Wie der französische Präsident entzaubert wird

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Er war mit sehr viel Ambition und auch Vorschuss-Lorbeeren als neuer französischer Präsident vor knapp 2 Jahren vereidigt worden, und die Menschen im Land hatten viel Hoffnung in ihn gesetzt, dass die teils schlimmen sozialen Verhältnisse reformiert und Frankreich zu neuer Blüte gelangen würde. Emmanuel Macron als Hoffnungsträger einer ganzen Nation, die auf Erneuerung und die Wiederauferstehung einer stolzen Nation wartete – doch nach 16 Monaten ist plötzlich Ernüchterung eingetreten. Die Aura, die den jungen Hoffnungsträger umgab, ist verflogen, Ernüchterung und Unmut ist das, was geblieben ist. Jetzt muss Macron kämpfen, um sein gesunkenes Image wieder aufzupolieren und den Rückhalt im eigenen Land wiederzugewinnen.

Es gibt ein Bonmot der Schriftstellerin Francoise Sagan, das besagt, man wisse doch eher selten, »was Glück ist«, aber meistens, »was Glück war«. Und wenn auch nirgends verbürgt ist, dass Emmanuel Macron, der so gern zitiert, wie er liest, von Hegel über Stendhal bis Giono, auch Sagan gelesen hat, kommt einem jetzt, im September 2018, dieser Satz in den Sinn. Denn blickt man in diesen Tagen zurück auf 16 Monate nahezu rauschhafter Präsidentschaft, stellt sich unweigerlich die Frage, ob es das jetzt war. Ob die sagenhafte Glückssträhne Macrons, die mit einem Wahlkampf begann, bei dem sich alle ernst zu nehmenden Gegner selbst ausschalteten, ob diese schier unglaubliche Fortune nun an ein Ende gelangt. Derzeit jedenfalls steht sein Glück auf Stand-by. Die »Rentrée«, die Wiederaufnahme des politischen Geschäfts nach der Sommerpause, fiel in diesem Jahr trübsinnig aus.

Auch das WM-Sommermärchen ist passé

In einem Sommer, der für Macron und seine Exekutive traumhaft ruhig begonnen hatte, als Fußballweltmeister und Weltmeister-in-den-Umfragen-trotz-Reformierens, entspann sich die erste echte Krise seiner Amtszeit. In ihrem Mittelpunkt stand die sogenannte Benalla-Affäre um einen prügelnden Präsidenten-Leibwächter. Sie verdarb die „macronsche Sphäre“ wie ein überreifer Pfirsich, den man im Obstkorb faulen lässt. Die Umfragewerte des jungen Präsidenten befinden sich nun quasi im freien Fall er ist bei seinen Landsleuten mittlerweile unbeliebter als sein Vorgänger Francois Hollande während der gleichen Periode. Nur noch 30 Prozent der Franzosen gefällt, was er tut, bei seinem Amtsantritt waren es mehr als doppelt so viele.

Und in seinem Kabinett erlebte der Präsident eine Abstimmung mit den Füßen. Sein beliebtester Minister, der für Umwelt zuständige Ex-Fernsehstar Nicolas Hulot, erklärte kürzlich in einer Radiosendung seinen Rücktritt. Ohne vorherige Rücksprache mit dem Präsidenten oder dem Premier, was im Élysée ein mindestens mittelgroßes Beben zur Folge hatte. Ihm folgte noch am selben Tag das zweitbeliebteste Kabinettsmitglied, die Sportministerin Laura Flessel.

Der Grund für Macrons Probleme liegt weder in der erfolgreich durchgedrückten Eisenbahner-Reform noch im erfolgreichen Umbau des Arbeitsmarkts. Es liegt auch nicht an der Einführung der Quellensteuer. Dass sein Stern sinkt, im Augenblick zumindest, liegt vor allem: an ihm selbst. Natürlich ist das nicht einfach Pech, sondern der Tatsache geschuldet, dass Macron seit Wochen Fehlverhalten mit Fehlverhalten auszugleichen versucht. Beim Präsidenten, der als »Jupiter«- regieren wollte, tauchen plötzlich ganz normale Züge auf; er irrt und verkalkuliert sich, kann sich auf seinen Instinkt, der ihn einst zielstrebig an die Macht katapultierte, nicht mehr verlassen.

