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Trotz Offenlegung: Wahnsinns-Gehälter für US-Vorstände

Da kommt manch ein Angestellter schwer ins Staunen oder auch ins Grübeln: Bis zu 500 mal mehr als das Durchschnittsgehalt eines Mitarbeiters verdienen in den USA die Vorstände von börsennotierten Unternehmen, die sogenannten CEO’s (Chief Executive Officer). Doch diese Zahlen müssen seit letztem Jahr in den jährlichen Bekanntmachungen, den Jahresberichten, offengelegt werden, damit Aktionäre genau wissen, wie die Unternehmensgelder verteilt werden. Einerseits gut und wichtig, andererseits sicherlich ein „rotes Tuch“ für manchen Mitarbeiter, der sich mit durchschnittlichem Jahressalär von 30.000 $ zufriedengeben muss. Sein Vorstandsvorsitzender dagegen streicht oftmals satte 100 Mio.$ im Jahr ein. Abhängig von der Höhe des zu verwaltenden Firmenkapitals.

Den amerikanischen CEOs ist man endlich im vergangenen Frühjahr mal ans Portemonnaie gegangen und hat damit eine peinliche Gehaltsdebatte hervorgerufen. Die Wertpapieraufsicht SEC verlangt seit 2018, dass die Aktiengesellschaften in den anstehenden Jahresberichten erstmals auch Daten zu ihrer sogenannten CEO-Pay-Ratio veröffentlichen: Das Gehalt des Chefs und das eines mittleren Beschäftigten müssen ausgewiesen und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Dass die CEO-Vergütungen im Trend dramatisch schneller gestiegen sind als die normalen Löhne, ist vielfach dokumentiert. Die USA liegen weit an der Spitze, aber auch in Europa sind manche Pay-Ratios heute dreistellig. Die SPD wollte die Chefs deshalb bereits in der vergangenen GroKo an die Kandare nehmen: „Maß und Mitte“ seien verloren. Um die „Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft“ zu sichern, müssten die Vorstandsbezüge reguliert werden, heißt es im sozialdemokratischen Gesetzentwurf von 2017.

Der US-Wertpapieraufsicht geht es allerdings nicht um Gerechtigkeit, sondern ausdrücklich nur um die bessere Information der Aktionäre. Die entscheiden dann als Eigner mit Vertragsfreiheit, was sie ihren Topangestellten zahlen. Aus Sicht der Eigentümer ist eine extreme Gehaltskluft heikel. Einerseits heizt sie den Ehrgeiz der Führungsriege an; die am besten geeigneten Kandidaten können vielleicht nur mit viel Geld gewonnen und gehalten werden. Zugleich schafft krasse Ungleichheit ständigen Unfrieden und beschädigt den Ruf bei den Kunden. Verliert der Super-Paycheck-CEO die persönliche Bodenhaftung, endet das für alle Beteiligten oft katastrophal.

Erste Umfragen zeigen, dass die Pay-Ratio mancher US-Chefs auch in diesem Jahr extrem hoch ausfallen wird. In einer Studie der Beratungsfirma Equilar nannte die Hälfte der Unternehmen einen Faktor von 140 und mehr, der Durchschnittswert betrug 241. Für die Dax-Konzerne hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in der Vergangenheit Manager-to-Worker-Pay-Ratios von im Schnitt knapp 60 ermittelt. Allerdings wurde dafür nur der deutsche Durchschnittsvorstand (statt des CEOs) mit dem durchschnittlichen Beschäftigten verglichen.

Die Unterschiede zwischen den Unternehmen sind erheblich, zum Teil aber einfach zu erklären. Die Pay-Ratio steigt mit dem vom CEO zu verantwortenden Umsatz. Und sie hängt entscheidend vom Belegschaftsmix ab: In den zyklischen Konsumbranchen mit vielen Billigjobs etwa in der Gastronomie — liegt das mittlere Gehalt gerade mal bei einem Fünftel dessen, was im Öl- und Gasgeschäft verdient wird. Bei gleich hoher CEO-Vergütung ergibt sich folglich eine fünfmal höhere Pay-Ratio als im Energiesektor. Ein CEO, der die plakative Kennzahl senken will, ohne sein eigenes Konto anzutasten, muss nur möglichst viele Einfachjobs outsourcen. Und als Hebel der Verteilungspolitik taugen Quotenvorgaben kaum: Die Lohnstrukturen zeigen sich in der Pay-Ratio nur schemenhaft. Und die Vermögenseinkünfte der großen Eigentümerunternehmer, die zuletzt erheblich zum Auseinanderdriften der Einkommen beitrugen, sind in der Ziffer gar nicht berücksichtigt. In jedem Fall muss ein Limit auf die konkreten Umstände zugeschnitten werden. Die Sozialdemokraten wollen alle AGs verpflichten, eine solche firmenspezifische Höchstgrenze festzulegen. Die Union hat das Thema für die neue GroKo erst einmal abgelehnt. Pikant: In dem Konzern, in dem SPD und Gewerkschaften schon heute maßgeblich mitreden, haben sie nichts bewegt. Ausgerechnet VW verzeichnete über Jahre überdurchschnittlich hohe Pay-Ratios und lag zuletzt mit deutlich dreistelligen Werten in der deutschen Spitzengruppe.

Die Frage bleibt, ob die Wahnsinns-Gehälter von Vorständen oder CEOs, ob in Deutschland oder USA überhaupt gerechtfertigt sind, zumal bei Entlassung auch noch irrwitzige Abfindungen gezahlt werden, die nichts mit dem Spiegel der Leistung zu tun haben, sondern von vorneherein mit dem Unternehmen und dessen Management vereinbart werden. Vielleicht sollte man die Diskussionen auch mal in die Richtung lenken, dass die hohen Abfindungen bei Entlassung wegen nicht erbrachter Leistung grundsätzlich grenzwertig und abzuschaffen sind. Man sieht, es gibt genügend Zündstoff, der die allgemeinen Diskussionen beleben könnte…

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