HNA Group auf dem Vormarsch

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An einem warmen Sommerabend beschreiten Hunderte Geschäftsleute, Banker, Diplomaten und französische Beamte in Paris den roten Teppich, der sich die Treppen zum Petit Palais hinaufschlängelt – ein prächtiges Museum im Beaux-Arts-Stil im Herzen der französischen Hauptstadt, voller Skulpturen und Gemälde und mit einem fein manikürten Garten. Unter 200 Jahre alten Fresken speisen die Gäste das Menü eines französischen Spitzenkochs: Hummer, Ente und weiße Mousse au Chocolat, dazu ein Bordeaux Grand Cru. Zur Unterhaltung wird eine PekingOper dargeboten. Nur drei große rote Buchstaben, die an den verschnörkelten Toren befestigt sind, geben einen Hinweis darauf, wer die exklusive Veranstaltung schmeißt: HNA.

Den Passanten, die vorübereilen, sagt der Name HNA wahrscheinlich nichts. Aber der Geschäftswelt zeigen diese drei Lettern – wenn sie denn überhaupt ein weiteres Zechen braucht —, dass ein kaum bekanntes Konglomerat aus der chinesischen Provinz sich innerhalb weniger Jahre in einen mächtigen Global Player verwandelt hat, dessen Tentakeln die ganze Welt umfassen.

Die HNA Group, deren Zentrale sich im südchinesischen Hainan befindet, genießt noch nicht den Status jener Weltmarke, den sie für sich anstrebt. Und das, obwohl sie seit 2015 Abermilliarden Dollar im Ausland investiert hat, aufjedem Kontinent. Allein in den USA summieren sich ihre Investitionen auf 35 Mrd. Dollar, hat das Analysehaus Dealogic errechnet.

EIN WELTWEITER KAUFRAUSCH

In den vergangenen zwei Jahren sind etwa 1000 Mrd. Dollar aus China abgeflossen. Privatinvestoren und Unternehmen, die im eigenen Land reich geworden sind, haben im Ausland investiert, oftmals unterstützt von staatseigenen Banken, bei denen Kredite lockersitzen. Unter diesen chinesischen Welteroberern ist HNA einer der aggressivsten. Die Übernahmen von HNA zeigen exemplarisch, wie eine kleine Handvoll chinesischer Konzerne sich Dutzende westliche Unternehmen, vor allem nach der Finanzkrise, einverleibt hat — wobei Fragen nach den genauen Eigentumsverhältnissen und Transparenz oftmals ungeklärt bleiben.

Im Fall von HNA sind dessen Manager im Kaufrausch kreuz und quer über den Globus gereist. Ihre Deals wickelten sie über ein Geflecht chinesischer und ausländischer Tochterfirmen ab. Unter ihren Übernahmen finden sich Namen, die in den USA und Europa jeder kennt: Etwa Carlson Hotels — Eigner der Hotelketten Radisson und Park Plaza -, den HNA im vergangenen Dezember für eine unbekannte Summe erwarb. Im März 2017 kaufte HNA für 6,5 Mrd. Dollar von Blackrock 25 Prozent an Hilton. Im Mai erhöhten die Chinesen ihren Anteil an der Deutschen Bank und stiegen zum größten Aktionär auf.

Die Liste lässt sich fortsetzen: HNA besitzt den Airline-Caterer Gategroup und den Luftfahrt-Serviceriesen Swissport. Im April dieses Jahres kaufte Avolon Holdings, HNAs 2016 erworbene Flugzeugleasing-Tochterfirma, für 10 Mrd. Dollar das Flugzeugleasinggeschäft der New Yorker Finanzfirma CIT Group. Das machte HNA zum drittgrößten

Flugzeugverpächter der Welt. Zum Immobilienbesitz gehört der Wolkenkratzer 245 Park Avenue in Manhattan, den HNA in diesem März für 2,2 Mrd. Dollar erstand. Im Dezember übernahm HNA Ingram Micro aus Irvine in Kalifornien, den weltgrößten Großhändler von Technologieprodukten, der in rund 160 Ländern aktiv ist. Kaufpreis: 6 Mrd. Dollar – in Cash.

