Erhebliches Potenzial für Elektromobilität auf dem Land

Deutschland

Die fehlende Ladeinfrastruktur für E-Autos könnte noch für lange Zeit das K.-o.-Kriterium für den Durchbruch der umweltfreundlichen Fortbewegung darstellen. In Städten und für kurze Wege ist das Problem schon handhabbar, auf dem Land ein riesiges schwarzes Loch? Irrtum: Gerade das Land verbirgt da ein gewaltiges Potenzial.

Der Stadtvorteil hat Lücken

In Städten wenig vorhanden und oft zugeparkt, die Strompreise unkalkulierbar und mitunter weit über dem Benzinpreis. Wer stromert, muss Nerven haben. Dazu kommen derzeit noch Ladezeiten, welche die Anzahl geladener Fahrzeuge pro Säule und Tag überschaubar scheinen lassen – gerade die meist nicht schnellladefähigen Stadtautos brauchen ihre Zeit. Allen Fördermitteln zum Trotz: Nicht eben überzeugende Argumente für die Anschaffung eines Elektrischen. Doch wo sonst, wenn nicht in der Stadt? Zur Abwendung der Klimakrise lohnt ein Blick weg von den Metropolen. Eine mögliche Lösung liegt gerade außerhalb der Städte.

Stickoxide haben sie reichlich in den Städten, Messstellen und manchmal auch Fahrverbote. Über die Elektrofahrer lächeln können. Ladesäulen, das haben sie auch in der Stadt. Wenn die nicht mal lange Wege erfordern oder der Diesel-SUV sie gerade zuparkt. Strompreise von bis zu 55 Cent pro Kilowattstunde lassen den Öko mitunter zum Zornbürger mutieren. Die Antwort auf die Frage „Perfekt für die Stadt?“ heißt eindeutig „Ja, aber…“. „Elektriker“ ohne Garage oder Stellplatz mit Ladestation sind immer noch Getriebene auf der Suche nach Anschluss. Das Lächeln in der Innenstadt ist dann schnell verflogen. Schon einen Parkplatz zu finden ist in der Stadt ein Glücksspiel – und dann bitteschön auch noch mit Ladestation?

Ausbaupotenziale und Pragmatismus in der Provinz

Gerade in der Provinz liegt deshalb einer der Zentralschlüssel für den Erfolg der Energiewende. Häufig fehlt da zum Auto jegliche vernünftige Alternative. Das ist die erste Wahrheit. Aber Platz und Gestaltungsspielraum sind dort reichlich vorhanden: Die zweite Wahrheit. Das Solarpanel auf manchem privaten Dach liefert bisweilen mehr sehr preiswerten Strom als der Haushalt verbrauchen kann – und zwar für 13 Cent pro Kilowattstunde. Einspeisevergütungen sind knapp geworden, aber was denn sonst soll man damit anfangen? Bestimmt nicht die private Wasserstoff-Elektrolyse in der eigenen Garage.

Eigene Stromproduktion und eigene Garage: Das hat ein guter Teil der deutschlandweit 17,5 Millionen Einfamilienhäuser den Städtern voraus. Jedes Jahr kommen 100.000 Einfamilienhäuser hinzu. Eine Solaranlage auf dem Dach produziert nicht nur Strom für den eigenen Verbrauch. Es reicht darüber hinaus häufig für den Betrieb des Elektroautos. Da wird der Städter blass, bei seinen Preisen zwischen 27 und 55 Cent. Längere Wege auf dem Land? Kann schon sein. Aber im Durchschnitt fahren Pendler gerade mal 17 Kilometer am Tag. Das schaffen selbst die kleinsten Autos, mit ihren 100 Kilometern im „Tank“. Und auch hier schlummert noch ein ein ungehobener Schatz, denn Lademöglichkeit sowohl am Wohnort als auch am Arbeitsplatz dürften den überwältigenden Teil der Infrastrukturprobleme vom Hof fegen. Firmenparkplätze und Gestaltungsspielraum, auch das ist außerhalb der Städte eine häufige Fügung, ein ungenutztes Potenzial. Würden Ladestationen dort installiert, wo die Langstreckenfahrer unter den Mitarbeitern ihren Ladetag verbringen, blieben Gesamtkosten gering und der Gesamtnutzen erheblich. Für das Klima spielt es keine Rolle, ob das Kohlendioxid in den Städten eingespart wird oder auf dem Land. Dem Elektrochauffeur hingegen nutzt die Grundversorgung durch ein privates Ladenetz ebenso wie ein öffentliches.

