Wie geht es mit dem Hambacher Forst jetzt weiter?

Deutschland

 

Die Bilder, die im Fernsehen und in den Zeitungen zu sehen waren, haben die meisten noch vor den Augen. Demonstranten haben sich in Baumhütten hoch oben im Geäst verschanzt oder stehen zu Hunderten den Polizeikräften gegenüber, um ihren „Hambacher Forst“ vor dem Aussterben zu retten. Einem Gebiet, etwa 200 Hektar groß, in Nordrhein Westfalen zwischen Köln und Aachen gelegen, wo seit Jahren der Wald gerodet wird, damit sich der Braunkohleabbau weiter ausbreiten kann. Der Energieversorger RWE geht rücksichtslos gegen Wald, Natur und die dort lebenden Tiere vor und zerstört das ökologische Gleichgewicht. Deshalb besetzen seit mittlerweile 6 Jahren hunderte Aktivisten den Forst, um das Roden aufzuhalten. Vergleichen kann man diese „Retter der Natur“ mit den berühmt gewordenen „Gelbwesten“ in Frankreich, die gegen Ausbeutung und Lohndumping demonstrieren. Im Hambacher Forst jedenfalls haben die Aktionen der Aktivisten mittlerweile Teilerfolge erzielen können, denn im ersten Quartal diesen Jahres entscheidet ein Gericht, ob der Braunkokle-Tagebau gestoppt werden muss. Eine weitere Räumung der Baumhütten und Vertreibung der Demonstranten ist erst einmal ausgesetzt. Zeit zum Durchatmen für alle.

Jeder Demonstrant ist anders motiviert

Die Motivation der einzelnen Menschen, die sich dort einfinden, ist von unterschiedlicher Natur. Meist sind es junge Leute, die sich verpflichtet fühlen gegen den Raubbau an Mutter Natur vorzugehen. Sie wollen später nicht sagen müssen, dass sie es nicht versucht hätten als sie jung waren und wach und wütend. Sie wollen die Leute aufrütteln angesichts dessen, was gerade passiert mit der Welt. Wo jeder mitmacht, ob er will oder nicht, beim Klimawandel und alldem. Deshalb sind sie auf Bäume geklettert und haben sich an Äste gekettet, Tim und Indigo und Clumsy und die anderen. Sie haben Baumhäuser gebaut, Wachposten und Mahnwachen zugleich, die Polizei hat sie geräumt, und nun hocken sie doch wieder auf dicken Ästen im Hambacher Forst, der in diesem Sommer zum Symbol für den Kampf der Jungen gegen die Sünden der Alten wurde. Clumsy, 30, früher Rettungssanitäter, lebt seit sechs Jahren unter der Baumkrone, Tim, 27, früher Karosseriebauer, seit fünf. Und Indigo, 22, nach dem Abitur und einer Lateinamerika-Tour seit knapp zwei Jahren dabei, will nun durchs Land reisen und den Leuten erklären, was jeder tun könne, ein System zu ändern, das kurz vor dem Kollaps stehe, wie sie meint. Die drei stehen stellvertretend für Tausende junger Leute, die in diesem Dürresommer das Thema Kohle und Klimawandel mit Macht auf die Tagesordnung setzten. Dort, wo sich Riesenbagger in Tiefen bis zu mehr als 400 Metern unter Flur fressen, in eines der größten Löcher des Planeten, wohl zehn Kilometer lang und an die acht KiIometer breit. Und wo zugleich Heimat ist für Tausende Bergleute und ihre Familien.

