Der Sündenbock des Brexit-Chaos‘

Global, Politik

Das Theater um den Brexit oder Nicht-Brexit spielt seit Monaten auf allen politischen Bühnen eine tragende Rolle, aber still und leise wurde nun eine landesweit bekannte Aktivistin aus England für das Brexit-Chaos ausgemacht und überall an den öffentlichen Pranger gestellt. Das geht so weit, dass Gina Miller Todesdrohungen und Beleidigungsbriefe erhält, dabei dachte sie offensichtlich nicht im Traum daran, dass ihre Eingabe im britischen Unterhaus solche Wellen schlagen würde. Doch rückgängig machen lässt sich das Desaster nun nicht mehr.

An einem Vormittag vor einigen Wochen, da sich die Abgeordneten des britischen Unterhauses in Ermangelung von Erfreulichem schon darüber freuen, dass das aus der Decke rieselnde Wasser im morschen Palast von Westminster nur Wasser ist und nicht, nunja, der lnhalt aus einer Klärgrube; an diesem Vormittag, da Theresa May abermals um eine Brexit Verlängerung bittet und der politische Abnutzungskampf weiter tobt, empfängt nur wenige Kilometer entfernt jene Frau, die das Chaos gewissermaßen ausgelöst hat. Und zwar, das muss gesagt werden, nach bestem Wissen und Gewissen und in der festen Überzeugung, sie erweise der Demokratie einen großen Dienst. Und in der Theorie stimmte das auch. In der Praxis aber …

Diese Frau heißt Gina Miller, ist 53 Jahre alt und der Reihe nach: Aktivistin, Feministin, Juristin, Fondsmanagerin, Mutter, Ehefrau, Autorin, Betreiberin diverser Kampagnen-Plattformen, von denen eine den schönen Titel „End the chaos“ trägt. Berühmt aber vor allem, weil sie als eine der meistgehassten Frauen Großbritanniens galt, nachdem sie im Herbst 2016 eine Klage gegen die Regierung angestrebt hatte. Es ging im Kern darum, dass der Austrittsvertrag mit der Europäischen Union dem Parlament vorgelegt werden müsse. May hatte sich auf ein aus dem Mittelalter stammendes Dekret berufen und das Papier am Unterhaus vorbeimogeln wollen. „Sie hätte“, sagt Miller in einem lichten Besprechungsraum, „einen Präzedenzfall geschaffen und sich über das Gesetz gestellt.“ Sie wunderte sich damals, dass es keinen Aufruhr gab. Nicht einmal die Politiker, die dank des Urteils nunmehr um jedes Jota ringen, rührten sich. Stattdessen: das große Schweigen.

Was sich dramatisch änderte, als Miller in dieses Vakuum stieß und vom Obersten Gerichtshof im Januar 2017 recht bekam. Sie zog allerdings in dem Glauben in diesen Kampf, andere würden sie unterstützen, Akademiker, Wissenschaftler, Geschäftsleute. „Wie bei einer Konferenz: Einer stellt die erste Frage, und danach gehen überall die Finger hoch.“ Das dachte sie. Und dachte falsch. Sie stand allein da und mitten in einem gewaltigen Shitstorm als Frau, die den Brexit verhindern wolle. Das stimmte zwar nicht, denn Miller —   obschon Proeuropäerin — wollte lediglich, dass die demokratischen Regeln eingehalten werden, nicht mehr und nicht weniger. Aber solche Feinheiten versickerten in aufgewühlten Zeiten. Die „Daily Mail“ veröffentlichte ein Foto der Richter mit einer Schlagzeile, die danach selbst weltweit für Schlagzeilen sorgte: „Enemies of the People“, Feinde des Volkes.

Ein komplett neurotisches Land

Oberster Feind des Volkes fortan: Gina Miller. Wahlweise als „Nigger“, „Hure“, „Affe“ beschimpft, die Todesdrohungen erhielt und Tausende von Mails und Briefen des Inhalts, man möge sie vergewaltigen und köpfen oder erschießen. Einmal lag ein Umschlag mit Gift in der Post. Ihr Leben und das ihrer Familie hat sich seitdem um 180 Grad gedreht, sie leben unter Schutz, sie selbst ist als Vorsichtsmaßnahme in keiner öffentlichen Datenbank mehr gelistet, und als sie vor ein paar Wochen ihren Smartphone-Vertrag aufpeppen wollte, musste sie feststellen, dass „ich offiziell gar nicht mehr existiere“.

