Europa steckt in seiner größten Krise

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Von allen Seiten hagelt es Kritik an Europa, die EU steckt in der Krise und die USA haben den einstigen starken Bündnispartner abgestuft. Es hagelt Einfuhrzölle in Verbindung mit Strafzöllen, es offenbaren sich immer neue Problemfelder, die Automobilwirtschaft steht am Pranger und die europäischen Länder sind uneins. In der politischen Ausrichtung, bei der Asyl- und Flüchtlingsfrage, bei der Kooperation mit Amerika. Dazu hat der Kontinent massive Wirtschaftsprobleme mit den Krisenherden Italien und Griechenland. Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, es tut sich etwas. Im positiven Sinne. Doch von einem Anfang, dem ein Zauber innewohnte, ist Europa weit entfernt. Lange galt: Es geht zwar langsam voran, aber dafür stetig nach oben. Doch seit Ausbruch der Euro-Krise, seit Griechenlandrettung und Flüchtlingsdrama, seit Brexit und dem Aufstieg der Rechtspopulisten, befinden sich EU und Euro-Raum im Dauerkrisenmodus. Noch immer sind Millionen Jugendliche im Süden Europas ohne Arbeit. Noch immer ist das künftige Verhältnis zu Großbritannien ungeklärt. Noch immer schwelt die Niedrigzinskrise. Und noch immer kommen beinahe im Wochentakt neue Probleme hinzu. Donald Trump erklärt der EU den Handelskrieg. Die populistische Regierung in Rom setzt mit milliardenschweren Plänen die Währungsunion aufs Spiel. Seit dem Sturz des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy ist unklar, wie es mit Spanien weitergeht.

Der Interessenschwenk der USA

Es ist die bittere Ironie des europäischen Integrationsprozesses: Der Euro, der die Staaten unwiderruflich zusammenschweißen sollte, hat sich als politischer und wirtschaftlicher Spaltpilz erwiesen. In vielen Ländern, von Frankreich bis Griechenland, liegen die traditionellen Parteiensysteme in Trümmern. Überall haben Populisten Zulauf, bestimmen sie die politische Agenda. Auch deshalb steht die EU vor dem vielleicht größten Stresstest ihrer Geschichte. Während sie von einer Krise zur nächsten hetzte und zehn Jahre um sich selbst kreiste, hat sich das globale Umfeld dramatisch verändert. Die USA, seit Jahrzehnten Schirmherrin des Freihandels und Schutzmacht eines militärisch nahezu impotenten Europas, haben ihr Primärinteresse an den transatlantischen Beziehungen zusehends verloren — bis das Pendel unter Präsident Donald Trump zuletzt aggressiv in Richtung Desinteresse ausschlug.

Stattdessen interessieren sich die USA für die Newcomer auf der politischen Weltbühne, für China vor allem, das immer selbstbewusster Machtansprüche formuliert und technologisch rasant aufgeholt hat. Was ökonomisch bedeutende Zukunftsfelder wie die künstliche Intelligenz angeht, stellt sich nicht mehr die Frage, wann das Land Europa überholen wird — sondern, ob dies nicht längst geschehen ist. Wie fundamental die Umwälzungen sind, zeigt ein Spruch, der in Berlin die Runde macht: Bald könnte Europa nur noch die Halbinsel am Ende des asiatischen Kontinents sein.

Dass die Europäer den Anschluss verlieren— selbst Schuld. Bereits 2000 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs der EU die sogenannte Lissabon-Strategie. Der Kontinent sollte binnen zehn Jahren zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt aufsteigen. Dazu ist es nicht gekommen. Ähnlich trist fällt die Bilanz in der Sicherheitspolitik aus. Vor 16 Jahren setzten sich alle Nato-Staaten das Ziel, die Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Und? In Deutschland wird die Liste der defekten Panzer und Kamp5ets immer länger. Sicherheit, Digitalisierung, Finanzkrise — man kann die Dinge verschleppen, aber irgendwann kommt es zum Schwur. Auch deshalb sind nun Schicksalstage für Europa angebrochen: Gelingt es, den globalen Umbrüchen nicht nur mit Worten, sondern endlich auch mit Taten zu begegnen? Die EU ist der größte Binnenmarkt der Welt. Die Euro-Zone verfügt über die nach dem Dollar zweitwichtigste Währung. In keiner Region gibt es so viele Forscher.

Die Vorschläge zu einer Reform der Euro-Zone und EU liegen nun auf dem Tisch. Der französische Präsident Emmanuel Macron will das große Rad drehen, mit einem Euro-Finanzminister und einem milliardenschweren Euro-Zonen-Budget. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel dagegen glaubt eher an die Macht des Rädchens. Die Botschaft von Berlin gen Paris lautet: Man kann schon ein bisschen was machen, aber bloß nicht zu viel. Dabei liegt in der dramatischen Lage auch eine große Chance. „Europa bewegt sich   immer nur in Krisen“, sagt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) im Interview (siehe Seite 23). Doch stimmt das auch dieses Mal? Europa müsste aktiv werden, vieles tun: seine Entscheidungsprozesse vereinfachen; sich als Raum verstehen, der mehr wert ist als die Summe seiner Teile; sich seinen Bürgern empfehlen mit relevanten Zukunftsprojekten, die gemeinsam angepackt werden. Es gibt fünf Prioritäten: eine engere Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen, ein besserer Schutz der Außengrenzen, die Vollendung des digitalen Binnenmarktes, eine Bildungsoffensive — und die Behebung der Konstruktionsfehler der Wirtschafts- und Währungsunion.

  1. Währungsunion

Thomas Wieser hat gerade viel Zeit. Vor seiner Pensionierung leitete der österreichisch-amerikanische Ökonom sechs Jahre lang die sogenannte Eurogroup Working Group (EWG), also jene Runde der Staatssekretäre, die einmal im Monat die Sitzungen der Finanzminister der Euro-Zone vorbereitet. Es war ein anspruchsvoller Job in einer noch anspruchsvolleren Zeit. Wieser hat die dramatischen Jahre der Euro-Krise miterlebt: nächtliche Verhandlungsrunden, Drohkulissen, eilig zusammengezimmerte Rettungspakete. Der Ruhestand bringt für Wieser nicht nur den Vorteil, sich seine Zeit frei einteilen zu können. Er kann nun auch offener reden. Von der Idee des französischen Präsidenten Macron etwa, einen Euro-Finanzminister zu installieren, hält er nichts: Da könne man auch „die Sessel auf der Titanic“ umstellen. Macron simuliere mit belanglosen Vorschlägen Reform und Erneuerung. Welche Therapie aber verdiente diesen Namen? Wieser glaubt, dass es sich bei der Vollendung der Bankenunion um die wichtigste Reformaufgabe handelt. Und dass Europa an dieser Stelle schon weit gekommen sei. Mit der gemeinsamen Bankenaufsicht und einem einheitlichen Abwicklungsfonds für die Finanzinstitute seien 90 Prozent des Weges zurückgelegt. Was seiner Meinung nach noch dringend benötigt wird: „Eine gemeinsame Einlagensicherung, die einvernehmlich in zwei bis drei Stufen aufgebaut wird, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.“

Über die Bedingungen ist schon viel gesprochen worden: Die Banken müssen ihre faulen Kredite abbauen, die Mitgliedstaaten ihr Insolvenzrecht renovieren und Verwaltungen modernisieren. Sollte es beim EU-Gipfel Ende Juni keine Einigung auf einen Zeitplan für die Einlagensicherung geben, wäre das ein „schwerer Rückschlag auf dem Weg zu einer stabileren Währungsunion“, sagt Wieser. Das Problem aus seiner Sicht: Das im EU-Jargon Edis genannte Konstrukt wird bestenfalls in einer fernen Zukunft Realität. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ist kein Fan. Und sein französischer Kollege Bruno Le Maire scheint sich mit Scholz‘ Einwänden abgefunden zu haben. Das wurde beim Treffen der G7-Finanzminister im kanadischen Whistler am vergangenen Wochenende klar. Immerhin sind Scholz und Le Maire gewillt, wenn nicht das ökonomisch Notwendige, so doch das politisch Mögliche auf den Weg zu bringen: einen gemeinsamen Vorschlag für eine Reform der Euro-Zone, den sie Merkel und Macron am 19. Juni präsentieren. „Jetzt oder nie“, sagt Le Maire.

Ein großer Wurf wird es nicht. Eher ein detailliertes Referat. Die Leitlinien setzen ohnehin Macron und neuerdings auch Merkel, die sich der Sache Europa lange wenig, dann eher formlos per Zeitungsinterview verschrieben hat: Ja, der Euro-Rettungsfonds  ESM soll zu einer Art Europäischer Währungsfonds (EWF) ausgebaut werden — aber nur unter der Kontrolle der nationalen Parlamente. Ja, ein solcher EWF soll auch mit kurzfristigen Krediten Staaten in finanzieller Not helfen können — aber nur gegen strenge Auflagen. Und ja, damit sich die Wirtschaftskraft der Euro-Staaten angleicht, soll es ein zusätzliches Investitionsbudget geben — aber nur in geringer zweistelliger Milliardenhöhe.

Solidarität gegen Solidität — das könnte mal wieder die Formel sein, auf die sich die Euro-Zone einigt. Zumindest bis zur nächsten Krise. Glaubt man dem Euro-Insider Wieser, könnte die Formel immerhin ein Beitrag zur Überwindung eines wesentlichen Missverständnisses in Europa sein; „ Im Moment gibt es die Vorstellung im Norden, dass manche nur Solidarität einfordern, ohne sich an Soliditätsregeln zu halten, und im Süden die Vorstellung, dass nur Solidität gefordert wird ohne Solidarität“, sagte er kürzlich. Sein Fazit: „Beides ist falsch.“

  1. Digitaler Binnenmarkt

Wenn Sie das Facebook-SchiId sehen, sind Sie richtig, hatte die Pressesprecherin geschrieben — nicht die von Facebook wohlgemerkt. Und tatsächlich, das Schild klebt an der Tür eines durchschnittlich modernen Bürogebäudes im zweiten Arrondissement in Paris: Hier haben, ein paar Stockwerke unter Facebook, die Macher von BlaBIaCar Quartier bezogen, eines der wenigen Digitalunternehmen in Europa, dem Experten einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro zuschreiben. „Guten Tag“, sagt Frédéric Mazzella, 42, der juvenile Chef und Mitgründer von BlaBlaCar: „Wie geht es Ihnen?“ Mazzella hat als Schüler Deutsch gelernt, und auch wenn er das Gegenteil behauptet und rasch ins Englische wechselt: Er spricht es gut. Wenn europäische Politiker signalisieren wollen, dass neue Ideen und digitale Geschäftsmodelle nicht nur im Silicon Valley oder im chinesischen Shenzhen gedeihen, sondern auch in Europa, deuten sie gern auf BlaBIaCar. Das Unternehmen koordiniert Autofahrer und Reisende zu Fahrgemeinschaften und verdient an den Vermittlungsgebühren. 60 Millionen Menschen sind auf der Plattform angemeldet, BlaBIaCar beschäftigt gut 350 Mitarbeiter und bietet seine Dienste in 22 Ländern an, vor allem in Europa. Aber, sagt Mazzella und seufzt: Europa mache es seinen Digitalunternehmen nicht leicht. In den USA oder in China ein Unternehmen gründen, das gleiche einem 100-Meter-Lauf. In Europa eine Firma aufbauen, das seien 110 Meter Hürden: „Es ist, als müssten wir jedes Mal, wenn wir in ein anderes europäisches Land gehen, eine neue Firma gründen.“

Dabei hat sich die Europäische Kommission genau das vor drei Jahren vorgenommen: dass Unternehmen wie BlaBIaCar grenzenlos wachsen können, schnell und unbürokratisch. Die Strategie sieht vor, dass bis 2020 Regulierungshindernisse beseitigt sind, 415 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaftet werden und Hunderttausende Arbeitsplätze entstanden sind. Aber erst sechs der Vorschläge, die die EU-Kommission von der Versteigerung von Funkfrequenzen bis hin zu digitalen Verwaltungen erarbeitet hat, sind auch schon beschlossen. Mit 18 weiteren Gesetzesvorlagen geht es mal mehr, mal weniger voran. Die Bundesregierung trägt dafür eine Mitverantwortung. In vielen Bereichen „wären wir längst fertig, wenn die Kommission nicht auf Drängen Berlins Spezialinteressen aufgenommen hätte, die eine Einigung erschweren“, kritisiert die Europaabgeordnete Julia Reda von der Piratenpartei. Gerade erst hat Deutschland gegen einen Kompromiss votiert, der im Rat zum Urheberrecht erzielt worden war.

Frédéric Mazzella will nicht nur meckern. Dass die EU die Roaming-Gebühren abgeschafft habe, „war notwendig und ist für Dienste wie uns gut“. Es brauche aber dringend weitere Vereinheitlichungen. Wie etwa eine Fahrgemeinschaft zu definieren ist und welche Vorschriften für BlaBlaCar daraus folgen, unterscheide sich von EU-Land zu EU-Land. Je nach Standort sei ein anderer Mehrwertsteuersatz fällig, ein anderes Arbeitsrecht einzuhalten. Das betreffe nicht nur Digitalfirmen, sagt Mazzella, stelle diese aber oft vor besondere Probleme, weil Geschäftsmodelle, Kunden- und Mitarbeiterstruktur von Anfang an international ausgelegt seien. BlaBlaCar wächst derzeit in seinen außereuropäischen Märkten, in Russland und Brasilien, besonders schnell. Auch deshalb ist Mazzella überzeugt: Ohne einen digitalen Binnenmarkt verliert Europa junge Unternehmen. „Wenn ein französisches Start-up glaubt, in den USA erfolgreich sein zu können, auf einem echten, einheitlichen Markt — warum sollte es hier bleiben?“

  1. Sicherheit

Die Wetten standen schlecht, dass sie sich würden einigen können, erinnert sich Thomas Schmitt. Damals, vor zwei Jahren, bezogen Teams am Standort von Airbus Defence im bayrischen Manching Quartier, um unter seiner Leitung eine Studie für eine europäische Drohne auszuarbeiten. Nicht nur, dass die Mitarbeiter aus vier Ländern kamen — sie arbeiteten auch für drei Unternehmen, für Airbus, Dassault, Leonardo. Nach all den negativen Erfahrungen bei europäischen Rüstungsprojekten: Warum sollte ausgerechnet das MALE-Programm gelingen?

