ClinicAll Germany-Absturz: Hoch gelobt und tief enttäuscht

Der Neusser Softwareentwickler für Krankenhaustechnik mit amerikanischem Mutterhaus hat überraschend Insolvenz angemeldet und sein operatives Geschäft erst einmal eingestellt.

Am Ende sind die vielen Warnungen von Verbraucherschutz-Portalen und Analysten ins Leere gelaufen und die Befürchtungen der Kunden, Geschäftspartner und Kredit-Banken haben sich bewahrheitet: Die Neusser Innovationsschmiede für Hightech-Klinikequipment hat in der vergangenen Woche Insolvenz angemeldet, wie der Berliner Anwalt Kim O. Klevenhagen berichtet. Insolvenz in Eigenverantwortung heißt der Fachausdruck für den wirtschaftlichen Bankrott des Unternehmens. Dessen Geschäftsführer und Gründer Hermann Kamp hatte über Jahre mittels festverzinslicher Unternehmensbeteiligungen Kundengelder in Millionenhöhe eingesammelt, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit neuer Klinik-Hightech anzuschieben. Ein großes Risiko, wie sich jetzt herausstellt, denn sämtliche Investitionen waren unausgereift und Stückwerk in ihrer Konzeption und Umsetzung. Bitter für ungezählte Investoren, die ihr mühsam erarbeitetes Geld in ein Unternehmen gepumpt haben, welches den hohen Erwartungen und den Anforderungen des Marktes offensichtlich nicht gewachsen war. Dass die Kundengelder jemals zurückgezahlt werden, geschweige denn die Zinsen, ist unwahrscheinlich.

Viele gute innovative Ideen hat das international agierende Unternehmen aus seiner Deutschland-Zentrale in Neuss im Rheinland, unweit von Köln und Düsseldorf, hervorgebracht und umgesetzt. So wie beispielsweise die Augensteuerung für „Bedside-Terminals“, Computer die am Krankenbett angebracht werden und mit den Augen gesteuert und bedient werden können – ein Segen für alle, die im Bewegungsablauf mit den Armen z.B. durch Amputation, Behinderung oder Lähmung gehindert sind. Dazu hat sich Clinicall für die Umsetzung des Themas elektronische Patientenakte stark gemacht und eigene Soft- und Hardware dafür entwickelt. Bis in die arabischen Staaten, überall in Deutschland und Europa wurden Produkte aus dem Hause der Neusser Ideenschmiede verkauft und man konnte eigentlich nie damit rechnen, dass das Unternehmen so plötzlich seinen Betrieb einstellen würde. Wie aufgebrachte Kunden allerdings berichten, war der Kontakt zum Unternehmen in den letzten Wochen merklich weniger geworden und wichtige leute aus Vorstand oder Unternehmenskommunikation waren immer seltener zu erreichen gewesen. Ein erstes Warnzeichen, dass es nicht stimmen konnte.

Dabei war die einst hoch gelobte Software-Firma und App-Entwickler gerade zum Vorzeige-Unternehmen unter den Spezialisten für digitale Lösungen in Kliniken auserkoren worden, gehörte doch auch der ehemalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) als auch der jetzige, Jens Spahn, zu den Unterstützern der Firmenphilosophie bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen und überschütteten ClinicAll mit Lob und guten Wünschen. Umso schlimmer ist es, dass das Neusser Unternehmen nicht in der Lage war, die hervorragenden begleitenden Umstände für sich zu nutzen und den Klinikmarkt nachhaltig zu revolutionieren.

Immer wieder schlechte Nachrichten von sogenannten Start-up-Unternehmen, welche Venture Capital (Risiko-Kapital) von privaten Geldgebern einsammeln, um dann damit neue revolutionäre Techniken, Produkte oder Dienstleistungen am Markt zu etablieren und im besten Fall damit „Wirtschafts-Geschichte“ zu schreiben. Zu viele von diesen selbst ernannten „Möchtegern-Visionären und Innovations-Giganten“ bleiben auf der Strecke und kosten die gutgläubigen Investoren Millionen von Euros, die aus privatem Vermögen in diese Firmen gepumpt werden. Privatpersonen, die über Crowdfunding-Firmen oder auf direktem Wege eigenes Geld in eine Firma stecken, die hoffnungsvolle Prognosen mitbringt und sich gut vermarkten kann. So, wie ClinicAll, die viel versprochen, und wenig gehalten haben. Und dazu beitragen, dass das Vertrauen in vielversprechende Unternehmen mehr und mehr durch Fehlschläge erschüttert wird.

2 Kommentare auch kommentieren

  1. Werner Höfelmann sagt:

    Schlimm, dass eigentlich hoffnungsvolle Firmen dann auf halber Strecke „in die Knie gehen“ und den Betrieb einstellen. Da sieht man dann eben den Unterschied zu denjenigen, die ein von Anfang bis Ende durchdachtes Konzept haben und am Ende erfolgreich sind.

  2. Matthias Miltenberg sagt:

    Der Geschäftszweck von Clinicall war nicht die Entwicklung von innovativen Lösungen für das Gesundheitswesen sondern der Vertrieb von Anleihen. Seit Jahren kann man in den veröffentlichen Jahresabschlüssen nachvollziehen, dass praktisch keine relevanten Umsätze erzielt wurden und den Verbindlichkeiten keinerlei Vermögensgegenstände gegenüber standen. Angesichts der fehlenden Substanz wird das Verfahren in einer Regelinsolvenz münden, die Anleger haben überhaupt nichts aus dem Verfahren zu erwarten.

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