Nun ist diese Gina Miller für jemanden, der gar nicht existiert, immer noch laut und stellt immer noch unbequeme Fragen.  An diesem Morgen erzählt sie, dass es zuletzt wieder schlimmer wurde mit den Drohungen; „wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen, und werden sie uns  holen“. Was vermutlich auch daran liegt, dass sich das ganze Land in einem neurotischen Stadium befindet.

Miller kann das insofern beurteilen, weil sie als Aktivistin permanent unterwegs ist und fühlt, dass „das Level an Frust, Wut, Enttäuschung über Politik überall steigt“. Sie sagt: „Die Leute wollen, dass es mit diesem Brexit endlich vorbei ist. Aber außerhalb von London heißt vorbei: No Deal.“ Was das wiederum für die Wirtschaft und die Menschen bedeute, nämlich eine Katastrophe, lande bei den Leuten nicht. „Die Politiker haben ihnen das nicht erklärt. Das hätte viel früher kommen müssen. Jetzt ist es zu spät. Es stößt auf taube Ohren.“ Sie hält den Frust für durchaus nachvollziehbar. Ist ja selbst frustriert darüber, dass das Parlament aus Westminster eine Lachnummer gemacht und den Ruf der Nation beschädigt hat. Tags zuvor traf sie in Luxemburg einen Diplomaten, der das Königreich als „hoffnungslosen Fall“ bezeichnete. „So wird über uns gesprochen, über die Mutter der Demokratie. Das hätte ich mir nie träumen lassen.“ Miller, muss man wissen, hatte ein zweites Referendum befürwortet, sie trat dafür im Fernsehen, im Radio und bei Podiumsdiskussionen auf. Aber nun sagt sie, etwas überraschend, eine zweite Abstimmung in naher Zukunft wäre ein Fehler, zu viel Hass und Wut und Misstrauen liege über ihrem Land, „die Büchse der Pandora ist offen, und es werden Dinge gesagt, die man früher nicht einmal geflüstert hätte“. Vor dem Parlament versammelt sich rechter Mob, Abgeordnete werden bepöbelt und mit dem Tod bedroht. Das ist Großbritannien drei Jahre nach dem Referendum. Unversöhnlich, mit sich selbst nicht im Reinen. Und in diesem Klima ein neues Votum? „Es wäre jetzt nur destruktiv.“ Die Nation müsse erst zur Besinnung kommen, sie brauche Zeit und Raum und Ruhe. Das klingt, als rede sie über einen Rekonvaleszenten, der englische Patient als reales Drama.

Neulich, erzählt Miller, während ihr Handy auf dem Tisch unentwegt brummt, habe sie eine alte Dame in Wales getroffen. Die Frau hatte aus Furcht vor Überfremdung für Leave (verlassen) gestimmt. Das bedauert sie nun, würde es aber auch nicht revidieren, weil zu erschöpft. Die Dame sprach, sie sei besorgt, könne aber nicht genau sagen, worüber genau. „Das“, sagt Miller, „fasst unseren Status quo ganz gut zusammen.“ Sie erlebt solche und ähnliche Situationen landauf, landab, im liberalen London wie in den Leave-Hochburgen rund um Sunderland, wo sie auf der Bühne erst niedergebrüllt wurde, „Immigrantin!“, sich das eine Weile anhörte, ehe sie sich ans Auditorium wandte. „Ihr könnt entweder eine Stunde brüllen, oder wir reden. Ich gehe nämlich nicht.“ Sodann sagte sie zwei Dinge: „Sorry, dass ihr das Gefühl habt, niemand kümmere sich um euch.“ Und: „Danke, dass ihr so viele Dinge aufgezeigt habt, die falschlaufen. Wenn ihr das nicht getan hättet, würden wir immer noch nicht hinschauen.“ Die Stimmung änderte sich schlagartig, und sie hatten hernach tatsächlich einen Dialog. „Das ist die Krux“, sagt Miller, „wir hören immer noch nicht zu.“ Weshalb die Kluft eher noch größer werde und das Unverständnis über die politische Kaste auch, und es würde vermutlich wieder passieren, würde wieder abgestimmt, „es sind dieselben Stimmen, dieselben Egos“, nur noch lauter als vor drei Jahren. In einem Wort: „Deprimierend.“