Zwischen Aachen und Köln und Ruhr und Erft graben sie die Landschaft um, damit aus Kohle Strom werde. Und seit 40 Jahren wehren sich Bewohner der Dörfer vergebens gegen Enteignung und Abriss. Die einen wurden abgefunden, die anderen haben sich abgefunden. Kirchen und Kneipen verschwanden ebenso wie fruchtbares Ackerland. Aber dann kamen Menschen aus aller Welt. Der Hambacher Forst wurde zum neuen Hotspot der Umweltszene. So richtig in Bewegung geriet der Protest ,als junge Leute alte Bäume besetzten, Häuser auf ihnen bauten und manch resigniertem Alt-Kämpfer zeigten, wie man den Arsch wieder hochbekommt, 16 Meter über der Erde. „Wir wollen Mut machen“, sagt Clumsy aus Graz in Österreich. Er lebt mal auf einer Hainbuche, mal auf einer Stieleiche, sein aktueller Baum misst 25 Meter, er nennt ihn „Mona“. Nach der mittlerweile vierten Räumung vor vier Wochen bezog Clumsy eine neue  Plattform, auf die er ein Zelt stellte. Fast 500 Unterstützer sicherten ihm zu, für die Kosten einer Ordnungsstrafe aufzukommen, weil er einmal mehr etwas Verbotenes tut. Man muss fast zwei Kilometer durch den Wald laufen, vorbei an Barrikaden und anderen Baumhäusern, um Clumsy hier zu treffen. Zum Gespräch am frühen Morgen seilt er sich ab. Ein paar Meter entfernt zimmert Tim an einem neuen Zuhause, etwas weiter, in einer Kuhle versteckt, schlafen andere Aktivisten neben Seilen, Werkzeug und Palettenholz. Es ist die Spende eines holländischen Spediteurs. Viele Bürger unterstützen die Besetzer auch mit Lebensmitteln und Geld. Um Clumsys Hüften hängen Karabiner und Seile. Alle paar Tage geht er in ein benachbartes Zeltcamp auf einer Obstwiese, um dort kalt zu duschen, irgendwo im Wald haben sie auch eine Komposttoilette gebaut. Seine Eltern zahlen ihm die Krankenversicherung, Geld brauche er für dieses Leben hier nicht, sagt er.

Clumsy ist eine Leitfigur

Diesen Platz, vielleicht 500 Meter entfernt vom großen Bagger, der an der Abbruchkante steht, sieht Clumsy als idealen Ort, auf die Widersprüche des Systems, wie er sagt, zu verweisen. Ihm und den anderen geht es darum, eine in seinen Augen lethargische Gesellschaft durchzuschütteln, wie es der Wind tut mit dem Laub. Und mit RWE stellen sie sich gegen einen milliardenschweren Giganten, der sich als Deutschlands größter Stromproduzent und immer mehr auch als Anbieter erneuerbarer Energien feiert. Und dessen Mitarbeiter hier in den vergangenen Jahren zu Totengräbern wurden für mehr als 4000 Hektar Wald, von dem nur noch gut ein Zehntel steht. Der sollte nun auch fort, wären da nicht Clumsy und die anderen und vor allem die Fledermäuse. Denn ein Gericht hat entschieden, dass der Rest Wald in den nächsten zwei Jahren, mindestens, nicht gefällt werden dürfe. Auch wegen „Vorkommen der Bechsteinfledermaus und des Großen Mausohrs, die als Arten von gemeinschaftlichem Interesse (…) streng geschützt seien“, wie es, nach einer Beschwerde der Naturschutzorganisation BUND, im Beschluss des Oberverwaltungsgerichts in Münster heißt. Die Lage für einen öffentlichkeitswirksamen Kampf also ist gut, aber das langt Clumsy nicht. „Wir müssen radikaler werden“, sagt er. „In dem Sinn, der Grundlage des Übels an die Wurzel zu gehen.“ Und die ist, so sieht er es, das kapitalistische System, wie es derzeit organisiert ist. „Alles muss billiger werden, und niemand übernimmt am Ende Verantwortung. Und alle wählen selbst für kurze Strecken den Flieger, obwohl Kerosin die Atmosphäre aufheizt.“ Clumsy verzichtet seit elf Jahren auf Flugreisen und ist trotzdem viel unterwegs. In England beteiligte er sich an Blockaden von Kohletagebau, in Belgien und Schweden kämpfte er gegen die Rodung von Wäldern. Für seinen zivilen Ungehorsam „gegen omnipräsente Vernichtung“ in den Braunkohlegruben der Lausitz nahm er zwei Monate Untersuchungshaft in Kauf. Im Hambacher Forst machte er den Polizisten einige Mühe, ihn vom Baum zu holen, sie mussten schließlich mit der Säge kommen. Clumsy hatte sich dort oben mit Zement und Erde einen 300-Kilo-Betonblock gemischt, mit einem Rohr, in das er seinen rechten Arm versenkte. Eine mittlerweile weitverbreitete, wenn auch riskante Aktionsform, um eine Räumung kompliziert und teuer zu machen.