Heute sind fast alle Zweifel ausgeräumt. Das Modell der MALE-Drohne („Medium Altitude, Long Endurance“) ist auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin enthüllt worden. Und die Drohnen-Kooperation dient als Blaupause für den deutsch-französischen Plan, bis 2040 gemeinsam ein Kampfflugzeug zu entwickeln. Die Teams arbeiten nach Disziplinen zusammen, weshalb „Leute, die in ihren Unternehmen bisher einen Alleinanspruch auf ihrem Kompetenzfeld hatten, von Kollegen hinterfragt oder auch bestätigt werden“, sagt Airbus Programmleiter Schmitt. Eng ist auch der Austausch mit den Auftraggebern in den vier beteiligten Staaten. Nimmt man die Post-its als Anhaltspunkt, die ein Team an seine Bürowände geheftet hat, ist der Stolz auf das Projekt nicht länger deutsch, französisch, spanisch, italienisch. „Europeans do it better“, steht da etwa, oder auch: „Together we can“. Die Idee einer europäischen Verteidigungspolitik war lange theoretisch reizvoll und praktisch irrelevant. Es gab ja die Nato, die amerikanischen und französischen Kamp5ets und Eingreiftruppen. Und in Deutschland waren viele froh, bei Kampfeinsätzen nicht gefordert zu sein. Vor allem die Briten wachten bei europäischen Treffen stets darüber, dass keine sicherheitspolitischen Pläne ohne die USA geschmiedet wurden.

Doch dann stimmten die Briten für den Brexit und die Amerikaner für Donald Trump. Dessen „America first“-Strategie sorgte dafür, dass selbst die Kanzlerin findet, dass die Europäer nicht zu sehr auf die Schutzmacht von gestern setzen dürfen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) entwickelte mit ihrer französischen Amtskollegin ein Konzept für eine engere militärische Kooperation in Europa (Pesco). „Wann, wenn nicht jetzt sollten wir so etwas vorantreiben“, schrieb sie im Herbst in einem WiWo-Gastbeitrag. Kurz vor Weihnachten stimmten 23 von 28 EU-Staaten zu. Gerade für kleinere Staaten, die sich keine aufwendigen, eigenen Waffensysteme leisten können, ist die Kooperation attraktiv.

Doch was die Deutschen für eine Stärke halten, ist aus Sicht der Franzosen eher eine Schwäche: Macron wünscht sich eine Eingreiftruppe, die schnell einsatzbar ist, ohne allzu aufwendige Abstimmung zwischen den Partnern. Hinzu kommt: In Deutschland müssen Einsätze außerhalb des Nato-Terrains vom Bundestag abgesegnet werden, und vor allem für die SPD ist dieser sogenannte Parlamentsvorbehalt „nicht verhandelbar“, so der verteidigungspolitische Sprecher Fritz Felgentreu. Vertreter fast aller Parteien finden richtig, dass die Europäer mehr Rüstungsprojekte gemeinsam planen wollen, etwa bei der Cyberabwehr. Auch über mehr europäische Forschungsförderung für Rüstungsprojekte denken Sicherheitsexperten nach: Die deutsch-französische Kooperation beim Airbus gilt als Vorbild, die Entschlossenheit der Staaten, industriepolitische Projekte voranzutreiben, inklusive.

  1. Grenzschutz

Walter Fuhro, steht in seinem Geschäft in Rheinau-Freistett und spricht über den Beruf, den er seit 54 Jahren ausübt: Fliesenleger. Im Moment, sagt der 68-Jährige, seien großformatige Fliesen in Mode. Er verlegt sie mit sehr schmaler Fuge: „Das können nicht alle.“ So gut ist Fuhros Handwerk, dass seine Dienste nicht nur in Deutschland gefragt sind.  Sondern auch in Frankreich: Von seinem Geschäft sind es nur 4,6 Kilometer zur Grenze, die Straße runter, dann rechts auf die Landstraße 87, die direkt über den Rhein führt. 50 Kunden hatte Fuhro im Nachbarland. Hatte. Denn er nimmt keine Aufträge mehr an. „Es lohnt sich nicht mehr“, sagt er und: „Ich habe Frankreich abgehakt.“ Was ist passiert? Um Arbeitnehmer vor Lohndrückern zu schützen, sollen in der EU entsandte Arbeitnehmer nun das Gleiche verdienen wie ortsansässige Kollegen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort, das klingt erst einmal gut — doch vor allem Frankreich setzt die Reform der Entsenderichtlinie derart bürokratisch, stur und ungeschickt um, dass deutsche Unternehmer sich jetzt zurückziehen. Fuhro musste jeden einzelnen Arbeitseinsatz seiner Leute bei den Behörden in Frankreich anmelden: ein Formular pro Mitarbeiter, mit Passbild, Krankenkassen-Bescheinigung und Gehaltsabrechnung. Um die Formulare formgerecht einreichen zu können, musste er jedes Mal einen französischen Berater beschäftigen: „Ich habe pro Anmeldung 300 Euro gezahlt.“ Und wenn sich mal ein Arbeitseinsatz änderte, etwa, weil es auf der Baustelle zu Verzögerungen kam, musste er einen neuen Antrag stellen. „Das ist doch Schikane!“

Was denkt Walter Fuhro, wenn er Frankreichs Präsident Macron im Fernsehen sieht und von mehr Zusammenarbeit in Europa sprechen hört? Er glaube ihm kein Wort. „Es ist doch europafeindlich, was der macht.“ Vor der Entscheidung sind die Wirtschaftsverbände Sturm gelaufen gegen die neuen Hürden im Binnenmarkt: Ein Festival der Bürokratie rund um 30 Millionen Dienstreisen, die alleine Deutsche pro Jahr ins EU-Ausland unternehmen! Es half nichts. Es ist fast schon bizarr, dass die EU in ihrem Inneren neue Grenzen aufbaut — und bei der Verteidigung ihrer Außengrenzen versagt. Sie sind ein löchriges Sieb. Die zu ihrem Schutz gegründete EU-Agentur Frontex patrouilliert mit ihren Booten zwar auf dem Mittelmeer. Aber wird ein Flüchtlingsboot gesichtet, übernehmen Beamte der lokalen Küstenwachen das Kommando, die mit an Bord sind. Trotzdem will EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger das Budget von Frontex verfünffachen: Die verstärkte Truppe soll „innerhalb der nächsten drei Jahre“ einsatzbereit sein — und die aufgebauten Binnengrenzen wieder einreißen helfen. Doch Oettingers Vorstoß löst den Grundkonflikt nicht: Frontex bleibt auf die Hilfe der lokalen Beamten angewiesen — ist eine Behörde ohne Kompetenz.

  1. Bildung

Spanische Sätze überlagern französische Wortfetzen, wenn Simon Gmeiner auf gut Deutsch über seine europäische Identität spricht. Der 28-Jährige sitzt in einer Mensa des Europa-Kollegs in Brügge, der europäischsten Uni der Welt. Jedes Jahr studieren an der „Kaderschmiede der EU“ knapp 350 junge Menschen aus Dutzenden Ländern, praktizieren hier Multikulti auf hohem Niveau.

Als Gmeiner nach Brügge kam, hatte er die Welt längst bereist: Freiwilligendienst in Säo Paulo, Auslandssemester in Buenos Aires, Praxiserfahrung in Washington. Trotzdem haben ihn die Monate in Brügge geprägt. Er ziehe aus den Eigenheiten der europäischen Kulturen Energie, sagt Gmeiner. Er habe sich schon vorher als Europäer gefühlt. „Aber hier bin ich einer geworden.“ Jörg Monar, der Rektor des Brügger Kollegs, hört das gern. Er ist von Haus aus Historiker, hat in England, Frankreich, Italien und Deutschland gelebt. Er schätzt die Atmosphäre, weiß aber auch, dass seine Eliteschmiede vor allem ohnehin Überzeugte anzieht: „Die europäische Idee müsste schon im Kindergarten vermittelt werden.“ Das belegt eine exklusive Auswertung der Studie „Junges Europa 2018″ der TUI Stiftung. Abgesehen von Polen „gibt es den Trend, dass die Affinität zur EU mit höherer Bildung ansteigt“, sagt Geschäftsführerin Elke Hlawatschek. Der Grund: Wer eine Universität besucht, kommt dank des Erasmus-Austauschs nicht um Europa herum. Wer sich stattdessen für eine Lehre entscheidet, besucht Sevilla, Warschau oder Brügge nur als Tourist.

In Plön, 100 Kilometer nördlich von Hamburg, blättert Ulrike Osterloh-Riettiens durch einen Aktenordner, dicht beschriebene Seiten, Evaluationsbögen, Antragsdeutsch. Seit neun Jahren kümmert sie sich am regionalen Berufsbildungszentrum um den Europaaustausch. Darum, dass auch Auszubildende ihre Chance auf Europa bekommen. Osterloh-Riettiens seufzt: Die Anträge seien noch das kleinste Problem. Etwa im Vergleich zur Unterbringung der Azubis. Für Studierende gibt es Wohnheime — aber wo sollen minderjährige Berufsschüler wohnen? Oder die Chefs der Ausbildungsbetriebe. In der Theorie Austausch-Anhänger, in der Praxis Realisten, die aufvertraute Arbeitskräfte bauen wollen. Und dann sind da noch die unterschiedlichen Ausbildungssysteme in der EU: „Manche Berufe gibt es in anderen Ländern gar nicht“, sagt Osterloh-Riettiens. Und so schafften es von knapp 2000 Berufsschülern im vergangenen Schuljahr gerade mal 44 ins Ausland. Von der Wirtschaft fordert OsterlohRiettiens mehr Unterstützung. Von der EU wünscht sie sich mehr Geld für Stipendien und mehr Einheitlichkeit. Oft scheitert der Austausch am Geld. Noch häufiger hapert es am Bildungsföderalismus der EU. Standardisierte Module wie an Universitäten könnten helfen. „Wir brauchen einen Bologna-Prozess für die Berufsschulen.“ Doch der ist nicht in Sicht. In einem Programmvorschlag für Erasmus+, das alle Programme der EU zusammenbindet, verspricht die Kommission mehr Geld, europäische Universitäten, Exzellenzzentren für die Ausbildung. Von einem Bologna-Prozess für Berufsschulen dagegen kaum ein Wort. Osterloh-Riettiens will trotzdem weitermachen. Jedes Mal, wenn ein Berufsschüler nach ein paar Wochen zurückkommt, sieht sie selbstbewusstere, neugierigere Menschen. Menschen,  die es braucht für ein einig

BAMF Bremen: Ist das vielleicht nur die Spitze des Eisbergs?

Deutschland

Was uns derzeit an Ungeheuerlichkeiten aus der Bremer BAMF-Behörde gemeldet wird, könnte tatsächlich bei genauerer bundesweiter Prüfung nur die berühmte Spitze des Eisbergs sein, denn warum sollten nicht in anderen Behörden die Mitarbeiter bestechlich und fahrlässig sein? Es scheint dringend notwendig zu sein, das deutsche Netzwerk der Ein- und Zuwanderungsbehörden komplett auf den Kopf zu stellen und genehmigte Anträge und Bescheide nach bestimmten Algorithmen stichprobenhaft akribisch zu prüfen. So schlimm es ist, es werden mit Sicherheit neue Skandale an die Oberfläche gespült und die ganze Planlosigkeit und Überlastung von Mensch und System wird dann offenbart werden.

So wie an jenem Mittwoch im Mai, als die Mitarbeiter gegen 15 Uhr mit  der zweifelhaften Ansage nach Hause geschickt wurden, es gebe vorerst nicht viel zu tun. Bundesinnenminister Seehofer hatte gerade verfügt, dass die Bremer Außenstelle keine Asylbescheide mehr ausgeben durfte. Die Mitarbeiter waren schockiert. Doch am nächsten Morgen kam es noch schlimmer. Bei Dienstantritt bemerkten sie: Die Blumentöpfe stehen anders. Jemand war an den Computern. In einer Blitzaktion hatten der kommissarische Leiter des Amts und zwei IT-Experten ihre Büros durchsucht. Eine von der eigenen Behörde verfügte Aktion. Einige Mitarbeiter weinten. „In der Nacht!  Als seien wir Verbrecher!“ Einer sagt: „Und das nur, damit Nürnberg weiter Beweise verschwinden lassen kann.“ Es ist dies der vorerst letzte Akt im Tollhaus des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF. Die Vorstellung offenbart eine beispiellose Demontage von Moral, Recht und Gesetz. Und das nicht nur in Bremen. Von Bingen bis Bielefeld, von Dortmund bis Eisenhüttenstadt — in mindestens zehn Außenstellen gehen derzeit mehr als 70 Ermittler Verdachtsfällen und möglicherweise zu Unrecht bewilligten Asylanträgen und Amtsversagen nach. Das Epizentrum des Skandals liegt in Bremen. Doch seine Schockwellen erschüttern die gesamte Republik.

Wer hat wann was gewusst? Und wer trägt die politische Verantwortung?

Seit Wochen vergeht kaum ein Ta an dem nicht Neues und Bestürzendes bekannt wird. Bundesinnenminister Seehofer (CSU) hat acht ranghohe Mitarbeiter beauftragt, die Missstände in Bremen aufzuklären. Die ehemalige Außenstellenchefin Ulrike B. soll mit fünf Mitarbeitern „absicht-  lich Vorschriften missachtet“ haben. Es geht um Bestechung. Und um Bestechlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Bremen untersucht, ob die Beamten gemeinsam mit Anwälten „bandenmäßig „zusammengearbeitet haben. Die Strafverfolger ermitteln in mindestens 1176 Fällen.

