Umbenennung der Berliner U-Bahnstation Mohrenstraße

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Die Berliner U-Bahnstation „Mohrenstraße“ im Bezirk Mitte wird endlich umbenannt. Schon seit Jahren gab es Diskussionen um den Namen der Station, doch nun entschieden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Umbenennung in Glinkastraße. Rolf Erfurt aus dem Vorstand des BVG-Betriebs sagte der Berliner Morgenpost am 5. Juli: „Bei uns arbeiten Menschen aus 51 Nationen. Der Vorschlag zur Umbenennung kam aus der Belegschaft. Wir setzen damit ein Zeichen gegen Rassismus“. Die aktuelle Black Lives Matter Bewegung und der Tod von George Floyd in den USA, habe die Diskussion neu angeregt und letztendlich zu der Entscheidung verholfen, so Petra Nelken, eine BVG-Sprecherin. Doch woher kommt das Wort „Mohr“ eigentlich, und wie sieht es mit dem neuen Namen der Station aus?

Seit 1707 trägt die Mohrenstraße diesen Namen, wieso genau ist unklar. Vermutlich geht die Namensgebung auf versklavte Menschen aus Afrika zurück, welche an der besagten Straße angesiedelt wurden. Eine andere Theorie meint, dass der sogenannte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von den Holländer*innen 12 Musiker*innen aus Afrika geschickt bekommen hat, die in einer Kaserne an der Straße beherbergt wurden. Wie genau die Geschichte der Namensgebung auch sein mag, sie ist auf jeden Fall auf rassistische, unterdrückende und diskriminierende Strukturen aus dem Kolonialismus zurückzuführen. Das Wort „Mohr“ an sich wurde zunächst als abwertende Bezeichnung für Menschen aus Nordafrika verwendet und leitet sich so von dem lateinischen Wort „Maurus“ ab, was so viel wie schwarz oder dunkel bedeutet. Diese lateinische Bezeichnung kann wiederum auf das altgriechische Wort „moros“ zurückgeführt werden, was töricht und dumm heißt. Später wurde das Wort verallgemeinert für alle Personen mit dunkler Hautfarbe verwendet.

Der neue Namensgeber der Station, Michail Iwanowitsch Glinka, war ein russischer Komponist, der 1857 in Berlin verstarb. Die Glinkastraße verläuft ebenfalls an der U-Bahnstation und ist in unmittelbarer Nähe zum früheren Wohnhaus des Komponisten, welches durch „Kriegseinwirkungen“ zerstört wurde, so die Gedenktafel, an der neu-errichteten Hauswand. Doch auch der neue Namensgeber der Station ist kritisch zu betrachten.  Glinka komponierte eine Oper namens „Fürst Cholmskij“, die im Jahr 1474 spielt und von einer jüdischen Verschwörung handelt. Die Tragödie beschreibt wie Jüd*innen angeblich versuchen, die russischen Streitkräfte des Fürsten Cholmskij zu schwächen und den Kampf gegen einen deutschen Schwertbrüderorden zu behindern. Die Oper wurde nur drei Mal aufgeführt und schlussendlich abgesetzt.

Ob das wirklich ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierungen setzt, wie der BVG Vorstand es vorhatte, ist stark anzuzweifeln und im Endeffekt zu negieren. Der Sturm auf Denkmäler, U-Bahnstationen oder Straßennamen mit rassistischem Hintergrund geht aber weiter, in Europa, sowie in den USA. In Miami wurde eine Statue von Christoph Kolumbus mit Farbe überschüttet oder in Virginia die Statue von Jefferson Davis gestürzt. Davis war der Präsident der Konföderierten Staaten im Bürgerkrieg in den USA und unterstützte das Recht auf Sklavenhaltung. Auch in Großbritannien wurde die Statue vom Sklavenhändler Colston im Hafen von Bristol versenkt. In Belgien wurde die Statue von König Leopold II. mit Farbe bemalt und ein Tuch über den Kopf gezogen. Er ist dafür verantwortlich, dass im Kongo bis zu fünf Millionen Menschen sterben mussten. Weiter geht es mit Denkmälern aus Amsterdam, Schleswig-Holstein oder mit der kritischen Auseinandersetzung von einst gefeierten Philosophen wie Kant oder Voltaire.

Die Umstürzung von Denkmälern, die kritische Auseinandersetzung mit der Kunst und Philosophie, die Umbenennung von Straßenamen oder U-Bahnstationen mag nicht sofort einen politischen Umbruch vermitteln, aber lenkt Aufmerksamkeit auf lang bestehende, in der Gesellschaft integrierte, rassistische Selbstverständlichkeiten, die bis jetzt einfach so hingenommen wurden. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist unbequem und zehrend, aber nun mal in der Verantwortung aller, um Veränderung zu erreichen. Nur, weil Denkmäler gefühlt schon immer dastehen, oder U-Bahnstationen schon immer diesen Namen tragen, heißt es nicht, dass man diese nicht verändern kann. Der Diskurs über die Hintergründe von Dingen, die uns alltäglich begegnen, wurde erfolgreich angeregt. Die Geschichte darf nicht verleugnet und vergessen werden, aber vielleicht ist es auch an der Zeit die Geschichte weiter zu schreiben, mit einem Fokus auf Menschlichkeit und Ethik.

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