„Es muss uns gelingen, die Leute zu überzeugen, Fragen zu stellen. Was sinnvoll ist und was nicht. Was gesund macht und was krank“, sagt Clumsy. Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Was müssen wir tun? Diese Fragenwerden im Wald wieder und wieder diskutiert. Fragend schreiten wir voran: ein Satz, den die Zapatisten geprägt haben, mexikanische Rebellen. Und auch diese Sätze fallen oft im Wald: Erst ignorieren sie uns. Dann lachen sie über uns. Dann bekämpfen sie Der Einsatz der Aktivisten, die nun seit   sechs Jahren in den Bäumen hocken, beeindruckte zuletzt viele. In Nordrhein Westfalen fordern, aktuellen Umfragen zufolge, drei von vier Menschen einen schnellen Ausstieg aus dem Braunkohleabbau. Im Hambacher Forst wuchsen die wöchentlichen, anfangs von 40, 50 Bürgern besuchten „Waldspaziergänge“ über die Zeit zu Demonstrationen von 15000 und mehr Menschen an. Bis sich vor einem Monat schließlich 50.000 mit denen in den Bäumen solidarisierten — mit diesen sonderbaren Waldmenschen, die sich für die Morgentoilette abseilen und über Stunden Wasser in Kanistern schleppen und von Lebensmitteln zehren, die andere wegwerfen.

Unterstützt werden sie von Bürgern aus Buir, dem nächsten Dorf hinterm Wald. Sie setzen sich seit Jahren mit juristischen Finessen gegen den Tagebau zur Wehr, sind aber auch erschöpft von Ignoranz und Einschüchterung. Die Initiative „Bürger für Buir“ zählt kaum mehr als 40 Mitglieder. Ihre Sprecherin Antje Grothus,54, katholisch, Mutter von drei Kindern und gelernte Ökotrophologin, verzweifelte mehr als einmal, bis sie schließlich in die sogenannte Kohlekommission gerufen wurde, die Vorschläge für den „Strukturwandel“ machen soll. Denn raus aus der Kohle wollen nun alle, auch RWE und die Regierenden, nur ist die Frage, wann und zu welchem Preis. Es wird eben auch um Zeit gerungen. Zeit, die Clumsy, Tim und Indigo nicht mehr zu haben meinen. Sie sind zum Feindbild für all jene geworden, die ihretwegen um ihre Existenz fürchten. Über viele Jahre gab das Loch Menschen Lohn, viele ungelernte Arbeiter schafften gutbezahlt den sozialen Aufstieg. Großgeräteführer zu werden war das Höchste, einen dieser Riesenbagger zu bewegen. Heute bewegen die anderen Herzen und Hirne.

Mit Trillerpfeifen und schreiend zogen die Arbeiter vor dem Haus der Kohlekritikerin Antje Grothus auf und streckten ihr die Fäuste entgegen. „Die Jungs müssen Luft rauslassen“, sagt RWE-Betriebsrat Walter Butterweck. Er ist übrigens, ähnlich wie die jungen Waldbesetzer, auch der Meinung, man müsse nun „mehr zivilen Ungehorsam wagen“. Der Arbeiterführer kämpft mit den Kumpeln um den Erhalt der Grube und verweist darauf, dass anderswo in der Welt noch mehr Kohlekraftwerke gebaut werden und überdies zum Beispiel der Betrieb von Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen auch zur Verstümmelung der Welt beitrage. Seine Leute, sagt er, würden hart dafür arbeiten, sich auch einmal diese Annehmlichkeiten leisten zu können, jederzeit in den Urlaub zu fliegen oder mit dicken Pötten aufs  Meer hinauszufahren. Ihn widert es an, dass einige Baumbesetzer Polizeibeamte bei der letzten Räumung mit Fäkalienbewarfen und auch mit Zwillen beschossen. Diese Veganer aus dem Wald sind ihnen eine einzige Zumutung. Die mit ihrem „Hambi“. Es ist alles auch ein großes psychologisches Drama. Die gegen uns. Wir gegen die. Es geht um Würde, Wertschätzung und Respekt. Auch für die Leistung von RWE, am Anfang der Grube wieder 150 Hektar neuen Wald gepflanzt zu haben. Mit enormem Aufwand wurden Ameisennester und Waldboden verlegt, auf dass aus altem Erdreich neues Leben sprieße. Selbst eine Flugschneise haben sie gebaut, damit die Fledermäuse über KiIometer den Weg von der alten in die neue Heimat finden. Sichtlich beseelt von der Fähigkeit der   Natur, sich zu revitalisieren, führt der ehemalige Revierförster Günter Rosenland, 66, seine Gäste durch das auch von ihm geschaffene neue Paradies. Prospektreifes Grün, durchaus beeindruckend, aber so ein junger Spund ist eben nicht zu vergleichen mit dem letzten Teil des Waldes. Wo alte Bäume stoisch stehen, manche wohl schon seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Förster Rosenland bietet Äpfel an, aus eigenem Garten, eigene Züchtung, gibt es nur bei ihm, und zeigt auf von ihm gepflanzte widerstandsfähige nordamerikanische Douglasien. Wie Noah fühle er sich, der von der Arche; dieser Wald sei auch ein Labor, welche Arten dem Klimawandel trotzen. Die Fichten sind es nicht, sievertrockneten in diesem Sommer und liegen zersägt am Wegesrand, ihm blute das Herz, sagt der Forstmann. Wie ihm auch leidtue, dass nun im restlichen Hambacher Wald alte Bäume fallen müssten: „Klar ist das schade, aber es ist nichtmehr zu ändern.“ Man brauche eben riesige Mengen an Erde, für die Wiederaufforstung und um die steilen Böschungen des riesigen Lochs ringsum flach und sicher zu modellieren. „Diese jungen Leute wollen eine andere Gesellschaft“, sagt Rosenland. Neben ihm steht Betriebsrat Butterweck. „Die möchten“, sagt er, „da mit der Brechstange rein, um die Welt zu retten. Aber doch nicht auf unseren Rücken.“