Und während Miller in beeindruckendem Tempo redet und redet und Fragen schon beantwortet, noch bevor die überhaupt zu Ende formuliert sind, klingelt ihr Telefon. Ihre älteste Tochter Lucy-Ann ist dran, heute 30, geistig aber auf dem Stand einer Sechsjährigen und Erinnerung daran, dass das Leben dieser starken und vermeintlich unerschütterlichen Gina Miller alles andere als linear verlief. Es ist voller Brüche und Verletzungen, physischen wie psychischen. Nicht erst seit den Hasstiraden der jüngeren Vergangenheit. Geboren im südamerikanischen Guyana als Tochter eines Oberstaatsanwalts und überzeugten Sozialisten; Fidel Castro war Gast im Hause, und abends debattierten die Männer über den Sozialismus und rauchten Zigarre, „den Geruch habe ich nie vergessen“. Mit elf Jahren von den Eltern gemeinsam mit dem größeren Brudernach England aufs Internat geschickt, als daheim die politische Situation gefährlich wurde. Als Kind von Mitschülern gemobbt. Sie meisterte das, Schule fürs spätere Leben. Sie studierte Jura und später Marketing. Zweimal unglücklich verheiratet, bei der ersten Ehe geht die Liebe einfach aus, die zweite endet in Gewalt und schließlich Flucht. Sie zieht die nach Sauerstoffmangel bei der Geburt geistig behinderte Tochter Lucy-Ann allein groß, schläft zuweilen im Auto, jobbt als Kellnerin, modelt ein wenig, denn sie ist schön. Entdeckt spätes Glück aber erst Anfang dieses Jahrhunderts, als sie ihren dritten Mann Alan Miller kennenlernt, der in der Londoner City den Spitznamen Mr Hedge Fund trägt.

Die ruppige Vergangenheit habe sie gestählt, sagt Miller. Sie würde alles wieder so machen, wieder klagen, schließlich ging es ihr nicht um Politik, sondern um Recht. „lch werde nicht aufhören, unbequem zu sein.“ Will nichtausschließen, mittelfristig in die Politik zu gehen, das wabert schon lange als Gerücht durch London. Aber auf keinen Fall kurzfristig, nicht jetzt. Jetzt ist Brexit, „und ich möchte nicht in einen vergifteten Brunnen springen“. Irgendwann wird das Wasser in diesem Brunnen auch wieder rein sein und die Atmosphäre nicht mehr so toxisch. Miller ist trotz allem dann doch optimistisch, dass die Zeit heilt und die Jungen übernehmen werden, „alles eine Frage der Demografie“, und man sich endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren könne: Bildung, Wohnungsbau, Gesundheit, politisches Kerngeschäft. Wenn also das Land nicht mehr so neurotisch und im Wortsinn zähneknirschend ist. Sie hat da eine Studie von Zahnärzten gelesen, wonach Zähne-  knirschen unter den Briten massiv zugenommen habe, klassisches Stresssymptom in Zeiten des Brexits. „Zeit“, sagt sie am Ende noch einmal, „wir brauchen Zeit.“ Und wenn die reif ist, wer weiß, geht sie vielleicht in die Politik. Vielleicht aber auch nicht. Von Gina Miller wird jedenfalls weiter zu hören sein. So oder so.

Der BREXIT wird den Briten schwer auf den Magen schlagen!

