frauenfiguren, deren Körper an traditionelle afrikanische Hütten erinnern und deren Gesichtern die Augen fehlen. Auf dem Kopf tragen sie oft Gefäße, die bei Leigh wie Kronen aussehen. Die Haare werden gern durch Rosenblüten aus Porzellan dargestellt oder als Comrows, die bei der gewaltigen HighLine-Skulptur nicht zufällig die Dimensionen geflochtener Stahlseile haben. Das Werk heißt „Brick House “ , benannt nach einem Hit der Commodores von 1977 , einem Loblied auf eine schwarze Frau, „ gebaut wie eine Amazone „. Stolz und mächtig wird sie alsbald zwischen den New Yorker Wolkenkratzern stehen.

Wenn jemand von Leigh wissen möchte, ob sie sich schwarzen Künstlern wie Jean-Michel Basquiat, Theaster Gates oder Arthur Jafa verbunden fühle, sagt sie, dass die Antwort bereits in der Frage stecke, alle erwähnten Künstler seien männlich. Dann zitiert sie ein geflügeltes Wort schwarzer Feministinnen: „Alle Frauen sind weiß, und alle Schwarzen sind Männer“, was zur Folge habe, dass schwarze Frauen keine weitere Berücksichtigung fänden. Leigh versteht es als ihre nobelste  Herausforderung, diese Wahrnehmung zu ändern.

Von Black Panthers und Tents

Etwa mit dem Projekt „ Free People’s Medical Clinic“ , für das sie 2014 ein Haus im New Yorker Stadtteil Brooklyn in eine Art Ambulanz verwandelte, in der  man sich kostenlos ärztlichen Rat holen konnte. Den Titel lieh sie sich von den Black Panthers, die in den sechziger Jahren ähnliche Einrichtungen unterhielten. Doch die Inspiration kam von einem Geheimbund namens The United Order of Tents, der 1867 von ehemaligen Sklavinnen gegründet wurde und sich    um die Gesundheitsversorgung  von Schwarzen kümmerte. Die Tents existieren noch als älteste US-Studentenverbindung für schwarze Frauen. Auch das Kollektiv „Black Women Artists for Black Lives Matter“ organisierte Simone Leigh nebenbei — bis ihr auffiel, dass sie ja eigentlich Einzelgängerin sei. „Es ist nicht leicht, mit 200 Leuten zusammenzuarbeiten, wenn man es gewohnt ist, allein im Atelier zu sein. “ Seither widmet sie sich vor allem ihren Objekten. Der Boss-Prize bedeute „eine große Verantwortung“, sagt Leigh, „ich stehe auf vieler Leute Schultern“. Wenn die Geschichte anders gelaufen wäre, „hätten schon viele Frauen vor mir einen Preis wie diesen verdient“. Es besteht kein Zweifel daran, dass Simone Leigh die Verantwortung annimmt.

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