„Klimaschutzprogramm 2030“ – Interview mit Ove Burmeister zum Klimapaket der Bundesregierung

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Ove Burmeister ist Inhaber und Geschäftsführer der DEB Gruppe. Zu dem mittelständischen Unternehmen aus Hamburg gehört neben Ihrem Kerngeschäft, der Errichtung von Photovoltaik-Anlagen für private und Institutionelle Investoren, seit Februar dieses Jahres auch der unabhängige Stromversorger DEVG. Das Unternehmen versorgt deutsche Haushalte und Unternehmen mit Strom aus den selbst errichteten Photovoltaik-Anlagen und anderen erneuerbaren Quellen.

M.S.

Die Bundesregierung hat am Freitagnachmittag ihr milliardenschweres Investitionspaket in den Klimaschutz der Öffentlichkeit präsentiert. Damit sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. In dem Eckpunktepapier wird der Ausbaudeckel für die Solarförderung aufgehoben. Sie sind als Geschäftsführer der DEB unmittelbar von den Beschlüssen betroffen, sind Sie zufrieden?

Ove Burmeister

Solarinvestor Ove Burmeister sieht Verbesserungspotenzial bei den Plänen der Bundesregierung.

Die ersatzlose Streichung des Ausbaudeckels für Photovoltaik war absolut notwendig. Die Solartechnik wird für die Erreichung der Klimaziele von zentraler Bedeutung sein. Seit geraumer Zeit fordert die Solarbranche seine Abschaffung. Dieses Thema wurde viel zu spät angepackt und hat für Erosionen in der Solarbranche und den Abbau von Arbeitsplätzen gesorgt. Der Bruttozubau aller Photovoltaik-Anlagen in Deutschland liegt bereits bei circa 50 Gigawatt; das heißt wir erreichen schon nächstes Jahr das Limit von 52 Gigawatt und ab dann hätten Photovoltaik-Anlagen bis 750 Kilowatt keine Solarförderung mehr erhalten. Insofern bin ich natürlich zufrieden. Es ist kein Geheimnis, dass wir einen deutlich höheren Ausbaupfad brauchen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. PV ist neben Wind die günstigste Energiequelle überhaupt. Die Vergabekriterien für Windkraftanlagen wurden allerdings so stark verschärft, dass dort keine ausreichende Ausbaubarkeit mehr besteht. Das ist bei PV anders. Allein die statisch geeigneten Dächer würden für die gesamte Stromversorgung ausreichen. Und mit der Nutzung von Dächern würde noch nicht einmal weiteres Land verbraucht. 

M.S.

Das Eckpunktepapier sieht Maßnahmen für den Klimaschutz vor, die allein bis 2023 mehr als 54 Milliarden Euro kosten. Von Umweltschützern und Klimaökonomen wird es aber massiv kritisiert und als enttäuschend, als Stückwerk ohne klare Linie bezeichnet. Der angekündigte große Wurf sei nicht gelungen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Ove Burmeister

Zunächst kann man sagen, dass das Thema offenbar weltweit in der breiten Masse vieler Gesellschaften angekommen ist. Greta und die Kinder von „Fridays for Future“ haben ihren Anteil daran. Hier in Deutschland ist jetzt mit dem Klimapaket erst einmal ein Rahmen definiert. Über die Umsetzung und die detaillierten Durchführungsverordnungen werden die Parteien, wie immer, weiter streiten. Dass als zentrale Maßnahmen der Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Rückführung der Kohleverstromung vorgesehen sind kann ich nur gut heißen. Die Bundesregierung hat das Ziel, bis zum Jahr 2030 einen Anteil Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von 65% zu erreichen. Neben der Abschaffung des Ausbaudeckels sehe ich als weitere positive Maßnahmen auch die angestrebte Forcierung der Sektorkoppelung und dass Speicher künftig den Letztverbraucherstatus erhalten und von bestehenden Umlagen befreit werden.

M.S.

Unter Sektorkoppelung versteht man die Vernetzung aller drei Sektoren der Energiewirtschaft, also Strom, Wärme und Verkehr.

Ove Burmeister

Ja genau, dadurch können Erneuerbare Energien aus Sonne und Wind auch zur Wärmeerzeugung und für die Mobilität verwendet werden und aus der Stromwende wird eine echte Energiewende. Damit der Klimaschutz tatsächlich vorankommt, müssen diese Sektoren verbunden werden. Das bedeutet Elektrofahrzeuge müssen mit sauberem Strom, beispielsweise aus einer Photovoltaik-Anlage, aufgeladen werden. Nur dann sind Elektrofahrzeuge wirklich umweltfreundlich unterwegs. Das gilt auch für die Gebäudeheizungen. Die Technologie dafür ist längst auf dem Markt.