So kämpfen alle um ihre Zukunft, die Jungen wie die Alten. Die Region ist in Aufruhr, wir von hier gegen die von draußen. Als ob es in einer globalisierten Welt noch darauf ankäme. So viele haben hier so viele lange Jahre mit und von der Braunkohle gut gelebt. Auf Kosten der Natur. Und diese Kosten stellen die Aktivisten nun in Rechnung. 24 Stunden am Tag wird auch in diesen Trockenzeiten 800 Meter unterm Meeresspiegel Grundwasser abgepumpt und umgeleitet. Das Leben ist hier so durcheinander, dass in dauerhaft 20 Grad warmen Flüssen   wie der Erft Amazonas-Piranhas überleben und die Quelle anderer Flussläufe wie der Niers nur dank künstlicher Wasserzufuhr nicht versiegt. „Ein völlig bekloppter Teufelskreis“, sagt Clumsy. „Es ist absurd, wie wir unser Dasein organisieren.“ Die Aktivisten haben den Heimatbegriff globalisiert: Heimat ist für sie nicht nur das geplagte Land im Dreieck zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach. Heimat, das ist für sie dieser eine Planet. „Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern für alle“, sagt Indigo. „Und was wir bisher geschafft haben, gibt uns voll viel Hoffnung.“ Indigo zog mit Anfang 20 in den Wald, auf der Suche nach einem Platz, „wirksam“ zu sein. Siewollte sich nicht abfinden mit Sätzen auch von Gleichaltrigen, dass die Welt nicht mehr zu retten sei und man  noch mal so gut wie möglich leben solle, bis es endgültig vorbei sei. Dieses düstertraurige Bild von den Dingen: So denkt sie nicht. Ihre Welt ist hell, und dass die da oben doch nur machen, was sie wollen, das trifft vor allem auf sie und ihre Baumhausfreunde aus dem Forst zu.

Denn dort oben, wo der Wind sie wiegt und in der Baumkrone Haselmäuse hüpfen, lernten sie, dass es im Leben um mehr geht als um Karriere und den Kampf des einen gegen den anderen. Gemeinsam mit anderen Aktivisten aus dem Wald hat sie sich nun in ein Haus zwischen Hannover  und Göttingen zurückgezogen, um auch  hier in einer Gemeinschaft zu leben.  Indigo liest Bücher über die Folgen der industriellen Landwirtschaft und über  solidarisches Leben, über die Verantwortung des Einzelnen und die Veränderungsbereitschaft einer Gesellschaft. Sie  beschäftigt sich damit, dass es nicht reiche, die Leute mit Verboten zu traktieren und Verzicht zu predigen. „Viele in unserem Land besitzen gar nicht so viel, auf das sie verzichten könnten“, sagt Indigo. Sie selbst komme im Monat mit 150 Euro zurecht, weil sie eben auch davonlebe, was andere mit ihr teilen. Der Hambacher Forst wurde für diese  Menschen auch zu einem Sehnsuchtsort.  Traumland, Survivalcamp, Abenteuerspielplatz. Manche in den Bäumen witzelten, man könne ja Seminare anbieten für gestresste Manager oder Schnupperkurse im Abhängen.