Von uns befragt, teilt der Anwalt von Urike B., Erich Joester, einer der bekanntesten Strafverteidiger Bremens, mit, sich jetzt auf den Prozess zu freuen“. Seine Mandantin kenne „jede Vorschrift“, und habe sich stets nur an Recht und Gesetz gehalten“, sagt er. „Alles, was sie getan hat, war rechtens.“ Die bisherigen Ermittlungen zeichnen allerdings ein anderes Bild. Nicht fragen, einfach machen war die Devise in einem Haus, das ohne Ordnung war. Die Taskforce des BAMF prüft weiter, prüfen nun rückwirkend 18 000 in Bremen verhandelte Asylverfahren. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagt, es sei jetzt „höchste Zeit für einen wirklich handlungsfähigen und zuverlässigen Staat mit sehr gut ausgebildeten Leuten“. Dazu gehöre „eine Kultur der Widerrede. Und dass die Menschen keine Angst haben, wenn sie Kritik üben. Oder auf Fehler hinweisen.“ Er hält für wahrscheinlich, dass durch die Geschehnisse in Bremen auch Leute ins Land gelassen worden seien, „die wir nicht hier haben wollen. Ein System, von dem man annahm, dass es sicher und zuverlässig funktioniert, ist jetzt von einer Gruppe von Menschen umgangen worden.“

Doch — war es nur eine Gruppe?   Ging es um Korruption? Oder um  ein Helfersyndrom? Oder um Überforderung? Was läuft falsch im System? Im Zentrum der Bremer Geschehnisse steht zweifellos Außenstellenleiterin Ulrike B., 57. Außerdem spielten wichtige Rollen: ein ihr, wie „man sagen könnte, zugeneigter Rechtsanwalt und verheirateter Vater von vier Kindern. Und Mitarbeiter, die in einer Mischung aus Gehorsam und Verzweiflung einem Treiben zusahen, dessen Tragweite sie in Mails zu fassen versuchten, die uns  vorliegen. Mails, die längst im Haus kursierten, mit dem Betreff „Persönlich“ oder „Wichtigkeit Hoch“ oder dem unmissverständlichen Vermerk: „Ansonsten Leseverbot!“

„Hier werden Sie Unglaubliches lesen!“, schreibt da ein stellvertretender Referatsleiter an seine Vorgesetzten in Nürnberg. „Aber es ist wahr.'“ So wahr wie das Recht auf Asyl für Jesiden, um die es in diesem Bremer Skandal besonders häufig geht. In der Außenstelle sollen vor allem Asylanträge von Angehörigen dieser durch den „Islamischen Staat“ im Irak und in Syrien bedrohten religiösen Minderheit durchgewinkt worden sein. Ihre auch in Bremen vermerkten Berichte erzählen, und auch das sollte man in diesen Tagen der Empörung nicht vergessen, von unermesslichem und zehntausendfach tatsächlich geschehenem Leid: „Die Antragstellerin ist im August 2014 nach nur sechsmonatiger Ehe verwitwet“, heißt es in einer Asylbegründung, „als der IS in Shengal (Sinjar) einfiel und auch ihr Mann geköpft wurde. Der Anblick von diesem Leichnam, aber auch weiteren geköpften Leichnamen anderer Familienangehöriger hat die Antragstellerin offenbar schwer traumatisiert.“ So beschrieb Behördenleiterin Ulrike B. ihren Eindruck und gewährte der Frau ein „Selbsteintrittsrecht“ ins deutsche Land. Es ermöglicht einem Staat, in Asylfragen großzügiger zu sein, als er müsste. Es gab aber eben auch andere Berichte im Bremer Amt: „Bei der Aktenlage hat der Dolmetscher vermutet, dass der Asylbewerber Herr S. nicht aus Syrien stammt, nach dem Akzent wird er vermutlich aus dem Libanon kommen“, heißt es in einem anderen Vermerk. „Bei dem Versuch, die Fingerabdrücke zu nehmen, wurde festgestellt, dass die Finger vermutlich mit Sekunden kleber oder sogar mit Cyano-Veneer (Hautkleber) manipuliert waren. Eine einwandfreie Feststellung der Fingerabdrücke war nicht möglich.“ Ein Hinweis   darauf, dass der Mann schon zuvor möglicherweise mit Fingerabdrücken registriert worden war — in einemanderen europäischen Land oder aber mit einer anderen Legende.

Dennoch durfte er bleiben. Mit jedem dieser Maitage 2018 wird deutlicher, dass Mitarbeiter des BAMF mit ihrem Auftrag, über das Schicksal der Flüchtlinge nach Recht und Gesetz zu entscheiden, überfordert waren — und der Staat bei der Kontrolle ihrer Entscheidungen versagte. Man ließ die Überforderung nicht nur geschehen, man sah sogar bewusst über frühe Hinweise auf behördliche Willkür im gesamten BAMF hinweg. Schon im Juli 2014 hatte der Leiter der Außenstellen Friedland und Oldenburg Alarm geschlagen und Listen mit — wie er befand — fragwürdigen Asylentscheidungen an die Nürnberger Zentrale geschickt. ImJanuar2016 gingen beim Ombudsmann des Bundesinnenministeriums Hinweise ein, dass es in Bremen nicht mit rechten Dinge zugehe. Im September 2016 beschwerte sich Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius bei dem damaligen BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise darüber, dass die Bremer bereits veranlasste Abschiebungen verhindert hatten. Das Amt  gab zu: „Ihre Kritik ist berechtigt.“ Die bemängelten Entscheidungen seien „revidiert“ worden. Doch das Versagen ging ungebremst weiter. So konnte in Bremen über Jahre hinweg eine Frau die Außenstelle leiten, die offenbar nach ihren eigenen Vorstellungen Aufenthalt gewährte — oder versagte. Im Büro von Ulrike B. lagerten Akten, überall, in Regalen, in Kisten, im Panzerschrank. Die Schicksale minderjähriger „unbegleiteter“ Flüchtlinge bearbeitete die Chefin persönlich; wie und in welcher Weise andere Anträge geprüft wurden, wird gerade ermittelt. Auf17 Seiten der Innenrevision des Bundesamts vom 11. Mai 2018 ist zu lesen, dass drei Rechtsanwälte aus dem Norden von Januar 2013 bis November2017 für 4568 „Fälle“ Mandate hatten: Sie vertraten vor allem Jesiden — oder Menschen, die sich als solche ausgaben. Von diesen Verfahren wurden allein 1371 in der Bremer Außenstelle entschieden. Und 97 Prozent der Entscheidungen fielen „positiv“ aus. Heute werden73 Prozent der Fälle einer Stichprobe in Bremen als „nichtplausibel“ bezeichnet. Das heißt: Mehr als tausend Menschen erhielten womöglich einen positiven Asylbescheid, obwohl eine rechtliche Grundlage fehlte. Oder der Antrag nicht sorgfältig genug geprüft wurde. Wenn er denn überhaupt geprüft wurde. „Oh Gott, habe ich gedacht“, sagt ein Mitarbeiter, „wir prüfen ja gar nicht, wer ins Land kommt.“

Eigentlich sollen Beamte frei von Gefühlen entscheiden, unabhängig von politischer Gesinnung und persönlicher Meinung. Damit Recht und Ordnung  —Grundlage des staatlichen Handelns sei  en. Doch dies ließ Amtsleiterin Ulrike B.   anscheinend selten gelten. „Widerspruch  duldete sie nicht“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Die Chefin war im Amt allgegenwärtig, so empfanden es Mitarbeiter: „Frau B. hat gesagt, Frau B. will, dass das so oder so gemacht wird.“ Mit Headset im Ohr sei sie durch die Gänge gehastet. „Frau B. war ein Workaholic“, sagt ein Kollege.

Ehrgeiz und Fleiß zumindest entsprachen auch dem Wunsch der Behördenspitze in Nürnberg: Im Sommer 2016 wies die  Leitung ihre Mitarbeiter an, so viele Fälle  so schnell wie möglich abzuschließen.  Jeder solle „durchschnittlich je vier Anhörungen pro Tag“ und somit 20 in der Woche bewältigen. Der politische Druck  wurde einfach nach unten weitergegeben. Hauptsache, Quote. Denn das „Sommermärchen“ von 2015, als am Münchner Hauptbahnhof Bundesbürger erschöpfte Flüchtlinge freudig willkommen hießen, war spätestens im Frühling 2016 wieder vorbei. In allen Teilen der Republik näherte sich die AfD weiter der Macht und zog schließlich in einige Landtage mit zweistelligen Ergebnissen ein. „Wir haben ziemlich viel Druck gemacht“, sagt ein Stadtdirektor aus dem Ruhrgebiet.  „Unsere Leute waren überfordert, die Geflüchteten drohten mit Hungerstreik, und der ganze Apparat war eben nicht vorbereitet, wie auch?“

Bis Ende 2016 war es auch BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise, der den Mitarbeitern Druck machte und die Abläufe mithilfe von Unternehmensberatern „optimierte“. Als seine Nachfolgerin empfahl er die  Spitzenbeamtin Jutta Cordt. Eine Frau, die beim Sommerfest des Amts im vergangenen Jahr die Mitarbeiter nachmittags um halb fünf nach Hause schickte. So konnte nicht der Eindruck entstehen, man feiere zu lange. Es ist nicht einfach, in diesen Tagen Menschen zu finden, die mehr über das erzählen, was genau in der Bremer Außenstelle geschah. „Es wäre ein Dienstvergehen, wenn ich mit Ihnen spreche“, sagt ein  Beamter am Telefon, bevor er sich doch zu einem Gespräch entschließt. Zuviel ist geschehen, zu sehr fühlen sich viele Mitarbeiter zu Unrecht beschuldigt, in Verruf geraten wegen einer Frau, die als Oberregierungsrätin in der Hackordnung des Amts über ihnen stand. „Denken Sie immer daran, ich beurteile Sie“, soll Ulrike B. gesagt haben. „Aber ich bin nicht nachtragend.“ „Wir durften den Übersetzern nicht mal ein Hustenbonbon oder einen Keks geben“, sagt eine Ex-Kollegin. „Frau B. meinte, man müsse Distanz wahren.“ Die Behördenleiterin mischte sich wohl auch in die Kleiderwahl der Mitarbeiterinnen ein und verlangte, sich möglichst bedeckt zu halten. Keine schulterfreien Tops, keine kurzen Röcke, der Ausschnitt nicht zu tief. Und mit Rücksicht auf arabische Männer sollten auch die Fußknöchel nicht sichtbar sein. 5 Unterwerfung statt Integration. Sie selbst sei aber schon mal in „kurzer Hose und Trekkingschuhen“ ins Amt gekommen, erzählen Mitarbeiter. „Denken Sie daran“, habe ihre Chefin ihnen eingebläut, „dass hinter jedem Schicksal ein Mensch steht.“ Vielleicht war das nicht mehr als eine Mahnung an die Mitmenschlichkeit. Doch bald raunte man auf den Fluren, Ulrike B. denke dabei an einen einzigen Menschen, an den Rechtsanwalt C. aus Hildesheim — ein unermüdlicher Kämpfer für das jesidische Volk. Mails der Amtsleiterin an ihn begannen bald mit „Hi“, und man war auch schnell beim Du: „Ich bräuchte sinnvoller Weise auch den Pass Deiner Mandantin (wenigstens eine Kopie)“, solche Sachen.

Einmal brachte Anwalt C., so erzählt es ein Dolmetscher, eine Torte mit in die Behörde. Die Dolmetscher bekamen zwar nichts ab, aber endlich war er mal zu sehen, dieser Mann, von dem die Chefin so schwärmte. Nicht wenige hegten zu diesem Zeitpunkt längst Misstrauen gegenüber der Behördenleiterin. Die erledigte vieles im Alleingang. Und legte offenbar Akten an, bevor überhaupt ein Asylbewerber in ihrem Büro stand. Ein Mitarbeiter sagt: „Ich habe mich immer gewundert, warum der eine Asylbewerber Fingerabdrücke abgeben musste und der andere nicht.“ An einem Freitag im Mai 2016 verwandelt sich das Misstrauen der Mitarbeiter schließlich in Wut. An jenem Freitag bat Ulrike B. ihre Leute wieder mal um die Erledigung eines „Spezialauftrags“. Es hätten sich Antragsteller aus Nordrhein-Westfalen angekündigt, sie kämen in Bussen. Da diese Menschen noch am gleichen Tag zurückfahren mussten, waren diese Anträge natürlich am Freitag allesamt aufzunehmen, berichtet eine Mitarbeiterin. Auch andere Kollegen erinnern sich. „Tatsächlich kamen dann oft am Freitag Busse mit Asylbewerbern. Es waren, darüber haben wir uns gewundert, alles Mandanten von Herrn Rechtsanwalt C.“ Die Sachbearbeiterinnen hätten wochenlang Überstunden machen müssen ,um alle Akten anzulegen.  Irgendwann habe eine Sachbearbeiterin laut gefragt: „Warum sind das alle Mandanten von Herrn C.? Und seit wann sind wir für Nordrhein-Westfalen zuständig?“ Martina W., die engste Freundin der Chefin im Amt, sei „mit hochrotem Kopfaufgesprungen“ und habe sie angefahren, sie müsse lernen, „die Klappe zu halten“. Ein Jahr danach, am 2. Juni 2017, formuliert der stellvertretende Leiter der Bremer Behörde so etwas wie eine Brandmail. Freitag, um 18.32 Uhr, nach Dienstschluss, schickt Hans-Peter L. sein Schreiben an die Nürnberger Zentrale, genauer: an Rudolf Knorr, den Leiter „Operativer Bereich ,Controlling, Statistik“. Er ist der Mann, der Behördenchefin Jutta Cordt eigentlich den Rücken freihalten muss. Und diese dem Innenminister. Und dieser der Kanzlerin. Der Brief aus Bremen wirkt atemlos aufgesetzt: „Frau B. hat gestern hinter meinem Rücken versucht … eine Akte aus Braunschweig anzufordern, schnell positiv entscheiden und von der Qualitätssicherung absegnen zu lassen“, schreibt der Oberregierungsrat. Es folgt eine Mischung aus Anklage und Selbstbezichtigung, Denunziation und Selbstschutz. Hans-Peter L. beschreibt das Bremer Tollhaus in 19 Punkten. Er führt außerdem aus, dass er Ulrike   B. geraten habe, alle Mails von C. zu löschen. Das sei ein goldener Hinweis von ihm gewesen. Dafür habe sich Ulrike B. mehrmals in größerem zeitlichem Abstand bedankt,  doch sperrte sie wohl gleichzeitig seinen  Zugriff auf ihren persönlichen Posteingangskorb. So korrespondiere sie nun mit Herrn C. sowohl in Schrift als auch, im Ton nur noch über ihr Handy und trage seitdem ständig ein Bluetooth-in-Ear-Headset, um für ihn erreichbar zu sein.