Global

Das wird kein leichter Gang für die britische Monarchie, wenn die Briten 2019 die EU hinter sich lassen, um alleine ihr Glück in der Welt der Wirtschaft und es Handels zu finden. Es zeichnet sich bereits heute ab, dass der Brexit keine gute Entscheidung sein wird. Auch für die Exportländer nicht, die bis dato die Angelsachsen beliefern. Keiner weiß, wie es dann weitergeht und welche Auswirkungen der Ausstieg für die europäische Wirtschaft haben wird. Den Engländern jedenfalls wird diese Entscheidung noch lange wie ein schwerer Stein im Magen liegen.

Noch läuft es gut, aber die Zulieferkette macht Matthias Meyer Sorgen. Der Manager verantwortet das Großbritannien-Geschäft des Werkzeugmaschinenherstellers Heller aus Nürtingen, in seinem Werk in Redditch bei Birmingham macht Heller UK die Endmontage für CNC-Maschinen. Das Problem: „60 Prozent der Materialien, die wir hier verbauen, stammen aus der EU“, sagt Meyer. Der Materialfluss der Bauteile und   Rohstoffe ist genau getaktet: immer so viel, dass genug da ist — aber nie zu viel, damit die Lagerkosten nicht aus den Fugen geraten. Damit das Kalkül aufgeht, müssen die Lieferungen pünktlich und zuverlässig kommen. Bislang funktioniert das bestens. Aber nun kommt der Brexit, und wie Tausende andere Unternehmen fragt sich auch der deutsche Mittelständler Heller, wie es danach eigentlich weitergeht. Was am 29. März 2019 passieren wird, dem Tag, an dem das Vereinigte Königreich die EU verlässt, weiß Meyer nicht. Niemand weiß das. Kein Politiker, kein Wirtschaftsführer, kein Wissenschaftler kann vorhersagen, wie die Scheidung ablaufen wird. Klar ist nur eins: Es wird ganz schwierig, überhaupt noch eine Lösung zu finden, die verhindert, dass die Trennung gravierende Schäden hinterlässt. Denn mit jeder Woche, um die der 29. März näher rückt, wird ein Chaos-Brexit wahrscheinlicher: ein Austritt ohne ein Abkommen mit klaren Regeln, wie Großbritannien und die EU künftig miteinander umgehen werden. Nicht nur Maschinenbauer wie Heller müssen sich darum auf alle möglichen Szenarien einstellen; von einer wie auch immer gearteten Last-Minute-Einigung bis zur wilden, ungeregelten Scheidung. Man kann sich nur in etwa vorstellen wie Unternehmen und Branchen versuchen, sich auf diesen Tag X vorzubereiten.

SCHIFFFAHRT & LOGISTIK

Keine Branche wird der Brexit so treffen wie den Transportsektor. Denn wenn Großbritannien den Binnenmarkt und die Zollunion verlässt, sind Grenzkontrollen im großen Stil kaum vermeidbar. Dover, dem Nadelöhr der Warenströme zwischen der Insel und Kontinentaleuropa, droht dann der Verkehrsinfarkt. 11000 Laster fahren hier an einem durchschnittlichen Tag in den Ärmelkanaltunnel nach Frankreich. „Wenn die Zollfreigabe zwei Minuten pro Lkw dauert, würde der Rückstau auf der Autobahn 17 Meilen lang“, warnt der langjährige Hafenchef Tim Waggott, das wären 27 Kilometer. Und zwei Minuten wären beeindruckend schnell; sechs bis zehn Minuten gelten als realistischer.
Andere englische Häfen wie Hull oder Immingham investieren bereits zweistellige Millionenbeträge in den Ausbau. Sie setzen darauf, dass Transporteure dem befürchteten Dauerchaos am Ärmelkanal ausweichen und England per Fähre weiter nördlich ansteuern.
Auch in Kontinentaleuropa richten sich die Seehäfen auf einen chaotischen Brexit ein. Allen voran Rotterdam. Mehr als 10 000 Schiffe pro Jahr legen hier nach Großbritannien ab oder kommen von dort an. 900 zusätzliche Beamte wird der niederländische Zoll künftig brauchen, im November will die Hafenleitung Brexit-Kontrollen simulieren. Großreedereien planen bereits neue direkte Fährrouten nach Irland, um Großbritannien zu umgehen: etwa Dublin—Rotterdam, Dublin—Zeebrugge oder Cork-Santander. Irish Ferries will die Kapazität auf der Strecke Dublin—Cherbourg mehr als verzehnfachen.