„Die Leute wollen Spektakel, und das bieten wir ihnen“, sagt Tim, mittlerweile der Veteran unter den nach der Räumung vielleicht wieder 150 Leuten im Wald. Der gelernte Karosseriebauer hat seinen Job bei einem Volkswagen-Zulieferer gekündigt, sein Geld verdient er manchmal nun mit anderer Lohnarbeit: als Holzfäller, ausgerechnet. Anfangs wollte er zwei Wochen bleiben, es wurden fünf Jahre. Nachdem er geholfen hatte, Häuser zu bauen, verschanzte er sich in einem über sechs Monate unbemerkt gegrabenen Tunnel fast zehn Meter unter der Erde. Dort kettete er sich an, als sich Polizisten vor seinem zusätzlich mit Falltüren gesicherten Versteck aufbauten. Mindestens einen Tag länger dauerte so die Räumung. Dass er womöglich sein Leben riskierte in einem zwei mal zwei Meter großen Loch, wo er sich 30 Stunden verbarrikadierte, diese Überlegung ist eingepreist in sein Kalkül. „Wir schreiben hier gerade Geschichte“, sagt er. „Wir haben jetzt ein wenig Zeit gewonnen. Und unsere Generation hat einen Auftrag: diese Debatte zu führen, endlich ehrlich über einen Systemwechsel nachzudenken. Jetzt geht es erst richtig los.“

Kann sich Macron gegen die Wut der „Gelbwesten“ durchsetzen?

Politik

Die „Gelbwesten“, ein Begriff, der sich in den Nachrichten in Deutschland und dem Rest der Welt mittlerweile durchgesetzt haben. Gemeint sind die Protestler in Frankreich, die Macron unbedingt weghaben wollen und die um bessere Lebensbedingungen und mehr Geld, sprich Einkommen, kämpfen. Unter ihnen bewegen sich aber auch viele Chaoten und Randalierer, die nur zerstören und polarisieren wollen. Jetzt will die Regierung in Paris mit harter Hand gegen die Demonstranten vorgehen – und die politischen Gegner von Macron mundtot machen.

Sechzehn Stunden nachdem Nathan aufgebrochen ist, um den Präsidenten zu stürzen, fragt er sich, ob das die Revolte ist, die er sich vorgestellt hat. Nathan lehnt an einer Hauswand in der Avenue Marceau in Paris und blickt auf eine Gruppe Jugendlicher, die mit Pflastersteinen das Schaufenster eines Golfladens einschlagen. Die Jungs hauen und treten, bis die Scheibe zu Bruch geht. Dann stürmen sie mit Golfschlägern und Turnschuhen davon. „Vive la France!“, ruft einer und lacht. „Oh Gott, was für Idioten!“, sagt Nathan, die Stimme voller Wut. Die anderen nicken. Die anderen, das sind Nathans Freunde, die an diesem Samstag mit ihm nach Paris gekommen sind: Charlene, Fabien und Nicolas. Alle 21 Jahre. Alle in gelben Westen.

Es ist der vierte Samstag der Proteste in Frankreich, „Acte IV“, wie ihn die Organisatoren mit Gespür für Theatralik genannt haben. Was angefangen hatte mit einer Onlinepetition einer Internethändlerin gegen die Erhöhung der Steuer auf Benzin und Diesel, ist zur größten Protestbewegung seit Jahrzehnten herangewachsen. Überall im Land haben Aktivisten Mautstationen besetzt; sie blockieren Fabriken und   Verkehrskreisel. Die gelben Warnwesten, das Kennzeichen der Bewegung, sind inzwischen zu Ikonen geworden — das Che-Guevara-Barett des Winters 2018. Es scheint, als sei der Geist der Revolte aus der Flasche entwichen und als könnten weder Zugeständnisse noch Härte ihn wieder einfangen.