M.S.

Was sagen Sie zur Einführung der CO2-Bepreisung? Wie wirkt sich die Ihrer Meinung nach auf die Solarwirtschaft aus?

Ove Burmeister

Der bürokratische Aufwand und der niedrig angesetzte Preis für die Zertifikate scheinen die Hauptkritikpunkte an diesem Klimapaket zu sein. Umweltverbände gehen davon aus, dass die Kosten für eine Tonne CO2 bei 160 bis 180 Euro liegen. Da sind die angesetzten 10 bis maximal 60 Euro natürlich zu niedrig. Ottmar Edenhofer, der Leiter des Instituts für Klimafolgeforschung in Potsdam hat die Regierung bei dem Klimapaket beraten und gesagt, dass für ihn der CO2 Preis entscheidend sei, ob der Einstieg in einen effektiven Klimaschutz gelingt. Die CO2-Bepreisung dürfe keine Alibifunktion oder Nebenrolle haben, sondern müsse das Leitinstrument für eine wirksame Klimapolitik sein. Ich sehe, dass hier mal ein Anfang gemacht wurde und dass diese Themen nicht nur in der Gesellschaft, sondern jetzt auch in der Politik angekommen sind. Uns sollte aber auch klar sein, dass der eingeschlagene Weg einer ständigen Nachjustierung bedürfen wird. Die Politik kann Regeln und Anreize schaffen. Ob sie greifen, sieht man immer später.

M.S.

2022 geht das letzte AKW in Deutschland vom Netz, mit der Kohle soll spätestens 2038 Schluss sein. Viele befürchten nun, dass es im Zuge der Abschaltung der grundlastfähigen Kraftwerke zu Versorgungsengpässen kommen kann. Die Versorgungssicherheit sei nicht gewährleistet, immerhin müssen mittelfristig rund 50 Prozent der derzeitigen Erzeugungskapazitäten am Strommarkt ersetzt werden. Wird das ihrer Meinung nach gelingen?

Ove Burmeister

Das ist eine große Herausforderung, aber ich bin da ganz optimistisch. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) hat zu dem Thema „Stromlücke“ eine Studie des Markt- und Wirtschaftsforschungsunternehmens EuPD Research vorgestellt. Danach braucht Deutschland bis 2030 eine installierte Photovoltaik-Leistung von 162 Gigawatt. Das heißt wir müssen uns anstrengen. Die Photovoltaik steht dabei im Mittelpunkt, weil ihre Kapazitäten am schnellsten und billigsten erhöht werden können. Parallel zur Photovoltaik müssen natürlich auch Windkraft, Biomasse und die anderen Erneuerbaren weiter ausgebaut werden und gleichzeitig ist auch eine deutliche Erhöhung der Speicherkapazitäten notwendig. Nur im Zusammenwirken aller Maßnahmen werden wir eine stabile Grundversorgung sicherstellen können. Ich glaube, die Menschen sind bereit. Ist es die Politik auch? Das Ganze ist eine große Sache! Sie zu schaffen, aber wie bereits gesagt: Es wird auf die Anreize und Regelungen ankommen, die von der Politik kommen muss. Halbherzigkeit ist für die nächsten Jahre keine Option. Ich hoffe, dass der öffentliche Druck, der besonders in den letzten Monaten deutlich zu spüren ist, anhält und seine Wirkung entfalten wird. Dieses Klimaschutzprogramm ist nur Papier und auch nur ein Zwischenschritt. Aber einer der uns Hoffnung geben sollte.

M.S.

Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach noch tun um die Energiewende voranzubringen?

Ove Burmeister

Spätestens jetzt müssen wir über Geld reden. Ich sehe da zwei zentrale Bereiche. Erstens die Forschungsförderung und zweitens die Unternehmensfinanzierung, insbesondere Technologieunternehmen in der Frühphase. Das Budget für Forschung soll ja nun erweitert werden. Das wird auch in dem Eckpunktepapier erwähnt und macht mir Mut. Hier sehe ich einen Kernpunkt auch für einen späteren wirtschaftlichen Erfolg und Arbeitsplätze in Deutschland. In diesem Bereich waren wir immer stark und sollten die Anstrengungen noch weiter erhöhen. Als positives Beispiel möchte ich die Arbeit des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) nennen. Das ISE hat Photovoltaik-Technologien vorgestellt, die sich in Gebäudefassaden, Fahrzeugen oder an Fahrwegen integrieren lassen und auch auf Agrar- und Wasserflächen. Solarpanels auf Dächern von Elektrofahrzeugen können für Reichweitengewinne sorgen. An Straßen und Schienenwegen könnte Photovoltaik für einen zusätzlichen Lärmschutz sorgen. Da gibt es viele intelligente, innovative Ideen.