MASCHINENBAU

Auch bei Matthias Meyer kreisen viele Gedanken um eine Stadt: Dover. Fast die gesamten Auslandslieferungen für Heller kommen per Lkw über diese Stadt. Neben alternativen Routen wird Heller zusätzliche Lager vorbereiten und Hallen und Flächen anmieten oder gleich selbst aufbauen. Das alles wird die Produktion verteuern. Aber es ist immer noch besser, als die Produktion in UK plötzlich ganz stoppen zu müssen. Wie Heller geht es vielen Maschinenbauern. „Besonders ratlos fühlen sich kleinere und mittlere Unternehmen“, sagt Holger Kunze, Leiter des Europabüros des   Verbands Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA). „Anders als die großen Konzerne können sie keine Stabsabteilungen für den Brexit aufbauen. Ihnen fehlen oft wichtige Informationen, etwa welche Vorprodukte oder Komponenten davon aus Großbritannien kommen. Und wenn nur ein Vorprodukt ausfällt, kann die ganze Lieferkette in Gefahr geraten.“ So horten viele Firmen Zulieferteile.

AIRLINES

Ryanair baut vor, mit einer Brexit-KlauseI auf seinen Tickets für alle Großbritannien-Flüge ab dem 29. März 2019. Wenn das „regulatorische Umfeld“ Flüge unmöglich macht, will Ryanair die Tickets für ungültig erklären und den Kunden ihr Geld erstatten. Dass der Ernstfall wirklich eintritt, ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Bislang gestattet das „Open Skies Agreement“ den Airlines, innerhalb der EU beliebig hin und her zu fliegen, sofern sie die entsprechenden Start- und Landerechte haben. Nach dem Brexit müsste Großbritannien entweder ein neues Abkommen mit der EU und auch den USA aushandeln — oder im alten bleiben. Für welche Option sich Großbritannien entscheidet, ist unklar. Zudem wird durch den Brexit der einheitliche europäische Luftverkehrsmarkt (vergleichbar mit dem EU-Binnenmarkt) aufgebrochen. Diesen verwaltet die EU-Agentur EASA. Nach dem Austritt müsste eine britische Agentur alle Aufgaben der EASA wie die Luftfahrtaufsicht,  den Abschluss internationaler Abkommen sowie die Verwaltung von Verkehrsrechten übernehmen und auch international überall anerkannt werden. Ob das alles pünktlich klappt, ist ungewiss. Wie aus kürzlich veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, warnt die britische Regierung bereits vor „massiven Störungen im Luftverkehr“. Ryanairs Konkurrent Easyjet hat kurz nach dem Brexit-Referendum beschlossen, in Österreich ein neues Tochterunternehmen zu gründen: Easyjet Europe. So kann Easyjet weiter nach Belieben innerhalb der EU hin und her fliegen. Etwa 100 Flieger, ein gutes Drittel der Flotte, sind jetzt in Wien registriert.

FLUGZEUGBAUER

Airbus bezeichnet sich nicht nur als europäisches Gemeinschaftsunternehmen. Es ist wirklich eines. In vier EU-Staaten — Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien – hat der Flugzeughersteller große Montagefabriken, und keine kommt ohne die andere aus. So werden die Tragflächen für jeden Airbus in den beiden britischen Werken gebaut. Der Brexit bringt die sorgsam ausgetüftelten Lieferketten in Gefahr. Schon Ende Juli verschickte der Konzern eine Warnung an seine Zulieferer — und forderte sie auf „sicherzustellen, dass Ihr Unternehmen und Ihre Lieferketten vorbereitet sind, damit die Lieferungen an Airbus effektiv bleiben“. Unter anderem empfiehlt Airbus in dem dreiseitigen Memorandum, Puffer aufzubauen und alternative Transportwege auszuloten. Airbus selbst, mit rund 14000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der britischen Industrie, habe entschieden, Vorräte für einen Monat anzulegen. Wie es heißt, wird dies den Konzern einen mittleren dreistelligen Euro-Millionenbetrag kosten. Zusätzlicher Ärger droht Airbus und seinen Zulieferern bei einem ungeregelten Brexit. Dann wird das Abkommen zwischen der britischen Luftsicherheitsbehörde und  ihrem EU-Pendant ungültig. Es regelt, dass beide Behörden gegenseitig Sicherheitszertifikate anerkennen. Nach einem Brexit müssen alle britischen Hersteller von rund 10.000 Teilen ihre Prüfprozesse de facto unter EU-Recht stellen. Wenn der Hersteller eines Teils nicht zertifiziert ist, dann darf es auch nicht mehr verbaut werden — das gefährdet wiederum die gesamte Lieferkette.