Unter Punkt 15 bittet Hans-Peter L. um „die Beauftragung eines versierten, unerschrockenen und neutralen Ermittlungsführers“. Der Mann müsse wirklich ,Biss‘ haben. Gleichwohl bietet Hans-Peter L. am Ende seiner Ausführungen fürsorglich an: Wenn die Zentrale ihn anrufen wolle und wünsche, dass er diese Mail nie geschrieben hätte, dann vergäße er diese Mail vollständig und für immer. Und er wünsche, dass man die Geschehnisse unauffällig und anders lösen könne. Dem Bundesministerium des Innern würde diese Geschichte im Vorwahlkampf überhaupt nicht gefallen. Und außerdem: Ulrike B. schwöre bei solchen Vertrauensbrüchen immer Rache.

Im Oktober 2017 taucht ein gefälschter Anerkennungsbescheid in Gießen auf. Er stammt aus Bremen. Die Innenrevision untersucht den Fall und ermittelt in der Bremer Außenstelle. Ihr Bericht, der im Dezember 2017 die Zentrale in Nürnberg erreichte, hielt fest: „Eine Vielzahl der Anhörungen waren zu beanstanden.“ Offenbar konnten die Asylbewerber tatsächlich erzählen, was sie wollten. „Gezielte und kritische Nachfragen zum vorgetragenen Verfolgungsschicksal wurden in den Anhörungen oft nicht gestellt.“ Nicht mal, wenn die Asylbewerber im ersten Verfahren angaben, Jesiden zu sein, und im Folgeantrag plötzlich Christen sein wollten, hatte das Konsequenzen. „Eine Identitätsfeststellung“ erfolgte „nur sehr selten“.

EINE IDENTITÄTSFESTSTELLUNG ERFOLGTE „NUR SELTEN“

Läse man so etwas in einem rechtsradikalen Internetforum, täte man es vielleicht als Propaganda ab. In Bremen schien dies tatsächlich Programm. Das Fazit des Revisionsberichts: „Von den hundert überprüften Verfahren waren 30 nicht zu bemängeln. 70 wiesen erhebliche Mängel in der Durchführung auf.“ Zu diesem Zeitpunkt war Ulrike B. bereits vom Leitungsposten in Bremen suspendiert. „Das wurde geräuschlos geregelt“, sagt einer, der sich auskennt. Sie wurde mit Fragen der „Qualitätssicherung“ betraut. Ausgerechnet. Doch dann schickte die Nürnberger Zentrale eine neue Amtsleiterin aus Bayern: Josefa Schmid. Sie sollte aufräumen, doch sie fand: zu viel. Und wurde zu laut. Rudolf Knorr, der Spitzenmann von Behördenchefin Jutta Cordt, ließ die bayerische Beamtin noch in zwei Personalgesprächen auflaufen. „Herr K.“, so heißt es in einem der Protokolle „verweist auf die fachlichen Dinge, die in Bremen zu regeln seien. Darüber habe man sich unterhalten, nicht über eine etwaige Aufklärungsarbeit.“ Ihr Wissen aber hatte Josefa Schmid da wohl schon dem Staatsanwalt anvertraut — und der Skandal in der BAMF Außenstelle Bremen— schickte seine  Schockwellen hinaus in die Republik.

Werden die Dinge unübersichtlich, sehnt man sich nach einem Blick von oben. Dass man von einem erhöhten Standpunkt erkennt, wo Linien verlaufen und Wege.

Auf einer solchen Anhöhe hockt in diesen Tagen ein ranghoher Beamter aus dem deutschen Sicherheitsapparat. Er ist Historiker und Soziologe und auch an der Waffe ausgebildet. Dieser Mann liefert Berichte über die Lage der Welt und auch über die im eigenen Land. Sie werden von Staatssekretären und Ministern gelesen. Derzeit schaut er nach Bremen. Und sieht: eine „System-Perversion“. So nennt er das.

Eine Demontage von Recht und Gesetz. In einem Brief an ihre 7000 Mitarbeiter gelobte BAMF-Chefin Jutta Cordt nun größte Anstrengungen bei der Aufklärung, doch will man sie wirklich? Ruhe wird sicher so schnell nicht einkehren, weder in Berlin noch in Nürnberg und erst recht nicht in Bremen. Zwar sollen nun die 50 stillgelegten Mitarbeiter ihre Arbeitszeit mit „Outlook“-Schulungen ausfüllen, doch die besten unter ihnen haben längst umfangreiches Beweismaterial gesichert. Im Umlauf sind mindestens 800 Seiten mit Interna. Immerhin, das Sommerfest, so ist zu hören, wird stattfinden. Am 6. Juni. Es wird dieses Mal um anderthalb Stunden verlängert. Bis 18 Uhr.

 

Ein Deutscher als Motor der „künstlichen Intelligenz“

Deutschland

Dass sogenannte selbsterlernende Systeme den Menschen in fast allen Bereichen des Lebens in Kürze überflügeln werden, davon sind viele Wissenschaftler mittlerweile überzeugt. Einer von ihnen kommt aus Deutschland und gilt als Wegweiser der KI-Forschung.

Sein Algorithmus steckt weltweit in mehr als drei Milliarden Smartphones. Wer schon einmal einen Text mit Facebook übersetzt oder Google nach dem Weg gefragt hat, nutzt jene künstliche Intelligenz (KI), die Jürgen Schmidhuber, 55, erschaffen hat. Schon als 15-Jähriger erkannte er, dass er niemals in der Lage sein wird, alles zu wissen. Er erkannte aber auch, dass Maschinen das irgendwann können werden. Seitdem versucht er, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die schlauer ist als er selbst. Schmidhuber ist seinem Ziel heute näher als je zuvor.

Der Wissenschaftler, der in München geboren wurde und dort an der TU auch schon das Labor für Robotik geleitet hat, ist seit 1995 Chef des IDSIA, eines weltweit führenden Schweizer Forschungs- instituts. Für den Informatiker ist KI das Versprechen  einer besseren Welt. Anderen jagt diese Welt Angst ein. Weil kaum einer das Mysterium versteht. Weil kaum einer absehen kann, wie es unser Leben verändern wird. Selbst für einen der klügsten Köpfe der Welt ist KI ein Widerspruch: „ Sie könnte das Beste oder Schlechteste sein, was der Menschheit je zugestoßen ist “ , sagte der inzwischen verstorbene Physiker Stephen Hawking.

Hoffnung und Horror

Die schöne neue Technikwelt ist Heilsbringer und Horrorvision zugleich. Der Traum vom Roboter, der dem Menschen lästige Arbeiten abnimmt. Der Albtraum von   einem Apparat, der irgendwann die Kontrolle übernimmt. Oder uns die Arbeitsplätze raubt. Mehr als 60 Prozent der Menschen fürchten, dass Maschinen sie in! den kommenden zehn Jahren am  Arbeitsplatz ersetzen. Die Ängste haben zunächst ihre Berechtigung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein neuer Roboter, ein neues selbstlernendes Programm auf den Markt kommt — und alles schneller, effizienter, billiger und fehlerärmer macht. Schon heute erstellen Computersysteme bessere medizinische Diagnosen als Ärzte, managen u Aktienfonds ertragreicher und steuern Waffensysteme zielgenauer. Sie können malen, dolmetschen, schreiben und komponieren.  Auf der Entwicklerkonferenz 1/0 stellte Google sein neues System „Duplex“ vor. Einen digitalen Assistenten, der eigenständig mit einem Menschen am Telefon spricht und einen Tisch im Restaurant reserviert. Der Kellner merkt dabei nicht einmal, dass er mit einer Stimme aus der Konserve spricht. Wozu braucht es da noch Mitarbeiter im Callcenter?

Eine McKinsey-Studie aus den USA geht davon aus, dass bis 2030 bis zu 800 Millionen Menschen ihren Job an intelligente Maschinen verlieren könnten. Forscher der Universität Oxford kamen zu dem Schluss, dass über alle Sektoren hinweg schon jetzt 47 Prozent aller Berufe in den USA von Computern ersetzt werden könnten. Dabei ist künstliche Intelligenz die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts, die alle Lebensbereiche durchdringt. Das heißt: Die KI-RevoIution hat längst begonnen. Und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Um einen Masterplan für das Roboter-Zeitalter in Deutschland zu erarbeiten, bestellte Angela Merkel für den 29. Mai mehrere Minister und KI-Experten ins Kanzleramt. Dort wird die promovierte Physikerin von ihren Gesprächspartnern wohl wissen wollen, was KI leisten kann und wie sie die Gesellschaft verändert. Das Treffen dient zur Vorbereitung eines Aktionsplans KI, den Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart haben. Bis zum Herbst soll das Konzept stehen.

Kl erkennt Krebszellen

Was die Technologie heute schon fertigbringt, formuliert Jürgen Schmidhuber so: „Im Moment können sich selbstlernende künstliche neuronale Netzwerke nur spezielle Aufgaben aneignen, wie zum Beispiel Spracherkennung oder Krebsdiagnostik. Dabei sind  sie schon sehr weit fortgeschritten. Ein neuronales Netzwerk   von Schmidhuber lernte bereits 2012, auf Mikroskopbildern von Brustgewebe Vorstufen von Krebszellen fast so gut zu erkennen  wie erfahrene Histologen. Der Wissenschaftler ist überzeugt:  „Schon bald werden alle künstlichen medizinischen Diagnostiker  übermenschlich gut sein. Dass diese Forschungserfolge Angst vor Massenarbeitslosigkeit schüren, hält Schmidhuber für Panikmache: „Es ist nicht verkehrt, wenn wir uns Tätigkeiten abnehmen lassen, die ein künstliches neuronales Netzwerk besser erledigen kann. “ Viele Berufe würden dadurch nicht wegfallen, sondern sich lediglich verändern.

Auch Wolfgang Wahlster, der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken (DFKI) — eine der größten Einrichtungen dieser Alt weltweit —, sieht eher die Chancen. „ Wir werden nicht weniger Beschäftigte in Deutschland haben, weil nach Fernost verlagerte Produktionsstätten durch KI und Industrie 4.0 wieder zurück nach Deutschland kommen“ , sagt der  Experte. „Unser Ansatz ist es, KI als Unterstützung der Mitarbeiter und nicht als deren Ersatz in die Fabriken der nächsten Generation zu bringen.“ So würden auch heute schon etwa bei VW und Airbus Roboter und Mechaniker Hand in Hand — arbeiten.

Manuela Lenzen, Autorin des Buches „Künstliche Intelligenz — Was sie kann & was uns erwartet“ , blickt hingegen der massiven Umwälzung des Arbeitsmarktes und damit auch unserer gesamten Gesellschaft besorgter entgegen. „Die Angst vor Daten- und Maschinenmonopolen, die einer Heerschar von Menschen mit unsicheren Jobs gegenüberstehen ist angesichts der Entwicklungen nicht unbegründet“ sagt sie. „Die wichtigste und schwerste Aufgabe ist es, eine von KI durchdrungene Gesellschaft so zu gestalten, dass sie nicht in wenige Gewinner und viele Verlierer zerfällt. “ Wie das gelingen kann, darauf hat die Politik noch keine Antwort gefunden. Der Internet-Ethiker Luciano Floridi gibt aber eine Richtung vor: „Künstliche Intelligenz muss so gestaltet werden, dass wir als Mensch im Mittelpunkt stehen. “ Der Mensch dürfe niemals als Mittel oder Ressource behandelt werden, sondern müsse immer Zweck bleiben.

Dass die Bedürfnisse des einzelnen Arbeiters aber angesichts der KI-Revolution in den Hintergrund rücken könnten, zeigt sich schon daran, dass Arbeitnehmererrungenschaften wie unbefristete Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Urlaubsgeld und stabile Löhne bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen müssten wir uns auf „individuell zugeschnittene Werks- und Zeitarbeitsverträge, Solo-Selbstständigkeit und multiple Jobs“ einrichten, glaubt der Wirt schaftsvhssenschaft1er Werner Eichhorst. Kurz: Die Festanstellung weicht immer mehr der selbstständigen Projektarbeit mit ständig wechselnden Auftraggebern.

Die Frage der Ethik   Massenarbeitslosigkeit ist allerdings nicht das einzige Schreckensszenario für eine Gesellschaft, in der lernende Maschinen mit Milliarden Daten jonglieren. Wahlster kennt Fälle von kriminellen Banden, die diese Systeme benutzen. „Ihre Software analysiert Urlaubsfotos und Statusmeldungen in sozialen Netzwerken und leitet aus den Daten ab, wann und wie lange Menschen im Fernurlaub sind“, erklärt er. „Die Erkenntnisse werden dann an Einbrecher verkauft. “ Der Informatikprofessor empfiehlt deshalb die technische Aufrüstung des Staatsapparates. „Die Regierungsinstitutionen, die Polizei und alle Verwaltungen müssen viel stärker aufgerüstet werden, um Kriminalität im digitalen Zeitalter mit der Hilfe von KI bekämpfen zu können. “

Dennoch stellt der Einsatz künstlicher Intelligenz den Gesetzgeber vor neue Herausforderungen: Wer haftet etwa für Schäden? Zum Beispiel dann, wenn, wie kürzlich in den USA, ein selbstfahrendes Auto eine Fußgängerin tödlich verletzt. „Eines muss klar sein: Künstliche Intelligenz kann keine Verantwortung übernehmen“ , sagt Jimmy Schulz (FDP), Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda im Bundestag. Im Zweifel müsse laut Schulz auch bei selbstfahrenden Autos der Mensch die letzte Entscheidungsinstanz bleiben. Für den Liberalen steht fest, dass das Thema bislang zu negativ betrachtet wird. „Ich finde es bedenklich, dass in Deutschland zuallererst über die Risiken und kaum über die Chancen neuer Technologien gesprochen wird. “ Dabei zeichnet  sich längst ab, dass die Digital-Technik die Märkte von morgen befeuern wird. Laut Studien könnte der Einsatz von Robotern und lernenden Maschinen allein Deutschland bis 2030 ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von vier  Prozent bringen. „Wir wissen, dass der Umgang mit KI entscheidend  für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit ist“ , betont Tankred Schipanski, Sprecher der Arbeitsgruppe Digitale Agenda der Unionsfraktion im Bundestag. Der CDU-Mann mahnt jedoch: „Wenn wir international bei der Forschung führend sein wollen, wie es unser Anspruch ist, dann müssen wir noch einen Gang höher schalten. “ Eigentlich ist Deutschland für den internationalen Wettlauf gut aufgestellt. Das DFKI ist weltweit anerkannt. Die starke Industrie bietet das perfekte Einsatzfeld für lernende Maschinen. Mit einem Testfeld für autonomes Fahren auf der A9 zwischen München und Nürnberg hat die Vorgänger-GroKo bereits Rahmenbedingungen für die KI-Entwicklung im Automobilsektor geschaffen. In Karlsruhe startete kürzlich ein Pilotprojekt im Stadtverkehr.