NOCH IMMER HUNGRIG

In dem Tempo, in dem HNA Unternehmen und Immobilien aufkauft, legt der Konzern auch einen steilen Aufstieg im Global-500-Ranking des US-Magazins „Fortune“ hin. 2015 erschien die Gruppe erstmals auf der Liste, auf Platz 464. Letztes Jahr war HNA schon Nummer 353. In diesem Jahr ist es Rang 170, bei einem Umsatz von 53 Mrd. Dollar – ein Zuwachs von fast 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rechnet man ein ganzes Geschäftsjahr von Ingram Micro hinzu, das im letzten Jahr 42 Mrd. Dollar Umsatz machte, dann wird die HNA  Group 2018 locker die Top 100 der Global 500 knacken.

Doch der Appetit von HNA ist noch lange nicht gestillt. Das zeigen etliche Gespräche mit Spitzenmanagern von HNA in diesem Sommer für diese Geschichte. Sie boten einen seltenen Einblick in das ansonsten abgeschottete Unternehmen, das nicht börsennotiert ist. Die Ziele der HNABosse erscheinen atemberaubend ambitioniert — zumal wenn man in Rechnung stellt, dass HNA vor nur 24 Jahren aus dem Nichts entstanden ist. Apple, um einen Vergleich zu ziehen, ist satte 17 Jahre älter.

Der Mann, der HNA heute führt, ist entschlossen, daraus einen der größten Konzerne der Welt zu machen. „Wir haben das Ziel, es in die Top 10 zu schaffen“, sagt CEO Adam Tan, dessen chinesischer Name Tan Xiangdong lautet. Am Morgen nach dem spektakulären Dinner in Paris sitzt er in seiner Hotelsuite. Jedes Jahr findet das Charity-Event in einer anderen Stadt statt, immer am Geburtstag des Gründers und Chairmans Chen Feng.

Das Bankett war der Startschuss zur „International Week“ von HNA, zu der die wichtigsten Kunden, Banken (darunter Goldman Sachs und JP Morgan) und Geschäftspartner für mehrere Tage zusammenkommen. Auf dem Golf National bei Versailles eröffneten die Chinesen die erste HNA Open de France, eine europäische PGA-Tour – wertvolles Branding für ein Unternehmen, das an die Spitze strebt.

Tan, der von allen im Konzern nur Adam genannt wird, sagt, er könne noch nicht sagen, wann HNA eines der weltgrößten Unternehmen sei. Aber er ist sehr zuversichtlich, dass es so kommen wird. „Geldverdienen ist so einfach“, sagt er und lacht. „Jetzt sind wir die Genies.“

DER ERSTE BESUCH IN DEN USA

Solch ein Ehrgeiz war Tan fremd, als er 1993 als junger HNA-Angestellter erstmals die USA besuchte. Der heute 50-Jährige weiß noch genau, wie er damals aus dem Flugzeugfenster starrte. Er fühlte sich als Hinterwäld1er aus der Pampa von Hainan, einer tropischen Insel, in deren Hauptstadt Haikou zu jener Zeit kaum eine Ampel stand. „Überall war Licht, selbst zwei Stunden von New York City entfernt“, sagt Tan. „Ich konnte es nicht fassen.“ Sein unmittelbarer Gedanke: „Das ist es. Hier muss ich leben.“

So kam es. Tan verbrachte Jahre in New York damit, Investoren zu hofieren und dabei zu helfen, das Unternehmen zu internationalisieren. Als er loslegte, war das einzige Geschäft von HNA die Fluglinie Hainan Airlines, ein Start-up, das genau zwei Flugzeuge besaß (HNA ist ein grobes Kunstwort für Hainan Airlines). Das erste Geld kam von der Provinzregierung, die so Touristen anlocken wollte. Ein wichtiger erster privater Geldgeber war die Hedgefondslegende George Soros. Er hatte einige HNA-Manager auf einem Gipfel in Peking kennengelernt und kaufte ei nen Anteil von 25 Prozent für 25 Mio. Dollar, die er später auf 50 Mio. Dollar verdoppelte. Vor einigen Jahren verkaufte er seine Beteiligung und strich ordentlich Gewinn ein.