AUTOMOBIL

„Wir müssen uns jetzt auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten“, erklärt eine Sprecherin des BMW-Konzerns. Kein deutscher Autohersteller ist so eng mit Großbritannien verflochten wie der Münchner Autobauer. BMW hat vier Produktionsstandorte in Großbritannien: je ein Motorenwerk und ein Presswerk für Fahrzeugteile. Sowie vor allem die Mini- und Rolls Royce-Montagefabriken. 220.000 Autos produziert BMW pro Jahr auf der Insel, knapp die Hälfte davon geht in die EU. 24 000 Menschen arbeiten hier, mehr als ein Fünftel der gesamten Konzernbelegschaft. Aber gleich nach dem Brexit wird BMW seine Mini-Produktion im Werk Oxford für etwa einen Monat unterbrechen. Aus Angst vor Lieferengpässen. Zusätzlich baut BMW auf beiden Seiten des Ärmelkanals Lagerhallen und Parkplätze auf. Die britischen Autobauer sind noch nervöser. Bei einem ungeordneten Brexit stünden „Zehntausende Jobs“ auf dem Spiel, sagt Ralf Speth, Chef des größten heimischen Herstellers Jaguar Land Rover: „Es ist grauenerregend, löscht unsere Gewinne aus, zerstört Investitionen in Nullemissions-Technologien.“ Er wisse nicht mal, ob zum Austrittsdatum irgendeines der Werke in Großbritannien arbeiten könne. Die drohenden Kosten für den Konzern lägen bei gut 1,2 Mrd. Pfund pro Jahr. Der Sportwagenhersteller McLaren hortet bereits Bauteile — und bemüht sich um separate EU-Zulassungen für seine Modelle.

PHARMA

Was geschieht, wenn kranke Menschen von einem Tag auf den anderen ihr Medikament nicht mehr erhalten? 45 Millionen Arzneimittelpackungen pro Jahr liefert Großbritannien laut dem europäischen Pharmaverband EFPIA in die EU, 37 Millionen importieren die Briten vom Kontinent. Und niemand kann garantieren, dass es nach dem 29. März ungehindert so weitergeht. Denn kaum eine Branche ist in Europa so stark reguliert wie diese: von der Forschung und Entwicklung über die Zulassung bis zum Vertrieb. Bisher gelten Zulassungen in Großbritannien auch für den Rest der EU. Bei einem harten Brexit wäre das Geschichte. Viele britische Pharmakonzerne beantragen EU-Zulassungen. Das ist teuer. Der Arzneimittelhersteller GlaxoSmithKline beziffert die Kosten für die Brexit-Vorbereitungen auf rund 70 Mio. Pfund. Auch die deutschen Konzerne bauen vor. „Die Sicherung der Medikamentenversorgung ist ein großes Thema  uns“, sagt ein Sprecher von Bayer. „Wir bauen Lager auf: vor allem in Großbritannien, damit es keine Engpässe rund um das kritische Datum 29. März gibt.“ Bei Aspirin ist das nicht so schwierig, wohl aber bei Medikamenten mit begrenzter Haltbarkeit wie etwa Radiopharmaka.