Zehn Stunden sind Nathan und seine  Freunde schon in Paris unterwegs. Ihre Augen sind vom Tränengas rot geschwollen. Die Krawalle hier, das ist nicht, was sie sich zu Hause vorgestellt hatten. „Wenn sie wenigstens Banken oder Regierungsgebäude angreifen würde. Aber nicht so was. Da zahlen doch am Ende die kleinen Leute selbst“, sagt Nathan. Nicolas steckt sich eine Selbstgedrehte in den Mund: „Und was jetzt? Wir können noch nicht nach Hause fahren.“ Die vier schauen ein wenig ratlos. „Also ich den Eiffelturm sehen“, sagt Fabien schließlich, der sonst selten etwas sagt. „Wer weiß, wann wir mal wieder in Paris sind!“ Nathan und seine Freunde kommen aus kleinen Dörfern rund um Angers und sind zusammen zur Schule gegangen. Dieser Samstag ist der 22. Tag des Protests. Zu   1–lause haben sie mit anderen eine Mautstationen der Autobahn besetzt, durch die man nun kostenlos hindurchfahren kann.

Heute sind sie um zwei Uhr morgens aufgestanden, haben sich in einen klapprigen Peugeot gesetzt Richtung Hauptstadt. Die Demonstration in Paris sollte der Höhepunkt ihres Protests sein. Doch jetzt erst mal der Eiffelturm. Vorne läuft Fabien, der Schweigsame. Ein Landschaftsgärtner, Monatseinkommen 1500 Euro netto. Hinter ihm Nathan, der Anführer der Gruppe, der mit Fabien zusammen in einer Baumschule arbeitet, ebenfalls für 1500 netto. An seiner Hand läuft Charlene, die in einer Elektrofabrik arbeitet. 1400 netto. Zuletzt Nicolas, der Sozialist der Gruppe. Momentan arbeitssuchend. Politisch verbindet die vier nicht sonderlich viel. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat Fabien Marine Le Pen gewählt. Nicolas den Linkssozialisten Jean-Luc Mélenchon. Und Nathan und  haben gar nicht gewählt. Wen auch? Sonderlich politisch waren sie bislang nicht.

Die Gruppe ist ein ziemlich gutes Spiegelbild der Protestbewegung. Die „Giletsjaunes“ lassen sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Einfache Arbeiter sind dabei, Bauern, Angestellte, erstaunlich viele Frauen, auch Rentner. Sie eint das Gefühl, sich in ihrem meist ländlichen Umfeld nicht mehr repräsentiert zu sehen von der Politik. Klima retten, schön und gut — aber was ist, wenn am Ende des Monats das Geld fehlt, um den Fußballverein fürs Kind zu bezahlen? So widersprüchlich und unterschiedlich manche Motive sind — so einig ist man sich allerdings im Ziel der Wut: Emmanuel Macron, der „Präsident der Reichen“, wie Nicolas aus der Gruppe ihn nennt.

Als Macron im Mai 2017 mit großer Mehrheit in der Stichwahl zum Präsidenten gewählt wurde, schien er vielen als Hoffnungsträger ganz Europas. Ein französischer John F. Kennedy, der Moliere zitieren konnte. Eine Mischung aus Manager und Monarch, der sein Land in eine „Start-up-Nation“ verwandeln wollte und Frankreichs Stimme auf der Weltbühne wieder hörbar machen wollte. Doch in der Begeisterung übersahen viele, wie fragil Macrons Sieg war. Wie wenig er für das Landstand. Bei der Stichwahl zwischen ihm und Marine Le Pen gaben vier Millionen Wähler einen nichtausgefüllten oderungültigen Stimmzettel ab. Zählt man die 10,7 Millionen dazu, die Le Pen gewählt haben, und die 12,1 Millionen Nichtwähler,  sind es 26,8 Millionen Franzosen, die nicht  für Macron gestimmt haben, rund 56 Prozent der Wahlberechtigten.

Und Macron tat anschließend wenig, um  die Skeptiker für sich einzunehmen. Mal nannte er Reformgegner „Faulenzer“, dann kanzelte er vor laufenden Kameras einen  Schüler ab, der ihn nicht als „Monsieur le President“ angesprochen hatte. Und er regierte durch. Die Abschwächung des Kündigungsschutzes, die Reform der Staatsbahn SNCF, all das brachte er zügig durchs Parlament und ließ sich von Protesten kaum beirren. Gewerkschaften und Parteien als Vermittlerpassen nicht zu seinem „vertikalen“ Führungsstil.