Der prominente Investor trug HNA genug Kreditwürdigkeit ein, um im Ausland eine Menge Kapital aufzunehmen und ebnete so den Weg für den späteren Aufstieg. „Ich glaube, Mr. Soros hat große Weitsicht, denn er hat an unseren Erfolg geglaubt“, sagt Chen, der Chairman von HNA. Auch die Investition der Regierung von Hainan machte sich bezahlt: Die Insel entwickelte sich zu einer wichtigen Feriendestination für chinesische Touristen. Heute fungieren die 179 Flugzeuge der Linie als globale Werbetafeln für die Provinz, wenn sie durch ganz China und in Dutzende Städte in den USA, Asien und Europa fliegen. Die Airline ist die viertgrößte Chinas. Darüber hinaus hat HNA in 16 andere Fluglinien auf der ganzen Welt investiert, auch in Brasilien und Südafrika. „Ohne Adam hätten sie aus HNA niemals ein globales Unternehmen machen können“, sagt ein Investmentbanker, der für eine US-amerikanische Kanzlei in Hongkong arbeitet und der seinen Namen nicht gedruckt sehen will. „Er ist das Gesicht der Gruppe. Der Dealmaker.“

ERST LEISE, DANN MACHTVOLL

Bei HNA beginnt ein Deal häufig Iange, bevor Tan persönlich auf der Bildfläche erscheint – und manchmal sogar, bevor die Übernahmekandidaten überhaupt von der Existenz von HNA ahnen. So war es etwa bei Ingram Micro. Im September 2015 teilte HNAs Finanzberater CICC dem Pekinger Repräsentanten von Ingram mit, sein Klient sei „an einem Investment interessiert“. Er schlug eine Beteiligung von 20 Prozent vor. So steht es in einem 185-seitigen Dokument der US-Börsenaufsicht SEC, das sich wie eine Studie der HNA-Taktik liest.

Die Reaktion in Kalifornien fiel gemischt aus. „Mein erstes Bauchgefühl war: Warum? „, sagt der CEO von Ingram, Alain Monié, über einer Limonade in Paris. „Wir hatten absolut keinen Bedarf.“ In Südfrankreich geboren und aufgewachsen, hatte Monié im Auftrag von Honeywell Jahre in Asien verbracht und in China Geschäfte gemacht. Dennoch sagt er: „Um ehrlich zu sein: Ich hatte noch nie von HNA gehört.“

Das sollte sich ändern. Im November 2015 flogen Tan und einige Spitzenleute von HNA nach Kalifornien, um Monié in einem Logistikzentrum von Ingram in Mira Loma zu treffen. Tan spricht gewandt und fließend Englisch und pflegt einen trockenen Humor. Monié und er tauschten sich über ihren jeweiligen Werdegang aus und diskutierten die Strategien ihrer Unternehmen. Monié sagt, ihm sei klar geworden, dass Tan die Expansion von Ingram aus der Ferne beobachtet hatte.

Bei einem ausgedehnten Abendessen im Pelican Hill Golf Resort in Newport Beach führten die beiden Männer ihre Unterhaltung fort. Dort enthüllte Tan seine wahre Absicht: Ingram in Gänze zu kaufen. Das Unternehmen solle weitermaChen wie bisher, mit Sitz in Kalifornien und unter Moniés Führung.

HNA — zu Teilen durch chinesische Staatsbanken finanziert – sei im Gegenzug bereit, einen hübschen Aufschlag zu zahlen. Als HNA Ingram schließlich erwarb und im vergangenen Dezember von der Börse nahm, bekamen die Aktionäre einen Aufschlag von 31 Prozent auf den Kurs des Tages, an dem die Übernahme bekannt wurde. Das Angebot war zu gut gewesen, um es zurückzuweisen.

Doch Geld war nicht das einzige Argument. Ähnlich wie bei anderen Übernahmen durch HNA gab es noch ein anderes entscheidendes Lockmittel: einfacher Zugang zu Chinas riesigem Markt. Monié zufolge hatte Ingram zuvor Schwierigkeiten, in China Fuß zu fassen. Obwohl das Unternehmen dort seit mehr als 20 Jahren operiert, trug China im vergangenen Jahr gerade mal drei Prozent zu Ingrams globalem Umsatz bei. Ingram Micro hat viel Geld in Cloud-Technologie gesteckt, doch um dafür in China eine Lizenz zu bekommen, bedarf es eines chinesischen Mehrheitseigners. „Der Markt ist sehr hart, mit sehr starken lokalen Wettbewerbern“, sagt Monié. „Schauen Sie sich an, wie viele nicht chinesische Unternehmen ohne einen chinesischen Partner in China Erfolg gehabt haben. Es sind sehr, sehr wenige.“