Macron, angetreten als Disruptor, als »Outsider«, wie er sich selbst nannte, um mit der alten Welt und ihren Gepflogenheiten zu brechen und alles neu, alles besser zu machen, verfällt in die schlechten alten Gewohnheiten der französischen Politik. Denn auch in der schönen neuen Welt, die Macron so wortreich gestalten wollte, gibt es Abhängigkeiten, denen er sich unterwirft.

Zwei Beispiele: Einen Schriftsteller, der einen Roman als Eloge an ihn verfasst hat, machte er zum Generalkonsul in Los Angeles. Das wundert nicht nur die Karrierediplomaten, die diesen Posten auch gern gehabt hätten. Seinen Wahlkampfgetreuen Richard Ferrand, der einst als erster sozialistischer Abgeordneter der eigenen Partei den Rücken kehrte und sich Macron anschloss, installierte er als neuen Parlamentspräsidenten. Dabei hatte er ihn zuvor als Minister entlassen müssen, weil Ferrand Affären wegen Günstlingswirtschaft und Korruption anhingen. Alles wie gehabt? Auch in dieser neuen Welt kapselt sich die Elite ab und reagiert wahlweise herablassend oder empört auf Kritik, sei sie noch so leise. Spricht man mit jenen, die ihn umgeben, hört man sinngemäß: Macron sei so brilIant, da könne er nicht auch noch beliebt sein. Dem Gesamtbild hilft auch nicht, dass die Arbeitslosigkeit immer noch nicht sinken und die Kaufkraft der Franzosen auch jetzt nicht steigen will.

Die Causa „Benalla“

Insbesondere die BenalIa-Affäre zeigte den Franzosen, dass die neue Welt der alten auf geradezu verblüffende Weise gleichen kann. Was war passiert? Alexandre Benalla, agiler Leibwächter des Ehepaars Macron schon im Wahlkampf und seither Sicherheitsmann im Élysée, hatte bei einer Demonstration am 1. Mai einen Passanten drangsaliert. Auf dieses individuelle Fehlverhalten, aufgedeckt von »Le Monde«, folgte eine ganze Kette seltsam anmutender Entscheidungen der Verantwortlichen. Es war nicht so sehr der Vorfall selbst, sondern der Umgang damit, der für Entrüstung sorgte. Die ganze Handhabung der Affäre offenbarte, dass die größte Gefahr für eine erfolgreiche Amtszeit Macrons tatsächlich er selbst ist.

Denn der Élysée sanktionierte das Verhalten des Prügelknaben nur unzureichend. Nach zweiwöchiger Suspendierung bei fortlaufendem Gehalt war alles wieder beim Alten — trotz anderslautender Aussagen. Auf seinem Tinder-Profil nannte sich Benalla da immer noch Mars, in Anspielung auf Jupiter, und zeigte dort Fotos von sich und dem Präsidenten. Die Nähe war kein bloßes Hirngespinst. Trotz seines Vergehens durfte er das Ehepaar Macron am Nationalfeiertag begleiten. Das alles glich nicht der Strafversetzung, die der Palast als Konsequenz auf Benallas Tat angeblich vorgenommen hatte. Der Staatsanwaltschaft war der Vorfall erst gar nicht gemeldet worden, dafür habe es »keinen Grund« gegeben, erklärte der Generalsekretär des Élysée recht dreist.

Es war der Moment, in dem viele Franzosen sich fragten: Werden wir von einem Clan regiert, bei dem Loyalität mehr zählt als vorbildliches Verhalten? Statt diesen Vorwurf zu entkräften, sprach Macron selbst von einem »Sturm im Wasserglas«, der allenfalls Journalisten interessiere. Als er merkte, dass er sich mit seiner Einschätzung geirrt hatte, lenkte er nicht ein, sondern beschimpfte seine Kritiker, die Justiz und eine Presse, »die nicht mehr die Wahrheit sucht«. Das Parlament trete »wie ein Volkstribunal« auf — so seine Reaktion auf die Einrichtung zweier Untersuchungsausschüsse.