Jetzt allerdings rächt sich, dass Macron sich dieser Puffer entledigt hat. Der Protest der „Gelben Westen“ ist die größte Krise seiner Amtszeit, jener Moment, den Historiker womöglich später einmal als entscheidenden Moment dieses Präsidenten definieren werden. Der Volkszorn richtet sich fast ausschließlich auf ihn. „Macron, démission“, Rücktritt Macron, das ist der Schlachtruf. Ihm fehlen die Instanzen, die ihm und seiner Regierung als legitime Gesprächspartner dienen könnten. Es gibt nur Sieg oder Niederlage. Und auf einen Sieg der Regierung deutet im Moment wenig hin. Seine Zugeständnisse vom Montagabend, etwa die Erhöhung des Mindestlohns um monatlich 100 Euro, klangen eher nach Kapitulation — und es ist doch nicht klar, ob sie die Proteste rasch beenden werden.

Die vier Freunde haben sich inzwischen auf den Weg Richtung Eiffelturm gemacht. Sie laufen vorbei an schwer bewaffneten Polizisten und einem zerstörten Mini Cooper, dem Randalierer einen Weihnachtsbaum ins Schiebedach gepresst haben. Manche Ladenbesitzerhaben gelbe Warnwesten in ihre Schaufenster gelegt, in der Hoffnung, dieses Zeichen der Solidarität möge ihr Geschäft vor den „Casseurs“, den Vandalen, bewahren. Nathan postet von alldem Videos auf Facebook, für die Mitstreiter zu Hause.

Da stürmt ein Stoßtrupp der Gendarmerie auf Nathan zu und presst ihn und die anderen mit Schlagstöcken gegen eine Häuserwand. Charlene fängt an zu weinen, Nathan schreit: „Was wollt ihr? Wir haben nichts gemacht!“ Erst nachdem die Polizei bei ihm und den anderen keine Waffen gefunden hat, können sie weitergehen. Als sie ein paar Minuten später vor dem Eiffelturm stehen, wirkt Charlene noch zittrig. Es hat angefangen zu regnen. „Was für ein verrückter Tag. Was für ein verrücktes Land“, sagt Nathan. Ein bisschen wirken die Freunde jetzt erleichtert, dass sie wieder zurück nach Hause dürfen, weg von den brennenden Autos, den Tränengasschwaden und Barrikaden. Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich in Frankreich — in Anspielung auf dessen geografischen Umriss häufig „Hexagone“ genannt — nicht in Verhandlungsrunden, sondern auf der Straße. Der Kampf ist hier Kultur.

Die Demonstration, selbst wenn sie in Gewalt ausufert, gilt als legitimes Mittel der Politik — und als erfolgreiches. In der Folge des Mai 1968 wurde Charles de Gaulle von der Macht vertrieben, 1995 die große Rentenreform gestoppt. Eine Ökosteuer, ähnlich dem Vorhaben von Macron, musste eine Regierung, die des Sozialisten Francois Hollande, 2014 schon einmal zurücknehmen. Auch dieser Tage feierte die Straße schon den ersten großen Sieg: Die Erhöhung der Kraftstoffsteuern wurde abgeblasen. Doch es scheint, als ob dieses Nachgeben die Tür geöffnet hätte für immer neue Forderungen. Schüler, Bauern, Fernfahrer, sie alle wollen nun mehr Geld, weniger Steuern, mehr Lehrer. Jetzt oder nie, das ist die Stimmung.

Auch Nathan und seine Mitstreiter haben am Tag nach dem „Acte IV“ wieder Position bezogen, zu Hause in der Heimat. Die Polizei hat mittlerweile die Bilanz des Samstags gezogen. Weniger Demonstranten als in den Wochen zuvor — aber mehr Festnahmen, allein in Paris mehr als 1000. Dazu wieder Bilder von brennenden Autos und zerstörten Geschäften, die all jenen Auftrieb geben, die schon seit Jahren Frankreich für unreformierbar halten. Nathan steht an der besetzten Mautstation in Chemillé und wärmt sich die Hände über einem Feuer. Mehr als 300 Kilometer sind es von hier bis Paris. Auf den abgewetzten Sofas und Sperrholzbänken sitzen zehn seiner Mitstreiter. Nathan erzählt ihnen, wie es war, im Chaos und im Tränengas.