TÜRÖFFNER IN CHINA

Unter HNA sei Ingrams Umsatz in China bereits in die Höhe geschossen, sagt Monié. In fünf Jahren werde er sich vervierfacht haben. Tan sagt, die Investition passe in den Plan, ein globales Tech-Distributionsnetzwerk aufzubauen und damit in Infrastruktur und Rohstoffe zu expandieren. Dazu gehöre die Lieferung von Tür zu Tür, für die Ingram wichtige Grundlagen schafft. Zudem hat HNA im März für 775 Mio. Dollar 51 Prozent des Öllagergeschäfts von Glencore gekauft, dem Schweizer Rohstoffriesen.

Auch in anderer Hinsicht sieht Monié Wachstumspotenzial für Ingram. Chinesische Unternehmen können nun Ingrams Netzwerk in 160 Ländern für den Export nutzen. „Viele Unternehmen sind in China riesig, aber nicht außerhalb“, sagt Monié. „Sie sagen uns: Helft uns, jenseits von China zu wachsen.‘ Das ist eine enorme Chance.“

Wie die Dinge stehen, scheint Monié über seine chinesischen Eigentümer entzückt zu sein — insbesondere weil sein Unternehmen nach außen immer noch uramerikanisch aussieht. Der bekennende Amerikafreund Tan sagt, er habe keine Absicht, daran etwas zu ändern. Vielmehr ist es Teil seiner Strategie für HNA. „Dies ist ein globaler Konzern, der zufälligerweise chinesische Wurzeln hat“, sagt er. „Aber zwei

Drittel unserer Erlöse machen wir außerhalb Chinas. Allein in den USA haben wir 45 000 Angestellte.“

Führungskräfte von HNA behaupten, ihr Unternehmen verkörpere inzwischen sowohl Ost als auch West. Doch in dem 64-jährigen Mitgründer und Co-Chairman von HNA, Chen Feng, dominiert klar der Osten.

90 MINUTEN MEDITATION AM TAG

In seinem Pariser Hotelzimmer erzählt er, dass er um 5 Uhr 30 aufgestanden sei, um anderthalb Stunden zu meditieren. Als strenggläubiger Buddhist nimmt er auf Reisen sein eigenes Meditationskissen mit, damit kein Tag ohne eine intensive Session vergeht. Diese Angewohnheit habe maßgeblich geprägt, wie er HNA führe: „Den buddhistischen Lehren zufolge wird deine Weisheit aus dir herausfließen, wenn du ganz ruhig wirst“, sagt Chen. Außerdem halte das Meditieren jung, witzelt er: „Schau, keine Falten“, sagt er und streicht sich über die Stirn.

Die Angestellten verehren Chen als Visionär, dessen Glauben die Kultur des Unternehmens prägt. Er war Delegierter des Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas. Das sei das aber eher ein „Ehrentitel“ und kein Ausweis enger Bande zur Regierung, sagt HNA. Während des Gesprächs bereitet ein Assistent eine dampfende Kanne weißen Tee aus Fujian auf einem grünen Reisekocher zu, der auf dem Hotelschreibtisch steht. „Ich schleppe immer eine Menge Zeugs mit“, sagt Chen. „Dieses Hotel kennt diese Art Teekanne nicht.“

Dank des Erfolgs von HNA ist Chen inzwischen Milliardär. Sein Sprecher gibt keine Auskunft über die exakte Höhe seines Vermögens oder den genauen Anteil, den er am Unternehmen hält. Doch sein Reichtum schlug dieses Jahr Wellen, als sein Bruder und er jeweils 47 Mio. Dollar für zwei Apartments im Wolkenkratzer One 57 in Manhattan hinblätterten. HNA will das nicht bestätigen. Für seinen Teil behauptet Chen, die handlungsleitende Philosophie von HNA sei am Buddhismus angelehnt und verlange von allen Mitarbeitern, „Mitgefühl, Weisheit und Altruismus“ zu praktizieren.