CHEMIE

Die deutschen Chemieunternehmen haben mindestens 40 Tochterfirmen im Vereinigten Königreich, deren rund 8 000 Mitarbeiter fast 4 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaften. „Durch einen unkontrollierten Brexit dürfen alle chemischen Stoffe, die im Vereinigten Königreich für den Vertrieb in der EU registriert wurden, unmittelbar nicht mehr ohne Weiteres in der EU verkauft werden“, warnt Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie. „Das hätte gravierende Auswirkungen auf die Lieferketten.“ Und zwar nicht nur auf die Lieferketten der Branche selbst. Auch Auto-, Maschinen-, Flugzeug- oder Lebensmittelhersteller, die einen bestimmten Stoff brauchen, könnten plötzlich auf dem Trockenen sitzen.

LANDWIRTSCHAFT & ERNÄHRUNG

Nächsten Sommer soll der erste Obstpflückroboter einsetzbar sein. Gerade rechtzeitig zur ersten Post-Brexit-Ernte. So versprechen es die Entwickler des Prototyps, Robotik-Experten der University of Essex. Ihr Frucht-Android soll zunächst Erdbeeren abzupfen und einsammeln. Maschinelle Erntehelfer könnten viele Farmer in Großbritannien bestens gebrauchen. Denn nur 0,6 Prozent der menschlichen Pflücker sind laut dem TV-Sender Sky News Briten. Der Rest sind Ausländer. Und bereits in den ersten beiden Sommern nach dem Brexit-Referendum kamen weniger Saisonarbeiter nach Großbritannien — wegen des Pfund-Verfalls und des Gefühls, nicht mehr willkommen zu sein. Laut einer Untersuchung des britischen Bauernverbands verrotteten den Landwirten vielerorts Obst und Gemüse auf ihren Plantagen und Äckern. Nach dem EU-Ausstieg und dem Ende der Personenfreizügigkeit wird sieh die Personallage wohl kaum bessern. Und: Der Obstpflückroboter ist noch nicht serienreif. In der Lebensmittelindustrie beginnen große Unternehmen wie der Schokoladenhersteller Cadbury bereits, Rohstoffe zu horten. Die Vorräte seien Teil eines Notfallplans, erklärt der Chef der Konzernmutter Mondelez, Hubert Weber. Großbritannien sei „nicht autark in Bezug auf Lebensmittelzutaten“.

FINANZBRANCHE

Der Brexodus hält sich bislang in Grenzen. 1600 Stellen haben Banken und Versicherungen bis Ende Juli 2018 wegen des Brexit aus London verlagert, berichtet die City of London. Peanuts verglichen mit den fast 400 000 Menschen, die in der britischen Hauptstadt im Finanzsektor arbeiten. Nach wie vor halten sich die Finanzinstitute zurück, ihre Truppen umzuziehen — eben weil es keine Entscheidung gibt. „Die Brexit-Pläne liegen in den Schubladen. Aber sie werden nicht ausgeführt, weil sich niemand falsch bewegen will“, sagt ein Insider. Die Banken taktieren mit Verweis auf den offenen Ausgang der Verhandlungen —und können damit rechnen, dass die Aufseher das erst mal akzeptieren. Die Regulierer wissen ja auch nicht, was kommt.

Für Aufsehen hat zwar die Entscheidung der Schweizer Großbank UBS gesorgt, ihr EU-Geschäft in Frankfurt zu bündeln. UBS-Chef Sergio Ermotti sagt: „Das Finanzsystem geht davon aus, dass es keine Einigung zwischen Großbritannien und der EU geben wird.“ Allerdings berichten Insider, dass die UBS nur etwa 250 Jobs von London an den Mainverlagern wird. Noch vor ein paar Monaten war von 1500 Stellen die Rede.
Die Deutsche Bank erwägt laut „Financial Times“, Vermögenswerte in Höhe von bis zu 450 Mrd. Euro von London nach Frankfurt zu transferieren. Dies könne jedoch drei bis fünf Jahre dauern. Und eine endgültige Entscheidung ist auch noch nicht getroffen worden. Die Banker warten ab, sie können es sich leisten. Denn Milliardensummen lassen sich im Fall der Fälle schneller über Grenzen hinweg verlagern als Güter oder Menschen.