Der Weg zum Ruhm ist steinig

Schmal war der Grat zwischen Selbstsicherheit und Arroganz bei Macron von Anfang an. Den Beweis dafür hat nun dieser Sommer erbracht. Denn zur Kontroverse führte nicht Macrons Politik. Seine Reformansätze bleiben mutig, vorausschauend und, meistens, richtig. Hier geht es um seine Persönlichkeit. Ein Regierungsstil ist immer auch Auslegungssache. Macron könnte sich damit begnügen, erfolgreicher Modernisierer zu sein. Dafür wurde er gewählt. Stattdessen wirkt er manchmal wie traumatisiert durch seinen Vorgänger Francois Hollande, der sein Konzept von einer »normalen Präsidentschaft« tollpatschig bis pflaumenhaft umsetzte. Anscheinend Grund genug für Macron, ins andere Extrem zu kippen.

Was zu Beginn als Methode klug gewesen sein mochte — die Hierarchie zu stärken und damit das Ansehen des Präsidentenamts wieder aufzupolieren —, er hat es damit übertrieben. »Verticalité« lautete sein Schlagwort, und Macron gruppierte seine Mitarbeiter um sich herum, installierte eine Art Sonnensystem, in das nur die treuesten Wegbegleiter gelangten.

Alle anderen müssen Abstand halten. Sein Regierungschef ist ein humorbegabter Schattenmann, bei dem viele Franzosen erst mal nachdenken müssen, wie er heißt. Die Minister äußern sich nur, wenn der Élysée es erlaubt — was effizient sein mag, aber eben auch restriktiv. Für die Berater des Präsidenten gilt dasselbe. Und wehe, man ruft einen von ihnen an, ohne vorher das Okay der Pressechefin des Palasts zu haben. Absolute Kontrolle kann eine gewisse Zeit lang zum Erfolg beitragen, aber sie lässt sich bestimmt nicht fünf Jahre lang, über eine gesamte Amtszeit hinweg, aufrechterhalten.

Nun liegt dieses sonnensystemhafte Modell mit einem alles überstrahlenden Präsidenten an der Spitze auch in der DNA der Fünften Republik. Aber anstatt die monarchische Anmutung möglichst gering zu halten, nennt Macron die Franzosen gern »mein Volk« oder spricht von Frankreich als »seinem« Land.

Wer hoch steigt, kann tief fallen

Eine derart übersteigerte Demonstration von Autorität geht meistens nicht Iange gut. Es gibt genügend Anzeichen für wachsenden Unmut, auch in Macrons eigenen Reihen, auch bei ihm wohlgesinnten Menschen. Ein solcher sitzt an einem Septembermorgen in einem Café an der Bastille. Jean Pisani-Ferry ist ein eleganter Mann und renommierter Ökonom, der Macron schon früh unterstützte und federführend dessen Programm ersann. Er sagt: »Die Jupiter-Methode war zu Beginn richtig, um das Programm, für das er gewählt wurde, umzusetzen. Jetzt muss er sie ändern.« Der Präsident müsse auch diejenigen in seine Politik einbeziehen, die ihr kritisch gegenüberstünden. Er müsse die Veränderungen, die er vorhabe, besser erklären. Und zwar allen. »Das Wichtigste ist, dass sich die Franzosen als Akteure dieser Transformation begreifen.« Sonst käme der Reformeifer der Regierung schnell an seine Grenzen, spätestens mit der für dieses Jahr geplanten Rentenreform. »Die Mentalität ändert sich nicht einfach so, nur weil der Präsident ein Dekret erlassen hat«, sagt Pisani-Ferry. Er will sich nicht als Fundamentalkritiker Macrons verstanden wissen, aber es sei wichtig, Kritik am Präsidenten, an der Regierung zu äußern.