Chen, Tan und die vier anderen Gründer von HNA haben sich verpflichtet, ihre Anteile nach ihrem Tod an die wohltätige Stiftung von HNA abzutreten, die Hainan Province Cihang Foundation. Die Eigentumsverhältnisse sind äußerst undurchsichtig: Bis Ende Juli hieß es, die Stiftung besitze 22,75 Prozent an HNA; die restlichen 77,25 verteilten sich auf die Hainan Airlines Holding und 18 Individuen, die allerdings ungenannt blieben. Doch dann veröffentlichte HNA eine neue Aufstellung, wonach die Stiftung nun 52,25 Prozent besitze. Ob die Gesellschafterstruktur sich grundsätzlich geändert hat, wurde nicht bekannt.

DER WIDERSTAND NIMMT ZU

Wenn CEO Tan auch behauptet, HNA habe nur „zufälligerweise“ chinesische Wurzeln, so dürften es doch genau diese Verbindungen sein, die die nächsten Schritte bestimmen. Im vergangenen November verkündete die Regierung in Peking, sie werde sowohl für Unternehmen als auch Privatpersonen Kapitalverkehrskontrollen einführen, um die Geldabflüsse besser zu kontrollieren. Damit wollte China den Kurs des Renminbi stützen und seine Währungsreserven schützen, die (dennoch) im Februar erstmals seit 2011 unter die psychologisch wichtige Grenze von 3 000 Mrd. Dollar fielen. Unter anderem werden Übernahmen mit einem Volumen von mehr als 1 Mrd. Dollar erschwert, wenn sie nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens gehören.

Die Führung von HNA behaupten, die Einschnitte hätten für sie kaum Folgen. Mehr als die Hälfte des Gewinns der Gruppe stamme inzwischen aus außerchinesischen Beteiligungen, sodass HNA sich auch im Ausland problemlos finanzieren könne. Aber das gilt nur, solange sie sich nicht übernehmen.

Im vergangenen November schrieb die Ratingagentur S&P Global Ratings aus Hongkong in einem Kommentar, die Finanzpolitik von HNA sei „aggressiv“, das Unternehmen habe „einen hohen Verschuldungsgrad“. Guang Yan, der Chieflnvestment Officer von HNA Capital, dem Pekinger Finanzarm der Gruppe, behauptet dagegen, die finanzielle Lage des Unternehmens sei mehr als solide. „Der Cashflow außerhalb Chinas ist sehr erfreulich“, sagt Guang. „Wir schauen uns weiterhin nach Übernahmeobjekten um.“

Die Fragen nach den Finanzen von HNA verschwinden über solche Versicherungen allerdings nicht. Im Mai erzählte der chinesische Milliardär Guo Wengui der „New York Times“ im bequemen Exil seines 68-Mio.-Dollar-Apartments in Manhattan, politisch einflussreiche Leute in China hielten unerkannt große Anteile an HNA. Guo hat diverse Beschuldigungen gegen chinesische Unternehmen vorgebracht, konkrete Beweise blieb er jedoch schuldig.

HNA-Chairman Chen tut seine Behauptungen als „ein Paket Lügen“ ab. Im Juni verklagte HNA Guo wegen Verleumdung vor dem New York State Supreme Court auf 88 Mio. Dollar Schadensersatz. Seine „gegenstandslosen und wertlosen“ Vorhaltungen würden die Reputation des Unternehmens beschädigen. Guos Antwort lässt sich in etwa so zusammenfassen: Dann zeigt mal, was ihr könnt. „Nur ihre Antworten können den Wert  und die Wahrheit dieser Angelegenheit erhellen.“

Tatsächlich erregt das enorme Wachstum von HNA vielerorts Verdacht. Dazu gehört auch die Vermutung, politische Verbindungen würden HNA vor weiteren staatlichen Schritten gegen die Expansion des Unternehmens schützen. „Selbst seit Einführung der Kapitalverkehrskontrollen hat HNA weiterhin Unternehmen gekauft“, sagt Derek Scissors, Wissenschaftler am konservativen

American Enterprise Institute in Washington und ein führender Experte für chinesische Auslandsinvestitionen. „Wie ist HNA das möglich, wenn anderen Konzernen die Hände gebunden sind? Man muss daraus folgern, dass sie sehr enge Beziehungen zur Partei unterhalten.“ Die HNA-Führung weist das zurück und verweist erneut auf den außerchinesischen Cashflow.