USA und China machen Druck

Doch wie so oft im Digital-Business heißen die Konkurrenten für deutsche Mitbewerber Amazon, Apple oder Google. Die US-amerikanischen Tech-Riesen investierten 2016 27 Milliarden Dollar für die Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Der Datenschatz der US-Konzerne dürfte sich als Wettbewerbsvorteil erweisen. Auch China erhöht die Schlagzahl. Bis 2025 will die Volksrepublik zum weltweiten KI-Spitzenreiter aufsteigen und scheut dafür keine Kosten: Für 1,8 Milliarden Euro ist in Peking ein Gewerbepark  zur Ansiedlung von datengetriebenen Unternehmen geplant. Die Politik in  Brüssel und Berlin reagiert. Die EU-Kommission strebt an, dass bis 2020 mindestens 20 Milliarden Euro in die Digital-Entwicklung investiert werden.  Im Aktionsplan der Bundesregierung sind 30 Millionen Euro bereitgestellt.

Der Opposition ist das nicht genug. „Die Bundesregierung versucht, ihre jahrelange Untätigkeit durch Aktionismus zu  kaschieren“ , kritisiert Konstantin  von Notz, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. Seine Fraktionskollegin Anna Christmann   fügt hinzu, dass sich die Entscheidung der Bundesregierung  gegen die zentrale Bündelung der  Digital-Politik nun räche. „Dabei ist gerade bei der Entwicklung dieser Schlüsseltechnologie gute Koordination gefragt. “ Während die politischen Debatten gerade erst beginnen, schreitet der Fortschritt der Technologie unaufhörlich voran. Dass Forscher Jürgen Schmidhuber bald ein Programm entwickelt, das schlauer ist als er selbst, ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Keine Maschine könne bisher die Intelligenz des Menschen imitieren, versichert er: „Der Mensch kann Hunderttausende verschiedene Probleme lösen, eine einzelne KI noch nicht. “ Noch nicht.

Golden Gates Edelmetalle: „Warum der Kauf von Goldmünzen eine gute Idee ist“

Unternehmen

Gold ist nach wie vor als eine sichere Investition in unsichereren Zeiten sehr beliebt und überaus wichtig. Die Golden Gates Edelmetalle GmbH, ein etabliertes Familienunternehmen aus Görlitz, hat sich auf den Verkauf von Edelmetallen und Technologiemetallen an private Kunden spezialisiert. Der Käufer kann sich bei ihnen ein breitgefächertes aber solides Anlageportfolio zusammenstellen. Bei Gold hat er die Wahl zwischen Goldbarren in verschiedenen Stückelungen und verschiedenen Goldmünzen.

Was spricht für Goldmünzen von Golden Gates Edelmetalle?

Goldprodukte sind im Handel mehrwertsteuerfrei. Für ihren Erwerb sprechen vor allem Werterhaltung und Sicherheit. Bei Goldmünzen kommen noch andere Gründe hinzu.

So machen reizvolle Prägungen mit verschiedenen Motiven die Münzen für Goldkäufer besonders attraktiv. Aufgrund dieser eingeprägten Motive haben Münzen eine höhere Fälschungssicherheit als Barren. Dabei sind Anlagemünzen bei gleichem Materialwert nur unwesentlich teurer, was durch den Aufpreis (Agio) für die Prägung auch begründet ist.

Goldanlagemünzen sind ein zeitloses Zahlungsmittel, das schön anzusehen ist und sich sowohl zum Erhalt des eigenen Vermögens, als auch zum Verschenken wunderbar eignet. Die Golden Gates Edelmetalle GmbH bietet die international anerkannten und beliebten Goldmünzen wie den südafrikanische Krügerrand, den Canadian Maple Leaf, den Wiener Philharmoniker und den Australian Kangaroo an. Bei ihnen handelt es sich ausnahmslos um Anlagemünzen, auch als Bullion Coins bezeichnet. Bei Anlagemünzen steht der Materialwert im Vordergrund. Alle aktuellen Anlagemünzen sind zwar auch offizielles Zahlungsmittel, da jedoch der Metallwert meistens weit über dem aufgeprägten Nennwert liegt, sollten diese Münzen natürlich nicht als solches verwendet werden. Ein wichtiges Argument für Anlagemünzen mit bekannten Namen ist auch, dass die Rückkaufswerte feststehen. Anders ist es bei seltenen Münzen, bei denen man für eine professionelle Prüfung hohe Abschläge bezahlen muss. Von Anlagemünzen zu unterscheiden sind die sogenannten Sammler- oder Umlaufmünzen, das heißt Münzen, die in der Vergangenheit tatsächlich einmal als Geld im Umlauf waren. Für sie zahlen Sammler unter Umständen Preise, die weit über dem eigentlichen Materialwert liegen.

Bei der Golden Gates Edelmetalle GmbH können Kunden wahlweise Einmalgeschäfte abschließen, oder sich durch monatliche Einzahlungen mittels eines Sparplans ein Edelmetallportfolio aufbauen. Mit den Sparplänen GOLDEN GATES Goldmünzen oder GOLDEN GATES Kangaroo kann der Kunde schon mit einem monatlichen Betrag ab 25,00 EUR Klassiker wie den Krügerrand, den Maple Leaf, den Wiener Philharmoniker bzw. die Australian-Kangaroo-Münze erwerben und so über die Jahre einen wertvollen Münzbestand zu günstigen Konditionen aufbauen. Diese Sparpläne eignen sich auch hervorragend als Geschenk um Kindern, Patenkindern oder Enkeln eine Freude zu machen und ihnen etwas Wertbeständiges mit auf den Weg ins Erwachsenenleben zu geben.

Das Vertrauen in Geld und Aktien ist durch Bankenpleiten, Immobilienblasen und Euro-Krise erschüttert. Mit Gold hat man eine sichere und zuverlässige Alternative. Goldmünzen eignen sich zum stückweisen Aufbau von Vermögen und sind in wirtschaftlichen Krisenzeiten eine begehrte Notfallreserve, auf die man direkt zugreifen kann.

Die Experten der Golden Gates Edelmetalle GmbH empfehlen Anlagegoldmünzen: „Goldmünzen sind eine perfekte Wahl: Zum einen, weil sie sich als Wertspeicher seit Jahrhunderten bewährt haben. Zum anderen, weil die von Golden Gates angebotenen Prägungen auch als Sammlerobjekte und Geschenke einen großen Reiz haben.“

Deutscher Terrorist aus Worm festgenommen

Deutschland

Die Elitesoldaten können es kaum glauben: Der rothaarige Gefangene spricht tatsächlich Deutsch. „Holy Shit, du sprichst Deutsch?“, fragt einer von ihnen. Als der Gefangene mit osteuropäischem Akzent antwortet: „Ich kann Deutsch sprechen“, sind sie völlig verblüfft.

Den Afghanen ist bei ihrer Razzia in der Provinz Helmand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar dieses Jahres „ein dicker Fisch ins Netz gegangen“ wie ein deutscher Ermittler sagt.

Bei dem Mann mit Turban und Bart handelt es sich um den 36 Jahre alten Deutschen Thomas K. Ursprünglich in Polen geboren, hatte er seinen letzten offiziellen Wohnsitz im rheinland-pfälzischen Worms. Die Soldaten finden bei ihm in jener Nacht Sturmgewehre vom Typ AK-47, Granatwerfer, Utensilien zum Bau von Sprengsätzen, USB-Sticks und auch einen gültigen deutschen Reisepass. K. soll für zahlreiche Anschläge auf afghanische Sicherheitskräfte verantwortlich sein und gilt als bedeutende Figur der afghanischen Taliban.

In deutschen Sicherheitskreisen wird auch eine Verwicklung K.s in den verheerenden Terroranschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul am 31. Mai 2017 für möglich gehalten. Bei der Attacke versuchte der Fahrer eines mit Sprengstoff präparierten Tanklastzugs auf das Botschaftsgelände zu gelangen. In letzter Sekunde wurde er zwar von einem Wachmann gestoppt. Dennoch verloren bei der anschließenden Explosion 160 Menschen ihr Leben, mehr als 400 wurden verletzt.

Hinter dem Angriff wird das Haqqani Netzwerk vermutet, das auch für andere schwere Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird. K. soll über enge Kontakte zum Netzwerk verfügen. So sei er dort in der Planung von Anschlägen und im Bau von Sprengsätzen aus gebildet worden.

2009 fiel K. den Behörden erstmals als radikaler Islamist auf. Seine aktive Terrorkariere begann am 5.August 2012. K. bestieg in Frankfurt am Main einen Flieger nach Istanbul und reiste anschließend weiter nach Wasiristan. Die Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan gilt als Rückzugsraum des Haqqani Netzwerks. In einer Medresse, einer traditionellen Koranschule, in der Provinz Belutschistan, ließ sich K. in den folgenden Monaten ausbilden.

2014 warnte das Bundeskriminalamt vor K. Es bestehe die Möglichkeit, zitierte die „Welt“ aus einem Rundschreiben an diplomatische Vertretungen und Militärbasen in Kabul, dass der Islamist „ein Selbstmordattentat auf eine internationale Einrichtung“ verüben könnte. Seit November 2014 wurde K. „wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“ mit internationalem Haftbefehl gesucht, hieß es von der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Koblenz.

Um nicht aufzufallen, lebte K. in Afghanistan unter dem Decknamen „Abdul Wadood“ in einem abgeschiedenen Dorf. Er arbeitete als Mullah, einer Position als Religionsgelehrten. In dieser Zeit setzte K. seine Arbeit für die Taliban fort: Seit Sommer 2015 soll er Taliban-Krieger im östlichen Afghanistan ausgebildet und den Kontakt zu anderen europäischen Taliban gehalten haben. Zuletzt arbeitete er laut jüngsten Ermittlungen direkt für den im Dezember 2017 getöteten Kommandeur der 300 Mann starken Taliban-Elitetruppe „Rote Einheit“, Mullah Nasir. Laut Generalstaatsanwaltschaft Koblenz wird derzeit geprüft, ob ein Auslieferungsersuchen gestellt wird und der Generalbundesanwalt diesen Fall übernimmt.

Das ist die GPS-Technik der Zukunft

Deutschland

Die GSP Sprachtechnologie GmbH in Berlin stellt Fahrgastinformationssysteme für Bahnen und Busse her — ein Geschäftsfeld zwischen IT und Elektrotechnik. Büroarbeitsplätze und technische Produktionsräume sind dicht beieinander in einem Gebäude untergebracht. Hier gibt es täglich viele interne Besprechungen, Kontakte mit Kunden, Tests von Prototypen, Anlieferungen von Waren, Auslieferungen von Bestellungen. Auf vier Etagen herrscht ein reges Treiben der insgesamt rund 240 Beschäftigten. Der Zeitdruck ist mitunter hoch. Arbeitsalltag in einem modernen Unternehmen. All das bringt auch psychische Belastungen mit sich.

Vielen Arbeitgebern ist allerdings noch nicht bewusst, dass sie gesetzlich verpflichtet sind, neben den körperlichen auch die psychischen Gefährdungen an ihren Arbeitsplätzen zu ermitteln. So war es auch bei der GSP. Auslöser für das dort laufende und noch nicht abgeschlossene Projekt der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung war der Routinebesuch eines VBG-Mitarbeiters vor zwei Jahren. „Haben Sie denn auch schon die psychischen Belastungen untersucht?“, erkundigte sich der Fachmann für Arbeitssicherheit bei seinem Rundgang durch das Unternehmen. Martin Schlesinger, Mitglied der Geschäftsleitung von GSP, musste damals die Frage verneinen. „Mir leuchtete aber schnell ein, dass es notwendig ist, psychische Gefährdungen in unseren Arbeitsabläufen zu ermitteln und entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen“, blickt Schlesinger zurück.

Da die Geschäftsführung von GSP auf keinerlei Erfahrungen bei der Ermittlung psychischer Belastungen in ihrem Unternehmen zurückgreifen konnte, ließ sie sich von Dr. Kai Breitling von der VBG in Berlin beraten. Der Experte unterstützte sie damit bei der Wahl der Methode und bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung. „Diesen Service bieten wir unseren Mitgliedsunternehmen kostenfrei an“, sagt Dr. Breitling. Er gehört zum Team von Arbeitspsychologen, die es in jeder VBG-Bezirksverwaltung gibt. Sie beraten die VBG-Mitgliedsunternehmen.