Sie alle stammen hier aus der Gegend, die zu 80 Prozent von Landwirtschaft lebt. Kaum einer verdient mehr als 1300, 1400 Euro netto im Monat. Sofort landet das Gespräch bei Macron. Die Leute aus Chemillé sind ungeduldig. Denn das Problem hier ist so alt wie mancher Hof der Region — das einer Provinz, die sich abgehängt und vernachlässigt fühlt. Das Frankreich von heute ist nicht mehr jener scharfe Gegensatz von Paris und dem  „désert franqais’l der französischen Wüste, wie es 1947 der Geograf Jean-Frangois Gravier genannt hat. Seit Jahrzehnten bemüht sich der Staat um Dezentralisierung. Prestigeträchtige Elite-Hochschulen wie die ENA wurden zum Teil aus Paris verlagert. Auch dank europäischer Regionalförderung sind Städte wie Montpellier und Bordeaux zu wirtschaftlich starken und attraktiven Zentren herangewachsen. Doch außerhalb der Städte, auf dem Land, wie hier bei Angers, wo Bahn- und Busverbindungen ausgedünnt worden sind, wo man auf das Auto angewiesen ist, hier hat sich die Wut angestaut, die sich nun entlädt.

Sie hätten Paris und die leeren Worte der Politiker von dort satt, heißt es am Feuer. Ein paar glauben, dass die Bewegung der „Gelbwesten“ so groß werden könnte wie 1968. Damals, als französische Studenten die Werte der westlichen  Welt verschoben. Längst geht es manchen nicht mehr nur um günstigeres Benzin. Der Protest der „Gelben Westen“ ist ausgefranst. Konkrete und nachvollziehbare Forderungen der einen stehen neben der diffusen Idee der anderen von einem besseren Leben in einer gerechteren Welt. Die Bewegung ist zu einer Projektionsfläche für unterschiedlichste Begehren geworden; man will dabei gewesen sein — und sei es nur, um später den Kindern davon berichten zu können.

Nathan gibt sich pragmatisch. „Das Wichtigste ist aber, dass die Menschen am Ende mehr Geld in der Tasche haben. Er und Charlene leben 30 Minuten von   der Proteststation entfernt in einem kleinen weißen Haus zwischen alten Bauernhöfen und Maisfeldern am Rande des Dorfs Le Puiset-Doré. Ein winziger Ort, hineingetupft in den sanften Hügel der Region Anjou. „La France profonde“ — tiefste französische Provinz. Zu Hause trägt Charlene an diesem Tag einen Schal, weil Nathan noch kein Feuerholz gehackt hat — ein einfacher Ofen im Wohnzimmer ist die einzige Heizung im Haus. Auch die beiden sind aufs Auto angewiesen. „Macrons Ökosteuer hätte uns das Genick gebrochen“, sagt Nathan. 250 Euro gebe er jeden Monat schon jetzt für Benzin aus.

Nathan und Charlene passen eigentlich nicht in die Kategorie der „Faulenzer“. Neben dem Job in der Baumschule arbeitet Nathan noch als Hundesitter. Charlene verdiente ihr Geld bis vor Kurzem in einer Großküche. Abends, wenn die Kollegenwegwaren, ließ sie Lebensmittel in ihrer Tasche verschwinden. Statistiken zeigen, dass die Reformen Macrons tatsächlich vor allem Arbeitnehmern mit eher geringen Löhnen wie Nathan und  Charlene geschadet haben. Während das oberste eine Prozent der Franzosen sechs Prozent an Kaufkraft gewonnen hat, verlor besonders das untere Viertel. „Diese Lage hat uns  zu den ,Gelben Westen‘ gebracht“, sagt Nathan. „Die Angst vor dem leeren Konto. Die  Angst vor der nächsten Rechnung.“ Vor ein paar Wochen hätten er und CharIene am Küchentisch gesessen und nicht  weitergewusst. Das Auto war kaputt, sie hatte einen eingewachsenen Fußnagel, für den die Krankenversicherung nicht aufkommen wollte. Auf Facebook stieß Nathan auf die „Gilet jaunes“. Das Paar fuhr zur Mautstation und setzte sich ans Feuer. Das habe sich gut angefühlt, sagt Nathan. Die Menschen. Das Zusammensein. Dennoch mehr als um Geld, sagte Nathan, gehe es bei  den „Gelbwesten“ um Solidarität. Aber wie lange soll es so weitergehen mit den Protesten? Bis ins neue Jahr? Bis Macron zurücktritt? Bis die Gewalt eskaliert. Ein Ende der Demonstrationen ist bisher nicht in Sicht.