Einer noch unveröffentlichten Umfrage unter Abgeordneten von Macrons Partei »La République en marche« zufolge sind auch in der Regierungsfraktion einige verwundert über den herrschenden Stil. Bezeichnend dabei: Ein Großteil der Befragten versicherte sich gleich mehrmals seiner Anonymität.

Mittlerweile gibt es Anzeichen dafür, dass man im Élysée zu begreifen beginnt, dass sich etwas ändern muss. Ein Sprecher wurde geschasst, und Macron legt seine Kommunikation wieder in die Hände von Sylvain Fort, der sich darum schon im Wahlkampf kümmerte. Fort ist Absolvent der berühmten Normale Sup‘, der einzigen Eliteschule, deren Aufnahmeprüfung Emmanuel Macron zweimal vermasselt hat. Außerdem ist er Opernkenner und als Germanist ein Verehrer deutscher Hochkultur. Seine Schillerbiografie wird von der Kritik gelobt. Mit besonderer Wertschätzung für Journalisten ist Fort bisher allerdings nicht aufgefallen. Dabei wäre das wohl eine Voraussetzung für das Vorhaben, die Kommunikation zu »entbunkern« (so der Élysée), sie wieder zugänglicher zu machen. Vielleicht hört man ja auch auf die mahnenden Worte eines anderen treuen Weggefährten. Gérard Colomb war viele Jahre lang Bürgermeister von Lyon und als solcher einer der ersten Förderer Macrons. Mittlerweile ist er sein Innenminister. Neulich forderte er in einem Interview mehr Bescheidenheit. Als der Moderator ihn fragte, ob das auch für den Präsidenten gelte, antwortete Collomb, ohne zu zögern: »Das gilt für alle.«

Sahra Wagenknecht lässt nicht locker

Politik

Deutschland braucht Leute, die sich nicht wegducken oder anderen nach dem Mund reden, die etwas verändern wollen und sich für Minderheiten einsetzen. Sonst würde im Land so viel Unrecht abgebügelt, dass von Demokratie nicht mehr die Rede sein könnte, sondern nur noch von Demokratur. Eine wie Sahra Wagenknecht, die sich gegen die Politik der etablierten Parteien auflehnt und denen Kontra bietet. Es gibt genügend andere Beispiele in Europa von Leuten, die in der Politik neue Wege gehen, die sich weder von Brüssel noch von der eigenen Politik verbiegen lassen. Dazu zählen neben Macron, Kurz und LePen auch Victor Orban, um nur einige zu nennen: Sie stemmen sich gegen das bequeme Aussitzen von Problemen, gegen das Verschleiern von Realitäten und gegen die Flucht ins „Gutmenschentum“ á la Angela Merkel  oder Jean-Claude Juncker (dieser verzögert z.B. eine Einigung im Grenzstreit, statt klare Fakten zu schaffen.)

Nicht alles was sie sagt oder macht ist gut oder schlüssig, aber sie ist unbequem, jemand, der sich nicht gerne unterordnet. Ein Stachel im Fleisch der Partei „Die Linke“. Ein Stachel, der hin und wieder schmerzt und einfach nicht weichen will. Oder jetzt doch? Sahra Wagenknecht, Fraktionschefin der Linken, geht neue Wege. Und zwar abseits des gewohnten politischen Parketts, auf dem sie sich seit vielen Jahren souverän bewegt. Sie gründete zusammen mit Ehemann Oskar Lafontaine (74) die Sammlungsbewegung Aufstehen!, die vor allem jene Bürgerinnen und Bürger ansprechen soll, die sich mit den klassischen Parteien nicht mehr identifizieren können. „Es gibt eine zunehmende Kluft zwischen dem, was die Mehrheit der Menschen will, und dem, was die Regierung macht“, erklärt Wagenknecht auf Nachfrage von GRAZIA. „In der Gesellschaft gibt es seit Langem Mehrheiten für höhere Löhne und Renten und für angemessene Steuern für Großkonzerne. Aber der Wille der Bevölkerung wird von der Regierung nicht umgesetzt. Immer mehr Menschen verlieren daher das Vertrauen in die Politik.“ Sie betont, dass ein vorrangiges Ziel der Bewegung sei, nachhaltigen Druck auf die politischen Eliten auszuüben. „Die Politik muss in Bewegung gebracht werden. Wenn das gelingt, dann stärkt dies auch die parlamentarische Demokratie.“