METHODE WÄHLEN

Im Juli 2016 bildete sich bei GSP ein sechsköpfiges Projektteam, das die Regie für den organisatorischen Ablauf der Gefährdungsbeurteilung übernahm und einen terminlichen Fahrplan für die Durchführung erstellte. Zu ihm gehören ein Mitglied der Geschäftsleitung, ein Mitglied des Betriebsrates, eine Mitarbeiterin aus dem Personalmanagement, ein Beschäftigter aus der Organisation sowie die Fachkraft für Arbeitssicherheit und die Betriebsärztin. Als Methode  hat das Team ein Kombinationsverfahren gewählt: Zunächst bewerteten die Mitarbeiter per Fragebogen mögliche psychische Belastungsfaktoren an ihren Arbeitsplätzen. Die Teilnahme war anonym und freiwillig. Anschließend wurden die Ergebnisse der Fragebögen in Gruppenworkshops genauer analysiert. Dafür teilte das Projektteam die insgesamt rund 240 Arbeitsplätze bei GSP in acht Gruppen mit gleichartigen Arbeitsplatztypen ein. „Das dient der besseren Vergleichbarkeit und Bewertbarkeit der Antworten“, erläutert Geschäftsführer Martin Schlesinger. „Unsere IT-Fachleute, die die Software programmieren, sind ganz andersartigen Belastungen ausgesetzt als Mitarbeiter in der Fertigung oder Beschäftigte im technischen Kundendienst“, nennt er Beispiele.

AKZEPTANZ SCHAFFEN

Bevor die eigentliche Durchführung der Gefährdungsbeurteilung begann, informierte die Geschäftsleitung die gesamte Belegschaft über das Vorhaben und die Vorgehensweise. „Uns war es wichtig, unseren Mitarbeitern deutlich zu machen, dass wir nicht ihr subjektives psychisches Empfinden ergründen. Untersucht werden nur objektive Belastungsfaktoren, mit dem Ziel, diese zu reduzieren. Dank unserer Erläuterungen stieß das Projekt auf große Akzeptanz“, sagt Schlesinger.

Im Sommer 2017 konnte die Auswertung der Fragebögen in den Workshops abgeschlossen werden. „Als wichtigste psychische Belastungen haben sich in allen Gruppen Zeitdruck und Störungen der Konzentration durch Unterbrechungen bei der Arbeit herausgestellt“, berichtet der Geschäftsführer von GSP weiter. Die Störungen ergeben sich ihm zufolge insbesondere durch zahlreiche Telefonate, durch ein hohes Aufkommen von Gesprächen mit Kunden und Kollegen sowie durch den Geräuschpegel in bestimmten Arbeitsbereichen. „Diese Befunde sind ein realistisches Abbild unseres Arbeitsalltages“, resümiert Martin Schlesinger.

MASSNAHMEN PRIORISIEREN

Mit Jahresbeginn 2018 hat die nächste Phase der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung bei GSP begonnen: Es werden konkrete Maßnahmen getroffen, um Belastungen zu reduzieren. Das Projektteam hat vier Handlungsfelder mit insgesamt 25 Maßnahmen zusammengetragen. Dazu gehört zum Beispiel die Einrichtung von Ruhezeiten und Ruheräumen. Jetzt stimmen die Mitarbeiter darüber ab, wel-  che der Maßnahmen Priorität hat. Geschäftsführer Martin Schlesinger ist mit dem bisherigen Verlauf der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung sehr zufrieden. „Endgültig beendet ist die Gefährdungsbeurteilung jedoch nie“, blickt er bereits in die Zukunft. „Die Maßnahmen müssen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls an neue Gefährdungen angepasst werden.“

Auf Privatschulen wachsen Manager heran

Deutschland

Wer mit sich selbst nicht einigermaßen im Reinen ist und mit seinen Mitmenschen nur schwer zurechtkommt, dessen Erfolgsaussichten sind eher bescheiden – sei es im Privaten wie im Beruflichen. Nicht selten haben missmutige Einzelgänger wenig zu verlieren oder müssen sich um ihre materielle Existenz kaum Sorgen machen. Im Extremfall sitzen sie entweder auf der Straße oder auf einem Haufen Geld. Über soziale Kompetenz verfügen sie nicht. Sie wollen oder brauchen sie auch gar nicht zu haben. Für den Durchschnittsbürger ist das Geschick im Umgang mit anderen eine Grundvoraussetzung für das eigene Wohlergehen. Schließlich ist der Mensch das sozial lebende Ende der Nahrungskette. Mit seinem Umfeld in den meisten Situationen einigermagen gut auszukommen, ist eine wesentliche Bedingung, Anerkennung zu genießen und nicht unter Ausgrenzung zu leiden. Sozialverhalten ist menschlich, Sozialkompetenz bedeutet das Beherrschen der Klaviatur menschlicher Kommunikationsformen und -techniken.

Und Sozialkompetenz ist mitverantwortlich für beruflichen Erfolg, dessen Weichen schon bei der Einstellung gestellt werden. Wenn seit Jahren ein steigender Prozentsatz der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhält, laut Bundesregierung derzeit 45 Prozent, dann kommt es für Stellenbewerber umso mehr darauf an, bei zentralen Auswahlkriterien zu punkten.

Ob Führungslehren oder Verkaufstechniken – fast das gesamte Spektrum der Managementseminare und der entsprechenden Literatur hat die erfolgreiche Selbstbehauptung in sozialen Kontexten zum Gegenstand. Es soll das perfektioniert und effizienter gestaltet werden, was Führungskräfte und Verkäufer im Laufe ihrer Dersönlichkeitsentwicklung längst verinnerlicht aben. Denn in ihren jüngeren Jahren ging es bei ihnen um das Erlernen von Normen, Werten und Rollenerwartungen, um die Sozialisierung also.

Grenzen erfahren

Vor 50 Jahren wies der Erziehungswissenschaftler Helmut Fend auf die zweifache Bedeutung des Begriffs „Sozialisierung“ hin: Einmal sei  ,Sozialmachung“ durch Eltern und Lehrer gemeint, zum anderen die „Sozialwerdung“, die Entwicklung der Persönlichkeit infolge soziokultureller Beeinflussung. Im weitesten Sinne geht es in der Sozialisierung um das Vermitteln und Akzeptieren einer normativen Orientierung, die essentiell ist für das Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Sozialwissenschaftlich unumstritten: Lehrer spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle, wenn auch nicht die Hauptrolle. Fatal ist für den pensionierten Studiendirektor Dr. Robert Honstetter ein Trend in der Lehrerschaft, sich als Kumpel des Schülers zu geben. Solche Lehrer sind zwar beliebt, werden indes von ihren Schülern nicht besonders ernst genommen. Einst völlig undenkbar, feilschen Schüler heute mit manchen Lehrern um Noten. „Der Mut, sich auch mal unbeliebt zu machen, gehört aber zum Job“, urteilt Honstetter, der am Bildungszentrum Markdorf, einer ehemaligen Modellschule des Landes Baden-Württemberg mit rund 2000 Schülern, unterrichtete.

Massiver Druck vonseiten der Eltern, die den  Versuch nicht scheuen, die Notenfindung gerichtlich austragen zu lassen, lässt den Lehrer mitunter schwach werden. So vermeidet er Ärger, der Schüler freut sich über die falsche Note für seine schwache Leistung. Am Ende stehen Noteninflation und Heerscharen von Stu ,dienabbrechern. Auch Eltern scheuen sich zu r nehmend, ihrem Nachwuchs klare Grenzen aufzuzeigen und deren Einhalten auch durchzusetzen. Zu groß ist ihre Furcht, als autoritäre Vorgestrige dazustehen.

Das von der Natur mitgegebene Talent, Kinder zu erziehen, scheint zivilisatorisch verschüttet zu sein, genauso wie die in den Genen steckende somatische Intelligenz, deren Nutzung eigentlich Ernährungsberater samt ihrer Literaturflut überflüssig machen müsste. Wenn beispielsweise die Arbeiterwohlfahrt (AWO) den Kurs „Prager Eltern-Kind-Programm (PEKIP)“ für Eltern und ihre acht Wochen bis vier Monate alten Säuglinge anbietet, um  ,Eltern dazu anzuregen, intensiv mit ihrem Baby in Kontakt zu kommen“, spiegelt das eine absurde wie verhängnisvolle Unsicherheit und Uberforderung wider – Mutter- und Vaterliebe in zehn Lektionen.

Und eine im Elternhaus wie in der Schule selten auf die Probe gestellte, deshalb schwach ausgeprägte Frustrationstoleranz junger Leute, gepaart mit unterentwickelter Sozialwerdung, also mangelnder Akzeptanz sozialer Normen, sind schlechte Voraussetzungen für das spätere Leben: Selbst kleine Niederlagen werden als persönliche Katastrophen empfunden, die unbeholfene Reaktion fällt völlig überzogen, oft aggressiv aus.

Anspruch hoch, Umsetzung schwach Sogar die fachliche Qualifizierung an den Schulen leidet unter einem Niveauverlust, wie die rasch wachsende Zahl an Einser-Abiturienten untrüglich zeigt. Wie mag es dann erst um die Qualität der Sozialmachung bestellt sein? Hier konnte das staatliche Schulwesen seinem gesetzlich postulierten Anspruch immer nur durch individuelle Sonderleistungen einzelner Lehrer gerecht werden. Intensive Betreuung ist von öffentlichen Schulen kaum zu erwarten, zumal laut Schätzung des Philologenverbands-Vorsitzenden Heinz-Peter Meidinger, sechs bis sieben Prozent des Unterrichts ausfallen, also ein Mehrfaches der offiziellen Statistiken.

Mit Udo Beckmann, dem Bundesvorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), glaubt „Meidinger, der Staat verschleiere die wahren Zahlen. Bildungsforscher Wilfried Bos von der Universität Dortmund relativiert die Bedeutung des Unterrichtsausfalls: Der Schwellenwert, ab dem sich die Zahl nicht gehaltener Unterrichtsstunden auf den Leistungsstand der Schüler auswirkt, sei gar nicht bekannt. Neurobiologen allerdings behaupten, jeder einzelne Schulmonat erbringe einen Intelligenzzuwachs von etwa einem Drittel IQ-Punkt, zumindest im mittleren Bereich der normalverteilten Intelligenzleistung von 85 bis  1 1 5 Punkten. Zu viele Unterrichtsausfälle dürften sich demnach sogar auf die Problemlösungskompetenz der Schüler auswirken. Mag auch die Wissensvermittlung nicht gleich unter jeder ausgefallenen Lehreinheit leiden, so bliebe selbst bei voller Stundenzahl kaum Zeit, die Schüler aktiv „zur Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, zu Leistungswillen und Eigenverantwortung sowie zu sozialer Bewährung zu erziehen“, wie es im Schulgesetz von Baden-Württemberg so schön formuliert ist.

Allein die Vermittlung fachlichen Wissens gelingt immer weniger. Unterrichtsausfälle und Lehrermangel sind keine hinreichenden Erklärungen. Professor Gerhard Roth,

früherer Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen und Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes, macht die Ignoranz der föderalen Bildungspolitik für die Misere verantwortlich: „Es wird sehr viel ausprobiert, allerdings wird alles Mögliche ausprobiert, und wenn man fragt, „wo habt ihr das her‘, werden keine fundierten Quellen genannt.“

Nach Gutdunken verfolgen profilbemühte Politiker abwegige Ideen, wie „jedes Kind ist hochbegabt“ oder „das Lernen muss selbstreguliert und selbstorganisiert sein“. Roth: „Da ist sehr viel Ideologie dabei.“ Laut Roth „weiß man seit Langem, wie schulisches Lernen funktioniert“, doch Parteien und Kultusministerien haben das nicht mitbekommen. „Die Erkenntnisse der Psychologie und Neurowissenschaften haber bisher keinen Eingang in unser Bildungssys tem gefunden.“ Mit fehlgeleiteten Ansätzen, ohne permanente Lehrerfortbildung, bleiben die hochfliegenden Ziele der Schulgesetze unerreichbar.

Zwar weist etwa das Bildungszentrum Markdorf die Vermittlung von Sozialkompetenz als wesentliches Schulziel aus, aber der Anteil einer staatliChen Schule am Erwerb dieser entscheidenden Fähigkeit dürfte bei den Schülern eher gering sein. Denn strukturell sind öffentliche Schulen kaum in der Lage, eine bewusst steuernde Funktion in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen auszuüben. Das findet nachhaltiger in Peergroups, den Gemeinschaften Gleichaltriger, statt. Und deren Verhaltenskodizes sind mitunter dem Dschungel näher als dem gesitteten Miteinander, wie es Gesetzgeber und Schulordnungen vorschwebt. Ein konfliktvermeidender Laissez-faire-Stil im Unterricht vergrößert das Defizit in der Vermittlung übergeordneter gesellschaftlicher Normen.

Dauerbaustelle Persönlichkeit Schulen in freier Trägerschaft weisen in aller Regel die Personlichkeitsbildung der Schüler als zentralen Inhalt ihrer Angebote aus, da gibt es kaum Unterschiede zu den öffentlichen Schulen. Nur macht der Konkurrenzdruck vonseiten des staatlichen Schulsystems wie unter den Privatschulen selbst das ernsthafte Bemühen um dieses Ziel glaubhafter, die im Privatschulsektor eingesetzten Methoden sein Erreichen wahrscheinlicher.

Anspruchsvolle Bildungsideale haben für Schulen in privater Tragerschaft eine 3 ungleich höhere Bedeutung als für staatliche Schulen. Sie sollen das Image der Schule prägen, ihr Profil schärfen und Kunden anlocken: „Verantwortungsbewusste Bürger im Sinne einer ganzheitlichen Bildung“ sollen aus den Eleven des Internats Solling einmal werden. Die Urspringschule will ihren Schützlingen „zur Selbstbildung von Durchblick, Selbstbewusstsein und Lebenskompetenz“ verhelfen. Das Jade-Gymnasium verspricht die Erziehung „zu lebensbejahenden, verantwortungsbewussten, motivierten und reflektierenden Menschen“ sowie die Begleitung „auf ihrem Weg zu sozialer Reife“.

Hanseatisch nüchtern und pragmatisch will die christliche August-Hermann-Franck-Schule in Hamburg die Vorbereitung „auf das ,erwachsene‘ Leben und die Ansprüche der modernen Arbeits- und Lebenswelt“ leisten. Und 710 die Schüler der katholischen Erfurter Edith-Stein-Schule sollen einmal „soziale Verantwortung in die Weit tragen, den Nächsten achten und Toleranz üben“.

