Briten flüchten vor dem Brexit

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Der Brexit naht. Am 31. Dezember 2020 endet die Übergangszeit und Großbritannien ist offiziell kein Mitglied der Europäischen Union (EU) mehr. Viele Briten beantragen eine andere Staatsbürgerschaft und flüchten vor dem Brexit auf das europäische Festland.

Rund 31.600 Briten haben seit dem Referendum 2016 die deutsche Staatbürgerschaft angenommen, das entspricht einem Anstieg von 2000 Prozent, wie der deutsche Wissenschaftler Daniel Auer berechnete, der die Migration von Briten in die EU erforscht hat. „Hier gehen Großbritannien durchaus qualifizierte Fachkräfte verloren“, erklärte Auer. In Deutschland finden sie nicht nur bessere Beschäftigungsverhältnisse, sondern können als deutsche Staatsbürger weiterhin Teil der EU bleiben. Das Vereinigte Königreich rückt damit bei Einbürgerungen in Deutschland auf den zweiten Platz nach der Türkei. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist laut Untersuchungen des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Kooperation mit der Oxford-University inzwischen für viele Briten der wichtigste Emigrationsgrund. Neben Deutschland wandern viele Briten aber auch nach Frankreich und Spanien aus. Seit 2016 wurden allein in Spanien 380.000 emigrierte Briten registriert.

„England an und für sich ist schön. Aber die Stimmung hat umgeschlagen“, berichtete Linda Curry, die mit ihrem Mann nach Deutschland auswandern wird. Das Land muss für den Brexit-Beschluss auch teuer bezahlen. Bis Ende 2019 ist die britische Wirtschaftsleistung um 3 Prozent zurückgegangen. Wenig verwunderlich, da viele Unternehmen verunsichert sind und sich nach dem Volksentscheid mit großen Investitionen zurückgehalten haben. Hinzu kam der tiefe Wirtschaftseinbruch infolge der Corona-Pandemie. Die verspätete Reaktion des britischen Premierministers Boris Johnson auf die Ausbreitung des Coronavirus sorgte dafür, dass auch die wirtschaftsbremsenden Beschränkungen erst später und langsamer wieder gelockert werden konnten. In der Zeit von März bis Mai verzeichnete kaum ein anderes Land innerhalb der EU eine so hohe Sterblichkeit wie Großbritannien.

 

Nun stehen die Briten vor der nächsten Herausforderung: Der Brexit Ende 2020. Die Zeit läuft und die Frage nach einem geordneten Anschlussabkommen bleibt. Für britische Staatsangehörige, die dauerhaft in der EU leben und arbeiten möchten drängt die Zeit, denn die Übergangsfrist läuft bald ab. Wer sowohl die britische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen möchte, muss dies vor Ablauf des Jahres tun, da ab 1. Januar 2021 eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht mehr möglich sein wird. Umgekehrt müssen auch EU-Bürger mit Wohnsitz in Großbritannien Vorbereitungen treffen. Das britische Innenministerium teilte mit, dass über 3,8 Millionen EU-Bürger eine Niederlassungserlaubnis für die Zeit nach dem Brexit beantragt haben. Im Austrittsabkommen zwischen London und Brüssel wurde bereits vereinbart, dass in Großbritannien lebende EU-Bürger das Recht auf Niederlassung erhalten werden.

Trotz allem sind die Chancen, dass es bis Ende des Jahres zu einem Partnerschaftsvertrag zwischen Großbritannien und der EU kommt sehr gering. EU-Chefunterhändler Michel Barnier warnt vor Ablauf der Frist und bereitet die EU auf einen No-Deal-Brexit am 31. Dezember 2020 vor. Veränderungen seien unvermeidlich – mit oder ohne Abkommen. Unternehmen und die britische Bevölkerung müssen sich darauf vorbereiten, teilte er via Twitter mit.

Sollten die Briten ohne Abkommen aus dem europäischen Binnenmarkt ausscheiden, verlieren sie ihren wohl wichtigsten Handelspartner. Das könnte die britische Wirtschaft erneut hart treffen. Vergangenen Herbst hatte Johnson de facto zugestimmt Nordirland im EU-Binnenmarkt zu belassen, um innerirische Grenzkontrollen zu vermeiden. Es wäre auch denkbar, dass er bis Ende 2020 einlenkt und ein geordneter wirtschaftlicher Brexit vollzogen werden kann. Doch Kritiker möchten ihre Karten nicht auf eine Einsicht in letzter Minute setzen.

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