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Bewegung sind allerdings nicht neu. Sichere Arbeitsplätze, Topbildung von der Kita bis zur Universität, bezahlbare Mieten — solche sozialpolitischen Forderungen findet man auch in so manchem offiziellen Wahlprogramm anderer Parteien. Trotzdem haben die Initiatoren von Aufstehen laut Wagenknecht bereits „weit über 60 000 Menschen“ davon überzeugen können, sich auf der Plattform zu registrieren und so ihre Unterstützung zu signalisieren. „Wir hoffen, dass es noch viel mehr werden. Denn je mehr wir werden, desto mehr Druck können wir ausüben, damit die Politik wieder die Interessen der Mehrheit der Menschen umsetzt.“ Und wie will die Bewegung all ihre Anliegen konkret umsetzen? „Es wird ein Gründungsmanifest von Aufstehen geben, das grobe Leitlinien skizziert“, so Wagenknecht. „Aber wir wollen kein Programm von oben herab verordnen, sondern die Sammlungsbewegung soll ihre Inhalte und Aktionsformen selbst festlegen. Je kreativer, desto besser!“

Details erfährt die Öffentlichkeit am 4. September. An diesem Tag wollen Sahra Wagenknecht und ihre Mit-Aufsteher unter anderem die Namen prominenter Gründungsmitglieder öffentlich machen und der Presse die Ziele der Bewegung genauer erläutern. „Wenn der Druck groß genug ist, werden die Parteien, auch im Eigeninteresse, ihre Listen für unsere Ideen und Mitstreiter öffnen“, gab sie in einem weiteren Interview zu bedenken. Doch viele Fragen bleiben . . . Warum bringt sie beispielsweise nicht einfach ihre eigene Partei in Bewegung und sorgt dafür, dass die Linke eben jenen Druck erzeugt, den nun die Bewegung erzielen soll? Geht es ihr wirklich um die Inhalte? Oder bildet Aufstehen viel mehr das Fundament für die Gründung einer eigenen, neuen Partei, in der am Ende Sahra Wagenknecht das Sagen hat? Ganz ähnlich ist es ja bei Frankreichs amtierendem Staatspräsidenten Emmanuel Macron (40) gelaufen: Der frühere Investmentbanker rief 2016 die Bewegung La République en Marche! ins Leben — und die erwies sich als hervorragendes Sprungbrett für die erfolgreiche Kandidatur bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Ein Schelm, wer da Vergleiche zieht . . .

Der Linke-Parteivorsitzende Bernd Riexinger (62) kann der Initiative seiner Kollegin jedenfalls nichts Positives abgewinnen. „Das ist kein Projekt der Partei Die Linke. Es ist ein Projekt von Einzelpersonen“, verkündete der Politiker schroff — und heizt damit Spekulationen an, dass sich Wagenknecht und ihre Partei immer weiter entzweien. Auch seitens einiger Wissenschaftler hagelt es Kritik. „Wagenknecht befindet sich auf einem Irrweg. Sie wird mit ihrer Bewegung keine neuen linken Mehrheiten erreichen“, urteilt etwa der renommierte Politologe Ulrich von Alemann (74), Dozent an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf. Das Thema der sozialen Gerechtigkeit, das Wagenknecht in den Fokus rücken wolle, sei auch durch die SPD, die Linke und die Grünen seit Langem besetzt, so der Wissenschaftler. „Es ist verwegen, zu glauben, eine neue Bewegung könnte diesem Thema plötzlich grundlegend besser zum Durchbruch verhelfen. Das ist entweder naiv. Oder aber es ist Ausdruck eines Egotrips von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine.“