Darüber hinaus brauchen wir eine funktionierende Infrastruktur für die Frühphasenfinanzierung deutscher Unternehmen:

Ein erheblicher Teil der weltweit angemeldeten Technologiepatente kommt nach wie vor von deutschen Ingenieuren und Unternehmern. Diese Menschen wachsen in Deutschland auf, sie durchlaufen eine von deutschen Steuerzahlern finanzierte Ausbildung, besuchen eine deutsche Universität und irgendwann entwickeln sie z.B. eine neue Technologie. Die Uni unterstützt sie vielleicht noch eine Weile, aber spätestens wenn die weltweite Patentanmeldung und die Produktvermarktung anstehen, geht das Geld aus. Es gibt in Deutschland keine gute Infrastruktur zur Finanzierung solcher Unternehmen in der Frühphase. Von deutschen Banken ist da nichts zu erwarten, dabei wäre es ihr zentraler Job, solche Unternehmen zur Blüte zu begleiten. Das birgt natürlich Risiken und die geht man eben nicht ein. Das habe ich übrigens mit meinem Unternehmen am eigenen Leibe erfahren müssen. Wenn sie es später „geschafft“ haben, wirft man Ihnen das Geld nach, bis dahin müssen Sie alleine klar kommen. 

Aber was passiert mit diesem jungen Unternehmer: Er wird sich in anderen Ländern umsehen und er wird mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit dort Unterstützung bekommen. Andere Länder greifen damit unsere besten Köpfe ab, sie gehen ins Ausland und entwickeln Ihre Unternehmen dort. Sie schaffen dort Arbeitsplätze, sie entwickeln dort ihr Know-how weiter, sie zahlen dort Steuern usw. Deutschland hat mal wieder den Grundstein gelegt und bezahlt, die Ernte fahren Andere ein. Damit muss Schluss sein und dazu konnte ich in dem gesamten Unterlagenkonvolut nichts finden. Der Mittelstand soll angeblich das Rückgrat unserer Gesellschaft sein, die Politik könnte sich da deutlich mehr engagieren. Eine Maßnahme wäre, die Banken in die Lage zu versetzen und in die Pflicht zu nehmen, aussichtsreiche Unternehmen mit Kapital zu versorgen. Denkbar wäre auch ein Staatsfonds.

Konkret: Die Politik muss Strukturen schaffen, mit denen wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Photovoltaik-Branche stärken und den „Braindrain“, die Abwanderung von wissenschaftlich ausgebildeten, hoch qualifizierten Fachkräften aufhalten. Besser noch umzukehren. Wir müssen uns bewusst werden, was für ein ungeheures Potenzial die Erneuerbaren Energien für die deutsche Wirtschaft darstellen. Auch im Hinblick auf Arbeitsplätze. Wir wollen doch wohl nicht einen der zentralen Wachstumsmärkte komplett an uns vorüber gehen lassen, obwohl wir ihn selbst erfunden haben. Die Welt steht vor dem größten Photovoltaikboom aller Zeiten. Der gesamtwirtschaftliche Effekt könnte enorm positiv sein.

M.S.

Und wie hat sich Ihr Unternehmen, die DEB Deutsche Energie Beratung aufgestellt, um den nun anstehenden Herausforderungen zu begegnen?

Ove Burmeister

Anders als einige Wettbewerber, die sich gerade aus dem Markt zurückziehen, haben wir diese erfreuliche Entwicklung bereits im letzten Jahr antizipiert und uns auf genau dieses Szenario, nämlich den massiven Ausbau von PV vorbereitet. Wir haben alleine 2018 acht neue Mitarbeiter eingestellt und integriert, so dass die DEB in 2020 eine Abwicklungskapazität von 25 – 40 Millionen Euro hat. Zudem konnte ein Partner gewonnen werden, der über ausreichend Dächer für 100 MW verfügt. Dort liegt der eigentliche Engpass unseres Geschäftes, den wir nun für Jahre im Voraus beseitigt haben. Es liegen erfreuliche Jahre vor uns, wir haben alle Vorbereitungen bereits abgeschlossen und werden unseren kleinen Beitrag zur vielleicht größten gesellschaftlichen Umwälzung seit der Erfindung des Automobils beitragen.

M.S.

Vielen Dank für das informative Gespräch

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