Verschiedene Bundesländer haben die Lücke erkannt und fördern den Ausbau der privaten Ladeinfrastruktur. Auch das Bundesverkehrsministerium will sich da jetzt einbringen. Andreas Scheuer hat gerade ein entsprechendes Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, steht aber noch am Anfang. Ehe das Ausschüsse und Gremien passiert hat, wird es noch eine Weile dauern.

Stromspeicher für die Energiewende

Kaum bekannt ist das weitere unerwartete Potenzial, das in den Elektrofahrzeugen steckt. Intelligentes Lademanagement ermöglicht heute bereits, mit den Autos Energie zu puffern: Die Kraftfahrzeuge können dann bei Stromspitzen zum Zwischenspeicher werden und dann wieder Strom ins Netz abgeben, wenn er anderswo gebraucht wird. Autohersteller BMW hat angekündigt, seinen Kunden künftig vergünstigt Strom abzugeben, wenn die ihr Auto als Zwischenspeicher zur Verfügung stellen.

Förderprogramm des Verkehrsministeriums schlägt ein, ist aber viel zu klein

Politik

5 Millionen Euro hatte das Verkehrsministerium im Januar bereitgestellt, für Nachrüstung von Lastkraftwagen mit Abbiegeassistenten. Diese Geräte warnen Lkw- und Busfahrer vor Fußgängern und Radfahrern im unsichtbaren Bereich. Diese Fördermittel waren bereits nach vier Tagen vergeben. Das Ministerium verdoppelt nun das Programm und stellt weitere 5 Millionen Euro zur Verfügung. Ziel ist die Eindämmung der steigenden Zahl von Todesfällen und Verletzten durch rechts abbiegende Lastwagen. Für den Radfahrerverband ADFC ist das Förderprogramm ein Schritt in die richtige Richtung, aber weit zu gering. Andreas Scheuers Haus verweist auf das bisherige Fehlen einer EU-weiten Regelung.

An der Kreuzung auf dem Radweg von einem rechts abbiegenden Lastwagen übersehen worden und ums Leben gekommen: Korrekt verhalten und trotzdem tot. Klingt nicht sehr sexy, ein solcher Tod und füllt doch immer wieder die Nachrichtenspalten der Zeitungen, vor allem in Ballungsräumen. Der Radfahrerverband ADFC fordert deshalb seit Jahren, Lkw-Piloten mehr Möglichkeiten zu geben, Radfahrer überhaupt zu bemerken. Abbiegeassistenten nehmen Fußgänger und Radfahrer elektronisch an Stellen wahr, die der Fahrer selbst bei Sorgfalt oft nicht sieht, wie beispielsweise vorne rechts neben der Vordertür.

Der ADFC begrüßt die Förderung und bevorzugt nationale Vorschriften vor nicht vorhandenen. Laut Unfallforschung der Versicherer könnten Lkw-Abbiegeassistenten 60 Prozent dieser schweren Unfälle verhindern. Sowohl für Neufahrzeuge als auch zur Nachrüstung sind Systeme auf dem Markt, werden aber aus Kostengründen äußerst selten eingebaut. Der Radfahrerverband sieht in Lastwagen mit schlechter Sicht Todesfallen für Radfahrende.

Der ADFC beklagt einen Anstieg der Zahl der durch abbiegende Lkw getöteten Radfahrer. Besonders häufig sterben durch Lkw Frauen, Kinder und Senioren. Waren es 2013 noch 28 Tote, zählte man 2017 bereits 38. Schuld war 2017 in allen Fällen der Lastwagen-Fahrer. Tendenz: steigend. Denn der Radverkehr in den Städten nimmt zu, was die Kommunen fördern weil es durchaus in ihrem Sinne ist. Steigende Geschwindigkeiten, wie durch Elektrofahrräder, erhöhen die Gefahren. Zudem legt auch der Straßengüterverkehr in den Städten noch zu.

Gerichte tendieren in solchen Fällen eher zu milden Urteilen. So verurteilte 2018 eine Richterin in Darmstadt den Lasterfahrer für den Tod einer Radlerin zu 400 Euro Strafe an die Verkehrsopferhilfe. Begründung: Es wäre seine Pflicht gewesen, an der Ampel permanent im Rückspiegel zu überprüfen, ob jemand in den toten Winkel einfährt. Das sei in der Praxis aber schwer zu schaffen. Sie betonte, nur bessere technische und bauliche Einrichtungen könnten solche Situationen verhindern.