Harte Worte — und bei Weitem nicht die einzigen, die sich gegen Sahra Wagenknecht persönlich richten. Doch an der  erfahrenen Politikerin prallt derlei Kritik offenbar ab wie Regenwasser von einer Lotusblüte. „Mit solchen Vorwürfen soll die Bewegung diskreditiert werden“, kontert sie. „Aber ich denke nicht, dass das gelingt. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern um die Menschen in diesem Land und um unsere Zukunft. Und hinter Aufstehen stehe ja nicht nur ich, sondern eine Reihe namhafter Persönlichkeiten — und ich kann Ihnen versichern, dass die ganz bestimmt keinen Fanclub aufbauen wollen.“ Ob Sahra Wagenknecht die stets wachsende Politikverdrossenheit der Menschen in Deutschland tatsächlich kurieren und neues Interesse an der Mitgestaltung entfachen kann — das wird sich erst  noch zeigen.

Doch eines hat die seit 2009 im Bundestag sitzende Politikerin definitiv schon jetzt erreicht: Es wird wieder verstärkt über Politik diskutiert. Und das, immerhin, kann bereits als Erfolg gelten.

Wer sind die Unterstützer von Emmanuel Macron?

Global, Politik

Im März saß Denis Sommer nachdenklich im Rathaus von Grand-Charmont. Er fragte sich, ob die alte Linke ihre Versprechungen noch erfüllen kann.

Vor dem Kleinstadtbürgermeister, Mitglied der sozialistischen Partei, lag ein Brief seiner Genossen und einer von Emmanuel Macron. Beide baten um Unterstützung für die Präsidentschaftswahl. Sommer stammt aus einer Arbeiterfamilie der Region. Wie sein Vater hatte er am Band des Peugeot-Stammwerks im ostfranzösischen Sochaux angefangen, er wurde Anführer der kommunistischen Gewerkschaft CGT in der Fabrik. Sommer behielt die Sache der Arbeiter und kleinen Leute im Sinn, auch als er auf dem zweiten Bildungsweg Wirtschaft studierte und Bürgermeister im Nachbarort wurde. Mit dem Niedergang des Werks ging es auch hier bergab. Sommer stemmte sich dagegen. Er ließ Arbeiterwohnblöcke mithilfe der Bewohner aufmöbeln, siedelte neue Unternehmen an. Er war zu dem Schluss gekommen, dass man mit den gewohnten Verteidigungsreflexen den Leuten nicht mehr weiterhilft. „Das alte Sozialmodell ist ihnen heilig, aber es funktioniert nicht mehr“, sagte er im März. Schon als Gewerkschaftsführer hat Sommer lieber Abkommen mit der Geschäftsleitung ausgeknobelt  als Blockadeaktionen geplant. Irgendwann dämmerte ihm: „Macron hat auf nationaler Ebene vor, was wir im Kleinen gemacht haben.“ Nun sitzt Sommer für Macrons „En Marche ! „Bewegung in der Nationalversammlung. Erst nach der Präsidentenwahl hat er die Sozialisten endgültig verlassen. „Macrons Ansatz passt am besten zu der Vorstellung, die ich von Politik hatte“, sagt er. Etwa dass Macron 15 Mrd. in die Weiterbildung von Arbeitslosen stecken will. Vor allem aber, dass er verhandelt, die Gewerkschaften einbinden will, Kompromisse sucht. „Nicht an alte soziale Sicherungssysteme klammern, lieber neue schaffen, die funktionieren.“ In einer kleinen Stadt kann ein Bürgermeister viel erreichen, als einer von 577 Abgeordneten muss Sommer erst einmal lernen: orientieren, Verbündete suchen, Ideen ausbrüten.

Eben hat er zwei Konzeptpapiere fertig, Zukunft der Sozialversicherung. Es muss schnell gehen. „Die Leute haben nicht mehr viel Geduld“, sagt Sommer.

