„Urgewald“ gegen Kürzung von Fördermitteln für Klimaschutz

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Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Urgewald hat sich gegen die Aussetzung von Fördergeldern zum Schutz von Brasiliens Regenwald ausgesprochen. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro habe zwar eine „ganz furchtbare Haltung zum Regenwald“, bemerkte dazu die Weltbank-Expertin der Organisation, Ute Koczy, im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am Ende zähle aber, dass mit dem Geld nicht der Präsident, sondern jene Menschen in Brasilien unterstützt würden, die für den Schutz des Regenwaldes ihr Leben riskierten.

Hintergrund ist die Ankündigung von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor wenigen Tagen, die Zahlung von 35 Millionen Euro aus der internationalen Klimaschutzinitiative des Ministeriums vorerst auszusetzen. Schulze könne Bolsonaro damit ohnehin nicht strafen, sagte Koczy, „Der pellt sich ein Ei drauf.“ Würden die Projekte hingegen gestoppt, gingen damit jedoch auch die Verbindungen zu Klima- und Umweltschützern verloren, die für den Schutz des Regenwaldes einträten. Ebenso wären Ureinwohner (Indigene) betroffen. Beide Gruppen erleben derzeit in Brasilien starke Repression. Die Abholzung des Regenwaldes stieg nach Angaben brasilianischer Fachbehörden im Vergleich zum Vorjahr um 88 Prozent. Bolsonaro hat bereits kommentiert, ihm sei die Einschränkung gleichgültig, Brasilien benötige das Geld nicht, Deutschland könne es anderweitig verwenden.

Stattdessen forderte Koczy andere radikale Lösungen, um die Abholzung im Amazonas zu stoppen. Dazu gehörten ein Verzicht auf brasilianisches Soja, sowohl in Produkten als auch als Futtermittel. Weiterhin solle kein Fleisch mehr aus Brasilien gekauft werden, am besten EU-weit. Als weiteres Druckmittel schlägt die Weltbank-Expertin vor, die Bundesregierung müsse das erst Ende Juni 2019 vereinbarte Freihandelsabkommen mit dem Mercosur-Staatenbund aufkündigen. Der Mercosur ist der Binnenmarkt des südamerikanischen Kontinents und zählt 260 Millionen Menschen auf der Fläche von 72 Prozent Südamerikas. Brasilien ist dabei mit über 200 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land des Teilkontinents.

„Der drohende Verlust des Regenwaldes müsste uns eigentlich schon jetzt zwingen, unsere Gewohnheiten grundlegend umzustellen“, sagte die Entwicklungsexpertin. Der Urwald und das Amazonasgebiet gelten als bedeutendster Kohlenstoffspeicher der Welt und als der bedeutendste Speicher von Biodiversität. Wenn der Bundesregierung tatsächlich an einem Stopp des Klimawandels liege, dann sollte man besser jetzt schon selbstbestimmt radikale Entscheidungen treffen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit“, unterstrich Koczy. „Ist der Regenwald weg, ist das Weltklima nicht mehr zu retten.“

Aktuell zerstören wieder große Feuer Teile des Regenwaldes. Vor wenigen Tagen hat der brasilianische Staat Amazonas wegen einer steigenden Zahl von Bränden in der Region den Notstand ausgerufen. Grafiken des Copernicus Atmosphere Monitoring Service zeigen, dass die Brände in den Staaten Rondônia und Amazonas viel aktiver sind als durchschnittlich in den vergangenen 15 Jahren. Waldbrände haben dabei drei klassische Ursachen. Das kann Blitzschlag oder Selbstentzündung sein, wie sie vor allem in Savannen vorkommt, die auch in Brasilien existieren und wertvolle CO2-Speicher darstellen. Die Größe des Landes macht einige dieser Gebiete unerreichbar und solche Brände häufig nicht zu löschen. In besiedelten Gebieten wird Brandrodung von der örtlichen Bevölkerung auch vielfach als traditionelles Mittel der Landwirtschaft eingesetzt, das Kohlenstoff und Asche als Dünger in die Erde bringen soll, allerdings des öfteren außer Kontrolle gerät. In solchen Gebieten sind deutsch-brasilianische Verbindungen noch hilfreich und können auch Einfluss nehmen. Vielfach sogar in Zusammenarbeit mit brasilianischen Behörden. Die schicken dann Feuerwehrleute in solche Regionen, und die unterstützen die Bauern beim eng begrenzten kontrollierten Abbrennen. Dritter Auslöser für Brände sind brasilianische oder multinationale Konzerne mit Sinn für Gewinn, aber ohne Interesse an Bremsschuhen wie internationaler Klimapolitik. Solche Konzerne profitieren besonders von den Einstellungen des neuen Präsidenten Bolsonaro.

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