Westliche Banker beginnen trotzdem zu zweifeln. Die undurchsichtige Eigentümerstruktur hat die Bank of America dazu bewogen, alle Geschäfte mit HNA auf Eis zu legen. So zitierte die „New York Times“ aus einer internen E-Mail des für AsienPazifik zuständigen Präsidenten der Bank, Matthew Koder, vom 28. Juni: „Wir wissen ganz einfach nicht, was wir nicht wissen, und wir sind nicht bereit, das Risiko zu tragen.“

Weiter schrieb Koder: „Unsere Standards bei der Kundenauswahl beizubehalten hat höchste Bedeutung. Angesichts dessen haben wir beschlossen, mit der HNA Group zu diesem Zeitpunkt keine Geschäfte zu machen.“ Anfang September setzte die Investmentbank Goldman Sachs die Arbeit am Börsengang der amerikanischen HNA-Tochter Pactera aus, angeblich, weil selbst den Investmentbankern das Zahlenwerk der Tochter zu intransparent erschien.

DIE FINANZAUFSICHT ERMITTELT

Auch in China wird HNA aufmerksam beäugt. Nur Tage vor der Gala in Paris ordnete die chinesische Bankenaufsicht CBRC an, alle Banken müssten ihre Kredite an HNA überprüfen. Das Gleiche galt für Kredite an die Anbang Insurance Group, die Dalian Wanda Group und Fosun International. All diese Unternehmen haben sich stark verschuldet, um Übernahmen im Ausland zu finanzieren.

In Interviews lassen Tan und andere Spitzenleute wenig Besorgnis über die Ermittlungen erkennen. In einem Statement heißt es, die Gruppe „kooperiere vollumfänglich“ mit den Behörden und sei „in einer gesunden finanziellen und operativen

Verfassung“. Dennoch muss es ihnen zu denken geben, dass die Regierung im Juni den Chairman von Anbang, Wu Xiaohui, festgenommen hat. Sein Konzern war — genau wie HNA — auf globale Einkaufstour gegangen.

Anstatt sich wegzuducken, kultiviert HNA weiter seine Kontakte ins Ausland, auch zu hochrangigen Politikern. Im Juni wurde Tan ins Board des Atlantic Council berufen, eine in Washington ansässige Organisation von Unternehmenslenkern und führenden Politikern.

Auf dem formellen Bankett des Council in Washington posierte Tan mit US-Vizepräsident Mike Pence. Das Foto steht inzwischen auf der HNA-Website. Am 6. Juli wohnte er einer Rede Donald Trumps in Warschau bei, wo man ihn im VIPBereich platzierte.

Scissors zufolge haben chinesische Unternehmen schon in der Vergangenheit mächtige Verbündete im Ausland gesucht, um sich gegen mögliche Attacken der Regierung daheim abzusichern. Das könne auch bei HNA der Fall sein, sagt er. „Indem sie sich bei der Deutschen Bank eingekauft haben, indem sie Ingram Micro übernommen haben, sagt HNA: Ihr könnt nicht gegen uns vorgehen, denn das wird euch Schlagzeilen in den USA und Deutschland einbringen, die ihr nicht sehen wollt.“

Am Ende könnte sich die Führung von HNA als zu gut vernetzt herausstellen, um von Chinas Regierung aufs Korn genommen zu werden. Dazu passt, dass die HNA-Chefs weit über China hinaus denken. HNA will wahrhaft global werden. Die Chinesen wollen, dass ihr chinesischer Ursprung durch Markennamen wie Radisson und Hilton und Deutsche Bank aus dem Bewusstsein verschwindet.

Beim Dinner in Paris sagt Tan auf der Bühne, HNA fühle sich als „Teil der europäischen Familie“. Er bietet sogar seine Hilfe an, die Olympischen Spiele 2024 nach Frankreich zu holen. Beim Gespräch am nächsten Morgen geht es ihm wieder um die USA. „Mein Ziel ist, dass US-Amerikaner HNA innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre als Lokales Unternehmen betrachten.“

Wenn es nach Tan geht, sollen die drei Buchstaben für niemanden mehr ein Geheimnis bleiben.

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