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Governance-Mängel bei Netflix: Aktionärsantrag auf der HV soll langfristigen Wertverlust verhindern

  • Netflix abgeschlagen in der Peer-Group-Analyse bei Richtlinien zum Thema Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion
  • Das Mathias Döpfner vorgeworfene Fehlverhalten wird vom Netflix-Verhaltenskodex nicht angemessen abgedeckt
  • Zweifel an Glaubwürdigkeit von Netflix beim Diversity-Management birgt Markenrisiken

Netflix ist längst kein Start-up mehr, sondern seit Jahren ein milliardenschweres, börsennotiertes Medienunternehmen. Doch blickt man auf die Richtlinien und Policies des Unternehmens, scheint es, als hätten sich diese nicht entsprechend weiterentwickelt. Dies ist besonders beim Thema Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion erstaunlich, da Netflix in seinen Produktionen und seiner Marketingstrategie einen Schwerpunkt hierauf legt. Und es ist hochproblematisch, weil gegen das Netflix-Boardmitglied Mathias Döpfner schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit Sexismus und Machtmissbrauch bei Axel Springer erhoben wurden.

Mehr als 750 Impact-Investierende, unterstützt von den Benedictine Sisters of Mount Scholastica vom bekannten Interfaith Center on Corporate Responsibility (ICCR), haben deshalb einen Aktionärsantrag für die Netflix-Hauptversammlung am 6. Juni eingereicht. Sie fordern eine Verbesserung der Ethikrichtlinien, um die Vorwürfe gegen Döpfner untersuchen und die Ergebnisse öffentlich machen zu können.

Netflix gilt in seinen Produktionen als Vorreiter bei Diversität, Chancengleichheit und Inklusion. Laut einer Studie der Annenberg Inclusion Initiative sind die Mehrzahl der Hauptrollen weiblich, und der Anteil anderer unterrepräsentierter Gruppen liegt deutlich über dem von traditionellen Studios. Doch bei der Governance dieser Themen schneidet Netflix schlecht ab. Bis Ende letzten Jahres tauchten wichtige Themen wie Diskriminierung und Belästigung überhaupt nicht im Verhaltenskodex für die Board-Mitglieder auf. Die im September 2023 überarbeitete Fassung erwähnt diese Themen zwar, aber in völlig unzureichender Weise. So schneidet Netflix im Vergleich zu seiner Peer Group dramatisch schlecht ab. Während 14 der 18 Unternehmen die höchste Bewertung („exzellent“) für ihre Antidiskriminierungs- und Anti-Belästigungsrichtlinien erreichen, liegt Netflix mit der niedrigsten Bewertung („mangelhaft“) abgeschlagen auf dem letzten Platz. Zu den Unternehmen mit der besten Punktzahl gehören PayPal und Meta, aber auch direkte Wettbewerber aus der Unterhaltungsbranche wie Paramount, Warner Bros. Discovery und Walt Disney.

Risiko von Markenschäden aufgrund von Governanceproblemen beim Thema Diversity

Die Kombination aus unzureichenden Richtlinien und Vorwürfen gegenüber einem Boardmitglied birgt enorme Risiken hinsichtlich massiver Reputations- und damit Markenschäden, die den Wert für die Aktionäre langfristig mindern könnten. Vielfalt und Inklusion sind ein integraler Bestandteil der Netflix-Marktstrategie. Doch wenn die Glaubwürdigkeit des Unternehmens in diesen Themen auf oberster Ebene in Frage gestellt wird, könnte es für Netflix in Zukunft schwierig werden, relevante Produktionen und Akteure zu gewinnen.

Das Verhalten, das Mathias Döpfner in seiner Rolle als CEO und Chairman von Axel Springer vorgeworfen wird, erinnert stark an die dunklen Kapitel, die die #MeToo-Bewegung ans Licht gebracht hat. Er soll den mutmaßlichen Missbrauch seiner Machtposition sowie sexistische Verhaltensweisen und unangemessene Beziehungen eines Topmanagers bei Axel Springer zu lange toleriert haben. Dabei soll er Sexismus-Vorwürfe zurückgewiesen und die Betroffenen unzureichend angehört haben.

Genau solches Verhalten wird durch den Netflix Code of Ethics nicht abgedeckt. Dass Döpfner nach wie vor Teil des Verwaltungsrats ist, lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder haben sich die Vorwürfe als unbegründet erwiesen, oder ein derartiges Verhalten ist als Teil der ‘Netflix Culture’ auf Board-Ebene akzeptiert. Letzteres wäre hochproblematisch, wird aber auch mit Blick auf die Geschlechterverteilung im Unternehmen bestärkt. Denn der Frauenanteil nimmt nach oben hin stark ab: Mehr als die Hälfte der Angestellten sind weiblich, während nur knapp ein Drittel der Boardmitglieder sich nicht als Mann identifiziert.

Im Engagement-Dialog mit dem Unternehmen blieben die Netflix-Vertreter:innen recht wortkarg über den Fall Döpfner. Seine weitere Anwesenheit im Board sage alles, zudem finden sie ihre Richtlinien stark genug. In der Medienbranche, die durch die #MeToo-Bewegung besonders für das Thema Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion sensibilisiert worden ist, wiegen die Governance-Bedenken besonders schwer. Eine Entfremdung und Abwendung von Darsteller:innen, Regisseur:innen und Produzent:innen mit diversen Hintergründen würde ein erhebliches Geschäftsrisiko für Netflix und letztlich den Unternehmenswert darstellen. Akuter Handlungsbedarf besteht – Zeit, dass die Shareholder darüber entscheiden!

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