Jean-Francois Cesarini braucht erst einmal eine Cola. „Aber nicht light“, sagt er, er muss nämlich zunehmen. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Cesarini für Macron sein Leben riskiert hat. Am Nachmittag seiner Wahl zum Abgeordneten kam er mit einer verschleppten Bauchfellentzündung in die Klinik. Im Wahlkampf hatte Cesarini die Warnungen der Ärzte ausgeschlagen. Es stand Spitz auf Knopf. Zum Glück hat er überlebt, aber abgemagert ist er immer noch. „Das war idiotisch“, sagt er. „Aber es war auch nötig.“ Cesarini ist zwar promovierter Philosoph, Spezialgebiet Existenzialismus, aber sonst nicht so für das Fatalistische. Sein Geld hat Cesarini nicht damit gemacht, sondern als Chef und Eigentümer eines Immobilienentwicklers. Nebenbei hob er eine Initiative aus der Taufe, um benachteiligten Jugendlichen Digitalwissen beizubringen, und half Start-ups. Eines Tages kam der damalige Minister Macron, um die lokalen Digital-Initiativen zu besuchen, und versammelte nach der Rede eine kleine Runde von Aktivisten. „Irgendwann werde ich Politik machen“, sagte er laut Cesarini. „Seid ihr dabei?“ Das war die Methode, mit der der heutige Präsident einen Großteil seiner Anhänger rekrutiert hat. Cesarini war sofort begeistert. Sein Wahlkreis liegt im Kernland des Front National. Wenn es Macron nicht schaffe, Frankreichs Strukturen einzureißen, dann seien die Extremisten in fünf Jahren stärker als zuvor, warnt Cesarini — so wie es in den USA nach der ObamaEuphorie den Trump-Schock gab.

„Wir müssen das Hinterland der Globalisierung entwickeln“, fordert der Neu-Abgeordnete. Sein Plan: Die zentralistischen Strukturen zerschlagen, digitale Kompetenz und Unternehmen in die Provinz holen. Ob Macron, der zum Start Gefallen an der Allmacht des Präsidentenamts zu finden scheint, dabei mitziehen wird? Cesarini  glaubt es. „Der einzige Plan B ist die Herrschaft des FN“, so Cesarini. Die neue Mehrheit, glaubt er, seien Leute, die an die Macht des Voranpreschens glauben. Das funktioniere nur, wenn Macrons Bewegung eine „Ideenmaschine“ bleibe. „Man kann nicht in fünf Jahren das ganze Land verändern“, sagt er. „Aber wir können seine Funktionsweisen anpassen.“

Natürlich sei Politik nicht Projektmanagement, sagt Huguette Tiégna. Aber manches sei übertragbar: Klappt Plan A nicht, dann eben Plan B. „Ergebniskultur“, sagt sie. Tiégna hat ihr Verständnis von Politik aus dem Start-up Whylot mitgebracht. Sie wurde in Burkina Faso geboren und kam erst 2009 mit einem Diplom in Elektrotechnik nach Frankreich. Nach der Promotion heuerte die Ingenieurin bei Whylot an, fünf Patente tragen ihren Namen, sie entwickelte platzsparende und effiziente Elektromotoren für Windräder und E-Autos. 2015 kam Minister Macron die Firma im Südwesten des Landes besuchen und nahm sich anschließend Zeit, mit den Erfindern zu diskutieren.