Schön und gut im wahrsten Sinne des Wortes. was Privatschulen mit Kindern anstellen wollen. Ob das wirklich zu Selbstbewusstsein, Sozialkompetenz und Orientierung führt, wird individuell sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist, dass jedem die Chance geboten und ihre Nutzung erleichtert wird. Und dass die laut Hirnforscher Roth in der Wissenschaft interdisziplinar anerkannte Grundbedingung des Lehrens und Lernens erfüllt wird: Vertrauen.

„Lernen ist erfolgreich, wenn ich das, was ich lerne, langfristig behalte und nutzen kann. Dagegen ist der Wirkungsgrad deutscher Schulen sehr gering“, kritisiert Gerhard Roth das Schulsystem und fordert: „Es gilt, die Schülerinnen und Schüler darin zu befähigen, letztlich selbständig lernen zu können. Ein Leben lang. Das ist dann Lernerfolg.“ Vorausgesetzt, die Motivation zum Lernen versiegt nicht.

Und die muss schon sehr hoch sein, wenn sich jemand nach abgeschlossenem Studium aus der Berufstätigkeit heraus zum Besuch einer Business School entschließt. War er früher in einer Privatschule, wird ihm in der MBA-Ausbildung manches bekannt vorkommen: Soft Skills, die schon in Privatschulen hochgehalten werden, spielen sogar dort eine Rolle, wo sich ehrgeizige jüngere Manager den letzten Schliff für ihre weitere Karriere verpassen lassen wollen: in den Business Schools.

So verspricht die Mannheim Business School, „weit über die reine Wissensvermittlung hinaus‘  zu gehen, damit ihre Studenten „von der Führungskraft zur Führungspersönlichkeit reifen“ können. Im MBA-Programm der EBS Business School ist „Responsible Leadership“ Pflichtfach und die WHU Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung ist stolz darauf, dass „das Miteinander geprägt ist durch den ,WHU Spirit‘, der sich vor allem durch soziale Verantwortung und Respekt kennzeichnet“.

Neben der Internationalität, die vor allem hochpreisige Privatschulen pflegen, hält es auch eine Business School wie die WHU mit dem Privatschul-Creclo, „einen starken Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung“ zu legen, um Führungskompetenz auszubauen. Zweifellos ist eine grundlegende Einflussnahme auf die Persönlichkeit 30- bis 45-Jähriger schwer möglich. Hohe Lernbereitschaft vorausgesetzt, lassen sich aber manche Defizite durchaus mit antrainierten Inhalten überdecken und die Auftretenshäufigkeit unerwünschten Verhaltens reduzieren. Auch kann das bewusste Verarbeiten von Lebenserfahrungen die Persönlichkeit reifen lassen. Anleitungen dazu sind in jedem Alter nützlich.

Facebook bringt neue Geschäftsmodelle hervor

Unternehmen

Den Ritterschlag für sein Geschäftsmodell verdankt Christian Daudert (52) dem Digitalkönig: Mark Zuckerberg (33). Im April verkündete der Facebook-Gründer, wo er die Zukunft seines sozialen Netzwerks sieht: Mit Augmented Reality und Virtual Reality sollen seine Nutzer bald ein ganz neues Universum erkunden.

Genau da kommt Daudert ins Spiel, ein kräftiger Mann in den besten Jahren, den man sich gut auf der Fußballtribüne vorstellen kann, ganz handfest, nicht virtuell. Aber er hat etwas, das Zuckerberg sehr gut brauchen kann: jede Menge Stars samt ihren exakten Körpermaßen in 3-D.

Alles fing damit an, dass Daudert ein Dutzend Profifußballer in Finanzfragen beriet. Später ließ er 3-D-Figürchen von Kickern anfertigen, fürs Fanartikelgeschäft. Dafür entwickelten er und sein Team eine mobile Fotobox, mit der jeder Mensch in 90 Sekunden eingescannt werden kann.

Als dann zog er von Klub zu Klub und besorgte sich Daten samt Lizenzen. Als Erstes durfte er die Stars von Bayern München einscannen. Weil viele seiner Kunden bei ihm investiert sind, gingen die Türen schnell auf. Als er mit seinem Investor Hasan Salihamidiié (40), heute Sportdirektor der Bayern, bei Real Madrid vorsprach, fachsimpelten die anderen im Raum erst mal eine Stunde lang über dessen legendäre Duelle mit Roberto Carlos (44), ehe man zum Geschäft kam. Nun hat Daudert auch Superstar Cristiano Ronaldo (32) digital im Angebot. Und dazu noch gut 7000 weitere Stars — bis hin zu Rockbands wie Rammstein oder Kiss. Und, natürlich, Heino.

An der Börse ist die Marktkapitalisierung von Staramba binnen eines Jahres um rund 600 Prozent gestiegen, auf mehr als 100 Millionen Euro. Das ist nur der Anfang, hofft Daudert: „Gaming, Werbung, Sport, soziale Netzwerke: Alle setzen auf Virtual Reality.“ Staramba könnte ganze Branchen erschüttern.

Und wer soll die Expansion bezahlen? Vielleicht Facebook. Oder Microsoft. Oder Asiens Netzgiganten Tencent oder Alibaba. Mit der auf Sport spezialisierten Münchener Investmentboutique WhiteRock sondiert Daudert derzeit Einstiegsangebote. In einem halben Jahr soll ein Deal stehen.

Deutsche Anleger verpassen Renditechancen des Erneuerbare Energien-Booms

Unternehmen

Der Aufschwung der erneuerbaren Energien ist nicht mehr zu stoppen. Politisch gewollt und mit Einspeisetarifen gefördert, wird von Jahr zu Jahr mehr Strom aus regenerativen Quellen gewonnen. Dieser Megatrend bewegt auch die Finanzmärkte: Institutionelle Investoren steuern bereits um, weg von Kohle, Öl und Gas, hin zu sauberer Energie – auch um höhere Renditen zu erwirtschaften. Privatanleger reagieren hingegen nur zögerlich.

Zwischen 2012 und 2016 stieg das weltweite Investitionsvolumen von institutionellen Investoren in Cleantech und erneuerbare Energien jährlich um durchschnittlich 35 Prozent. Anders als die Profis lassen sich deutsche Privatanleger die attraktiven Ertragspotentiale grüner Investments hingegen entgehen – das Investitionsvolumen sank im Vergleichszeitraum leicht, und zwar auf ein niedriges Niveau. Für erfahrene Asset Manager ist dies nicht nachvollziehbar: „Die Voraussetzungen für Investments in Windenergie und Photovoltaik könnten kaum besser sein. Paris-Gipfel, Energiewende, EEG – der Umbau unserer Energieversorgung wird politisch forciert. Unter dem Druck des weltweiten globalen Klimawandels geben Regierungen attraktive Investitionsanreize für Erneuerbare Energien“, meint Karsten Reetz, Geschäftsführer der auf Zukunftsenergien spezialisierten Hamburger reconcept GmbH.

Seit 2002 stieg der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix unaufhaltsam von 8,8 Prozent auf 38,3 Prozent – und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Mit gut 18 Prozent entfällt ein Großteil des grün erzeugten Stroms auf die Windkraft. Biomasse liegt mit 9 Prozent auf dem zweiten Platz, gefolgt von der durch Privatanleger stärker beachteten Solarenergie mit sieben Prozent und Wasserkraft mit einem Anteil von vier Prozent. Windenergie ist damit 2017 nach der umweltschädlichen Braunkohle zur zweitwichtigsten Stromquelle in Deutschland aufgestiegen.

Institutionelle Investoren haben die hohen Renditechancen von Investments in Erneuerbare Energien längst erkannt. In Deutschland flossen alleine im Jahr 2016 Investitionen in Höhe von 156,7 Milliarden Euro in nachhaltige Geldanlagen – 90 Prozent davon durch institutionelle Investoren. Privatanleger investierten somit allein 156 Millionen Euro in nachhaltige Geldanlagen – über alternative Investmentfonds sowie Beteiligungen an Windenergie- und Photovoltaikanlagen. Dies ergab eine Markterhebung des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG).

Mit rund 75 Prozent Anteil liegt danach die Solarenergie mit weitem Abstand am höchsten in der Gunst von Privatanlegern. Institutionelle Investoren setzen hingegen stärker auf Windenergie. Aus gutem Grund: Die Windenergie an Land (Onshore-Wind) ist eine der wettbewerbsfähigsten Formen der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen. Global sind die Erzeugungskosten laut einer aktuellen Studie des Freiburger Öko-Instituts bei neuen Anlagen zwischen 2010 und 2014 um ein Drittel gesunken. Nur Wasserkraft ist in dieser Betrachtung günstiger. „Der Vorsprung beim Wind ist so groß, dass er nicht mehr eingeholt werden kann“, sagt Fraunhofer-Professor Bruno Burger im Manager Magazin.

Deutlich wird auch reconcept-Geschäftsführer Karsten Reetz, wenn er das Investitionsverhalten von Privatanlegern im Vergleich zu institutionellen Investoren kommentiert: „Deutsche Privatanleger verpassen die Renditechancen im Bereich der Erneuerbaren Energien, insbesondere der Windenergie. Angesichts der politisch geförderten Energiewende und dem extremen Niedrigzinsumfeld ist dies äußerst bedauerlich.“

Weltweiter EE-Boom: M&A-Transaktionen auf Rekordhoch

Die hohe Attraktivität Erneuerbarer Energien (EE) zeigt sich auch im weltweit steigenden Volumen von M&A-Transaktionen. Der aktuellen KPMG-Analyse „Great expectations – Deal making in the renewable energy sector“ zufolge hat die Zahl der M&A-Deals im Bereich Erneuerbarer Energien 2017 mit 406 Transaktionen und einem Gesamtvolumen von 40,1 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht.

Von 200 befragten Profiinvestoren rechnen 40 Prozent damit, dass vor allem in Deutschland und China die Zahl der entsprechenden M&A-Deals am stärksten steigen wird. Michael Salcher, Head of Energy & Natural Resources bei KPMG in Deutschland, kommentiert die Ergebnisse der Studie: „Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen ist klar, dass der Trend auch weltweit hin zu den erneuerbaren Energien unumstößlich ist. Angesichts der Energiewende in Deutschland ist es nachvollziehbar, dass das Interesse der Investoren an Projekten im Bereich Erneuerbare Energien hierzulande ungebrochen ist.“

Bezogen auf die Teilsektoren sagen 43 Prozent der Befragten, dass die Offshore-Windenergie in den nächsten 12 Monaten den größten Anstieg bei Fusionen und Übernahmen verzeichnen wird, gefolgt von Wasserkraft (39 Prozent) und Photovoltaik (16 Prozent). Über 80 Prozent aller Befragten erwarten für die kommenden zwei Jahre steigende Bewertungen vor allem für Offshore-Projekte und im Bereich Photovoltaik.

Annette Schmitt, Partnerin im Bereich Deal Advisory von KPMG: „Wer als großer Player im Bereich der Erneuerbaren mitmischen möchte, kommt nicht um Investitionen in Offshore-Windenergieparks herum. Ähnliches gilt auch für großflächige Photovoltaikprojekte, die in Deutschland beispielsweise durch das neue Auktionsverfahren und aussichtsreiche Ausschreibungsflächen eine Renaissance erleben könnten.“

Privatanleger können vom Boom der Erneuerbaren Energien profitieren

Da Direktinvestments in Windkraftanlagen aufgrund hoher Investitionskosten für Privatanleger häufig nicht in Frage kommen, bieten Unternehmen wie der Hamburger Energieexperte reconcept die Möglichkeit, sich an bestehenden oder auch in Bau befindlichen Windkraftanlagen zu beteiligen. Die reconcept GmbH verbindet bereits seit 20 Jahren Energieprojekte mit Investoren. Die von reconcept aufgelegten grünen Geldanlagen finanzieren Wind-, Wasser- und Solarkraftwerke im In- und Ausland.

Die Renditen für solche Investments sind attraktiv. Das von reconcept aktuell angebotene Investment „RE09 Windenergie Deutschland“ bietet beispielsweise eine prognostizierte Rendite von sechs Prozent im Jahr bei einer moderaten Laufzeit bis Dezember 2023. Investiert wird in Enercon-Anlagen im Windpark Jeggeleben in Sachsen-Anhalt, die seit 2015 produzieren und 20 Jahre gesetzlich garantierten Anspruch auf feste Einspeisevergütungen haben.

4,7 Prozent Rendite pro Jahr mit Windenergie-Beteiligung

Jüngst konnten sich auch die Anleger der reconcept Windenergie-Beteiligung RE02 über ein erfolgreiches Closing ihres Investments freuen. Das Beteiligungsangebot war von 412 Anlegern mit insgesamt 9,1 Millionen Euro Eigenkapital ausgestattet worden. reconcept erwarb die beiden Windparks Niederlehme (4 MW) und Teutleben (15 MW) und übernahm fortan das kontinuierliche Asset Management der Windenergiebeteiligung.

Nach dem erfolgreichen Verkauf an einen institutionellen Investor wurde das Investment mit Gewinn aufgelöst. Zusammen mit den Auszahlungen seit Auflage der Beteiligung im Jahr 2012 erhalten die Investoren einen Gesamtmittelrückfluss von 134,5 Prozent, was einer Rendite von 4,7 Prozent im Jahr entspricht.

Im aktuellen Niedrigzinsumfeld ist dies ein sehr solides Ergebnis, freut sich reconcept-Geschäftsführer Karsten Reetz für seine Anleger und ergänzt: „Privatinvestoren sollten die Chancen von Investments in Erneuerbare Energien konsequent nutzen. Grüne Energien sind mehr als ein rentables Investment, sie sind Teil einer lebenswerten Zukunft für unsere Kinder. Wir bei reconcept wollen nachhaltig Werte schaffen: für unsere Kunden, unsere Mitarbeiter und die Gesellschaft.“

Siemens im Dauerumbau

Deutschland, Unternehmen

Für Siemens-Vorstand Michael Sen ist es die größte Bewährungsprobe seiner Laufbahn. Und zugleich auch die Chance zum Sprung nach ganz oben – in den Chefsessel des Konzerns. Der sympathische und kluge Manager mit dem Lausbubenlächeln — 1968 als Sohn indischer Eltern in Korschenbroich am Niederrhein geboren – soll vor Ostern die Siemens-Sparte Medizintechnik (Kunstname: Healthineers) an die Börse bringen. Die Operation könnte bis zu 10 Mrd. Euro in die Münchner Konzernkasse pumpen. Läuft alles glatt, kann der ehemalige Siemens-Lehrling -und  studierte Betriebswirt den größten Börsengang seit dem Verkauf der T-Aktie vor über 20 Jahren in seiner Personalakte abheften.

Die schönen Milliarden will und müssen allerdings für einen profanen Zweck ausgeben: den Abbau von Schulden. Die Medizinsparte schleppt einen ganzen Batzen davon mit sich herum – insgesamt 8,2 Mrd. Euro. Die Medizintechnik wäre heute nicht der profitabelste Bereich des ganzen Konzerns mit einer superben operativen Gewinnmarge von 18 Prozent, wenn nicht die früheren Siemens-Chefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld viél Geld  für Übernahmen ausgegeben hätten. Zwischen 2000 und 2007 kauften die beiden Manager fünf große Medizintechnikunternehmen in den USA und Deutschland – unter anderem den Diagnostikbereich der Bayer AG – für insgesamt 15 Mrd. Euro. Mit dem Börsengang erntet der jetzige Siemens-Chef Joe Kaeser also nur, was seine Vorgänger gesät haben.

Das Kunstprodukt Healthineers ist nur ein Beispiel von vielen für den permanenten Umbau von Siemens. Seit Jahrzehnten kauft und verkauft der Konzern in aberwitzigem Tempo Firmen. Sein Verhalten ähnelt eher einem angelsächsischen Private-Equity-Fonds als einem normalen Industrieunternehmen. Insgesamt gab Siemens zwischen 1990 und heute mehr als 55 Mrd. Euro für Übernahmen aus – und nahm gleichzeitig durch Ausgliederungen, Verkäufe und Börsengänge von Töchtern rund 41 Mrd. Euro ein.

Diese Zahlen ergeben sich aus einer akribischen Liste des ehemaligen Siemens-Managers Manfred Hoefle, die Capital ergänzt und mit den neuesten Transaktionen aktualisiert hat. Der heutige Managementtheoretiker sieht die Entwicklung kritisch: Durch die starke Ausrichtung auf eine immer kurzfristigere Portfolio-Optimierung stehe bei Siemens nicht mehr Innovation im Vordergrund, sondern der Cashflow. Die Bilanz der vielen Käufe und Verkäufe sei höchstens „durchwachsen“, eigentlich sogar „unbefriedigend“.

Auch das kann man am Beispiel der Medizintechnik nachvollziehen: Siemens kaufte in den letzten Jahrzehnten nicht nur für 15 Mrd. Euro kräftig zu, sondern stieß zugleich für insgesamt 2 Mrd. Euro bisherige Bereiche ab – von Herzschrittmachern bis zur Technik für Zahnärzte. Einiges davon könnte das neue Unternehmen Healthineers heute durchaus gebrauchen. So stammte der erste moderne, voll in den Körper implantierte Herzschrittmacher 1958 aus dem von Siemens übernommenen Unternehmen Elema. Doch schon 1994 trennte sich der Konzern für 300 Mio. Euro wieder von diesem Bereich. Heute machen andere wie der US-Konzern Medtronic Milliarden mit Herzschrittmachern. Siemens fehlte die Geduld, die Technologie nach einem großen Skandal in Deutschland und einigen Patientenklagen in den USA weiterzuent- wickeln.

Was damals noch ein Einzelfall war, bestimmt heute den Alltag des Konzerns: Die ständige Beschäftigung mit neuen Akquisitionen und Desinvestitionen lässt kaum noch Zeit für eine nachhaltige Unternehmensführung. Die entscheidende  Frage sei, meinen Siemens-Kritiker wie Hoefle: „Wo liegt am Ende das, was die Experten Management-Attention nennen?“

Heute erwirtschaften 380 000 Mitarbeiter bei Siemens weltweit einen Umsatz von rund 83 Mrd. Euro. Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte aber verließen fast 500 000 Beschäftigte das Unternehmen – und  200 000 kamen durch Übernahmen neu dazu. Rechnet man das Volu- men aller Transaktionen nach den jeweiligen Umsätzen zum Zeitpunkt des Kaufs oder Verkaufs zusammen, kommt man auf gewaltige 183 Mrd. Euro. Kein anderer deutscher Konzern kommt auf ähnliche Zahlen.

Und das Tempo des Umbaus wächst: Allein in den letzten drei Jahren verkündete Siemens-Chef Kaeser die Übernahme von zwölf Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 6,3 Mrd. Euro und 28 660 Mitarbeitern. Im gleichen Zeitraum  verließen das Unternehmen fast 120 000 Mitarbeiter durch Ausgliederungen in Joint Ventures oder Verkäufe — mit einem Gesamtumsatz von fast 30 Mrd. Euro. Klappt der Börsengang der Medizintechnik, muss man 48 000 Mitarbeiter und 14 Mrd. Euro Umsatz addieren.

Der letzte Umbauschub soll Siemens abermals von Grund auf verändern: Joe Kaeser will den Konzern durch eine Kette von Ausgliederungen – Windenergie, Bahngeschäfte, Antriebe – aus der alten Welt der Mechanik herauslösen und ganz als elektrischen und digitalen Konzern aufstellen. Alle Randaktivitäten ohne größere Synergien mit dem Kerngeschäft müssen gehen. Zugleich hat  Kaeser viel Geld in die Hand genommen, um spezialisierte Softwarehersteller zu übernehmen und den gesamten Konzern zu digitalisieren. Nebenbei stemmte Siemens noch den größten Zukauf der Konzerngeschichte: den Erwerb des Kompressoren- und Turbinenherstellers Dresser-Rand in den USA, der 7,5 Mrd. Euro verschlang und für viel Kritik in den eigenen Reihen sorgte.

Siemens wird durch die letzten Firmenkäufe noch stärker zu einem deutsch-amerikanischen Konzern. Nicht ohne Grund durfte Kaeser beim Weltwirtschaftsforum in Davos neben US-Präsident Donald Trump Platz nehmen: Siemens hat heute in den USA 70 000 Angestellte und Arbeiter – so viele wie kein anderes deutsches Unternehmen. Seit 1992 ging der Konzern fast ausschließlich in den USA auf die Suche nach Übernahmen. Es war also nicht organisches Wachstum, das Siemens in den USA an die Spitze brachte, sondern eine gigantische Akquisitionstour. In der gleichen Zeit kaufte Siemens in Asien keine einzige größere Firma. Die Folge: Der Konzern erzielt immer noch über 80 Prozent seines Umsatzes in Europa und Nordamerika. Das Geschäft in China sorgt nicht mal für zehn Prozent.

Die relativ schwache Position des Konzerns auf dem wichtigsten Wachstumsmarkt der Welt hängt mit einer zweiten großen Veränderung zusammen, die Siemens in den letzten Jahrzehnten konsequent durchgezogen hat: dem Abschied vom Endverbraucher. Ob Handys (Verkauf 2005), Glühlampen (Ausgliederung 2013), Hausgeräte (Verkauf 2015) oder Hörgeräte (Verkauf 2015) – alles musste weg. Siemens verkauft seine Produkte heute ausschließlich an andere Konzerne und Staaten in aller Welt. In diesem Business-to-Business-Geschäft kann man sich Massenwerbung und Milliarden für Marketing sparen. Siemens war in der Vergangenheit in Sachen Kommunikation nie gut und froh, sich aus der Welt der Kreativen zu ver- abschieden. Allerdings fehlen dem Konzern nun Produkte für Entwicklungs- und Schwellenländer. Vom großen Konsumboom in China profitiert Siemens deshalb nur indirekt.

Nicht immer stimmte in der Vergangenheit auch die offizielle Siemens-Linie, man verabschiede sich von „Lowtech“ und investiere konsequent in „Hightech“. So trennte sich der Konzern seit Ende der 90er-Jahre auch von allen Halbleitern und elektronischen Bauteilen. Höhepunkt war dabei der Börsengang von Infineon im Jahr 2000, als 26 000 Mitarbeiter und 7 Mrd. Euro Umsatz den Konzern verließen. Siemens traute sich in diesen Jahren nicht zu, gegen die starke Konkurrenz aus den USA und Asien zu bestehen. Heute könnte der Konzern einiges von dem Know-how gebrauchen, das damals abfloss.

Wer so viele Unternehmen so schnell aus- und eingliedert wie Siemens, kann nicht bei allen Transaktionen Gewinne machen. Bestes Beispiel: die Antriebstechnik. Erst 2005 legte sich Siemens den deutschen Spezialisten Flender für 1,2 Mrd. Euro zu. Danach gliederte der Konzern den Großbetrieb (damals 6 700 Mitarbeiter und gut eine Milliarde Umsatz) mit großem Aufwand ein. Im vergangenen Jahr hieß das Kommando „Zurück“: Vorstandschef Kaeser verselbstständigte Flender wieder und will sich möglichst noch in diesem Jahr von dem Unternehmen trennen. Dabei kann Siemens nur mit einem Erlös von gut 1 Mrd. Euro rechnen, wie man von Investmentbankern hört. Addiert man die Inflation seit 2005 und die zwischenzeitlichen Investitionen, so bleibt wahrscheinlich unter dem Strich ein empfindlicher Verlust. Ähnlich erging es Siemens mit Nixdorf: 1991 ging der Hersteller von Kassenautomaten an den Münchner Konzern, 1999 trennte man sich wieder – in einer Art Not verkauf an Private-Equity-lnvestoren.

Auch beim Großeinkauf Dresser-Rand verhob sich Siemens 2015. Kaeser ließ sich in einen Bieterwettbewerb mit seinem Vorgänger Peter Löscher treiben und zahlte viel zu viel Geld für die US-Firma. Mit einem Umsatz-Multiple von 2,8 bewerteten die Deutschen das amerikanische Unternehmen wie einen Hoffnungswert in ausgesprochenen Wachstumsbranchen. Danach brach der Erdölpreis ein und bescherte Dresser-Rand hohe Verluste. Die Amerikaner hängen mit ihrem Kompressorengeschäft weitgehend an der Nachfrage der Öl- und Gasbranche, die jedoch seit Jahren nur noch sehr wenig investiert. Wie es um Dresser-Rand genau steht, weiß nur die Siemens-Spitze: Genaue Zahlen muss der Konzern für seine voll eingegliederte Neuerwerbung nicht nennen. Auch Einzelabschreibungen auf den hohen Firmenwert von Dresser-Rand muss Kaeser nicht veröffentlichen. Immerhin gibt der Vorstandschef inzwischen zu, „im Nachhinein betrachtet“ sei der Zeitpunkt des Kaufs „nicht ideal“ gewesen.

Wo sich Neuerwerbungen in vorhandene Sparten integrieren ließen, war ihr Wertbeitrag über die Jahre am größten. Die Versuche, allein durch Firmenkäufe ein neues Geschäftsfeld aufzubauen, scheiterten jedoch oft. So kaufte Siemens zahlreiche kleine Unternehmen für die Wasseraufbereitung zusammen. 2014 stellte Kaeser die so entstandene Einheit Water Technologies wieder zum Verkauf. Ähnlich durchwachsen geht es der Sparte Windenergie, die ebenfalls eingekauft wurde, Seit 2017 gehören die Fabriken, die schlüsselfertige Windkraftanlagen liefern, zu einem Gemeinschaftsunternehmen mit der spanischen Gamesa.

Die Kapitalmärkte schätzen jedoch die Strategie von Siemens. Seit 2013 ist der Kurs der Aktie um die Hälfte gestiegen, seit Beginn der großen Einkaufstour 2015 sogar deutlich stärker als der Dax. Die Investoren handeln dabei vor allem mit Hoff

nung. Sie glauben, der weitere Um bau des Konzerns und die Integration der neuen Firmen würden gelingen. Dann könnten die Gewinne weiter sprudeln wie zuletzt. Was viele Analysten bei dieser Rechnung nicht beachten: Siemens verzerrt seit Jahren seine Gewinnrechnung durch stille Reserven, die nach Börsengängen und Verkäufen in das Finanzergebnis der Bilanz einfließen. Umgekehrt schreibt die Konzernspitze ihre integrierten Neuerwerbungen wie Dresser-Rand nach Gusto ab — und nach Meinung von Kritikern deutlich geringer, als es bei selbstständigen  Tochterfirmen notwendig wäre.

So steigerte Siemens auch im vergangenen Jahr seinen Gewinn nur durch den Verkauf des Lichtspezialisten Osram und die US-Steuerreform. Der ehemalige Finanzvorstand Kaeser, der schon immer begnadet war im Umgang mit Analysten, bedient die hohen Erwartungen der Investoren optimal. Er ist dabei, die Siemens AG in eine Art Holding selbstständiger Unternehmen umzubauen. Aus einem Konglomerat solle so ein „schneller Flottenverband“ (Kaeser) werden. Die Konzernvorstände entfernen sich damit allerdings noch weiter vom eigentlichen Geschäft. Sie müssen einen Großteil ihrer Zeit opfern, um das Portfolio in ihrem Bereich ständig weiter umzuschichten. Nach einer kurzen Verschnaufpause dürfte daher die Welle an Ver- und Zukäufen bei Siemens weitergehen.

Im „alten“ Siemens-Könzern waren es begnadete Techniker wie Siegfried Russwurm, die im Vorstand die Strippen zogen und immer Geld für Innovationen aus eigener Kraft loseisten. Diese Ära ist vorbei. Kaeser stützt sich vor allem auf Strategen und Finanzfachleute. Auch Michael Sen, der Mann für den Börsengang der Gesundheitssparte, erfüllt diese Anforderungen. Der Betriebswirt verbrachte seine 20-jährige Karriere bei Siemens in den verschiedensten Strategie- und Finanzabteilungen. Einem Kunden eine Turbine verkaufen musste Sen noch nie. Aber er begleitete viele Transaktionen. Wahrscheinlich hältihn Kaeser deshalb für einen möglichen Nachfolger.