Als Macron seine Bewegung gründete, war Tiégna im Departement Lot an vorderster Front dabei. Ihre Familie in Burkina Faso sei immer noch überrascht, erzählt sie. Die erste Woche im Parlament sei „pure Emotion“ gewesen, nun aber gehe sie daran, systematisch ihre Pläne umzusetzen. Sie will dafür sorgen, dass auch Firmen in der ProVinz in die Digitalisierung investieren. „Dafür ist es wichtig, dass die Arbeitsmarktreform schnell kommt, sonst können sie keine neuen Leute einstellen.“ Entschlossen schreitet Tiégna auf die Drehtür der Nationalversammlung zu und hebt ihren Deputiertenausweis. Es sieht fast schon nach Routine aus. Bis zur Wahl hat sich alles in seinem Leben um die Fliegerei gedreht. Jean-Baptiste Djebbari ist Pilot, vor zwei Jahren wollte er eine Regionalfluglinie aufziehen. Dafür ergatterte er einen Termin beim damaligen Minister Macron — und gehörte sofort zu dessen Jüngern, auch wenn er den Personenkult um ihn einmal in einem Blogartikel anprangerte. Aber Macrons Idee, dass man die Kräfte des Landes nur entfesseln müsse, inspirierte Djebbari. Er vertritt seine Heimat Limousin, wo die berühmten breitschultrigen Rinder grasen. Die Bauern dort haben es nicht leicht, sie werden oft zu Sozialfällen. Auch des für eines von Macrons Schlüsselprojekten: Die Arbeitslosenversicherung soll staatlich finanziert werden und auch Selbstständigen Stütze und Weiterbildung bieten. Vor Macron fehlte dem Flieger die politische Heimat: „Meine linken Freunde hielten mich für konservativ, meine konservativen Freunde für einen Linken.“ Nun hat Djebbari eine neue Bettlektüre: den Briefwechsel zwischen Alexis de Tocqueville und Alphonse de Lamartine, die nach der Februarrevolution 1848 politisch aktiv waren. „Die führen genau die Diskussionen, die wir jetzt haben“, sagt der Deputierte: Wie hält man seinen Idealismus wach, wie seine Werte? Der Pilot Djebbari weiß, wie schnell Auftrieb abbrechen kann.

Es wäre das perfekte Forschungsobjekt: Was jetzt in Frankreichs Politik passiert, passt zum Spezialgebiet von Valérie Petit. Die Professorin, die Unternehmensführung an der renommierten EDHEC Business School in Lille lehrt, befasst sich mit „Transformation in Leadership“: Wie kann Führung schneller, digitaler, demokratischer funktionieren? Eigentlich wollte Petit schon vor 20 Jahren in die Politik. Sie war kurz bei den Grünen. „Autoritär.  Sklerotisch. Sexistisch“, schloss sie frustriert. Die Frau, die in einem Pariser  Arbeitervorort als Kind einer Mutter aus dem Schwarzwald aufgewachsen ist, studierte Wirtschaft, wurde Unternehmensberaterin und erhielt mit 29 ihren ersten Lehrstuhl. Erst als Macron seine Bewegung gründete, hatte sie das Gefühl, „dass Politik am Ende doch noch ein Mittel der Veränderung werden kann“.

Im Januar saß sie mit ihrem Mann im Café und regte sich auf, wie auch bei „En Marche! “ schon wieder vieles totdiskutiert wurde. Der Gatte: „Mach du doch!“ Sie schickte – wie alle späteren Kandidaten – Bewerbung und Lebenslauf an den Auswahlausschuss und wurde genommen. Petit glaubt, dass Macron nicht mit seinen Zielen gewinnen kann, sondern mit seiner Methode. Das Drängendste seien nicht Sozialreformen oder Schuldenziele. Sondern dass Macron es schafft, dass die Leute wieder an die Möglichkeiten der Demokratie glauben. „Wenn sie wieder Vertrauen fassen, ist das die halbe Miete.“ Wenn Politiker wieder aus dem richtigen Leben kommen, wenn sie – wie Petit selbst — wissen, was in den Betrieben passiert, wenn sie an die Basis gehen — vielleicht glauben ihnen die Wähler wieder. Deshalb kämpft Petit dafür, dass das Parlament wieder mehr Einfluss bekommt. Im Sozialausschuss sitzen sie jetzt schon fast täglich zusammen, um das Sozialpartnerschaftsgesetz voranzubringen. Es ist für die Reformpolitik entscheidend, weil es Gewerkschaften und Arbeitgeber an einen Tisch zwingt. Vor Ort übrigens seien die berüchtigten französischen Gewerkschafter gar nicht so fundamentalistisch, sagt Petit. Und die Basis, die Wähler lassen nicht locker.

 „Die schreiben ständig Mails und erwarten jetzt schon Ergebnisse.“